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Brand Eins - 11-2013

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Text of Brand Eins - 11-2013

  • www.brandeins.de brand eins 15. Jahrgang Heft 11 November 2013 8,50 Euro C 50777

    Richtig Schluss machen

    Schwerpunkt Trennung

  • 4 BRAND EINS 11/13

    EDITORIAL

    Das bse, schne Wort

    Ich verdanke die grten Fortschritte in meinem Leben Trennungen. brand eins gbe es nicht, htte uns der Spiegel-Verlag nicht vor die Tr gesetzt und htten wir nicht ein Jahr spter unser Vorgngermagazin Econy verlassen. Vielleicht deshalb war Trennung fr mich immer ein Wort, das Aufbruch verhie, nicht Schmerz.

    Damit bin ich als Journalistin eigentlich im falschen Beruf, denn Trennungsdramen sind groes Kino, vor allem auf dem Boulevard (S. 146). Und auch in der Wirtschaft liegen die Ner-ven blank, wenn eine Seite sagt: Das wars obwohl das Auseinandergehen hier fast schon Alltagsgeschft ist.

    Unternehmen fusionieren und trennen sich, sie steigen auf und auch wieder ab, Mitarbeiter entwickeln sich und ziehen weiter, oder sie entwickeln sich nicht und mssen gehen: Alles ist immer in Bewegung. Warum ist die Trennung dann immer wieder ein Schock?

    Weil eine Kndigung den Betroffenen erst einmal die Stabilitt nimmt, sagt die Beraterin Roswita Knigswieser. Sie geraten ins Schwanken, die alte Identitt ist nach dem Erhalt der Trennungsnachricht verunsichert (S. 56). Das gilt fr jeden, auch fr den Vorstand (S. 132). Das gilt sogar, wenn einer wie Wolfpeter Hocke den Abschied selbst einleitet und die Trennung will (S. 138). Und das wird schier unertrglich, wenn das Ende ungerecht, ja, willkrlich er-scheint: Die einstigen Mitarbeiter des Handyproduzenten BenQ hadern bis heute nicht unbedingt mit dem Ende, wohl aber mit dem Gefhl, verschaukelt worden zu sein (S. 80).

    Erstaunlich gefasst gehen dagegen die Menschen in der Schlecker-Heimat Ehingen mit der Pleite ihres einst erfolgreichsten Mitbrgers um (S. 74). Und geradezu heldenhaft ist der Widerstand der Belegschaft der havarierten Fluglinie Lloyd Areo Boliviano gegen das drohen-de Ende (S. 102). Aber schlielich ist gerade die Wirtschaftsgeschichte voll von angekndigten Toden, die nicht eingetreten sind. Wer htte zum Beispiel erwartet, dass es die 2004 von IBM abgestoene PC-Sparte beim chinesischen Lenovo-Konzern zu neuer Blte bringt (S. 90)?

    Trennung klingt noch immer nach Drama und wird auch gern dazu gemacht zumindest von denen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Die anderen kennen zwar auch das Gefhl der Wehmut, wenn man etwas hinter sich lsst, lassen sich davon aber nicht aufhalten (S. 126). Auch dann nicht, wenn es wie bei der Aussteigerin Gabriele Mule schmerzt (S. 144).

    Der Trennung die Schwere zu nehmen, das wre eine Aufgabe, die in die Zeit passt. Dabei hilft schon mal die digitale Welt, die uns stets und stndig zum Abschied von irgendetwas zwingt (S. 86). Dabei hilft noch nicht das deutsche Kndigungsschutzrecht, das die Kndigung als grten anzunehmenden Unfall sieht (S. 136). Aber dabei helfen ganz sicher Unternehmer wie Zach Klein (S. 70). Der Grnder der Video-Plattform Vimeo betrachtet Leben als Entwick-lungsaufgabe, bei der Sprnge erfreulich und Trennungen notwendig sind. Es ist verrckt, sagt er, dass wir in einer Welt leben, in der sich Menschen in ihrer Karriere eingesperrt fhlen. Sie haben das Wissen gratis vor der Nase, um mehr aus sich zu machen, aber sind zu Geiseln all dessen geworden, was sie in ihren Werdegang gesteckt haben.

    Das wre doch was, von dem man sich trennen knnte.

    Gabriele Fischer, Chefredakteurin, [email protected]

    Redaktion brand eins, Speersort 1, 20095 Hamburg

    brandeins.de, facebook.com / brand.eins, twitter.com / brandeins

    Foto: Heji Shin

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  • 6 BRAND EINS 11/13

    INHALT

    10 Mikrokonomie: Eine Dolmetscherin in den USA

    12 Die Welt in Zahlen 14 Gute Frage:

    Was bringen Arbeitszeitkonten? 20 Markenkolumne:

    Winnetou darf nicht sterben 22 Das geht:

    Die wollen nur spielen 26 Wirtschaftsgeschichte:

    Der falsche Prinz

    Was Wirtschaft treibt

    30 Das Prism-ParadoxDer NSA-Skandal ist ein Segen fr die IT-Branche Von Steffan Heuer und Thomas Ramge

    42 Der Herr der EngelSeine Mutter hat sie erfunden, Peter Thun hat mit den Keramik-figuren die Welt erobert. Die Geschichte eines Machers von Gerhard Waldherr

    52 Besser gehts nicht Warum Cisco der Konkurrenz davoneilt, zeigt der Blick in die Bilanz von Patricia Dhle

    a Schwerpunkt Trennung

    55 Prolog

    56 PhantomschmerzenTrennungen sind schmerzhaft und notwendig. Ein Essay von Wolf Lotter

    64 Noch mal von vornFr Matti Niebelschtz war die Pleite seines Unternehmens das Beste, was ihm passieren konnte. Warum, erklrt Axel Hansen

    70 Weiter!Grnden, gro machen und dann gehen: Zach Klein hlt es nie lange in seinen Firmen aus.Ein Portrt von Steffan Heuer

    74 Der Geist von EhingenWas von Schlecker bleibt: Ein drcke aus der Heimatstadt des gefallenen Patriarchen Von Barbara Bachmann

    80 Das Trauma von Kamp-LintfortWarum haben die ehemaligen Siemensianer ihre Entlassung nach sieben Jahren noch nicht ver-wunden? Antworten von Mischa Tubner

    86 Bis es wehtutDas Digitale ist flchtig und zwingt zum Loslassen. Seinen Trennungsschmerz schildert Thomas Ramge

    90 In guten Hnden Der Verkauf von IBMs PC-Sparte an Lenovo erwies sich als groes Glck fr beide. Wieso, wei Ulf J. Froitzheim

    98 Mein Bier ist nicht dein BierDer Konkurrent gehrt zur Familie: ein Portrt der Brauerei-Dynastie Unertl von Gerhard Waldherr

    102 Bitte anschnallen!Wie Mitarbeiter einer an den Boden gefesselten Fluggesellschaft an ihrem Wiederaufstieg arbeiten. Eine Bildergeschichte von Nick Ballon und Ingo Malcher

    112 Trennungen internationalGeschichten aus Russland, Sdafrika, China und den USA von Stefan Scholl, Johannes Dieterich, Bernhard Bartsch und Steffan Heuer

    Inhalt

    a Den Schwerpunkt gibt es als Hrversion unter www.brandeins.de

    30 Der NSA-Skandal ist auch ein gigantisches Konjunkturprogramm Illustration: Mauritius Images /dieKleinert

    146 Fr Prominente ein gutes Geschft: Rosenkriege Bildquelle: Hamburger Abendblatt

  • BRAND EINS 11/13 7

    INHALT

    120 Die GeschichtenerzhlerWenn eine Zentralbank den Chef wechselt, muss das geschmeidig passieren. Warum, erklrt Douglas R. Holmes Ingo Malcher

    121 Von hundert auf nullWie Jean-Claude Trichet die Trennung von der EZB erlebte Von Ingo Malcher

    126 Die LebenswandlerGekommen, um zu gehen: Drei Job-Nomaden erzhlen vom Reiz der Rastlosigkeit. Mitgeschrieben hat Matthias Hannemann

    132 Ende einer DienstfahrtHartmut Ostrowski war Vorstands-vorsitzender von Bertelsmann und ging berstrzt. Warum erzhlt er aus der Distanz Patricia Dhle

    136 Alles, was Recht ist Kndigungen knnten weniger schmerzhaft sein Von Oliver Link

    138 Der lange AbschiedNach dem Verkauf seiner Agentur wollte Wolfpeter Hocke loslassen. Eigentlich Von Dorit Kowitz

    144 Ich gehe, kommst du mit?Gabriele Mule wollte ein neues Leben. Eine Frau, die hart gegen sich und andere sein musste, portrtiert Barbara Opitz

    146 Ende gut, alles gutSehr lukrative Rosenkriege von Promis beschreibt Michael Kneissler

    Was Menschen bewegt

    154 Kampf der KulturenWie ein Gastronom am Widerstand eines ganzen Dorfes scheiterte. Eine Reportage von Lu Yen Roloff

    162 Der Wein der WeisenVon wegen verkosten wer mit Chinesen ins Winzergeschft kommen will, muss bechern. Ein Erfahrungsbericht von Manfred Klimek

    167 Leserbriefe 168 Leserservice und Impressum 170 Letzte Seite: Wer hats gesagt?

    Das brand eins-Gewinnspiel

    70 Auf zu neuen Ufern: der vielseitige Zach Klein Foto: David Magnusson

    86 Sie war einmal: die Floppy Disc Illustration: Silke Baltruschat

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  • 12 BRAND EINS 11/13

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    Anteil der Tschechen an der Weltbevlkerung, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,2Anteil der Deutschen an der Weltbevlkerung, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1Anteil der US-Amerikaner an der Weltbevlkerung, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,4Anteil der Websites mit pornografischen Inhalten aus Tschechien, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,2Anteil der Websites mit pornografischen Inhalten aus Deutschland, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1Anteil der Websites mit pornografischen Inhalten aus den USA, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

    Geschtzte Zahl der Worte, die ein Handynutzer in seinem Leben durchschnittlich per SMS verschickt, in Millionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2Zahl der Worte in der Bibel, in Millionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,7

    Anteil der Menschen, die sich in Luxemburg nachts auf der Strae unsicher fhlen, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48Anteil der Menschen, die sich in Mexiko nachts auf der Strae unsicher fhlen, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in Luxemburg im Jahr 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,5Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in Mexiko im Jahr 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23,7

    Geschtzter Preis im Datenhandel fr die Adresse eines US-Brgers, in Dollar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,5Geschtzter Preis im Datenhandel fr das Geburtsdatum eines US-Brgers, in Dollar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2Geschtzter Preis im Datenhandel fr den beruflichen Werdegang eines US-Brgers, in Dollar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

    Anteil der Deutschen zwischen 51 bis 60 Jahren, die sich einer Schnheitsoperation unterzogen haben, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,5Anteil der Deutschen zwischen 18 bis 30 Jahren, die sich einer Schnheitsoperation unterzogen haben, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . 30,4

    Zahl der Stunden, die ein Ire im Durchschnitt tglich fernsieht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,1Zahl der Stunden, die ein Deutscher im Durchschnitt tglich fernsieht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,5Zahl der Stunden, die ein US-Amerikaner im Durchschnitt tglich fernsieht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8,5Durchschnittsgewicht eines Iren, in Kilogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73Durchschnittsgewicht eines Deutschen, in Kilogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75Durchschnittsgewicht eines US-Amerikaners, in Kilogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90

    Hhe der Steuern und Abgaben eines deutschen Singles mit durchschnittlichem Einkommen, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49,7Hhe der Steuern und Abgaben eines Schweizer Singles mit durchschnittlichem Einkommen, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21,5

    Anteil der Deutschen, fr die der Gartenzwerg das beste heimische Erzeugnis ist, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7Anteil der Deutschen, fr die Dichtkunst das beste heimische Erzeugnis ist, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28Anteil der Deutschen, fr die Bier das beste heimische Erzeugnis ist, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53Anteil der Deutschen, fr die das Auto das beste heimische Erzeugnis ist, in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62

    Durchschnittliche Download-Geschwindigkeit in der Schweiz, in Megabit pro Sekunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10Durchschnittliche Download-Geschwindigkeit in Deutschland, in Megabit pro Sekunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16Durchschnittliche Download-Geschwindigkeit in den Niederlanden, in Megabit pro Sekunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

    Text: Barbara Opitz

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  • 14 BRAND EINS 11/13

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    Gute Frage

    Nichts ging mehr Anfang August am Mainzer Bahnhof. Tagelang fielen Regio-nalzge aus, ICEs mussten umgeleitet werden. Es gab nicht genug Personal fr das Stellwerk. Ein Teil war krank, der andere im Urlaub. Bitten des Bahnchefs Rdiger Grube an die Mitarbeiter, frher als geplant ihren Dienst anzutreten, ver-hallten weitgehend ungehrt. Man kann es ihnen kaum verbeln: Laut der Eisen-

    bahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG hatten sich auf den Arbeitszeitkonten der Fahrdienstleiter rund eine Million ber-stunden angesammelt. Eine Pause war dringend ntig.

    Arbeitszeitkonten sollen Unternehmen und Beschftigte flexibler machen. Die Varianten reichen von den bereits in den Sechzigerjahren in Deutschland eingefhr-ten Gleitzeitmodellen bis zu Lebensarbeits-

    zeitkonten, die lngerfristige Auszeiten er-mglichen. Das Prinzip, Arbeitskraft nach Bedarf einzusetzen, wird viel gelobt und gern genutzt hat aber seine Grenzen. Denn es geht darum, eine Balance zu fin-den zwischen den Bedrfnissen der

    Was bringen Arbeitszeitkonten?Sie gelten als Lsung fr groe und kleine Probleme der Arbeitswelt.

    Doch ihre Wirkung ist begrenzt.

    Text: Anika Kreller Illustration: Nadine Gerber

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  • 16 BRAND EINS 11/13

    EINSTIEG

    Arbeit geber und -nehmer. Wie im Fall der Deutschen Bahn gelingt das nicht immer.

    Mehr als ein Drittel der deutschen Be-triebe nutzt mittlerweile das Instrument; mehr als jeder zweite Beschftigte in Deutschland hat die Mglichkeit, ber-stunden anzusparen. Wie viele dabei ange-sammelt werden knnen und in welchem Zeitraum sie wieder abgebaut werden mssen, liegt im Ermessen der Unterneh-men. Die meisten nutzen Ausgleichszeit-rume zwischen einem halben und einem Jahr. Bei guter Auftragslage wird mehr gearbeitet, in schlechteren Zeiten werden die berstunden wieder abgebaut. Kurz-fristige Schwankungen knnen ausgegli-chen werden, ohne dass entlassen werden muss. So wird Beschftigung gesichert, die Unternehmen sparen Kosten und er-halten ihr Know-how.

    berstunden anzusammeln bedeutet zunchst aber eine strkere Belastung der Belegschaft. Die Mehrarbeit darf nicht dazu fhren, dass die Arbeitnehmer krank werden und so der Faktor Arbeit ge-schwcht wird, sagt Alexander Herzog-Stein vom Institut fr Makrokonomie und Konjunkturforschung der Hans-Bck-ler-Stiftung (IMK). Wenn die Mitarbeiter berlastet sind, nehmen fr die Betriebe die Risiken in der Produktion zu. Auer-dem ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht erwnscht, dass die Menschen lnger arbeiten. Das werden sie kaum schaffen, wenn sie sich vorher kaputtarbeiten.

    Dass der Grad an Flexibilitt, den Ar-beitszeitkonten bieten knnen, begrenzt ist, zeigte auch die Krise 2008/2009. Die Mglichkeit, zunchst berstunden abzu-bauen, verschaffte den Betrieben eine Ver-schnaufpause, sagt Hans-Dieter Gerner vom Institut fr Arbeitsmarkt- und Berufs-forschung (IAB). Danach seien allerdings andere Instrumente wie die Kurzarbeit fr die Beschftigungssicherung entscheidend gewesen. Die gesammelten berstunden reichten schlicht nicht, um die Durststre-cke zu berwinden. Wir finden in unse-ren Daten keine Hinweise, dass Beschf-tigte eher gehalten wurden, wenn in den

    Betrieben Arbeitszeitkonten existierten, sagt Gerner.

    Fraglich ist generell, ob die Konten den Mitarbeitern ebenso viel Flexibilitt ermglichen wie den Firmen. In der Theo-rie sollen die Menschen die geleisteten berstunden zur freieren Zeitgestaltung nutzen knnen vom Zahnarztbesuch zwischendurch bis zum eingeschobenen Studium. Aber: Die Flexibilitt geht fr die Beschftigten hufig nur so weit, wie es mit den betrieblichen Belangen verein-bar ist, sagt Gerner.

    Fr viele heit es: Wir mssen leider drauen bleiben

    So stehen laut einer Studie der Hans-Bck-ler-Stiftung in 60 Prozent der untersuchten Unternehmen lngerfristige Arbeitszeit-konten erst gar nicht allen Mitarbeitern of-fen. Vor allem geringfgig Beschftigte und leitende Angestellte seien ausgeschlos-sen. Auerdem haben nicht alle die glei-chen Voraussetzungen, um frei ber den Einsatz ihrer berstunden entscheiden zu knnen. Frauen, sagt Alexander Her-zog-Stein vom IMK, haben es schwerer, Guthaben anzusammeln, da sie hufig noch immer die Hauptlast der Familien-arbeit tragen. Und ihre berstunden im Alltag rasch wieder abbauen.

    Von Nachteil fr die Beschftigten kann auch sein, dass nicht immer klar ge-regelt ist, was mit den Guthaben auf den Arbeitszeitkonten im Fall einer Kndigung oder Insolvenz passiert. Zwar gebe es Mglichkeiten, die gesammelten ber-stunden mitzunehmen, aber das Verfahren sei aufwendig, sagt Hans-Dieter Gerner vom IAB. Einfacher sei es, sie sich aus-zahlen zu lassen. Dafr muss der Betrieb allerdings auch gengend Rcklagen bil-den. Sonst schaut der Arbeitnehmer unter Umstnden in die Rhre.

    Problematisch ist das vor allem bei den sogenannten Lebensarbeitszeitkon-ten. Sie sollen den Beschftigten ermgli-chen, ber einen langen Zeitraum ber-stunden anzusparen. Diese werden in

    Form von Geld verbucht, um damit ln-gere Auszeiten finanzieren zu knnen. So kommen teilweise hohe Betrge zusam-men. Ein 2009 in Kraft getretenes Gesetz schreibt zwar vor, dass die Firmen diese Guthaben vor Insolvenz absichern ms-sen. Doch eine Studie der Hans-Bckler-Stiftung zeigt, dass es in der Praxis groe Lcken gibt: Knapp ein Drittel der befrag-ten Personalverantwortlichen in den Un-ternehmen gab an, keine Insolvenzversi-cherung abgeschlossen zu haben oder nicht zu wissen, ob man eine habe. Von denen, die eine hatten, entsprach wiede-rum mehr als ein Drittel nicht den gesetz-lichen Vorgaben.

    Das mag ein Grund sein, warum die Langzeitkonten kaum im betrieblichen Alltag angekommen sind: Laut IAB boten 2010 lediglich zwei Prozent der Unterneh-men diese Mglichkeit an. Die Forscher vermuten, dass die Lebensarbeitszeitkon-ten noch zu viele Risiken bergen: Der Insolvenzschutz stelle hohe Anforderun-gen an die Unternehmen. Zudem gebe es eine gewisse Unsicherheit, was mit den Guthaben passiert, wenn die Beschftig-ten den Betrieb verlassen.

    Die Politik hat hohe Erwartungen an die Lebensarbeitszeitkonten: Sie sollen das Arbeitsleben flexibler machen und Weiterbildungen, Sabbaticals oder die Pflege von Angehrigen erlauben. Auch ein vorzeitiger Renteneintritt soll damit mglich werden. Zu diesem Zweck mss-ten allerdings erst sehr groe Guthaben angespart werden.

    Die Frage ist, wie und wann sie erar-beitet werden sollen. Ich habe Zweifel, ob das zu leisten ist, vor allem, wenn diese Konten verschiedene Aufgaben berneh-men sollen, sagt Alexander Herzog-Stein vom IMK. Noch dazu konkurrieren mit-unter verschiedene Formen von Arbeits-zeitkonten miteinander: Knapp drei Vier-tel der Unternehmen mit Langzeitkonten verwenden zustzlich noch Kurzzeitmo-delle. Das bringt mehr Mglichkeiten aber die mssen durch berstunden erst einmal geschaffen werden.

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  • 20 BRAND EINS 11/13

    EINSTIEG _MARKENKOLUMNE

    Was Marken ntzt

    Bernhard Schmid wurde in die Welt von Karl May hineingeboren und fhlt sich in ihr offensichtlich wohl. Sein unauf-gerumtes Bro schmcken unter ande-rem eine Statue Winnetous, ein ausge-stopfter Adler und ein Miniatur-Tipi. Der 51-Jhrige leitet den Karl-May-Verlag mit Sitz in Bamberg in dritter Generation. Hier wird das Werk des meistgelesenen deutschen Schriftstellers (Schmid) ver-wertet. Auf die Frage, ob der ihn nicht mittlerweile langweile, antwortet er: berhaupt nicht. Karl May ist ein faszi-nierender Mensch sein Leben war selbst ein Roman. Ein armer Schlucker, der sieben Jahre im Knast sa, sich dort als Abenteuerschriftsteller neu erfand, sich zh nach oben arbeitete, berhmt wurde und sich auf seine alten Tage als glhender Pazifist der Weltverbesserung widmete.

    Bernhard Schmid trat 1993 auf Wunsch seines Vaters in den Verlag ein. Damals war Not am Mann. Der Senior Lothar Schmid hatte sich mit seinen beiden Br-dern berworfen, mit denen er die Firma gemeinsam leitete. Sie wollten verkaufen,

    er nicht. In einem finanziellen Kraftakt zahlte er sie aus und ging mit dem Junior frisch ans Werk.

    Vater und Sohn brachten erstaun-lich viele neue Bcher des 1912 ver-storbenen Karl May heraus. Das war mglich, weil dessen uvre gewaltig ist und viele seiner Geschichten in Zeit-schriften wie der Gartenlaube er-schienen sind, die nun etwa fr The-menbnde wie Karl May und die Religion kompiliert werden. Auer-dem ist fr Fans des Phnix an Ver-

    kitschtheit so der Schriftsteller Arno Schmidt ber den von ihm bewunderten Erzhler allerlei im Programm: von der historisch-kritischen Ausgabe ber Bild-bnde bis hin zu einem Atlas, mit dessen Hilfe man mit dem Finger zu den Schau-pltzen von Mays Schnurren reisen kann.

    Schmid rumt allerdings ein, dass das Thema trotz aller Fantasie endlich ist. Er erzhlt von den Sorgen eines Kleinverle-gers, dessen Firma einen groen Namen hat, aber nur wenig Umsatz. Er klagt ber Buchhndler, die Karl May nicht mehr vorrtig haben, obwohl jedes Jahr immer-hin noch 3000 Exemplare von Winnetou I verkauft werden und insgesamt rund 100 000 Bnde aus Bamberg.

    Das Urheberrecht fr die Original- Texte des Sachsen ist lange abgelaufen, geschtzt sind die vom Verlag sehr stark bearbeiteten Werke samt Titel. Auerdem hat man sich die charakteristischen gr-nen, aufwendig gestalteten Bnde als Bild-marke sichern lassen. Schmid tut sein Mglichstes, um den Namen May frisch zu halten. So hat er jngst einen Schreib-wettbewerb fr Kinder (Eine Feder fr Winnetou) organisiert, den er durch den Verkauf einiger Original-Illustrationen fi-nanziert hat. Die besten Abenteuer-Storys des Nachwuchses hat er natrlich auch in grnem Einband herausgegeben.

    Je hrter die Zeiten, desto schner die Erinnerung an die goldenen Sechziger- und Siebzigerjahre, als das Geschft dank der Winnetou-Filme lief wie geschmiert. Schmid trumt von einem neuen Streifen samt Karl-May-Renaissance: Ich bin op-timistisch, dass da etwas kommt.

    Winnetou darf nicht sterbenDer Karl-May-Verlag ist wohl der einzige weltweit, der allein auf einen Autor s etzt. Und mehr als hundert Jahre nach dessen Tod immer noch von ihm lebt wenn auch bescheiden.

    Text: Jens BergmannIllustration: Manu Burghart

    Karl Mays Witwe, sein Verleger und der Jurist Euchar Albrecht Schmid grnden den Verlag am 1. Juli 1913 in Radebeul. Ab 1921 wird er von der Familie Schmid allein gefhrt, die ihn geschickt durch alle Krisen und die Nazi-Zeit fhrt. Nach 1945 orientieren sie sich gen Westen und grnden in

    Bamberg eine Dependance, weil mit den neuen Machthabern in Ostdeutschland kein Geschft zu machen ist. Eine Karl-May- Produktion, heit es in einem Brief des Schsischen Volksbildungs-ministeriums, ist vom Standpunkt der Volkserziehung grundstzlich abzulehnen. 1960 kommt es

    zu einem Deal: Die DDR lsst den Verlag samt allen Rechten nach Bamberg ziehen und erhlt dafr Immobilien und 50 000 D-Mark. Im Westen kann das Unternehmen vor allem dank Gratis-Werbung durch die Winnetou-Filme expan-dieren. Ab 1996 ist es auch wieder in Radebeul vertreten. Lothar

    Schmid stirbt am 18. Mai dieses Jahres. Bernhard Schmid hat keine Nachkommen und lsst durchbli-cken, dass fr ihn ein Verkauf des Hauses nicht ausgeschlossen ist.

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  • 22 BRAND EINS 11/13

    EINSTIEG

    Auf dem Esstisch stehen Laptops, No-tizzettel liegen herum, an der Terrassentr klebt ein Post-it-Mosaik. Zielgruppe steht auf einem der Sticker. Facebook auf einem anderen. Gleich wird zum Mit-tagessen gerufen, aber bis dahin dreht sich alles um Vibratoren und Penisringe, Hand-schellen und Gleitgels. Die Wohnkche von Andreas Stockburgers Elternhaus in Gailingen am Hochrhein, nahe der Schweizer Grenze, dient an diesem Vor-mittag als Firmenzentrale von Vibraa, Deutschlands jngstem Onlineshop fr Liebesspielzeug.

    Es ist der ungewhnlichste obendrein. Nicht nur, weil er Teil des Familienlebens der Stockburgers geworden ist. Nicht nur, weil er sich optisch angenehm vom Rot-licht-Ambiente der Konkurrenz abhebt. Sondern vor allem, weil die Grnder mehr wollen, als nur mglichst viele Produkte absetzen. Vibraa ist ein Experiment.

    Die Grnder, Andreas Stockburger, 26, und Marc Schlegel, 27, wollen ihren Laden innerhalb eines Jahres so weit brin-gen, dass sie davon leben knnen. Entre-preneurial Year haben die Absolventen

    der Universitt St. Gallen ihr Projekt ge-tauft. Im Grunde ist es ein Planspiel, nur dass alles real ist.

    Es geht uns nicht darum, zu bewei-sen, dass wir das knnen, sagt Schlegel. Wir wollen erfahren, was wir alles noch nicht knnen. Ob Web-Programmierung, die Formulierung von Gebrauchsanweisun-gen oder Gewerbeanmeldung die Auto-didakten machten alles selbst. Die grte Herausforderung ist die Unsicherheit, so Stockburger. Es gibt niemanden, der sagt, mach das so und so.

    Dass dabei nicht immer alles klappt, gehrt dazu. Etwa die Promotion-Aktion Morgen-Latte, bei der die beiden Kaffee und Flyer an Frhaufsteher in Friedrichs-hafen verteilten. Die Leute reagierten abweisend, sagt Stockburger. Die Erfah-rung: Am Nachmittag lufts besser.

    Oder die Suche nach Zulieferern. Nachdem kein deutscher Versandhndler mit ihnen zusammenarbeiten wollte, fan-den sie einen spanischen Vertrieb, der ih-nen gefiel: Der hat anspruchsvolle Design-Ware und keine Grabbeltisch-Dildos im Programm. Wer heute eines der 251 Pro-dukte aus dem Shop bestellt, erhlt Post aus Spanien. Die hheren Versandkosten trgt Vibraa.

    Fehler machen und aus ihnen lernen: Stockburger und Schlegel haben mit dem Entrepreneurial Year einen Rahmen ge-schaffen, in dem sie ausprobieren knnen, wie Ideen zu Entscheidungen werden. In dem Blog, das das Projekt begleitet, findet sich das Bild von einem Stehaufmnn-chen. Hinfallen und wieder aufstehen. Da-rum gehts.

    Warum eigentlich Sexspielzeug? Stock-burger und Schlegel haben eine lange und eine kurze Antwort auf diese Frage. Die kurze lautet: eine Bier-Idee. In der langen wird der feuchtfrhliche Einfall um eine nchterne Marktanalyse ergnzt: In der Maslowschen Pyramide kommen die phy-siologischen Bedrfnisse an erster Stelle. Wer sich in diesem Bereich bewegt, hat gute Chancen, sagt Stockburger. Die Idee setzte sich jedenfalls in ihren Kpfen fest.

    Also klickten sie sich durch Shops und Foren, befragten Freunde und Bekannte. Wir hatten den Eindruck, dass es da viele offene Fragen gibt, sagt Schlegel. Das Problem ist, dass man sich nicht ber Lie-besspielzeug informieren konnte, ohne in einem Dildo-Urwald zu landen, so Stock-burger. Einen schicken Shop, gekoppelt mit einem serisen Ratgeber, gab es nicht. Die beiden witterten eine Marktlcke und tftelten weiter an ihrer Idee: einer Art Apple-Store frs Liebesleben.

    Mit dem Ende des Studiums wurde ihnen klar, dass sie sich entscheiden muss-ten: jetzt oder nie. Und whrend ihre Kommilitonen Bewerbungen fr Trainee-Stellen verschickten, wurden sie einfach Chefs einer Firma, die sie erst noch grn-den mussten. Ich will nicht eines Tages sagen mssen: Ich war jung, hatte die Zeit und die Chance und habe es nicht ver-sucht, sagt Schlegel.

    Ein halbes Jahr nach der Firmengrn-dung stehen Shop und Ratgeber, die Re-aktionen sind positiv, die Verkufe mager. Doch der Glaube der Grnder an ihr Pro-jekt ist ungebrochen. Die Post-its auf der Terrassentr weisen den Weg zu einer neuen Werbestrategie. Ein halbes Jahr haben sie ja noch.

    Sollte ihnen der Durchbruch nicht gelingen, wre das kein Drama. Um zu sparen, sind sie fr die Dauer des Experi-ments wieder zu ihren Eltern gezogen. Etwas Geld fr alltgliche Ausgaben hat-ten sie gespart. Ob sie sich einen Investor suchen wollen, wissen sie noch nicht. Bis-her haben sie vor allem Zeit in das Projekt gesteckt. Im schlimmsten Fall hatten wir ein tolles Jahr, haben viele tolle Leute ken-nengelernt und enorm viel gelernt, sagt Stockburger. Wir knnen also gar nicht verlier en.

    Das geht

    Die wollen nur spielenNach dem Studium gleich eine Stelle? Andreas Stockburger und Marc Schlegel wollten lieber Erfahrungen als Unternehmer sammeln. Sie grndeten einen Onlineshop fr Sexspielzeug und gaben sich ein Jahr, ihn gro zu machen.

    Text: Mathias Becker Foto: Thomas Eugster

    Kontakt: Vibraawww.vibraa.deBlog zum Entrepreneurial Year: www.entrepreneurial-year.de

  • 23

    EINSTIEG

    Wie ging das noch mal auseinander? Andreas Stockburger (links) und Marc Schlegel bei der Warenkunde

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    EINSTIEG

    Wer wrde da nicht an das Paradies denken? Ein Land grer als Wales, das Klima mild, die Bden fruchtbar, die Wl-der voll wertvoller Hlzer. In der Haupt-stadt Saint Joseph gebe es breite Boule-vards, berdachte Kolonnaden und eine groe Kathedrale. Ein freies und unab-hngiges Land, gelegen an den Bergen der Bucht von Honduras, drei Tage mit dem Schiff von Jamaika entfernt, 30 Stun-den von der britischen Ansiedlung Belize und acht Tage von New Orleans, hie es in einer Broschre, die das Wappen der

    Regierung zierte. Allein der Name war den wenigsten Menschen bis dahin be-kannt: Poyais.

    General Sir Gregor MacGregor, der Prinz von Poyais, war nach London ge-kommen, weil er groe Plne hatte. Knig George Frederic Augustus I. vom Stamm der Mosquito Shore and Nation habe ihm Poyais bertragen, nun brauche er Kredit und Helfer, um es zu entwickeln.

    Es war das Jahr 1823, und die Welt ver-nderte sich. Napoleon war geschlagen, die Wirtschaft Grobritanniens expandierte,

    die Lhne der Arbeiter waren hoch und die Zinsen fr britische Staatsanleihen niedrig. Fr die Bankiers der Londoner City war Letzteres keine gute Nachricht.

    Zwischen 1800 und 1825 war die Zins-rate fr Schuldtitel der Regierung auf drei Prozent gefallen. Solch geringe Renditen machten die Bankiers leichtsinnig, der Aufschwung machte sie bermtig. Also investierten sie in Papiere von Russland, Preuen und Dnemark, Lnder, die als verlssliche Schuldner galten und eine Rendite von fnf Prozent versprachen. > Ab

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    Wirtschaftsgeschichte

    Herrscher ohne Land, aber mit Staats-anleihe: General Sir Gregor MacGregor

    Der falsche PrinzMit der richtigen Story verkaufen sich sogar Anleihen von Staaten, die es nicht gibt. Wie im Herbst 1823, als General Sir Gregor MacGregor gierige Anleger hinters Licht fhrte.

    Text: Ingo Malcher

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  • 28 BRAND EINS 11/13

    EINSTIEG

    Doch gab es noch lukrativere Gelegen-heiten: Lateinamerika. Eine Kolonie nach der anderen erklrte ihre Unabhngigkeit von Spanien, es entstanden neue Staaten, und die brauchten Kredit, um eine Verwal-tung aufzubauen und Rohstoffe zu gewin-nen. Die auf den Schuldscheinen verspro-chenen Zinsen waren deutlich hher als bei anderen Anlagen. Auf mexikanische Staatspapiere wurde eine Rendite von sechs Prozent bezahlt doppelt so viel wie fr britische Schatzbriefe. Schnell waren die Investoren am Royal Exchange vom Fieber erfasst, die Regierungen Sd-amerikas sammelten dort zwischen 1822 und 1825 insgesamt mehr als 20 Millionen Pfund ein (siehe Kasten).

    Fr General Sir Gregor MacGregor war das die Chance. Er konnte viel von der neuen Welt erzhlen. MacGregor war am 24. Dezember 1786 in Schottland geboren worden. Sein Vater war Kapitn der East India Company, und auch der Sohn war ein Abenteurer. Im Alter von 16 Jahren trat er der britischen Armee bei, schon ein Jahr spter wurde er zum Leut-nant befrdert.

    Als er 1811 von den Unabhngigkeits-kmpfen in Lateinamerika erfuhr, verkauf-te er sein Gut in Schottland und schiffte sich nach Venezuela ein. Dort schloss er sich den Truppen Simn Bolvars an, ver-teidigte die belagerte Festung Cartagena und eroberte die vor Florida gelegene Insel Amelia von den Spaniern.

    Die Abenteuer bescherten ihm Ruhm und Ansehen, was ihm bei der Suche nach Investoren fr Poyais gelegen kam. Selbst der frhere Londoner Brgermeister Sir John Perring setzte sich fr MacGregor ein und half Geldgeber zu finden.

    Im Oktober 1822 war es so weit. Ge-neral Sir Gregor MacGregor, der Prinz von Poyais, bot den Bankiers von London eine Staatsanleihe ber 160 000 Pfund an. Das Papier war aufwendig gestaltet. Die versprochenen Zinsen betrugen sechs Pro-zent, so viel zahlten auch Peru, Chile oder Kolumbien. Doch die konnten Steuerein-nahmen nachweisen und die Anleihe da-

    mit besichern. MacGregor hingegen hatte nur seine Erzhlungen. Poyais sei so reich an natrlichen Schtzen, dass die Export-steuern problemlos die Zinszahlungen decken wrden, versicherte er.

    Wer schwindelt, kriegt mehr

    Wenige sahen die Dinge so klar, wie der Oberst Michael Rafter, der mit Mac-Gregor in Venezuela gekmpft hatte. Er schrieb, der frhere Kamerad sei schtig nach dem Vergngen am Spieltisch. Und tatschlich liebte MacGregor Partys und Zigarren. Doch seine Geschichten verlie-hen ihm eine Aura, der viele Investoren erlagen.

    Ohne mit der Wimper zu zucken, zeich-neten sie die Anleihe eines Staates, den es nicht gab, verkauft von einem selbst er-nannten Sir mit einem erfundenen Prinzen-titel. Es gelang ihm sogar, weitere 40 000 Pfund einzusammeln, und er brachte es auf insgesamt 200 000 Pfund, mehr als die 163 000 Pfund, welche die real existierende Konfderation zentralamerikanischer Staa-ten damals auftreiben konnte.

    MacGregor belie es nicht bei dem Geldschwindel. In Schottland und Lon-don rekrutierte er 250 Auswanderer, die fr ein Grundstck in Poyais ihr Hab und Gut verkauften. Sie stachen 1822 auf zwei Schiffen in See.

    An Bord waren Arbeiter, Farmer, ein Bankangestellter, dem der Posten des Prsidenten der Zentralbank versprochen wurde, ein Theaterregisseur, der es kaum erwarten konnte, das Opernhaus von Saint Joseph zu sehen, und zwei rzte.

    Es war fr die Auswanderer ein gewaltiger Schock, als sie an der Mndung des Ro Neg-ro an Land gingen und feststel-len mussten, dass es Poyais berhaupt nicht gab. Es exis-tierten auch keine Hauptstadt, keine Boulevards, keine Kathe-drale und erst recht kein Opernhaus. Sie waren betrogen worden und auf sich allein ge-

    stellt. Mit den wenigen Mitteln, die sie hatten, bauten sie ein Camp. Aber Gelb-fieber, Malaria und Unterernhrung setz-ten ihnen zu. Im Mai 1823 kam ein Schiff, um die Siedler nach Belize zu retten, zwei Drittel von ihnen berlebten das Abenteu-er nicht.

    Als die Investoren in London davon erfuhren, zog MacGregor, der immer in Grobritannien geblieben war, nach Frank-reich wo er noch einmal von vorn an-fing. Auch dort suchte er Investoren und Siedler fr Poyais und fand 60 Franzosen, die ihr Land verlassen wollten. Aber als sie in Paris Reisepsse beantragten, prften die Behrden, was das Ziel sein sollte, und stellten fest: Es gibt Poyais nicht. MacGre-gor landete im Gefngnis.

    Es blieb ein kurzer und sein einziger Aufenthalt hinter Gittern. Bemerkenswer-terweise hatte ihn die Polizei von Belize in einer Untersuchung bereits von jeglicher Schuld fr das Einwanderer-Drama freige-sprochen. Er wurde auch nie wegen seiner Anleihen-Gaunerei in London angeklagt.

    Als er wieder freikam, war er hoch ver-schuldet und versuchte noch einmal, An-leihen eines fiktiven Staates zu verkaufen. 800 000 Pfund wollte er 1826 kassieren. Doch in der Londoner City hatte man genug von Investments in Lateinamerika. Zudem war MacGregors Ruf ruiniert.

    Schlielich zog er nach Venezuela, wo ihm sein letzter Streich gelang: Er ber-zeugte die dortige Regierung davon, ihm die einem General zustehende Rente zu bezahlen, fr seine heldenhafte Teilnah-me am Kampf fr die Unabhngigkeit des Landes.

    Anleihen, die von jungen lateinamerikanischen Staaten in London zwischen 1822 und 1825 begeben wurden, in Pfund

    Argentinien (Buenos Aires) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 200 000Brasilien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 000 000Zentralamerika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 000Gro-Kolumbien (Kolumbien, Ecuador, Venezuela) . . 6 750 000Mexiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 400 000Peru . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 816 000Poyais . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 000

    Quelle: Marichal (1989); Rogoff/Reinhart (2009)

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    Das Prism-ParadoxWenn sich die Entrstung ber den NSA-Skandal gelegt hat, wird die IT-Branche Kassensturz machen. Und feststellen: Die Aufregung hat sich gelohnt.

    Text: Steffan Heuer und Thomas Ramge

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT

    Es ducken sich gerade alle weg, sagt er. Mit alle sind IT-Firmen gemeint, die Geheimdiensten zuliefern. Er gehrt dazu. Auch er wagt sich nicht namentlich aus der Deckung. Obwohl der Geschftsfhrer eines deutschen Unternehmens rechtlich absolut nichts zu befrchten htte, wie er betont. Aber: Bekanntheit schadet in unserem Geschft. Das war natr-lich schon immer so. Aber in der jetzigen Stimmung, bei all dem ffentlichen Interesse gilt es besonders.

    Er war lange mit einem Programm erfolgreich, das Ermitt-lungsbehrden weltweit zur berwachung nutzen. Nun hat er ein neues im Angebot, das Informationen aus unterschiedlichen Datenbanken miteinander verbindet, im Fachjargon spricht man von Datenintegration. Damit knnen Analytiker zum Beispiel prfen, ob E-Mails einer bestimmten Person zuzuordnen sind, die man bereits aus einer Telefonabhraktion kennt.

    Die Qualitt der Software und ihre Marktchancen knnen die Autoren dieses Textes nicht beurteilen. Aber der Geschftsfhrer ohne Namen wirkt seris und optimistisch. Der Prism-Skandal, sagt er, habe allen Anbietern eine Art globale Sonderkonjunktur

    beschert. Spione, Polizei-Ermittler und militrische Aufklrer schauen voller Neid und Neugier zur NSA mit ihren scheinbar unbegrenzten Mitteln und sagen: So etwas wollen wir auch. Zu-mindest die kleine Version davon. Den Rckstand des Rests der Welt zu den US-Diensten nennt er den Schmerz des Kunden, der die Kaufentscheidung letztlich auslst.

    DIGITALES WETTRSTEN

    Seit sich Edward Snowden im Juni mit Tausenden geheimer Dokumente absetzte und sie nach und nach verffentlicht, ist erkennbar: Das Wettrsten hat sich in den digitalen Raum ver-lagert. Wenn alte Waffen stumpf werden, weil die Konkurrenz gleichzieht oder berholt, sind neue gefragt. Auf Rechnung des Steuerzahlers, das hat sich nicht gendert.

    Das Geschft mit der Cyber-Angst ist hoch profitabel. Seit den Anschlgen vom 11. September 2001 haben die Vereinigten Staaten mehr als 500 Milliarden Dollar in Spionage- und Sicher-heitssysteme investiert, allein im laufenden Haushalt sind es 52,7 Milliarden Dollar. Das Geschft mit der notwendigen Software luft glnzend egal, ob es um die Abwehr von Cyber-Attacken, das Aussphen potenzieller Feinde oder die Auswertung von Daten geht. Weltweit wird es dieses Jahr 67 Milliarden Dollar abwerfen, in fnf Jahren knnten es doppelt so viel sein.

    Richard Stiennon, Fachmann fr IT-Sicherheit, hlt selbst die-se Schtzungen fr zu vorsichtig. So wie Antivirus-Software und Firewalls ein groes Geschft wurden, wird es der Verschlsse-lung ergehen. Wenn Abhren zur Alltagsgefahr wird, will sich jede Firma schtzen. Er prognostiziert, dass das Geschft mit der entsprechenden Technik binnen Jahresfrist zwei Milliarden Dollar schwer sein werde. Die jhrlichen Ausgaben fr IT-Sicher-heit insgesamt werden sich ihm zufolge innerhalb von zehn Jah-ren auf 639 Milliarden Dollar verzehnfachen. >Fo

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    Washington hat dank der Branche einen IT-Speckgrtel an-gesetzt. Die Landkreise rund um die US-Hauptstadt von Mary-land bis Virginia sind zu einer der vermgendsten Regionen des Landes geworden.* Und im Silicon Valley haben mindestens weitere 100 Firmen ihren Sitz, die allerlei Schnffel-Technik im Angebot haben vom Anzapfen eines Glasfaserkabels bis zur Rasterfahndung in sozialen Medien. Der Geheimdienst CIA pppelt solche Unternehmen mit seiner Wagniskapital-Abtei-lung In-Q-Tel, sie hat in den vergangenen 14 Jahren mehr als 90 finanziert.

    DIE MESSE DER SPIONE

    Kein Wunder, dass es Ende September auf der Fachmesse ISS World Americas brummte, die der Veranstalter TeleStrategies seit elf Jahren organisiert. Dort bleiben Industrie und Kund-schaft unter sich, ohne Einladung kommt man nicht hinein. Das Fachpublikum konnte sich in einem Hotel in Bethesda, einem Vorort von Washington, drei Tage lang ber die neueste Spionagetechnik informieren.

    Wir haben 15 der 16 US-Geheimdienste unter den Gsten sowie mehr als ein Dutzend weitere Regierungsbehrden, dazu die zehn grten Telekom-Unternehmen aus den USA und Kanada, freut sich TeleStrategies-Chef Jerry Lucas. Jeder dritte Besucher komme aus dem Ausland, aus insgesamt 54 Lndern, und jedes Jahr steige die Zahl der Teilnehmer um 20 Prozent.

    Der Whistleblower Snowden und die Fol-gen seiner Enthllungen seien kein Thema bei der Messe, behauptet Lucas: In unseren Krei-sen ist keiner von den angeblichen Enthllun-gen zur NSA berrascht. Wir erteilen anwesen-den Regierungsvertretern keine Lektionen zu politischen Themen. Stattdessen konzentrierte man sich auf neue Methoden und Techniken, um auch solchen Kriminellen und Terroristen auf die Schliche zu kommen, die sich nach der Berichterstattung ber den NSA-Skandal der rechtmigen Abhrung entziehen.

    Auch der promovierte Physiker Lucas er-wartet, dass der Markt erheblich wachsen werde. Das ist wie ein Wettrsten. Welche Staaten die Gerte und Programme kaufen, die auf seinen Messen vorgestellt werden, ist ihm offenbar egal. Schon vor Jahren sagte er: Es ist

    nicht mein Job zu entscheiden, ob ein Land gut oder schlecht ist. Wir sind Geschftsleute, keine Politiker.

    Krisenregionen und Regierungen, die sich vor Unruhen frch-ten, sind auch fr europische Anbieter von berwachungstech-nik lukrative Absatzgebiete. Der deutsche Geschftsfhrer mit der Datenintegrations-Software berichtet: Viele Kollegen sind zurzeit viel in Asien unterwegs. Auch die arabische Welt und Sdamerika gelten als vielversprechend. Doch das ganz schnelle Geld sei, so der Informant, in unserer Branche nicht zu verdie-nen. Das liegt an den Besonderheiten des Geschftes.

    Wir sehen alles. Foto vorige Seite: die NSA-Zentrale in Fort Meade, Maryland

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT

    HANDSCHLAGGESCHFTE IM STAATLICH

    REGULIERTEN MARKT

    Zur Aufklrung hat krzlich die Enthllungsplattform Wikileaks mit den sogenannten Spyfiles eins bis drei beigetragen eine Sammlung von IT-Angeboten an Geheimdienste. Aus ihnen lsst sich herauslesen: Oft handelt es sich bei den Zulieferern der Geheimdienste um hoch spezialisierte und eigentmergefhrte Nischenfirmen. Die meisten von ihnen kommen aus den USA, Israel, Deutschland, Frankreich und Dnemark. Zwar gibt es in vielen Lndern offizielle Ausschreibungen mit definierten Vergabe-regularien. Nach Einschtzung des Insiders werde aber kein An-bieter diese Regularien jemals verstehen. De facto seien Hand-schlaggeschfte die bliche Vertragsform. Die Schilderungen des Geschftsfhrers erinnern an das Hohelied auf den ehrbaren Kaufmann.

    Er berichtete, dass die Geschftsbeziehungen langfristig ange-legt seien und es nur dann zum Abschluss komme, wenn beide Seiten einander vertrauten. Er habe noch nie von einem Fall gehrt, bei dem ein Anbieter von einem Geheimdienst verklagt worden wre oder umgekehrt. Daran htten beide Seiten ver-stndlicherweise kein Interesse.

    Die Umsetzung laufe dann wie bei zivilen IT-Projekten. Der Anbieter muss eine Pilot-Anwendung installieren. Der Kunde kann sie ausgiebig testen, und wenn es zum Kauf kommt, muss der Anbieter das System in die IT des Geheimdienstes integrie-ren und von ihm abnehmen lassen. Der Anbieter muss das Sys-tem dann warten, regelmig aktualisieren und in der Regel eine Rund-um-die-Uhr-Service-Hotline fr Strungen bieten. Womit der Geschftsfhrer beim Pferdefu des Geschftes an-gekommen ist.

    Weil es bis zur Auftragsvergabe Stichwort Vertrauen dau-ert und Sicherheitsbedenken die Einfhrung eines neuen Systems zustzlich verkomplizieren, seien die Verkaufszyklen verdammt lang. Daher sei auch die Sonderkonjunktur noch nicht richtig abzuschtzen: Wie gro ein Prism-Effekt in unserer Branche sein wird, werden wir frhestens in zwei Jahren sehen.

    DIE DREHTREN DES CYBER-INDUSTRIELLEN

    KOMPLEXES

    Der vielversprechende Markt zieht derzeit neue Spieler an. Der schwchelnde Computerriese HP gab krzlich eine neue Marsch-richtung vor: Sicherheit ist das Thema des Tages. Wir werden da gro vorstoen, sagte die Chefin Meg Whitman im amerika-nischen Brsenfernsehen. Das Unternehmen entlsst zwar 29 000 Mitarbeiter, hatte aber Mitte September mehr als 150 offene Stel-len fr Sicherheitsfachleute. >Fo

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    Ermglicht werden die Geschfte rund um den in den USA sogenannten Heimatschutz durch den Drehtr-Effekt zwischen Regierung und Wirtschaft: Wer im Militr oder einem Nachrich-tendienst gearbeitet hat, kann sich darauf verlassen, in einer jener Firmen eine lukrative Anstellung zu finden, die Kritiker dem cyber-industriellen Komplex zurechnen. Der Begriff ist der legen-dren Rede des scheidenden US-Prsidenten Eisenhower aus dem Jahr 1961 entlehnt, der vor zu engen Verbindungen zwischen Rstungsindustrie und Staat als militrisch-industriellem Kom-plex warnte. In den einschlgigen Unternehmen handeln ehe-malige Regierungsangestellte dann mit alten Bekannten aus der Verwaltung lukrative Vertrge aus.

    Aktuell reiten die Anbieter auf der Big-Data-Wel-le, sagt der inves-tigative Journalist Pratap Chatterjee, der den Nachrich-tendienst Corp-watch betreibt und die Branche gut kennt. Sie verkau-fen das Verspre-chen, man knne aus dem elektro-nischen Heuhau-fen auf gleichsam wundersame Wei-se die richtigen Stecknadeln herausfischen, und zwar ohne beim Personal aufzustocken. Ob die Schnffel-Software auch wie be-worben funktioniert und beispielsweise unter Millionen Gesichtern das gesuchte findet, lsst sich schwer prfen.

    Erstens werden viele dieser Auftrge geheim vergeben mit der Folge, dass mehrere Abteilungen in unterschiedlichen Regie-rungsbehrden versuchen, das Rad jeweils neu zu erfinden. Zwei-tens ist das Vergabeverfahren ein undurchsichtiges Labyrinth, in dem sich ein Anbieter nur mithilfe von Pfadfindern orientieren kann, die den Behrdendschungel kennen, weil sie dort ttig waren und fr ihre Hilfestellung heute Gebhren verlangen.

    Ohne Kontakte ist das Geschft mit Sicherheit eine Black-box, klagt Sascha Meinrath, Direktor des Open Technology Institute in Washington. Selbst wenn ich eine hervor ragende Software habe, die der Regierung wie gerufen kommt, kann ich ohne Vitamin B gar nicht herausfinden, wo ich mein Angebot einreichen kann. Das sind Verhltnisse, die man in einem Land wie Nigeria als schlimmste Auswchse der Korruption anpran-gern wrde.

    Diejenigen, die bereits gut im Geschft sind, strt das weni-ger. Groe Beratungsfirmen wie Booz Allen Hamilton (BAH), die

    rund 14 000 Angestellte vor den Toren Washingtons beschftigen und die Hlfte ihres Jahresumsatzes mit Auftrgen von Militr und Geheimdiensten machen, setzen mit Erfolg auf den Drehtr-Effekt. So leitet John Mike McConnell, ehemaliger Geheim-dienstchef unter George W. Bush heute die Abteilung Cyberver-teidigung des Unternehmens die gerade einen 5,6 Milliarden Dollar schweren Auftrag vom Pentagon erhielt. James Clapper, McConnells Nachfolger im Regierungsamt, sa wiederum frher jahrelang bei BAH in der Chefetage. Man nimmt in Kauf, fr ein paar Jahre kein Millionengehalt zu kassieren, weil man es sich spter doppelt und dreifach zurckholen kann, wenn alte Kame-raden die Programme auflegen, fr die man seine Dienste anbie-

    tet, so der Kommentar des Journalisten Chatterjee.

    Kleine Firmen mssen anders vorge-hen. Sie verdingen sich als Subunterneh-mer fr einen groen Konzern oder beru-fen einen pensio nierten Militr oder Geheimdienstler in ihre Fhrungsmann-schaft, der als Beauftragter fr Regie-rungsangelegenheiten alte Kontakte akti-viert und als Trumpf bei Ausschreibungen dient. Denn Veteranen werden ebenso wie ethnische Minderheiten in den USA bei der Vergabe ffentlicher Auftrge bevor-zugt bercksichtigt.

    Ntzlich ist neben guten Kontakten auch geschickte PR. Palantir aus Palo Alto beherrscht sie. In den Medien wird das

    Unternehmen seit Jahren dafr gefeiert, in Datenbergen schnell und akkurat Verdchtiges aufzuspren. So soll ihre Software da-bei geholfen haben, Osama bin Laden ausfindig zu machen. Nachdem In-Q-Tel Wagniskapital spendierte, gehren inzwi-schen neben der CIA das FBI, die NSA und viele andere Regie-rungsbehrden zum Kundenkreis. Geheim dienstchefs und Ge-nerle fungieren als Berater und preisen Palantir. Mit dem Effekt, dass mittlerweile mehr als die Hlfte des auf 450 Millionen Dol-lar geschtzten Jahresumsatzes aus der Privatwirtschaft stammt die nun auch in den Genuss der magischen Datensichtung kommen mchte.

    Der Messe-Organisator Lucas hat noch drei handfeste Argu-mente fr eine goldene Zukunft der Branche parat. Zum einen werden seiner Ansicht nach auslndische Regierungen, die es strt, dass Daten ihrer Brger aus sozialen Netzwerken in den USA gespeichert werden, Konzerne wie Facebook zwingen, diese vor Ort zu hosten einschlielich Abhrmglichkeiten. [Unse-re] Anbieter werden diese Produkte liefern. Zweitens machen sich Lnder wie Brasilien dafr stark, nur noch einheimische Abhrtechnik zu verwenden. Amerikanische IT-Firmen werden nach Lucas Einschtzung deshalb Partnerschaften mit Anbie- > Fo

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    tern in den jeweiligen Lndern eingehen. Er verweist auf den staatlichen Energiekonzern Petrobras, der nach Meldungen ber NSA-Aussphung umgerechnet sieben Milliarden Euro in Daten-schutz investieren will. Drittens werde jeder Versuch, den Einfluss der NSA zu begrenzen, unweigerlich zu hheren Investitionen in Technik fhren. Nehmen wir die Speicherung von Verbindungs-daten. Wenn einzelne Telekomfirmen diese Daten statt der NSA speichern, htten wir Hunderte statt einer NSA-Datenbank. Ver-bindungsdaten sind das Herzstck vieler Produktportfolios. Je dezentraler diese Daten gespeichert werden, umso mehr Geld wird fr solche Produkte flieen, sagt Lucas trocken.

    PRISM = WECKRUF = MEHR BUDGET AUS BERLIN UND BRSSEL

    In Deutschland werden kleinere Brtchen gebacken, aber in den interessierten Kreisen ist man ebenfalls nicht unglcklich ber die aktuelle Debatte. Andreas Knen, Vizeprsident des Bundesamts fr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), drckt es so aus: Prism ist ein Weckruf. Den brauchte es offenbar, damit das Thema IT-Sicherheit den politischen und gesellschaftlichen Stel-lenwert bekommt, den es verdient. Der Punkt der ntigen Sen-sibilisierung bei ffentlicher Verwaltung, Unternehmen und priva-ten Nutzern sei endlich erreicht.

    Man knnte auch sagen: Endlich finden er und seine Kollegen Gehr. Bereits Anfang des Jahres wiesen sie darauf hin, dass meh-rere Versionen des Verschlsselungsstandards SSL nicht mehr sicher sind. Wenn ein deutsches Amt das ffentlich macht, ist das aber weniger aufregend als die Enthllungen eines abtrnnigen NSA-Agenten. Knen nutzt jedenfalls die kommunikative Chan-ce, die sich daraus ergibt. Unter anderem, um den politischen Boden fr mehr IT-Sicherheitsbudget im Bundeshaushalt zu be-reiten. Ein Blick auf die Zahlen der jngeren Vergangenheit zeigt: Es geht, zumindest fr hiesige Verhltnisse, um viel Geld.

    Aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung flossen in den Jahren 2009 bis 2011 etwa 120 Millionen Euro in IT-Sicher-heitsanwendungen, aber das war nur ein verhltnismig kleiner Betrag, den sich vor allem BSI-zertifizierte Firmen wie T-Sys-tems in vergleichsweise raschen Vergabeverfahren sichern konn-ten. Der Bund gibt jhrlich rund 18 Milliarden Euro fr IT aus. Das BSI kann leider nicht genau herausrechnen, wie gro der Anteil fr die Sicherheit ist. Eine branchenbliche Zielgre sind sieben Prozent. Das wren also mehr als 1,2 Milliarden Euro, die IT-Sicherheitsfirmen allein mit der Bundesverwaltung verdienen knnten.

    Deutsche Firmen haben einen Heimvorteil. Auf der Website des BSI sind neun zertifizierte IT-Sicherheitsdienstleister aufgelis-tet. Alle haben ihren Hauptsitz in der Bundesrepublik und sind bis auf eines mehrheitlich in deutschem Besitz. Die Ausnahme gehrt zur Unternehmensgruppe des TV Austria. Auch hierzu-

    lande macht die Vokabel vom cyber-industriellen Komplex die Runde, aber selbst die grten Verschwrungstheoretiker ms-sen einrumen, dass sich der im Vergleich zu den USA zwergen-haft ausnimmt. Nachprfbar ist: Auch bei greren Ausschrei-bungen des Bundes gibt oft nur ein einziger Anbieter von dieser Liste ein Angebot ab. Daher drften, so die Kritiker, die Gewinn-spannen weit ber dem Marktdurchschnitt liegen.

    Mittlerweile haben auch die mit dem Thema befassten Politi-ker und Beamten der Europischen Kommission die Chancen erkannt, die sich dank des NSA-Skandals auftun. Politisch bringt er die informationstechnischen Integrationsbemhungen der Kommission voran, zum Beispiel in Form der European Cloud Partnership. Und solche Initiativen sind immer auch mit Budgets verbunden, die EU-Beamte dann verteilen drfen.

    TRANSATLANTISCHE GEWITTER IN DER DATENWOLKE

    US-Konzerne sind wegen der Daten, die die NSA bei ihnen abzapft, in Veruf geraten, eu-ropische Firmen knnen nun da-von profitieren. Doch diese Rech-nung wird so einfach nicht auf-gehen, weil Face-book, Google & Co nicht unttig sind. Sie haben eine lautstarke

    Lobby, die die Regierung in Washington mit dsteren Prognosen unter Druck setzt. Das gestiegene Misstrauen gegenber Cloud-Diensten, so die in zwei Studien nachzulesende Hiobsbotschaft, werde US-Anbieter in den kommenden drei Jahren zwischen 22 und 180 Milliarden Dollar kosten.

    Solche gewaltigen Summen sorgen fr Schlagzeilen. Und die Gelegenheit fr die Verantwortlichen in den IT-Konzernen, ihr Anliegen zu bermitteln: Sie wrden gern mehr ber geheime richterliche Anordnungen verraten, mit denen sie zur Weitergabe von Kundendaten gezwungen werden um sich so als Opfer staatlicher Pressionen darzustellen. Dummerweise geben die Autoren beider Studien zu, den Milliardenschaden infolge von Vertrauensverlust nur Pi mal Daumen auf der Basis einer einzigen kleinen Umfrage hochgerechnet zu haben. Einen solchen Ein-bruch wird es nicht geben, rumte der Forrester-Analyst James Staten ein, der die 180 Milliarden Dollar leichtfertig in die > Fo

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  • Tirol / Herz der AlpenBergwinter Tirol

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    So nah, so fern.

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    Debatte gebracht hatte. Der etwas vorsichtigere Analyst Daniel Castro vom Industrieverband ITIF machte am Ende seines Papiers klar, worum es bei der Schwarzmalerei wirklich geht: Imagepolitur fr amerikanische Cloud-Anbieter.

    Dieter Kempf kennt die wirtschaftlichen Interessen auf bei-den Seiten des Atlantiks. Er fhrt mit der Datev ein deutsches Unternehmen, das mit Datensicherheit einen groen Teil seines Umsatzes macht. Als Prsident des Branchenverbands Bitkom hat er zudem einen guten berblick ber US-Firmen, deren hie-sige Niederlassungen ebenfalls wichtige Mitglieder in seinem Verband sind. Der Interessenkonflikt wird offenkundig, wenn deutsche Firmen fr IT-Sicherheit made in Germany trom-meln, um eine deutsche Cloud auf Kosten der US-Konkurrenz steigen zu lassen.

    Kempfs Analyse der aktuellen Sondersituation sieht so aus: Das Vertrauen der Internetnutzer ob privat, in Firmen oder Behrden in den Datenschutz ist massiv zurckgegangen. Das berrascht wenig und ist gut frs Geschft, konkret fr fnf Pro-zent Wachstum noch in diesem Jahr. Auf diese Zahl kommt eine Marktstudie vom Bitkom und dem Beratungsunternehmen IDC. Fr die kommenden Jahre hlt Kempf Raten von acht bis zehn Prozent fr realistisch, besonders bei den Verschlsselungstech-niken, bei Firewalls und der Absicherung mobiler Endgerte.

    Allerdings wei Kempf auch: Bei privaten Nutzern ist die Halbwertszeit der Emprung bei Datenschutzskandalen sehr kurz. Zumal mehr Sicherheit mit mehr Kosten und weniger Bequemlichkeit einhergehe. In Firmen habe das Thema aber end-lich die Vorstandsebene erreicht. Und entschliet sich ein Unter-nehmen, in IT-Sicherheit zu investieren, trifft es eine strategi-sche Entschei-dung. Dann zie-hen kurzfristige Manahmen oft langfristig bin-dende Vertrge nach sich, von denen die IT-Sicherheitsanbie-ter auch entsprechend langfristig profitieren, selbst wenn die Auf-regung ber Prism lngst wieder abgeebbt sein wird.

    Vineet Jain hat sich entschlossen, auf der aktuellen Emp-rungswelle zu surfen. Ich bekomme jeden Tag Mails von ver-unsicherten europischen Kunden, sagt der Grnder und Chef des kalifornischen Cloud-Anbieters Egnyte. Privatheit gibt es nicht mehr, aber verlsslichen Datenschutz sehr wohl. Und damit werben wir, was das Zeug hlt! Sein Unternehmen bietet File-sharing-Dienste fr rund 30 000 Firmen weltweit an, vom Mittel-

    stndler bis zum Multi. Ein Siebtel kommt aus Europa, und Jain glaubt, dass er diesen Prozentsatz noch steigern kann.

    Das Unternehmen aus dem Sili-con Valley reagierte schnell auf den NSA-Skandal und entwickelte eine Marketingkampagne, die intern nur halb im Scherz als Snowden-Pro-gramm bezeichnet wurde. Dazu gehrt das Angebot, die technische Infrastruktur einer Firma kostenlos nach Lcken abzuklopfen. Egnyte hat zu-dem die Bremse bei der Cloud-Euphorie gezo-gen und wirbt damit, dass Firmen ihre Da-ten ruhig komplett hinter der eigenen Fire-wall belassen und sich nur bei der streng geregelten Zugangs-kontrolle aufs Netz sttzen sollten. Endlich hat die Realitt unsere Vision eingeholt, freut sich Jain. Bei der jngsten Auf-sichtsratssitzung habe er Super-Zahlen vorlegen knnen.

    Wer die Angst vor US-Spionen zum Geschftsmodell erklrt, rennt bei vielen Firmen offene Tren ein. Allerdings anders, als sich das europische Anbieter wnschen, die mit IT-Sicherheit made in Germany werben. Besonders die Cloud ist bei vielen europischen Unternehmen out. So sagte zum Beispiel der obers-te IT-Verantwortliche einer groen deutschen Online-Versiche-rung: Bei uns muss keiner mehr seine Cloud-Konzepte aus der Schublade holen, um sie dem Vorstand vorzulegen. Er kann sie direkt im Papierkorb entsorgen. Was einen deutschen Lobbyis-ten eines groen US-amerikanischen IT-Konzerns in Berlin kein Stck wundert.

    STEILVORLAGE FR BRSSEL

    Der Mann war einmal Mitarbeiter einer deutschen Sicherheits-behrde. Als deutscher Vertreter von US-Interessen hat er nun einen interessanten Blick auf die Dinge. Er sagt: Die Debatte um Prism hat zu einer absurden Risikowahrnehmung sowohl in der deutschen ffentlichkeit als auch unter IT-Verantwortlichen von deutschen Unternehmen gefhrt.

    Die US-Geheimdienste wrden als die grte Bedrohung wahrgenommen. Potenzielle Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie Stromnetze und Wirtschafts-Cyberspionage aus Russland und China wrden dagegen weiter unterschtzt. Er berichtet von Unternehmen, die sich aufgeregt die Frage stellten, ob ihre Daten vor amerikanischen Diensten sicher seien. Aber genau diese > Fo

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _IT-SICHERHEIT

    Dienste htten ber Umwege eben jenen Firmen schon mal den freundlichen Hinweis gegeben: Ihr habt seit drei Monaten die Chinesen bei euch drin! Die Prism-Diskussion erinnert den Fachmann an die Stimmung zur Zeit des Nato-Doppelbeschlus-ses. Europer profitieren seiner Ansicht nach trotz Tempora und xKeyscore sicherheitspolitisch von den Investitionen des amerikanischen Staates in solche Technik.

    Die Asymmetrie sei das eigentliche Problem der deutsche Staat investiere zu wenig in Cyber-Sicherheit. Und beschwere sich aus Undank bei den amerikanischen Verbndeten, von deren Schutzschirm er profitiere. Das ist aus Sicht des Lobbyisten politisch rgerlich und kontraproduktiv fr die transatlantischen Beziehungen. Handfester wirtschaftlicher Schaden entstehe aber dann, wenn deutsche IT-Firmen, die auf dem Weltmarkt erheb-liche Probleme haben, deutsche Politiker davon berzeugen, dass nur deutsche Produkte deutsche IT-Sicherheit herstellen kn-nen. Und dies alles unter der berschrift technologische Sou-vernitt Deutschlands oder Europas.

    Ein Beispiel ist Andromde, der Versuch des franzsischen Staates, zusammen mit der franzsischen IT-Industrie einen fran-zsischen Cloud-Dienst aufzubauen. Auf dem sollen zum einen die IT-Anwendungen des franzsischen Staates laufen und gern auch die von anderen EU-Lndern. Frankreich hat 4,2 Milliarden Euro in einem Fonds fr die digitale Gesellschaft bereitgestellt, aus dem Andromde und andere Projekte finanziert werden.

    Und es gibt noch ambitioniertere Trume. Politiker, Beamte und Lobbyisten der europischen IT-Branche, vorzugsweise mit Dienstsitz Brssel, fordern einen europischen IT-Airbus. Das hrt sich gut an. Denn Airbus wurde nach groen Anlaufverlus-ten langfristig zur sinnvollen Staatsinvestition in den privaten Sek-tor. Doch bei Dieter Kempf, dem Bitkom-Prsidenten, ruft die Idee nur Kopfschtteln hervor: Unsere Branche ist mit dem Flugzeugbau nicht zu vergleichen. In einigen Bereichen, zum Bei-spiel bei Routern im Massenmarkt, hat Europa einen Entwick-lungsrckstand von Jahren. Milliarden wrden nicht reichen, um den aufzuholen.

    EIN UNGEWOLLTES ABLENKUNGSMANVER

    Etwas berspitzt knnte man die Prism-Geschichte auch so er-zhlen: Ein Geheimdienst spioniert mit den Mitteln der Massen-datenanalyse Freunde aus. Damit macht er sich bei den Freunden zum Feind, die ihre eigentlichen Feinde wiederum aus den Augen verlieren. Was aber im Ergebnis nicht so schlimm ist. Denn durch Prism erhht sich das Problembewusstsein, was russischen und chinesischen Hackern das Leben zumindest ein wenig schwerer macht.

    Viktor Mayer-Schnberger, ehemaliger Software-Unterneh-mer, Professor am Oxford Internet Institut, sieht noch zwei Wi-dersprche: Die NSA profitiert von ihren Datenanalysen, fr die sie nun am Pranger steht, deutlich weniger als andere US-Sicher-heitsbehrden, ber die zurzeit niemand redet. Das sind vor allem die Bundespolizei FBI und die Drogenfahnder von der DEA. Und die NSA entwickelt sich selbst immer strker zu einer janus-kpfigen Organisation. Denn: Es gibt in der NSA eine starke Fraktion, die erkennt, dass der Kurs der aggressiven Datenspio-nage mittelfristig die USA als informationstechnologische Macht schwcht. Insbesondere auch die NSA selbst.

    Die Snowden-Enthllungen spielen, wenn man Mayer-Schn-felders folgt, auch der Defensiv-Fraktion in der NSA in die Hn-de. Die will weniger Individuen abhren, sondern aus den gigan-tischen Datenmengen knftiges Verhalten von Personengruppen vorhersagen, Risiken abschtzen, um dann prventiv eingreifen zu knnen.

    Der US-Lobbyist spricht davon, den digitalen IQ des Staates zu erhhen. Das koste natrlich. Steuergeld. Aber das ist bei Konjunkturprogrammen ja immer so.

    siehe auch brand eins 02/2002: Spione und Start-ups; b1-link.de/spione_startups

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _UNTERNEHMERPORTRT PETER THUN

    Der Herrder EngelEs kann ein Schicksal sein, wenn die Mutter eine der bekanntesten Bozener Keramikfiguren erfunden hat. Peter Thun (Foto) hat es angenommen und aus einer Sdtiroler Werkstatt ein weltumspannendes Imperium gemacht.

    Portrt eines Unternehmers.

    Text: Gerhard Waldherr Foto: Monika Hfler

    Das Einkaufszentrum Galleria Verona Uno in San Giovanni Lupatoto, Region Venetien. Bunte Konsumschau, an jeder Ecke eine Palme. Peter Thun sucht seinen Laden. Aber zuvor muss er noch schnell bei Geox reinschauen. Im Geschft kein einziger Kunde. Die Firma hat im ersten Halbjahr 2013 fast die Hlfte ihres Umsatzes eingebt. Gegenber der Laden von Swarovski. Auch leer. Die liegen bei 20 Prozent minus. Whrend der Auto-fahrt hatte Thun ber die Krise gesprochen: Die Leute kaufen nicht mehr.

    Der 58-Jhrige ist ein Mann, der auffllt, ein sportlicher Typ mit markantem Gesicht und silbergrauem Haar. Er federt vorbei an McDonalds und Intimissi, Unterhosen fr den modebewuss-ten Italiener, und sammelt weitere Indizien fr seine These: Das Einzelhandelssterben wird in Italien noch dramatisch werden. Dann stoppt er. Spht durch die Glasscheibe. Kiko: Make-up zu niedrigen Preisen. An der Kasse eine Schlange. Die haben, sagt er, einen durchschnittlichen Kassabeleg von unter zehn Euro, planen 80 Lden in China. Das Geschftskonzept, so Thun, stamme brigens von einem Mailnder Immobilienhndler.

    Solche Leute imponieren ihm, solche Geschichten mag er. Als Unternehmer bist du immer mit Herausforderungen kon-frontiert. Zu meinen Aufgaben gehrt nicht, stehen zu bleiben, wo ich bin. Womit wir bei der Thun S.p.a. wren, seiner Firma, die nicht stehen bleiben kann. Das hat primr mit dem Material zu tun, das ihr Image bestimmt: Keramik. Damit hat sie in Italien eine Markenbekanntheit von 78 Prozent erreicht. Jeder zweite Italiener besitzt eines, jeder dritte mehr als sechs Thun-Produkte. Der Unternehmer sagt: Jeder kennt uns. Das ist gut. Jeder ver-bindet uns mit Keramik. Nicht so gut. Als meine Eltern damit anfingen, war das noch was, aber heute ?

    Mit dem Engel fing alles an

    Keramik ist der Chic von vorgestern. Es wirkt klobiger und zer-bricht leichter als Glas oder Porzellan und ist dafr vergleichs-weise teuer, weil aufwendig zu produzieren. Hinzu kommt, dass die Branche, kurz GPK (Glas, Porzellan, Keramik), zu der es zhlt, schon bessere Zeiten erlebt hat. Den Hochzeitstisch, einst Garant fr solide Umstze, gibt es kaum noch. Wer schafft sich noch ein 124-teiliges Service an? Gekauft werden heute eher Einzelstcke, Prsente zu besonderen Anlssen. 2012 ging der Umsatz der Thun S.p.a. in Italien um 18 Prozent zurck.

    Deshalb sind wir in San Giovanni Lupatoto, sieben Kilometer sdstlich von Verona, und suchen seinen Laden. Dort will Thun zeigen, wie er der Herausforderung begegnet. Wie er mit neuen Produkten den Markt aufrollen will. Nur: Wo ist der Laden? Thun blickt sich um: C&A, Media World, Pasta vom Fernsehkoch Giovanni Rana. Er fragt einen Sicherheitsmann. Der berlegt. Thun? Ah, gli angeli! Der Laden mit den Engeln sei da vorne links. >

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT

  • WAS WIRTSCHAFT TREIBT _UNTERNEHMERPORTRT PETER THUN

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    Otmar Graf von Thun und Hohenstein und Helene Grab-mayr von Angerheim begegnen sich 1949 im Bro eines Bozner Architekten. Er, promovierter Jurist, entstammt einem der ein-flussreichsten Adelsgeschlechter des Trentino und Tirols, das sich auch ber Bhmen, sterreich und Sddeutschland ausgebreitet hat. Sie, jung, hbsch, ist die Enkelin eines Bozner Hoteliers, gilt als gescheit, beliebt und wird von allen Lene genannt.

    Was das junge Paar verbindet, ist der Wunsch, nach den Zer-strungen des Zweiten Weltkrieges etwas aufzubauen. Er hat Keramikschulen in Umbrien und Perugia besucht. Sie hat schon als Kind gern gebastelt, gemalt und liebt Keramik. 1950 grnden die beiden eine Werkstatt im Keller von Schloss Klebenstein, wo Lene Thun fortan Tier- und Krippenfiguren, Teller, Tassen und Vasen kreiert, verziert mit Ornamenten wie Herzen, Blumen, Granatpfeln, Sonnenrdern, Bienen, Marienkfern.

    Eines Abends sitzt sie im Keller und formt einen Engel. Er hat ein pausbckiges Gesicht, die Augen geschlossen, die Lippen ge-spitzt, den Kopf leicht in den Nacken gelegt. Er sieht aus, als wrde er trumen. Das erdige Material. Die rustikale Gestalt. Die warmen Farben seiner Bemalung. Schwer zu sagen, was seinen Reiz ausmacht. Vielleicht ist es die Melange aus Kitsch und Kunsthandwerk, die heile Welt suggeriert. Jedenfalls wird der Engel zum Verkaufsschlager, schon bald bekannt als Angelo di Bolzano. Bis heute ist der Bozner Engel fr Thun, was der Stern fr Mercedes ist.

    Peter Thun hat seinen Laden gefunden, zwischen Calvin Klein und Wind Infostrada. Er studiert die Auslage, geht rein, berprft Regale und Tische. Welche Produkte liegen wo? Wie werden sie prsentiert? Und vor allem: Ist das neue Konzept zu erkennen?

    Thun hat in den vergangenen Jahren seine Produktpalette ver-grert und neu sortiert. Unter Casa finden sich weiter die klas-sischen, berwiegend dekorativen Keramikartikel vom Kochlf-felbehlter ber die Wanduhr bis zur Stehlampe. Unter Donna neuerdings Damenmode, Schmuck und Accessoires, darunter Handtaschen, Brieftaschen, Schlsselanhnger. Unter Bimbo Kleidung fr Kinder bis 24 Monate, Plschtiere, Spielsachen. Und unter Momenti werden Artikel zusammengefasst, die sich als Geschenke eignen, natrlich die Engel, aber auch Fotorahmen, Hochzeitsalben, Glckwunschkarten. Die Bomboniera, das Pr-sent, die kleine Aufmerksamkeit, ist beliebt in Italien.

    Wer Thun kauft oder schenkt, ist meist weiblich, Mitte 30, verheiratet, Mutter, Mittelstand. Die Mamma, sagt Paolo Den-ti, Geschftsfhrer in der Unternehmenszentrale in Bozen, ist immer der Chef, sie gestaltet die Wohnung, sie kauft fr die Kin-der, sie kauft fr sich, sie kauft fr ihre Eltern, Schwiegereltern und Freundinnen. Mit den neuen Produktfamilien, so Denti, haben wir mehr Mglichkeiten, die Kundin zu erreichen.

    Kein Vorteil ohne Nachteil. Das Problem ist, unsere Identitt, unsere Sprache von Keramik auf Materialien wie Leder, Stoff, Gold, Silber zu bertragen, sagt Peter Thun. Wie bewahre ich die Anmutung von Keramik, obwohl ich nicht mehr damit oder nur mit Keramikteilen arbeite? Diese Skills haben wir noch nicht. Was sie aber wissen: Wir drfen dabei auf keinen Fall unsere DNS verlieren.

    Dieses Erbgut stammt von Lene Thun, die bis 1995 die Pro-duktentwicklung leitete. Ihre Handschrift findet sich fast berall, neben dem Bozner Engel bevlkern immer noch ihre Hndchen, Ktzchen und Hschen in unzhligen Varianten, Gren und

    Herzig: Mit solchen Figuren wurde Thun gro. Der Geschftsfhrer Paolo Denti hat bei sich daheim keine stehen

  • WAS WIRTSCHAFT TREIBT

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    Ausdrucksformen die Kataloge. Der Aufschwung der Firma ist das Werk ihres Sohnes Peter. Dank ihm wurde aus einer Keramik-werkstatt mit 35 Mitarbeitern ein Unternehmen mit 172 Millio-nen Euro Umsatz, mehr als 2000 Mitarbeitern und 1700 Ver-kaufsstellen in Europa und Asien. 1100 Lden beliefert Thun allein in Italien. Es gibt jhrlich zwei Kollektionen mit jeweils 2300 Artikeln, wobei jeweils 800 neu entworfen werden, darun-ter zahlreiche Sondereditionen fr den Thun Club mit 100 000 Mitgliedern.

    Peter Thun ist ein wildes Kind. Mit zwlf bestreitet er sein erstes Motorradrennen, mit 16 sein erstes Autorennen. Zusam-men mit seinem lteren Bruder Matteo gehrt er zu Europas ersten Drachenfliegern. Thun studiert Wirtschaft. Drei Prfungen vor seinem Diplom hrt er auf. Keine Lust mehr. Ich wusste, ich wrde dieses Wissen nie benutzen, und nicht angewandtes Wissen macht unglcklich. Mit 19 grndet er seine erste Firma. Sie heit Its Time to Fly und vermietet Drachenflieger, die mit Werbebotschaften bei Events eingesetzt werden. Seine Bekannt-heit als italienischer Meister verschafft ihm die ntige PR. Er ist 21, als er von einem neuen amerikanischen Freizeitsport erfhrt und Thuns Racer grndet, das Skateboards und die dazugeh-rige Schutzkleidung produziert.

    1978 bernimmt Thun den elterlichen Betrieb. Er ist 23. Mein Bruder und ich haben uns immer geschworen, etwas Eige-nes zu machen. In einem Familienbetrieb, sagt Thun, kriegst du als Kind alles mit, die finanziellen Probleme, wie schwer man kmpfen muss, ber alles wird stndig gesprochen. Ich habe

    immer bewundert, wie meine Mami nach einem harten Arbeits-tag nachts im Atelier sitzen und modellieren konnte. Warum er es dennoch gemacht hat, kann er nicht schlssig beantworten. Matteo Thun ist inzwischen Doktor der Architektur und auf dem Weg, einer der renommiertesten Designer seiner Generation zu werden. Einer musste es machen? Nein, sagt Thun, seine Eltern htten ihn nicht beeinflusst: Meine Eltern haben mir immer alle Freiheiten gelassen.

    So sind die Leute hier, sagt Josef Negri, Direktor des Sd-tiroler Unternehmerverbandes. Man fhlt sich dem Familienerbe verpflichtet, und dann geht man aber auch offen und innovativ damit um. Peter Thun stehe stellvertretend fr den Unterneh-mergeist der Region. Trotz nur einer halben Million Einwohner stellt Sdtirol eine Reihe international erfolgreicher Firmen wie Leitner (Seilbahnen), Dr. Schr (glutenfreie Lebensmittel) oder Technoalpin (Schneekanonen). Die Produktivitt der Region ist laut Negri hher als die Deutschlands. Er erklrt es unter ande-rem mit der Mentalitt des Sdtirolers, der sei leistungsorien-tiert, hartnckig und scheut sich nicht davor, Grenzen zu ber-schreiten.

    Auch die Chinesen mgen Kitsch

    Nachdem er die Geschfte bernommen hat, erkennt Thun schnell das Potenzial der Firma. Ich hatte den Markt, was mir fehlte, waren die Kapazitten. Sdtirol ist klein. Hohe Berge, tiefe Tler. Nur ein Sechstel der Flche kann erschlossen werden. Also verlagert der neue Chef die Produktion in die Poebene und baut Logistikzentren in der Nhe von Mantua auf. Die Umstze wachsen rasant. Immer hufiger kommen Briefe von Kunden (Ihre Engel helfen mir in Zeiten der Not), Einladungen zu Hochzeiten, Fotos von Babys mit Thun-Figuren in der Wiege. Ein Hftling schickt Lene Thun Geld und bittet, sie mge seiner Mutter doch einen Engel zu Weihnachten senden. 1998 grnden Mutter und Sohn den Thun Club, fr den neben den Sonderedi-tionen ein Magazin namens Mondo Thun herausgegeben wird und regelmig Feste veranstaltet werden.

    Aus der Keramikwerkstatt ist ein mittelstndisches Unterneh-men geworden. Eine neue Geschftszentrale muss her. Allerdings nicht irgendeine. 2002 wird das von Bruder Matteo konzipierte Thuniversum erffnet: Brogebude, Flagship Store, Restaurant, Caf. Im Mittelpunkt des Komplexes ein kreisrunder Saal, an des-sen Wand ein Sdtiroler Bergpanorama projiziert wird. Steinerne Monstranz. Langsam gleitet die Kamera ber den Fels nach oben in den blauen Himmel. In dem schlielich ein Engel erscheint. Inzwischen kommen 300 000 Besucher jhrlich, an Weihnachten sind es bis zu 70 Omnibusse tglich. Junge Mnner knien im Thuniversum vor ihren Begleiterinnen und machen Heiratsantrge zum Barcley-James-Harvest-Song Hymn: Valleys deep and the mountains so high >

    Die Zielgruppe ist weiblich: Thun-Produkte in einem Einkaufszentrum

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    WAS WIRTSCHAFT TREIBT _UNTERNEHMERPORTRT PETER THUN

    Gleich daneben sind Schauksten in die Wand eingelassen. Auf Knopfdruck laufen Videos an, in denen Lene Thun die vielen Arbeitsschritte bei der Entstehung eines Keramikengels erklrt. Vom Modell aus Ton ber die Herstellung der Gussform, das Fllen der Gussform, das Gltten, Nachbearbeiten, Retouchieren des Gusses, das Bemalen, Brennen, Lackieren des Endproduktes. Das meiste ist Handarbeit.

    Der wachsende Erfolg schafft die nchste Herausforderung: ausufernde Kosten. Zunchst sucht Thun in Osteuropa nach bil-ligeren Produktionsmglichkeiten. Doch die Brokratie, apathi-sche Arbeiter und trge Fabrikleiter, die absurde Kostenrechnun-gen vorlegen, schrecken ihn ab. Daraufhin orientiert er sich in Richtung China. 1993 grndet er dort eine rein auslndische Kapitalgesellschaft und ist damit einer der Ersten. In der Provinz Fujian lsst er eine Fabrik bauen, die neun Monate nach der Zu-weisung des Grundstcks die Produktion aufnimmt. Die Lohn-kosten liegen im Vergleich zu Europa bei 1 zu 20.

    In Sdtirol geboren, in Italien aufgewachsen, durch die Glo-balisierung gro geworden, sagt Thun heute ber sein Unter-nehmen