Depression im Kindesalter - akademie- ? Â· Depression im Kindesalter: unterdiagnostiziert oder überschätzt Manfred Döpfner Klinik für Psychiatrie & Psychotherapie des

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  • Depression im Kindesalter: unterdiagnostiziert oder berschtzt

    Manfred Dpfner

    Klinik fr Psychiatrie & Psychotherapie des Kindes- und JugendaltersAusbildungsinstitut fr Kinder- & JugendlichenpsychotherapieInstitut fr Klinische Kinderpsychologie der Christoph-Dornier-

    Stiftungam Klinikum der Universitt zu Kln

    www.akip.de

    http://www.akip.de

  • Depressive Strungen

    Ihle, W., Groen, G., Walter, D., Esser, G. & Petermann, F. (2012). Depression. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 16. Gttingen: Hogrefe.

    WHO: Depression als eine der hufigsten Erkrankungen weltweit mit schwerwiegenden Folgen (DALY) fr die Betroffenen (z.B. Kinder/ Jugendliche knnen nicht

    mehr, in die Schule gehen, Erwachsene knnen nicht mehr fr ihre Familie sorgen, nicht mehr arbeiten gehen)

    fr unsere Gesellschaft insgesamt (z.B. lange Fehlzeiten, Kosten fr Arztbesuche, Frhberentung)

    seit 2006: Prvention und Behandlung von Depression als 6. nationales Gesundheitsziel in Deutschland

    im Jugendalter deutliche Erhhung des Suizidrisikos Inzidenz Suizidversuche im mittleren Jugendalter am

    hchsten Suizide bei Jugendlichen zweithufigste Todesursache

    (nach Verkehrsunfllen, fast zwei vollendete Suizide tglich bei den unter 24-Jhrigen)

    M. Dpfner

  • Depressive Strungen

    http://www.bmg.bund.de/praevention/gesundheitsgefahren/depression.html

    Depressive Strungen gehren zu den hufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschtzten Erkrankungen. Schtzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen unter einer

    Depression. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen oder affektive Strungen laut Weltgesundheitsorganisation weltweit

    die zweithufigste Volkskrankheit sein.

    M. Dpfner

    http://www.bmg.bund.de/praevention/gesundheitsgefahren/depression.html

  • Depressive Strungen

    http://www.dak.de/dak/bundesweite_themen/Depressive_Jugendliche-1379590.html M. Dpfner

    http://www.dak.de/dak/bundesweite_themen/Depressive_Jugendliche-1379590.html

  • Diagnosekategorien (ICD-10)

    M. Dpfner

  • Kernsymptome Depressive Episode (mind. 2 von 3)

    1. Depressive Stimmung die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag [im wesentlichen unbeeinflusst von den Umstnden und in einem fr die Betroffenen deutlich ungewhnlichem Ausma] {Die Verstimmung wird von den Betroffenen selbst berichtet (z. B. fhlt sich traurig oder leer) oder von anderen beobachtet (z. B. erscheint den Trnen nahe). Bei Kindern und Jugendlichen kann auch eine reizbare Verstimmung auftreten.}

    2. [Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitten, die normalerweise angenehm waren] {Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitten, an fast allen Tagen, fr die meiste Zeit des Tages (entweder nach subjektivem Ermessen oder von anderen beobachtet)}

    3. [Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermdbarkeit ] {Energieverlust oder Mdigkeit an fast allen Tagen}

    [ ] = nur ICD-10 { } = nur DSM-5

    M. Dpfner

  • Ist reizbare Verstimmung ein Kernsymptom bei Kindern und Jugendlichen mit Depression?

    M. Dpfner

    Stringaris et al. (2013) Irritable Mood as a Symptom of Depression in Youth: Prevalence, Developmental, and Clinical Correlates in the Great Smoky Mountains Study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 52(8): 831840.

    Die meisten Kinder und Jugendlichen mit Depression und Reizbarkeit haben auch traurige Verstimmung

    Reizbarkeit sollte deshalb eher nicht als Kardinalsymptom von Depression betrachtet werden

    Vor allem Jungen mit Depression zeigen gehuft Reizbarkeit und Reizbarkeit erhht das Risiko fr aggressiv-dissoziale Strungen

    Reizbarkeit kann daher ein Hinweis auf Depression sein (und auf aggressiv-dissoziale Strungen)

  • 4. Suizidalitt: Wiederkehrende Gedanken an den Tod, wiederkehrende Suizidvorstellungen ohne genauen Plan, tatschlicher Suizidversuch oder genaue Planung eines Suizides

    5. Konzentrationsstrung: Verminderte Fhigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren oder verminderte Entscheidungsfhigkeit entweder nach subjektivem Empfinden oder von anderen beobachtet {an fast allen Tagen}

    6. Psychomotorik: [Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)] {Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung an fast allen Tagen (durch andere beobachtbar, nicht nur das subjektive Gefhl von Rastlosigkeit oder Verlangsamung)}

    7. Schlafstrung: [Schlafstrungen jeder Art] {Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf an fast allen Tagen}

    8. Appetitstrung: [Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechenden Gewichtsvernderungen] {Verminderter oder gesteigerter Appetit an fast allen Tagen oder deutlicher Gewichtsverlust /Gewichtszunahme (mehr als 5% des Krpergewichtes in einem Monat); bei Kindern auch Ausbleiben der erwarteten Gewichtszunahme}

    9. Selbstwertstrung: [Verlust des Selbstvertrauens oder des Selbstwertgefhls]10. Schuldgefhle: [Unbegrndete Selbstvorwrfe/Schuldgefhle]

    [ ] = nur ICD-10 { } = nur DSM-5

    Zusatzsymptome Depressive Episode

    M. Dpfner

  • 1. Konstante oder konstant wiederkehrende depressive Stimmung2. Verminderter Antrieb oder Aktivitt3. Schlaflosigkeit4. Verlust des Selbstvertrauens oder Gefhl von Unzulnglichkeit5. Konzentrationsschwierigkeiten6. Neigung zum Weinen7. Verlust des Interesses oder der Freude an Sexualitt und anderen angenehmen

    Aktivitten8. Gefhl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung9. Erkennbares Unvermgen, mit den Routineanforderungen des tglichen Lebens

    fertig zu werden10.Pessimismus im Hinblick auf die Zukunft oder Grbeln ber die Vergangenheit11.Sozialer Rckzug12.Verminderte Gesprchigkeit

    Kriterien fr eine dysthyme Strung

    M. Dpfner

    Kriterium 1 und mind. 2 Kriterien aus 2-12 erfllt, mind. 1 Jahr andauernd

  • Vernderungen im Entwicklungsverlauf

    DGKJP (2007): Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Strungen im Suglings-, Kindes- und Jugendalter (3. Aufl). Kln: Deutscher rzte-Verlag.

    Kleinkindalter(1-3 Jahre)

    Vorschulalter(3-6 Jahre)

    Schulkinder Jugendalter

    wirkt traurigausdrucksarmes Gesicht erhhte Irritabilittgestrtes EssverhaltenSchlafstrungenselbststimulierendes Verhalten: Jactatio, exzessives Daumenlutschen

    genitale Manipulationenaufflliges Spielverhalten: reduzierte Kreativitt und Ausdauer

    Spielunlustmangelnde Phantasie

    trauriger Gesichtsausdruck

    verminderte Gestik und Mimik

    leicht gereizt stimmungslabil

    mangelnde Fhigkeit, sich zu freuen

    introvertiertes, aber auch aggressives Verhalten

    vermindertes Interesse an motorischen Aktivitten

    Essstrungen bis zu Gewichtsverlust/ -zunahme

    Schlafstrungen: Alptrume, Ein- und Durchschlafstrungen

    verbale Berichte ber Traurigkeit

    suizidale GedankenBefrchtungen, dass Eltern nicht gengend Beachtung schenken

    Schulleistungs-strungen

    vermindertes Selbstvertrauen

    Apathie, Angst, Konzentrations-mangel

    Leistungsstrungenzirkadiane Schwankungen des Befindens

    psychosomatische Strungen

    HypersomnieMissbrauch psychotroper Substanzen

    Kriterien einer depressiven Episode

    M. Dpfner

  • Depressive Symptome im Vorschulalter

    M. Dpfner

    Wichtig: Beobachtung vonl Spielverhalten (Spielunlust, schnelle Entmutigung, mangelnde

    Phantasie)l Essverhalten (Mkeligkeit, verminderter / gesteigerter Appetit)l Schlafverhalten (Ein- und Durchschlafstrungen, Frherwachen,

    Alptrume)l ausdrucksarmes Gesichtl auch aggressives Verhalten & Reizbarkeitl Bauch- und Kopfschmerzenl selbststimulierendes Verhaltenl Symptome nicht kontinuierlich !!l oft reaktiv

  • Epidemiologie & Verlauf

    M. Dpfner

  • Depressive Symptome im Jugendalter sind hufig(Selbsturteil, 11-18 Jhrige, SBB-DES)

    M. Dpfner

    Symptom % stimmt/stimmt besondersTraurige Stimmung 2,4%Gereizte Stimmung 5,3%Interesselosigkeit 3,1%Erschpfung/Mdigkeit 5,9%Suizidgedanken 2,8%Suizidversuche 1,8%Hufiges Weinen 6,9%Verzweiflung 3,4%Selbstwertprobleme 3,7%Schuldgefhle 5,6%

    Grtz-Dorten (2005) Untersuchungen zur psychometrischen Qualitt und Normierung zum DISYPS-KJ. Dissertation, Universitt Kln.

  • Depression: Epidemiologie

    M. Dpfner

    l Deutschland: Punktprvalenz 3 - 7%:l 4 Millionen Menschen betroffenl Lebenszeitrisiko 15 - 18%l zwei Hufigkeitsgipfel

    zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr zwischen dem 50. und 59. Lebensjahr

    l Frauen erkranken doppelt so hufig wie Mnner

  • Depressions-Epidemie?

    M. Dpfner

  • Depressions-Epidemie?

    M. Dpfner

    l Meta-Analyse ber mehr als 60.000 Kinder & Jugendliche, zwischen 1965 und 1995 geboren, bei denen ein strukturiertes Interview durchgefhrt wurde

    l Kein Effekt des Geburtsjahres auf Depressionsratenl Prvalenz l Unter 13 J.: 2,8% (keine Geschlechtseffekte)l 13-18 J.: 5,9% weibl., 4,6% mnnl.

    there is no evidence for an increased prevalence of child or adolescent depression over the past 30 years. Public perception of an epidemic may arise

    from heightened awareness of a disorder that was long under-diagnosed by clinicians.

  • Stellungnahme der DGKJP

    M. Dpfner

    Die im klinischen Alltag beobachtete Zunahme depressiver Strungen kann auf verschiedene Faktoren zurckgefhrt werden,l verbesserte Diagnostik und fachrztliche Versorgung,l sowie -durch das frhere Erreichen der Pubertt- die Zunahme von frh

    beginnenden depressiven Strungen

    Vergleicht man epidemiologische Untersuchungen in den letzten Jahren, so kann fr den genannten Zeitraum keine vergleichbare Steigerung wie bei den fr den stationren Krankenhausaufenthalt angegebenen Diagnosen festgestellt werden