04 Sicilia Rec02 (dt.) 2 - MWNF .durch die Normannen von der Bevölke-rung überwiegend als christliche

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    S. Giovanni degli Eremiti, Kuppel undPresbyterium, Palermo.

    ROUTE II

    Erster Tag

    II.1 PALERMOII.1.a Cappella dellIncoronata SulenhalleII.1.b San Giovanni degli Eremiti Reste von Moschee, Kirche, Friedhof und Kreuzgang II.1.c Qanat (arabische Wasserleitung auf dem Gelnde der Psychiatrischen Klinik)

    Die qanats der Conca dOro

    Zeugnisse aus arabischer ZeitWissenschaftliches Gremium

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    ROUTE II Zeugnisse aus arabischer Zeit

    normannischen Grafenreichs Trinacria(10721130) und spter zur Residenzdes sizilianischen Knigshauses (11301412). Die Besetzung Siziliens 831 durchdie Truppen Zijadatallahs mndete ineine fast einjhrige Belagerung Palermos,bei der die Bevlkerung stark dezimiertwurde. Dies gehrte zur ersten Phase desdjihad auf der Insel, die von Asad Ibnal-Furat bestimmt wurde. Vorausgegan-gen war ein vierjhriger unentschiedenerFeldzug (einschlielich des Bruchs derVereinbarung mit Euphemius und densizilianischen Separatisten), der ihn bisvor die Tore von Syrakus gefhrt hatte.Eine katastrophale Niederlage hatte dieInvasoren dann jedoch zum Rckzug aufden Sttzpunkt Mazara gezwungen, der alserste Stadt Siziliens muslimisch gewordenwar. Die vom Nachschub abgeschnittenebelagerte Festung Mineo mussten sie da-bei ihrem Schicksal berlassen. Die Eroberung von Palermo ist das ersteAnzeichen einer Wende. Nun war der is-lamische Vormarsch in die stlichen Pro-vinzen der Insel nicht mehr aufzuhalten.Der Feldzug endete 965 mit der Erobe-rung von Rometta, nachdem es den Mus-limen endlich gelungen war, den erbit-terten Widerstand der christlichen Trup-pen Bergbauern des Val Demone anihrem letzten Sttzpunkt zu brechen.Von eben diesen nordstlichen Territo-rien aus startete jedoch knapp ein Jahr-hundert spter unter Fhrung der nor-mannischen Ritter auch die Reconquista.Elf Jahre nach dem Fall von Messina 1072wurde die Wiedereinnahme von Palermodurch die Normannen von der Bevlke-rung berwiegend als christliche Rck-eroberung aufgefasst. Auch nach 240-jhriger muslimischer Herrschaft be-teiligten sich die Palermitaner selbstaktiv an der Befreiung der Stadt. Das

    Der Zeitrahmen, in dem Palermo bei derIslamisierung des Mittelmeerraums eineRolle spielte, erstreckt sich von 831 bis1072. Eckdaten sind zwei dramatischeEreignisse: Mit dem Beginn der muslimi-schen Eroberung begann 831 der allmh-liche Wandel vom unbedeutenden peri-pheren byzantinischen Handelsplatz zurHauptstadt des arabischen Siqilliya. Diezweite Jahreszahl bezeichnet den ber-gang von einer Metropole des siziliani-schen Emirats und einer bedeutendenStadt des Dar al-Islam zur Hauptstadt des

    Rekonstruktion desStadtplans vonPalermo in arabischerZeit (Di Giovanni,1889/90).

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    ROUTE II Zeugnisse aus arabischer Zeit

    S. Giovanni degliEremiti, Kreuzgangund Kuppeln derKirche, Palermo.

    Christentum hatte berlebt, trotz derBedeutung, die Palermo unter denMuslimen erlangt hatte. Dass die Stadt eine derart herausragendeRolle im Osten Siziliens spielen konnte,hatte strategisch-logistische Grnde (warsie doch gegen byzantinische Angriffevom Meer aus weit gehend gefeit), lagaber auch daran, dass die Bewohner (diewenigen berlebenden Einheimischen unddie vielen Zugewanderten, die vermut-lich aus den Drfern des Val di Mazarastammten) weder in Sprache noch Brauch-tum griechisch geprgt waren und sichmit der byzantinischen Weltsicht dahernicht identifizierten.Anders als andere sizilianische Stdte, dievon den muslimischen Eroberern starkbeschdigt oder dem Erdboden gleichge-macht und deren Einwohner verschlepptworden waren (etwa Syrakus, Taormina,Enna und Agrigent), genoss Palermo denSonderstatus, den die Muslime all deneneinrumten, die nach hartnckigem Wi-

    derstand schlielich kapitulierten. Dochauch in Palermo und seiner Umgebung(der Conca dOro) war der rechtlicheStatus der Christen unter muslimischerHerrschaft aller viel gerhmten Milde,Liberalitt und Toleranz zum Trotz(die von zeitgenssischen Chronistenund Reisenden ebenso wie von einigenmodernen Wissenschaftlern und Histo-rikern des 19. Jahrhunderts gerhmtwurde) durchaus Beschrnkungen unter-worfen, wenn sie auch zum Teil nurformaler Natur waren. Dies war geradeim letzten Jahrhundert der arabischenEpoche Siziliens der Fall.Es berrascht deshalb nicht, dass es Ro-bert Guiscard und seinem BruderRoger 1072 gelang, die arabische Zita-delle Palermos nach fnfmonatiger Be-lagerung zu erobern. Die in der Haupt-stadt verschanzten muslimischen Trup-pen hatten nmlich an zwei Fronten zukmpfen: nach auen gegen die norman-nischen Streitkrfte und nach innen ge-

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    damit zwang, den grten Teil ihrer be-sten Kmpfer dorthin zu schicken, nutz-te Robert mit einem Elitetrupp dasberraschungsmoment aus und drangvon Sden in die Khalisa ein. Die Stellewurde spter in Porta della Vittoria um-benannt; berreste dieses Siegestorssind noch in der Auenmauer der KircheSanta Maria della Vittoria an der Piazzadello Spasimo sichtbar. Allein das Vorhandensein der Khalisa,also der arabischen Zitadelle mit Um-fassungsmauer, spricht dafr, dass dieAtmosphre in der Stadt alles andere alsfriedlich gewesen war. Al-Khalisa, nachder spter das ganze Viertel Kalsa hie,erstreckte sich einst zwischen der heuti-gen Piazza Marina und der Bastione delloSpasimo. Sie entstand ab 937 in einer sehrkurzen Bauzeit unter Emir Khalil IbnIschaq neben weiteren Manahmen, diedazu dienten, die christliche Bevlke-rung, aber auch muslimische Aufrhrerniederzuhalten. Nach Aufgabe der antikenStadt (etwa die Flche der Piazza dellaVittoria und des Erzbischflichen Palaismit dem Quartiere San Giacomo umfas-send) bten die Muslime von dort aus dieKontrolle ber das alte rmische castrumaus, ber dessen Ruinen die Normannenspter ihren Knigspalast bauten. Mehr als ein Jahrhundert nach der Er-oberung Palermos verschanzten sich dieAraber in dieser Zitadelle, die in strate-gisch gnstiger Lage einen Fluchtwegzum Meer hin bot. Sie bildeten nur einewenn auch betrchtliche Minderheit.Hinzu kam die Bevlkerung der ebenfallsbefestigten Bauerngemeinden, die auer-halb der Stadttore siedelten (in mahals).In der Endphase der muslimischen Be-satzungszeit lebten die Einwohner vonBalarmu im Wesentlichen in drei Stadt-vierteln, die durch die beiden Bche

    gen die christlichen Einwohner, die nurzu gern diese eingeschrnkte Toleranzder muslimischen Herrscher abschttelnwollten. Der Erfolg der Belagerung be-ruhte auf einer ausgefeilten Taktik: Wh-rend Roger mit einem Groteil des Hee-res ein komplexes Ablenkungsmanvervor den Mauern der Galca (in der Alt-stadt oder besser gesagt auf deren befes-tigtem Auslufer, auf dem spter derNormannenpalast errichtet wurde) star-tete und die muslimischen Verteidiger

    S. Giovanni degliEremiti, Detail derEckverbindung einerKuppel, Palermo.

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    Kemonia (al-Wadi as-Satawi) und Papireto(Pepyritus) voneinander getrennt waren.Zwischen ihnen lag das Kap PiedeFenicio (vom Normannenpalast bis zurheutigen Kreuzung Via Roma und CorsoVittorio Emanuele), auf dem einst das an-tike Panormus entstanden war. In arabi-scher Zeit umfasste es zwei Viertel, dieKhalqa oder Galca (vormals Palopolis)und al-Qasr al-Qadim (vormals Neapolis).Sdlich des Kemonia (bzw. der heutigenVia Castro) lag, durch die Khalisa vomMeer getrennt, das Viertel Harat al-Djadida. Nrdlich des Abflusses derPapirete-Smpfe, der an den Mauern derPalopolis entlang floss (deren Nordranddem Verlauf der heutigen Via Celso ent-sprach), erstreckte sich das Viertel Haratas-Saqaliba (bis zur heutigen Via Muradi S. Vito, Piazza G. Verdi und Via S.Spinuzza).Historischen Quellen zufolge zhlte dieBevlkerung rund 300.000 Menschen,was vielleicht zu hoch angesetzt ist. Esmuss jedoch eine fr die Zeit erheblicheZahl gewesen sein, denn Palermo wurdezu den grten und bedeutendsten Std-ten des Mittelmeerraums gezhlt undvoller Bewunderung sogar in Gre undGlanz mit Crdoba verglichen. Die Be-vlkerung folgte oberflchlich den Re-geln des Koran, muss jedoch noch weite-re Charakteristika des islamischen Kul-turraums bernommen haben, dessenfester Teil sie nun war: von Verhaltens-weisen ber Wohnkultur, Kunst und Li-teratur, Kleidung, Anbaumethoden, Ver-waltungswesen, Ortsnamen und Kunst-handwerk bis hin zur Kochkunst. Geradein diesem letzten Bereich hat sich die isla-mische Kultur als so fruchtbar erwiesen,dass dies beispielsweise vom Positivismuszu den interessantesten Aspekten derlokalen Volkstradition gezhlt wurde.

    Das gilt insbesondere fr die Konditor-kunst. Zu den vielen dauerhaften Ein-flssen der muslimischen Kultur zhlt vorallem das Sen von Ricotta mit Zucker.Die aufgeschlagene Creme wird mit oderohne weitere Zustze zu typisch siziliani-schen, vorrangig Palermitanischen S-speisen weiterverarbeitet, zum Beispielzur kunstvoll geschichteten cassata, derenUrsprnge sich bis 998 zurckverfolgenlassen. Selbst die Bezeichnung ist arabi-scher Herkunft. Aus Caltanissetta wiede-rum stammt ein als cannolo bekanntes ty-pisch sizilianisches Gebck, das ebenfallsmit Ricottacreme hergestellt wird. Die Ausbreitung des Islam als Religion tatsich bei der sizilianischen Bevlkerungsehr viel schwerer. Zwar konvertiertenviele, doch geschah dies offenbar meistpro forma, um sich den Beschrnkungenim Alltag und den Christen auferlegtenSteuern zu entziehen. Aus Mischehendurften lediglich die Tchter im christ-lichen Glauben erzogen werden. Esbrachen offenbar auch keine grerenPilgerzge von Palermo und vermutlichanderen Orten Siziliens nach Mekka auf.Ibn Hauqal, der aus dem kultivierten, je-doch viel strengglubigeren Baghdad kamund deshalb den meist eher lockeren

    CappelladellIncoronata,Grundriss, Palermo.

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    schlossen waren vermutlich alle privatenMoscheen (die meist winzig waren, je-doch allen Glubigen offen standen), wiesie in den Stadthusern der Honoratiorenund reichen Kaufleute der Stadt u