Der Dunkle Kontinent

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Text of Der Dunkle Kontinent

  • Der dunkle Kontinent Komplex Gulag

    Reenactment & Szenischer Kongress

    Inhalt 1. Kurze Projektbeschreibung 2. Portrait der Leitenden Institution 3. Ausfhrliche Projektbeschreibung 3.1. Aktuelle Bezge 3.2. Vernetzung

    3.3. Die Moskauer Prozesse , Reenactment in Moskau Historischer Hintergrund Recherche und Umsetzung

    3.4. Die Logik der Vernichtung, Szenischer Kongress in Weimar Historischer Hintergrund Umsetzung

    3.5. Die Wiederholung als (post)m oderne Konkurrenzsthetik, Seminar und Publikation

    3.6. Relevanz 3.7. Zusammenfassung 4. Zeitplan 5. Teamliste 6. Kurzbiographien des Leitungsteams und weiterer beteiligter Knstler Beilagen: A. Bescheinigungen der Koproduktionspartner B. Detaillierter Finanzierungsplan Weiteres Material (Videoaufze ichnungen vergangener Inszenierung, Inform ationen zum aktuellen Stand der Recherchen finden sich auf www.international-institute .de oder kann ber m ail@international-institute .de und dietrich@international-institute .de angefordert werden.

  • 1. Kurze Projektbeschreibung

    Zur Dynamik der totalitren Bewegungen gehrte es, dass die Ambitionen und Interessen, von denen sie getragen wurden, nichts Statisches waren, sondern nach vorn in ein Niemandsland wiesen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die sowjetkommunistische Bewegung die Fahne der Reinheit gehisst. Der Groe Terror, der in den Jahren 1937/38 an seinen Hhepunkt gelangte, sollte die letzte, endgltige Suberung sein, die die Periode der sozialen Umgestaltung ein fr allemal abschlieen wrde. Befreit werden sollte das Land von Saboteuren, Abweichlern und Volksfeinden, die getarnt als aufrechte Kommunisten in der Mitte der Partei ihrer destruktiven Arbeit nachgingen. Nirgendwo zeigt sich der Prozess der nicht nachlassenden Zurichtung der Gesellschaft, die alle gerade neu konsolidierten Schichten abtrug, deutlicher als in den Moskauer Prozessen 1937/38 und in den das ganze Land berziehenden Lagern des Gulag.

    Das Projekt Der dunkle Kontinent. Kom plex Gulag untersucht die Vorgehensweise der Suberung aus der Perspektive der Akteure, beleuchtet ihre Geisteshaltung und ihre Methoden der Durchfhrung und ergnzt so mit analytisch-knstlerischen Mitteln die von der Kulturstiftung des Bundes gefrderte Ausstellung Spuren des Gulag, die sich auf die Dokumentation der Leiden der Opfer konzentriert.

    In einer ersten Phase wird das IIPM in Kooperation mit dem teatr.doc (Moskau) und dem Menschrechtszentrum Memorial Russland den dritten und spektakulrsten Schauprozess in Moskau im August 2012 in einer Rekonstruktion des Oktobersaals ber drei Tage in voller Lnge reinszenieren und mit zwei Kameras dokumentieren. Die Moskauer Prozesse waren das Schaufenster des Terrors; gleichsam als allegorisches Spiel traten hier alle Widersprche des Stalinismus zutage: die Notwendigkeit der Reinigung des Volkskrpers, die paranoide Grundstruktur seines utopischen Anspruchs und die endgltige Abkehr vom aufklrerischen Ideal des Menschenrechts zugunsten eines imaginren Rechts der Geschichte. Parallel zum Reenactment werden Diskussionen und Vortrge stattfinden, die die knstlerische Intervention einbinden in aktuelle Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung des Stalinismus im heutigen Russland.

    Im zweiten Teil von Der dunkle Kontinent. Kom plex Gulag realisiert das IIPM in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, der Stiftung Gedenksttten Buchenwald und Mittelbau-Dora und der Bauhaus Universitt Weimar einen szenischen Kongress. In der Halle des e-werks Weimar werden verschiedene Rumlichkeiten des ehemaligen Konzentrations- und spteren Speziallagers Buchenwald als lebende Installationen nachgebaut. In den Kulissen der Verhrzellen, der Schlafsle und der Verwaltungszimmer werden diverse internationale Experten, u.a. Anne Applebaum, Karl Schlgel, Irina Sherbakowa, Wolfgang Sofsky, Sylvie Sasse, Jacques Smelin, Timothy Snyder, Matthias Brodkorb und Jan Reemtsma ber die innere Logik der Vernichtung sprechen. Neben den Vortrgen wird die Aufzeichnung des Reenactments der Moskauer Prozesse in einer aufwndigen Videoinstallation prsentiert.

    Im letzten Teil des Projekts werden die gewonnenen Erkenntnisse in einer Seminarreihe an der Zrcher Hochschule der Knste (ZHdK) verarbeitet. Im Verlag Theater der Zeit erscheint ein Tagungsband mit den Beitrgen der Vortragenden des szenischen Kongresses und einer Dokumentation des Reenactments.

  • 2. International Institute of Political Murder IIPM Berlin/Zrich

    Portrait der Leitenden Institution

    Das IIPM International Institute of Political Murder wurde Ende 2007 mit Sitz in Berlin und Zrich gegrndet, um den Austausch zwischen Theater, bildender Kunst, Film und Forschung auf dem Gebiet des Reenactments der Re-Inszenierung geschichtlicher Ereignisse zu intensivieren und theoretisch zu reflektieren. Dabei stehen internationale Koproduktionen und Themen von gesamtgesellschaftlichem Interesse im Vordergrund. Das IIPM ist in seinen knstlerischen Reenactments auf grtmgliche Faktentreue bedacht. Ausfhrliche Recherchearbeit in den Archiven und Interviews mit Historikern, Soziologen und politischen Gruppierungen bilden das Fundament, auf dem das Institut seine Projekte erarbeitet. In theatralen, filmischen, literarischen und knstlerischen Installationen sollen historisch relevante Ereignisse dem Zuschauer zugleich spielerisch und sthetisch anspruchsvoll zugnglich gemacht und innerhalb aktueller Diskussionszusammenhnge reflektiert werden.

    Die Mitglieder des IIPM vgl. angehngte Lebenslufe arbeiten schon seit vielen Jahren in wechselnden Konstellationen zusammen. Ihre bisherigen Produktionen, die an zahlreichen Theatern Deutschlands, Frankreichs, der Schweiz und Rumniens zu sehen waren (HAU Berlin, Theaterhaus Gessnerallee Zrich, Teatrul Odeon Bukarest, sophiensaele Berlin, kampnagel Hamburg, Maxim Gorki Theater Berlin, Staatsschauspiel Dresden, Schlachthaustheater Bern, Sdpol Luzern etc.) stieen international auf groe Resonanz und stehen fr eine neue, dokumentarisch und sthetisch verdichtete Form politischer Kunst.

    Das letzte vom IIPM produzierte theatrale Reenactment Die letzten Tage der Ceausescus (2009/10), ein akribisch recherchiertes Reenactment der Verurteilung und Hinrichtung des Ehepaars Ceausescu im Dezember 1989 wurde in Rumnien, Deutschland und der Schweiz mit groem Erfolg bei Publikum und Kritik aufgefhrt und hatte ein gesamteuropisches Medienecho zur Folge. Eine Reihe von Podiumsdiskussionen, Symposien und Parallelveranstaltungen sowie eine international produzierte Filmfassung und ein umfangreicher Dokumentationsband erweiterten das Projekt zum interdisziplinren und gesamtgesellschaftlichen Ereignis (u. a. Nominierung zum Berliner Theatertreffen und Einladung ans Festival dAvignon).

    Das umstrittene Projekt von der fhrenden rumnischen Wochenzeitung Revista 22 als erster Schritt der rumnischen Gesellschaft, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen bezeichnet fhrte jedoch nicht nur zu heien Diskussionen unter Zuschauern, Historikern und Politikern. Noch whrend der Auffhrungen ist Die letzten Tage der Ceausescus zum festen Bestandteil diverser kulturwissenschaftlicher und sthetiktheoretischer Seminare geworden (u. a. an der Humboldt Universitt zu Berlin, der HFG Karlsruhe und der Zrcher Hochschule der Knste). Der Begleitband zum Projekt (mit Beitrgen von Friedrich Kittler, Heinz Bude, Andrei Ujica, Gerd Koenen u. a.) wird bereits in zweiter Auflage nachgedruckt. Neben der szenisch genauen und knstlerisch packenden Verarbeitung historischer und gesellschaftlicher Schlsselmomente ist damit die konsequente berschreitung intermedialer Grenzen zwischen Theater und Film, Bhne und Buch, Kunst und Politik, Praxis und Theorie erklrtes Ziel des IIPM.

    Auf November 2011 realisiert das IIPM in Kooperation mit dem Hauptstadtkulturfonds Berlin, dem Migros Kulturprozent, der Pro Helvetia und zahlreichen weiteren Stiftungen das Reenactment einer Sendung der ruandischen Radiostation RTLM, die 1994 den Vlkermord ideologisch vorbereitete und logistisch koordinierte. Hate Radio wird u. a. am Kunsthaus Bregenz, am HAU Berlin, im migros museum Zrich, an der Beursschouwburg Brssel und am Memorial Center Kigali zu sehen sein.

  • 3. Ausfhrliche Projektbeschreibung

    3.1. Aktuelle Bezge

    2012 jhrt sich der Hhepunkt des stalinistischen Groen Terrors zum 75ten Mal. Zwischen Juli 1937 bis Mrz 1938 kam es zur Verhaftung von ca. 1,5 Millionen Menschen, von denen etwa die Hlfte hingerichtet, die andere Hlfte in Gefngnisse und die Lager des Gulag interniert wurden.

    Das Thema des Gulag und der Schauprozesse besitzt in der gegenwrtigen Situation Russlands groe politische Brisanz. In revisionistischer, die ffentliche Wahrnehmung prgender Lesart gilt Stalin als Erneuerer des russischen Imperiums und Initiator einer gelungenen Industrialisierung. Doch auch im Alltag ist Stalin als positive Leitfigur omniprsent: Auf Moskaus Straen werden Propagandabilder aus den 30er Jahren als Postkarten verkauft, und die Linienbusse in Moskau und Petersburg schmcken sich mit seinem Portrait. Menschrechtlern, die auf die Verbrechen des Stalinismus aufmerksam machten, warf Regierungschef Putin jngst ironischerweise vor, die Geschichte einseitig zu sehen. Als Ende 2010 die Kommission zur Bekmpfung der Versuche der Verflschung der Geschichte unter Beeintrchtigung der Interessen Russlands von der russischen Regierung neu gegrndet wurde, befanden sich unter den insgesamt 28 Beamten nur 4 Historiker. Ziel der Kommission ist es so auch erklrtermaen, jene historischen Forschungsanstze zu diskreditieren, die den Interessen Russlands schaden, was einer Zensur der russischen Geschichte gleichkommt.

    Wie die obigen Beispiele zeigen, kommt die fehlende oder einseitige Thematisierung der Zeit des Groen Terrors einer bewussten Umschrei