Beiträge zur Anatomie des Ohres

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    25-Aug-2016

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  • Dr. Hermann Bulle: Beltri~ge zur Anatomie des 0hres. 237

    (2~us dem anatomischen Institut zu Rostock.)

    Beitrfi, ge zur Anatomio des Ohres .

    Von

    Dr. Hermann Bulle~ prakt. Arzt in Cuxhaven.

    9 Hierzu Tafel XIL

    Ueber das Epithel und die Drtisen der Paukenh~hle, nament- lich der menschlichen, herrscht in den Lehrbtichern wenig Ueber- einstimmung und es war zuniichst der Wunsch, zur Sehlichtung dieser Differenzen beizutragen, welcher die Untersuchungen hervorrief, deren Resultate in der iblgenden Arbeit niedergelegt sind. Da sich abet im Laufe der Untersuchungen eigenthtimliehe Formver- hiiltnisse der PaukenhShle herausstellten, welche mir in der Litera- tur nieht gentigend berticksichtigt zu sein scheinen, - - da ferner neue, in der mir zug~nglichen Literatur noch nieht erw~hnte drUseni~hnliche Anh~nge am Sacculus zur Beobachtang kamen, so konnte aueh deren DarstellungniGht unterbleiben. Es zerf~llt dem- nach die Arbeit in vier Absehnitte fiber:

    1) die Form '~ 2) das Ep i the l i der Paukenh i ih le , 3) d ie Drt isen 4) die dr t i sen i~hnl ichen Anhi~nge des Sacculus.

    Das Mater ia l , welches mir zuGebotestand, war nicht sehr gross; es bestandaus 2 Sehllifenbeinen yon erwaehsenen Menschen,

    einem yon eiaem ca. 30j~ihrigea Weibe, einem yon einem ca. 40jahrigen Manne --, den beiden gleiehen Knochen eines 4 monatl. und einem eines 7monatl. FStus; ferner aus Schli~fenbeinen yon Ratten, Kaninehen, Meerschweinehen und Katzen.

    Die angewandte ~ethode war neben Untersuehung der gilt ausgebreiteten, friseh herauspri~parirten PaukenhShlensehleim-

    Arct~iv f. mikrosk. Anatomie. Bd..'29. 16

  • 238 Dr. Hermann Bulle:

    haut bei Z asatz yon Wasser, oder nach Versilberung, ferner neben der Betrachtung yon Schnitten der isolirten und im ausg'espannten Zustande in Chroms~ure geh~rteten Schleimhaut haupts~ichlich die Untersuchung yon Serienschnitten dutch die entkalkten Felsen- beine. Die Entfernung dcr Salze geschah dutch 2proc. 5fter er- neuerte ChromsaurelSsung - - bei dem Geh~rorgan der 30jiihr. Frau und mehrerer Thiere --, durch concentrirte Pikrins~ure- 15sung" bei den embryonalen Organen, durch ca. 3proc. Salzs:,'mre bei einigen Thieren. Zum Zwecke der Anfertigung der Serien- schnitte wurden die entkalkten Pr~.parate in bekannter Weise in Paraffin eingebettet. Fiirbungen geschahen mit Bismarckbraun, Alaunkarmin oder Pikrokarminl).

    Ist hun auch die Zahl der untersu~hten Organe, namentlich yore Mensehen, nur eine kleine, so habe ieh daftir die Untersuebung desto sorgF~ltiger ausgefiibrt und dureh meine Schaittserien Pr~ipa- ratenreihen erhalten, die absolut zweifellose Resultateliefern. Ich mSebte dies ganz besonders betonen, um reich denjenigen Unter- suchern gegeniiber zu rechtfertigen, welche die Resultate ibrer Untersuchungen dadurch sttitzen, dass sie dieselben an ganzen Heeren yon 500 und mehr Sehl~ifenbeinen ausgeftihrt haben, wie We n d t und Val tolin i..Diese Autoren, namentlich ersterer, haben die Schleimhaut herauspr~parirt und theils frisch ausgebreitct betraehtet, theils geh~rtet und zwischen Hollundermark geschnitten. Diese Methode hat meines Eraehtens zwei grosse Fehler: 1)kann sie niemals die gesammte PaukenhShlenschleimhaut zur Unter- suchung bringen wegen der (naehher gleieh zu besprechenden) zahlreiehen and eomplicirt geformten Uaebenheiten namentlieh des die Driisen enthaltenden Bodens dieser HShle; 2) erlaubt sie keine oder mindestens keine genaue Bestimmung dartiber, an welchem Punkte des Cavum tympani diese oder jene Stelle des isolirten SehleimhautstUekes gesessen habe. Die absolute Sicher- heit, alle Theile der Sehleimhaut untersucht zu haben und keinem Theilehen derselben eine falsebe Lagerstelle angewiesen zuhaben, giebt eben nur die Untersuehung einer Serie yon Sehnitten durch die ganze ttShle und ihre kn~ehernen W:,~nde.

    1) ~NTiheres in meiner Dissertation: ,Beitriige zur Anatomie des Ohres." Rostock 1886.

  • Beitr~ge zur Anatomie des Ohres. 239

    Form der Pankenh~hle. Zur Beschreibung der Form der PaukenhShle tibergehend,

    will ich mit der Darstellung der f~italen Verhiiltnisse beginnen. Auf der ffanzen Sehnittserie, welche dureh 2 GehSrorgane eines 4monatlichen Embryo ~eleg't wurde, erscheint die Paukenh~ihle als ein langgezogener, spaltenfSrmig'er, am obern und untern Ende scharf auslaufender Raum. Der ~ussern, naeh innen zu eoncaven Wand ist das Promontorium bis auf einen kleinen, wahrscheinlieh mit Schleim und Zellendetritus geftillten, Zwischenraum geniihert.

    Dass beim FStus die Paukenbi~hle noeh nieht mit freiem Lumen vorhanden sei, war schon den alten Anatomen bekannt; nm" war es unklar, womit dieselbe erftillt sei; seit Fabr ie ius ab Aquapendente nehmen alle an, dass die PaukenhShleim FStal- zustande Sehleim in sich berge und noeh Huschke sagt im 5. Bande der neuen Ausgabe yon SSmmerinf f 's Anatomie 1844 p. 847: Die PaukenhShle ist beim :Neugeborenen wie beim Fiitus noch mit reichlichem Schleim erfiillt und erst mit wiederholtem Athmen und Schreien dess~lben tritt dis atmosphiirische Luft durch die Eustachische Trompete in dieselbe ein und verdr:~ngt den Schleim.

    Da gelang es zuerst v o n T r 51 t s c h nachzuweisen, dass nicht freier Schleim es sei, weleher die PaukenhShle ausftille, dass viel- mebr, wie er in seinem Lehrbuch der Ohrenheilkunde sagt, die Paukenhi~hle angefilllt sei yon einer Wueherung des Schleimhaut- tiberzuges und zwar tier Labyrinthwand, welche ~thnlich einem dicken Polster sieh bis zur g'latten Innenfl~iche des Trommelfells erstreekt und der Oberfl~che derselben anliegt.

    Dies Schleimhautpolster verkleinert sieh nachvon Tr i i l t seh gleich naeh tier Geburt durch Schrumpfung und vermehrte Des- quamation sowie yon der Oberfl~ehe ausgehenden Zerfall, nach Wendt theils dutch dis erste kri~hige Inspiration, theils durch Um- wandlung des gallertigen Gewebes in faserige Bindesubstanz. Die definitive Umbildun~ geschieht in den ersten Lebenstagen. Es muss dutch die Verkleinerung" des Polsters ein Lumen entstehen, das in der l:t(ihe jenem oben erw~hnten Spalt gleich bleibt, in welchem dagegen die Tiefe um so viel zunimmt, als das Polster sieh verkleinert. Vor allem wird sieh also das obere und untere spitze Ende abrunden, es wird sich Decke und Boden bilden.

    Sehen wir uns nun die PaukenhShle beim Erwaehsenen an. Sie wird yon Henle als ein Raum besehrieben, der ii'ontal senk-

  • 240 Dr. Hermaan Bulle:

    recht durchschnitten eine dreieckige Form zeige, indem unten die itussere Wand mit der inneren einen spitzen Winkel bilde; dieser Winkel runde sich aber yon vorne nach hinten zu stark ab, so dass man yon einem Boden der PaukenhShle wobl spreehen ki~nne. Vergleiche ich hiermit meine Schnittserie, so sehe ich die Pauken- htihle auf allen Schuitten als unffet~hr reehteekigen Raum: die regelmEssig reehtwinkelige Form wird gestSrt erstens durch das Promontorium, das etwa in die Paukenh(ihle vorrafft, und zweitens dutch die geringe Concavit~t der iiusseren Seite; ausserdem noch durch die bald zu besehreibenden Knochenfbrtsiitze.

    Auf den hintersten 31 Sehnitten (vgl. Fig'ur 1 ----- Sehnitt 29) verh~lt sieh die Liinge der oberen und unteren Wand diesesRecht- eckes (d. h. also die L~nge der Decke und des Bodens)zur L:,tnge der Seitenw~nde wie 1 : 3, die Tiefe misst im Durchschnitt 2,5, die Hiihe 7,5--8 ram. Die Tiefe ist am geringsten zwischen Trommel- fell und Promontorium, gri~sser nach oben und unten him

    Von dem 31. Schnitt der Serie an nimmt die HShe des Raumes immer mehr ab, wiihrend die Tiefe zunimmt. Bei Schnitt 44 (~'gl. Fig. 2) sind beide gleich und messen ungefiihr 5 ram. Bei 46 tibertrifft die Tiefe sehon die HShe, Tiefe 5, H~ihe 3 mm. Von da an nehmen beide rasch ab.

    Die Umwandlung des f6talen spaltF6rmiffen Raumes in diese rechteckige Form ist durch die Schrumpfunff des Schleimhaut- polsters leicht zu erklliren.

    Die Besehaffenheit der Wiinde beim Erwachsenen weist da- gegen Eigenthtimlichkeiten auf, welche erst als spStere Bildungen entstehen. Wiihrend n~mlich die W~nde beim Ftitus aus einer ziemlieh dicken massiven Knorpellage bestehen und nach innen eine glatte, nur mit einigen runden Hervorragungen (den spittern Gehtirkn(ichelehen) versehene Oberfliiehe haben, sind sie beim Er- waehsenen mit Knoehenzellen besetzt, und auf diesen oft blasen- artig in die Trommelhtihle vorffetriebenen Zellen erheben sich Knochenfortsiitze, nadel-oder astf6rmig, das durch die GehSr- kniiehelehen, Nerven oder Sehleimhautfalten verengte Lumen der Paukenhiihle noeh mehr verengend und gleichsam als eine Fortsetzung der vorher erw~hnten dUnnen Knochenzellenwiinde hier welt offene Zellen, Nischen und Gruben bildend. Vonderitussern Wand gehen nur im vordern Theil der Trommelhtihle solche Fort- siitze aus, die sich dureh ihre reichere Veriistelung besonders aus-

  • Beitr~igc zur Anatomie des Ohres. 241

    zeichnen; auf der inneren erheben sich nur einige abgerundete Sttimpfe z. B. zu beiden Seiten der chorda tympani. Die HShe der Forts~ttze an der untern und obern Wand ist versehieden; die meisten kommen nieht fiber 1--2 ram, andere dagegen steigen bis zur halben HShe der Paukenh(ihle empor.

    Im vordern Teile der PaukenhShle stossen nun die Forts~tze der innern und untern Wand zusammen uud verschieben so das oben aagedeutete Verhiiltniss zwischen Hhe und Tiefe des Raumes. Von der so neugebildeten untern Wand erheben sieh dana wieder Forts:,~tze, die sieh yon neuem mit denen der ~usseren Wand ver- einigen. Wir sehen also, dass das Lumen der Paukenhiihle nur klein bleibt, besonders abet beim Menschen verh~ltnissmiissig kleine," als bei Thieren. Denn bei diesen existiren einmal nicht die Knochenfortsiitze und dann vergriissert die bulla ossa, die grosse Ausbuehtung der Pars tympaniea, das Lumen sehr bedeutend.

    Epithel der Paukenhi}hle. Gehen wir nun zu der Auskleidungsmembran dieses Raumes

    iiber, so treffen wir dort bei Menschen sowohl wie bei Thieren eine sehr btut- und lymphgef'assreiehe zarte, nur an einigen Stellen zu einem miichtigeren Stratum sieh entwickelnde Schleimhaut, die, Falten, Duplikaturen und Taschen bildend, alle'Vorspriinge und GehiirknSchelchen tiberzieht, alle b~isehen auskleidet, aueh das Trommelfell bedeckt und nach vorn in die Sehleimhaut der Tube, nach hinten in die der cellulae mastoideae tibergeht.

    Weleher Art ist nun das Epithel dieser Schleimhaut? Man kSnnte vermuthen, dass es als eine Fortsetzung des Epithels der Tube, welches gesehichtetes hohes Flimmerepithel ist, aueh solches sei, oder dass es dem Epithel der cellulae mastoideae gleiehend die Charactere des Plattchenepithels zeige, oder endlich, dass es eine Mittelstufe repriisentire.

    In der That finden wir bei den verschiedenen Untersuchern alle dreiAnsichten vertreten. Es sei mir gestattet, vor der Angabe meiner eigenen Untersnehungen die Literatur fiber diesen Punkt anzuftihren.

    Henlel), Gr uber2), Luse h kaa), geben einsehichtiges Platten-

    1) Handb. d. Anat. d. Menschen. 2. Anti. Braunschweig 1879. 2) Lehrb. d. Ohrenheilkunde. 1871. 3) Anatomic d. Menschen. 1~67.

  • 242 'Dr. Hcrmaan Balle:

    epithel an, yon dem der letztere anfiihrt, dass seine obersten Elemente jedenfalls nur ausnahms- und stellenweise mit Cilien besetzt seien.

    K Sl l ikerl), nennt als Auskleidnng ein ein- bis zweischich- tiges flimmerndes Plattenepithel, das am Trommelfell nur yon ersterer Art und cilienlos sei.

    v. Tr(iltsch-~ land Flimmerzellen nut am Boden und sah sie dort in allen Uebergangsformen vom Platten- zum Cylinder- epithel.

    Krausea), Kesse l ~) und Wendt 5) lassen flimmernde Cy- lind'er und Plattenepithelzellen und flimmerloses Pflasterepithel sich in die Auskleidung theilen und geben die Grenzen ihrer Reviere wie aueh die Schichtung verschieden an6).

    Betreffs des Epithels der menschlichenPaukenh~ihlelehrte meine Schnittserie nun Folgendes. Aaf dem Trommelfell habe ieh iiber- einstimmend mit allen andern Untersuchern nur flimmerloses ein- schiehtiges Plattenepithel gefunden. Die einzelnen Zellen erscheinen im senkreehten Durehschnitte als sehr niedrige breite, nach ihrem Ende zugeschi~rfte, in der Mitte dureh ihren schmal ovalen Kern etwas aufgetriebene Platten, welehe, wie sieh bei Flliehenansicht yon mit Argentum nitricum get:,irbten Sehleimhiiuten sehr sehiin ergiebt, einen bedeutend grSsseren Umfang haben als die der nitchsten Umgebung, wie denn aueh die Kerne bei senkreehten Durehsehnitten einen grSsseren Abstand haben. Im hintern Theil der Paukenh(~hle (Sehnitt 1 - 13) gehen nun diese niedrigen Epithelien des TrommelfeUs ziemlieh sehnell auf der $usseren Wand der HShle in ein mehr cubisches Epithel tiber. Sehen wir uns der besseren Orientirung halber einzelne Schnitte genauer an:

    Schnitt 1--6 (die PaukenhShle hat hier ungefiihr die Form wie in Figur 1 yon Schnitt 29). An der Anheftungsstelle des Trommelfells am Knochen, wo ziemlich hohe Sehleimhaut ist, iinden wir sehon eubisches Epithel, das aber schon an derselben

    1) Handb. d. Gewebelehre. 1865. 2) Lehrb. d. Ohrenheilkunde. 1867. 3) Allg. u. mikrosk. Anat. 1876. 4) Stricker's Handb. d. Lehre v. d. Geweben. 1872. 5) Archly f. Heilkunde. 1873. 6) $peciellere Literaturangaben enth~ilt meine Dissertation.

  • Bcitr~ige zur Anatomie des Ohres. 243

    Wand sofort wieder in niedrige Platten tibergeht, wenn auf den Knoehenvorsprtingen dieSchleimhaut niedriger wird. Das eubische Epithel stellt nur eine veriinderte Form des Plattenepithels dar und rechne ieh es schon wegen des auf kurze Strecken erfolgenden Wechsels mit den niedrigern Platten immer zu dieser Epithelform. Die Zellen haben an HShe gewonnen, was sie an Breite verlieren, so dass jetzt beide, wie der Name (eubisehes Epithel) sagt, gleieh sind. Sie besitzen einen grossen runden Kern, sind an den nach der HShle zugekehrten Ecken etwas abgerundet und bedeeken ebenso wie die niedrigen Pflasterzellen nur in einfacher Lage die Schleimhaut; zwischen ihnen am Boden stehen Ersatzzellen. Jener Weehsel zwisehen diesen Plattenepithelarten finder sich auf diesen Schnitten an allen 4 Wiinden der H{ihle; in der oberen inneren Ecke, z. B., wo die Eminentia pyramidalis mit dem Musculus stapedius in das Lumen vorspringt, so niedriges Plattenepithel, w~hrend es in den Vertiefungen wieder zum eubisehen Epithel anschwillt.

    Sehnitt 6--13. Die Schleimhaut ist hSher geworden, die Strecken cubischen Epithels haben zugenommen. An der Decke ist sehr niedriges Plattenepithel.

    Schnitt 14. Das niedrige Plattenepithel des Trommelfells geht auf dcr ~ussern knSchernen Wand in fiimmernde cubische Epithelien tiber, die indess nicht bis zur Deeke resp. Boden ihre Flimmer- haare behalten, sondern in den beiden Ecken schon wieder durch flimmerlose Epithelien ersetzt sind.

    Von Schnitt 15 an werden die Streeken fiimmernden Epithels grSsser; sie besetzen allm~thlich die ganze i~ussere Wand bis auf den untersten Theil und die halbe Decke und gehen an diesen Stellen zugleieh in Cylinderzellen tiber (ef. Fig. 3). Diese sind schmal und hoch, haben in der oberen tt~lfte einen ovalen Kern, kommen oft der Becherform nahe und haben an ihrer...