Bemerkungen zum Pfeilgift der Indianer an der Pazifikküste Kolumbiens (Departamento Chocó)

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    14-Aug-2016

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  • Z. Jagdwiss. 40 (I994), 204-209 t994, Blackwdt Wissenschafts-Verlag, Berlin ISSN 0044-2887

    Bemerkungen zum Pfeilgift der Indianer an der Pazifikkiiste Kolumbiens (Departamento Choc6)

    Von K.-H. WENZ~L, Bonn

    1 E in ldtung

    In diesem Artikel, der Aufzeichnungen einer 1989 durchgefiihrten Feldforschung auswertet, sollen Gewinnung und Verwendung eines Blasrohrgiftes der Choc6-Indi,-/rier beschAeben werden, die im gleichnamigen Departamento der Republlk Kotumbien leben (Karte i).

    Das erw~hnte Toxin ist zwar durch die entsprechende Literatur schon langer bekannr (vgl. etvea Le\VIN 1894, WASS~N 1935: 90-108), doch w"~den die dazugeh6rigen Verarbeitungspro- zesse stets nut beil~ufig erw~hnt.

    Karte 1. Lage des Departamento Choc6 (ilach PARDO, 1987)

    2 Siedlungsgebiet Choc6

    2.1 Name und Bewohner

    Der Name Choc6, dessen Etymotogie unbekannt ist (WassEN 1935), bezeichnet seit der Zeit der spanischen Conquista im 16. Jh. die indianischen Gruppen, auf welche die Spanier w~hrend ihrer Eroberungsz/.ige im S/iden des heutigen Panama sowie an der PazifikkListe

    U.S. Copyright Clearance Center Code Statement: 0044-2887/94/4003-0204 $ 10.50/0

  • Bemerkungen zum Pfeilgift der Indianer 205

    Kolumbiens einschliet~lich des Hinterlandes stief~en. Urspr(inglich nur auf die Indianer an den Obert~iufen der F1/isse San Juan und Atrato angewandt (die sich selbst als Ember~i bezeichnen), wurde dieser Name schlieglich wegen der bestehenden kulturellen Gemeinsam- keiten auch auf die Waunana des unteren San Juan ausgedehnt.

    Der Name Choc6 ist sowohl ethnographisch als auch linguistisch zu verstehen, ebenso die Bezeichnungen der genannten Untergruppen Waunana und Ember~i. Generell gilt for die Choc6-tndianer, die zur karibischen Sprachfamilie gerechnet werden, die Unterteilung in folgende Einheiten (nach PAR~)O 1987): 1. Waunana (auch: Noanam~i) 2. Ember5 (fiinf Dialekte, auf fiinf Regionen verteilt). Der zahlenmSflige Anteil der Ember~i-Sprecher ist in Kolumbien und Panama jeweits weitaus gr6i~er als der der Waunana. Insgesamt wird die Zahl der Choc6-Indianer auf 50.000 gesch~itzt, davon leben 42.000 in Kolumbien (PARI)O 1987).

    Im Vergleich zur schwarzen Bev61kerung, Nachfahren der Sklaven, die zum Goldwa- schen in den Fliissen Atrato und San Juan gezwungen wurden, stellen die Indianer im Departamento Choc6 eine Minderheit dar.

    2.2 Habitat und Nutzung

    Das Siedlungsgebiet der Choc6-Indianer ist fast g~inzlich mit tropischem Regenwald sowie an der Kiiste mit Mangrovenw~ldern bedeckt. Die durchschnittliche j~ihrliche Regenmenge betr~igt 10.700 mm. Das Departamento Choc6 iibertrifft hierin wahrscheinlich alle ~iquator- nahen Gebiete der Erde.

    Dieses Habitat bedingt, daf~ die Kultur der Choc6-Indianer vide Parallelen mit der sog. ,,Tropical Forest Culture" des Amazonas-Gebietes aufweist. Folgende FlZichte werden yon ihnen angebaut:

    Mehlbananen (Musa paradisiaca), Obstbananen (M~sa sapien~um), siif~er Maniok (Mani- hot utilissima Crantz), Zuckerrohr (nicht in allen Gegenden), Mais sowie einige Fruchtb~iume (Zitrusfr/ichte, Papaya usw.).

    Der Anbau beschr~nkt sich auf Nahrungspflanzen, Tabak und Baumwolle werden nicht gezogen. Vor ca. 80 Jahren wurde der Reis eingefiihrt, aus kommerziellen Grfinden bauen heute einige Gemeinschaften Kakao und Kaffee an.

    Die Parzellen for den Anbau Iiegen an den Ufern der Fl(isse in der N~he der einzelnen Pfahlh~user (Abb. 1). Sie fiberschreiten setten die Gr6~e yon 0,25 Hektar. Sie sind individu- eller Besitz, auch Grogfamilien besitzen kein Gemeinschafts/and. Auf jeder Parzelle wird ausschliet~lich ein Produkt angebaut. Die Rodung folgt dem im tropischen Tiefland iiblichen ,,slash-and burn"-Muster (= Brandrodungsfeldbau)

    Abb. 1, Typisches Haus der Choc6-Indianer, Pho- Abb. 2. K6rbchen mit Frosch und Palmblattrippen tos: K.-PI. WENZEL ffir Blasrohrpfeile

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    Wie viele Indianer des Tieflandes, fibernahmen auch die Choc6 schon frtlh ihnen geeignet erscheinende Ger~ite yon den Spaniern. Hauptsiichlich waren dies Machete, Axt und Krumm- haue. Letzte,re wird im Gartenbau benutzt.

    2.3 Sammeln, Jagen, Fischen Sammelt~itigkeit beschr~mkt sich auf die Kastanie und die Kokosnuig. Das Sammeln von Blenenhonig wurde nahezu aufgegeben.

    Jagd ist eine individuelle, auf den Tag beschr~inkte T~itigkeit. Hirsch, Pekarie, Gtlrteltier, Agouti, Affen, Eichh6rnchen sowie verschiedene Vogelarten, in emigen Zonen auch Faultier, Ameisenb~ir und Feliden werden mit Pfeil und Bogen, Gewehr sowie dem Blasrohr gejagt. Neben dem welter unten ausftihrlich besprochenen Gift ist noch ein Pfeilgift namens ,,pakurd" zu nennen, gewonnen aus den Bl~'ttern und der Rinde eines botanisch nicht klassifizierten Baumes. Es enth~itt ein Glykosid, das auf den Herzmuskel wirkt. Es ist somit nicht mit dem bekannten Curare identisch.

    Zum Fischen werden Pfeil und Bogen, Netze und Speere benutzt, autgerdem,,barbasco", ein aus der Kletterpflanze Lonchocarpus nzcon gewonnenes Gift. Weiterhin dienen u. a. Basilisken, Leguane, Schildkroten und Fluflkrebse als Nahrung. Die Versorgung mit tieri- schem Protein kann bei wenig akkulturierten Gruppen, die sich z. B. nicht als Tagelbhner verdingen mfissen, als ausreichend angesehen werden (PaRDO 1987).

    2.4 Besitz und Arbeitsorganisation Die Choc6 hatten als Haustiere Schweine, HiJhner, Enten und Hunde (STouT 1963).

    Herrichten yon Pflanzungen, Behauen von Holz, Vorbereiten der Bl~itter, die zum Decken der Hauser dienen, sowie Emchten yon H~iusern sind Arbeiten, die von M~nnern ausgef/ahrt werden. An diese kollektiven Arbeiten k6rmen slch Trinkgelage anschlielgen.

    IndividueUe mannliche Arbeiten stud: Holzbearbeitung, Brennholzbeschaffung, Jagd und Fischfang. 'Individuelle Arbeiten der Frauen sind: Ernten yon Bananen, Beschaffen yon Wasser, Zubereitung der Mahlzeiten, Korbflechterei, T6pferei, Herstellen trod Waschen von Kleidung. Mit dem Zuckerrohr zusammenhangende Arbeiten (ausgenommen das Anlegen der Parzellen) 1st bei den Choc6 ebenfalls Aufgabe der Frau. Reinigen der Pflanzungen geschieht durch die Familie bzw. erweiterte Famitie.

    Haustiere sind individueller Besitz der betreffenden Personen. Schon Kinder erhalten sie als Geschenk, so da~ die emzelnen Familienmitglieder jeweils ihre elgenen Exemplare haben.

    3 Giftgewinnung und Pfeilpr~iparierung

    3,1 Giftgewinnung Zur Giftgewinn~ng selbst bzw. zu~m Herstellungsprozelg der Pfeile konnte der Ve~rfasser folgendes begbachten~ ,,Gi-undlage" ~st e in Frosch der Gattung Phytlob~tes, n/irnlich Phyl-, l obates aurotaenia-(D~vlDSON 1987; vgI. auch H~E~H~z3s t988). Did B~eichntmg~'iir P. au- ro'taenia laii~et in Ember~ ,,Ctlocho~ ~. Phyllobates ;*urotaeni'i~tt neben ~ P. bfcoloy ~ rind P; t~ernbilis zu den eigenflicher~ Pfeilgiftff6scheu, d;h. solchen Arte'n, dererl Hautdr/isense: kret tafs~ichlich als Pfeilgift genut2~ wird (vgl. HESeLHAUSq988). Bez/iglich tier Verbreitung verglekhe Karte 2 (nach Mw~ und DAI~y ~f983).

    h~ einzelnen l~iuft die Gewinnung des Pfeilgiftes fotgendermai~en ab. Am sp/iten Vormit- tag karm man an einem bestlmmten O& ir~ der Montana (='hiigelige Gegend m~t tropiscfiem Regehwal8, in diesem Fall die Ausl/iufer der Anden:Westkordillere), das Rufen der Fr6sche vernehmen. Nah mehreren Versuchen gelang es JA~l~o, memem Informanten, insgesamt drei Frosche lebend zu fangen. Sie wurden dabei an den Hinterbeinen gehalten.

  • Bernerkungen zum Pfeilgift der Indianer 207

    }

    Phyltobates vittatus

    t~anbiSehes ~, '~zeer

    KOLUMBIEN

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    } 5,S J

    ",.. Zweifarben ~ ~,~ Blattsteiger ' ~+ (Phyllobates

    , t , / ' ' .~ -~1~.~, bicolor)

    PhyHobates terribilis

    Karte 2. Verbreitung der Phyllobatesarten (nach MY~;F.S und DALY, 1983)

    Rio Saila

    Genauere Angaben fiber die Methode, den Frosch zu fangen, kann ich leider nicht machen, da mein Informant reich bat, zurtickzubleiben. Der Frosch wurde dann in einem K6rbchen bef6rdert, das mit einei:q zusammengerollten Blatt verschiossen wurde (vgl. Abb. 2).

    3.2 Pr~iparierung der Pfeile

    Zuerst wird ein Frosch aufgespie~t, indem ihm l~ngs dutch das Maul ein Pfeil geschoben wird. Dies geschieht so lange, bis der Pfeil an einem Hinterbein her~ortritt. An der Flanke, an der der Pfeit hineingeschoben wurde, tritt dann als bl~iulicher Schimmer das Toxin aus. Die Spitzen der zu vergiftenden Pfeile werden daran gerieben. Ist eine Seite ,,aufgebraucht", wird der PfeiI, der zum Aufspief~en diente, herausgezogen und parallel zur anderen Flanke erneut hineingeschoben, bis sich auch bier der bl~uliche Schimmer zeigt.

    Die Pfeile werden auch an der Ober- und Unterseite sowie an den Hinterbeinen des Frosches ger~eben. Jeder Pfeil wird mehrmals an verschiedenen Fr6schen priipariert. Die genannten drei Fr6sche reichten f/ir ca. 40 Pfeile aus.

    Ist der Frosch nicht weiter verwendbar, wird er an den Hinterbeinen gepackt und auf dem Boden erschlagen. Anschliet.~end wird er an einem unzugiinglichen Ort (z. B. auf einem Baum) deponiert.

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    Im Zusammenhang mit dem genannten Herstelhmgsprozeg wird manchmal in der Lire- ratur das Erhitzen des Frosches fiber einem Feuer erwi~hnt, was ich jedoch nicht beobachten konnte.

    Die Wirkung des Giftes beruht u. a. auf dem Alkaloid Batrachotoxin, das die in der ~iut~eren Membran von Muskel- und Nervenzellen getegenen Natriumkaniile daran hindert, sich zu schliegen. Unkontrolliert einstr6mende Natriumionen lassen das elektrische Poten- tial der Zelle zusammenbrechen (vgl. MYF.Rs und DALY 1983), was zur Muskel- und Atem- liihmung ffihrt.

    3.3 PfeilhersteUung und Tragen

    Abschliegend sollen noch Herstetlung und Tragen der Peile beschrieben werden. Der K6cher'fiir die Giftpfeile ist eine aus Patmholz gefertigte R6hre. Das Exemplar,

    welches der Veffasser erwerben konnte, war am Deckel rnit einem Kreuz :versehen. Eine daran befestigte Schnur erm6glicht das Tragen w~ihrend derJagd. Am unteren Tell

    des K6chers sind zwei Kalebassen befestigt, in denen sich Baumwolle befindet (vgL Abb. 3).

    Abb. 3. K6cher fiir Blasrohrpfeile Abb. 4. Gewinnung der Agarefaser

    Die-Baumwolle wird urn das Ende der Pfeile gewickelt. Die Pfdte Sind Palmblattrippen, wetche an either Machete gegl~ittet wtltden (vgl. auch Abb. 2). Um ihre Enden wird, wie schon erw~ihrit, Baumwotle gewickelt, die mlr Fasern aus dem Btatt der Agave fixiert wlrd. Zum Herausl6sen der Fasem wird das Agavenblatt geklopft (Abb. 4). Den Typus des zur Jagd verwendeten Blasrohrs zeigt Abbildung 5.

    Zusammenfassung

    BeschriCben werden das Siedlungsgebiet d er Choco-indianer in Kolumbien, die Bewohner des Gebieres, Sammein, Jagen und Fischen und Besitzvei'h~itmisse urid Arbeksorganisation. Die Gewinrmng des Giftes

  • Bemerkungen zum Pfeilgift der Indianer 209

    Abb. 5. Typisches Blasrohr zum Gebrauch bei der Jagd

    aus dem Pfeilgiftfrosch PhylIobates auro*aenia wird dargestellt, weiterhin das Pr~iparieren der Pfeile, die Pfeilherstetlung trod das Tragen dersetben im K6cher.

    Summary

    Observations on arrow poisons used by t/)e indians of t/oe Pacific Coas~ of Columbia (Departamento Choc6)

    The area settled by the Chocd Indians in Columbia is described, as welt as the inhabitants; food gathering, hunting, and fishing methods; the organization of work and property relationships. The extraction of the poison from the arrow poison frog Ph),llobates aurotaenia, the making and preparation of the arrows, and the method of carrying these in quivers are presented. Transl.: PItYLLIS KASPER

    R6sum6

    Remarques au sujet du poison des fl&'hes des ]ndiens de la c&e du Pacifique en Colombie (Departa- ment Choc6)

    Description est donn& de la r6gion colonis6e par tes Indiens du Choc6 en Cotombie, de leurs habitants, de la cueillette, de la chasse, de la p~che, de la notion de propri&d et de l'organisation du travail propres

    cette r~gion. On expose la fagon dont on obtient le poison ~t partir de la grenouille Phyllobates aurotaenia, la pr@aration des fl~ches, leur fabrication et la mani~re de les transporter dans un carquois.

    Trad.: S. A. DE C~OMBRUGGHE

    Literatur

    DAVIDSON, R. B., 1987: Chemical compounds: steroids. In: EncycJopaedia Britannica, 15. HESl~L~-rAUS, R., 1988: Pfeilgifffr6sche. Stuttgart. LEWlN, L., 1894: Die Pfeilgifte. Berlin. MY~:P,S, CH. W.; DALY, J. W., 1983: Pfeilgiftfrgsche. In: Spektrum der Wissenschaft, 4, 34-43. PARDO, M., 1987: Indlgenas del Choc6. In: Introduccidn a la Colombia Amerindia, Bogot~i. STOUT, D. B., 1963: The Choc6. In: Handbook of South American Indians. Vol. 4, 269-276, New York. WASS;~'N, H., t935: Notes on Southern Groups of Choc6 Indians in Colombia. In: Emologiska Studier,

    Vol. 1, 35 ft. G6teborg.

    Anschrift des Autors: K.-H. WENZEL, M. A., Rfmerstralge t3, D53111 Bonn.