Die Banalität des Rassismus - Migranten zweiter media. ?· serviert für Gewalttaten gegen Migranten,…

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  • Mark TerkessidisDie Banalitt des Rassismus

  • Mark Terkessidis (Dipl.-Psych.) ist freier Autor und lebt in Kln. Von 1992 bis 1994war er Redakteur der Zeitschrift Spex. Beitrge zu den Themen Jugend- und Popu-lrkultur, Migration und Rassismus in tageszeitung, Die Zeit, Freitag, Ta-gesspiegel, Literaturen sowie fr den Westdeutschen Rundfunk und Deutsch-landFunk. Buchverffentlichungen u.a.: Psychologie des Rassismus (Opladen/Wiesbaden 1998) und Migranten (Hamburg 2000). Gemeinsam mit Tom Holertgab er den Band Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaftheraus (Berlin 1996); 2002 verfasste das Autorenteam Entsichert. Krieg als Mas-senkultur im 21. Jahrhundert (Kln).

  • Mark TerkessidisDie Banalitt des RassismusMigranten zweiter Generation entwickelneine neue Perspektive

  • Bibliografische Information der Deutschen BibliothekDie Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet ber http://dnb.ddb.de abrufbar.

    2004 transcript Verlag, BielefeldUmschlaggestaltung: Kordula Rckenhaus, BielefeldLektorat & Satz: Kosei Takasaki, KlnDruck: Majuskel Medienproduktion GmbH, WetzlarISBN 3-89942-263-5

    Gedruckt auf alterungsbestndigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff.

    Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de

    Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschren an unter:info@transcript-verlag.de

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    INHALTSVERZEICHNIS

    Vorwort 7

    Kapitel 1: Kritik der Begriffe 13

    1. Auslnderfeindlichkeit 15

    1.1 Auslnderfeindlichkeit theoretisch I: Tsiakalos 17

    1.2 Auslnderfeindlichkeit theoretisch II: Hoffmann/Even 21

    1.3 Auslnderfeindlichkeit empirisch 29

    1.4 Exkurs: Das Modell von Zick 38

    2. Fremdenfeindlichkeit 44

    2.1 Der Fremde als moderner Mensch schlechthin 46

    2.2 Der Fremde als ewiger Neuankmmling 53

    2.3 Fremdenfeindlichkeit empirisch 57

    2.4 Exkurs: Rechtsextremismus 67

    3. Rassismus 71

    3.1 Kritik der Rasse 73

    3.2 Pionierarbeiten 77

    3.3 Rassismus diskursanalytisch 85

    3.4 Perspektivwechsel 87

    Kapitel 2: Methodologie der Rassismusforschung 91

    1. Rassismus: eine Definition 98

    2. Theorie in Bewegung:

    die institutionelle Produktion von Auslndern 100

    3. Rassismus und Wissenschaft: eine problematische Beziehung 109

    4. Das Wissen der Migranten ber Rassismus 115

    5. Verfahrensfragen 121

  • 6

    Kapitel 3: Ich hab mich nie als Auslnder gefhlt 131

    1. Das Inventar der Praxis 131

    1.1 Staatsbrgerschaft: Die Frage der Zugehrigkeit 134

    1.2 Kulturelle Hegemonie I: Die Familie 149

    1.3 Kulturelle Hegemonie II: Die Schule 156

    1.4 Arbeitsmarkt 166

    2. Das Inventar der rassistischen Situationen 172

    2.1 Die Entfremdung 173

    2.2 Die Verweisung 180

    2.3 Die Entantwortung 186

    2.4 Die Entgleichung 195

    2.5 Die Spekularisation 198

    3. Das Inventar des generellen Wissens 203

    Nachbemerkung 209

    Literaturverzeichnis 215

  • 7

    VORWORT

    Vor einigen Jahren stieg ich am Klner Hauptbahnhof zu spter Stunde aus

    einem Zug, der in den Niederlanden gestartet war. Da die Polizei mittlerweile

    dazu berechtigt ist, an Bahnhfen verdachtsunabhngige Kontrollen durchzu-

    fhren, werden Reisende aus den Niederlanden schon mal auf Drogenbesitz

    berprft. Ein junger Polizist nahm mit geschultem Blick die Ankmmlinge

    ins Visier und verlangte schlielich Ausweise zu sehen: den eines ziemlich

    dunkel pigmentierten Mannes mittleren Alters und meinen. Als ich ihn fragte,

    ob seine Auswahl nicht ein wenig selektiv sei, wollte er bereits leicht ag-

    gressiv wissen, wie ich das denn meinen wrde. Also fragte ich ihn, ob er

    uns auch kontrolliert htte, wenn wir blond und blauugig gewesen wren. Er

    erwiderte: Wollen Sie damit sagen, ich bin ein Rassist? Ich konnte mich

    nicht zurckhalten: Das will ich sagen. Woraufhin er seinen Block zckte

    und mir mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung drohte.

    Nun ist es zweifellos nicht angenehm, von jemandem der Diskriminierung

    verdchtigt zu werden. Aber die Reaktion des Polizisten ist doch erstaunlich.

    Denn zunchst provoziert er mich geradezu, das bse Wort Rassismus aus-

    zusprechen, um mir danach wegen der schlimmen Beleidigung zu drohen. Am

    Ende hat sich die Beweislast vllig umgedreht: Whrend die offensichtliche

    Diskriminierung pltzlich berhaupt keine Rolle mehr spielt, erwartet der ein-

    heimische Polizist Abbitte wegen Beschimpfung. Dieser Vorgang ist einiger-

    maen symptomatisch, weil sich hnliches auch auf der Ebene der ffentli-

    chen Diskussion in der Bundesrepublik abspielt ich erinnere etwa an die

    Debatte rund um die Rede des Schriftstellers Martin Walser anlsslich der

    Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998. Da hatte

    Walser jenen, die aufgrund brennender Asylbewerberheime den Vorwurf des

    Rassismus erhoben hatten, vorgeworfen, sie wollten uns, also den Deut-

    schen, wehtun. Als der ehemalige Hamburger Brgermeister Klaus von

    Dohnanyi dann eine provokative Verteidigung Walsers schrieb und daraufhin

    von Ignaz Bubis, dem inzwischen verstorbenen, damaligen Vorsitzenden des

    Zentralrates der Juden, zu hren bekam, er sei ein latenter Antisemit, fhlte

    er sich gekrnkt und forderte von Bubis eine Entschuldigung.

    Der Begriff Rassismus ist in Deutschland ein rotes Tuch. Er ist strikt re-

    serviert fr Gewalttaten gegen Migranten, Juden oder andere Minderheiten,

    oder fr Extremismus im Sinne der politischen Ideologie. Bei der Gewalt wird

    gewhnlich davon ausgegangen, dass Jugendliche dafr verantwortlich sind

    Jugendliche, die auf die eine oder andere Weise gestrt sind. Beim Extre-

  • BANALITT DES RASSISMUS

    8

    mismus dagegen, so wird allgemein angenommen, handelt es sich um die

    Weltanschauung der Ewiggestrigen, um ein berbleibsel der Vergangen-

    heit. Aber ob nun die Unreifen oder die Unverbesserlichen die Schuld fr das

    Auftreten des Rassismus tragen, stets gilt Rassismus als eine Ausnahme im

    gesellschaftlichen Funktionieren, als Bruch in der ansonsten friedlichen

    Normalitt. Dieser angebliche Bruch lst eine Art moralische Krise aus.

    Denn jedes noch so kleine Anzeichen von Rassismus im oben genannten Sin-

    ne sorgt fr ein Wiederauftauchen der Vergangenheit, fr die Erinnerung an

    den Nationalsozialismus. Und obwohl eigentlich niemand mehr den Vorwurf

    erhebt, dass in Deutschland demnchst wieder der Nazi-Mob umgehen wrde,

    setzt die unausweichliche Verbindung mit dem Dritten Reich nicht nur eine

    moralische Krise, sondern gleichzeitig auch Abwehrmechanismen in Gang.

    Denn die Mehrheit im Lande ist der Auffassung, dass alles getan wurde, um

    die Geschichte aufzuarbeiten, und dass Deutschland heute weltoffen und

    auslnderfreundlich ist. Daher gilt der Vorwurf des Rassismus vor allem,

    wenn es nicht um Gewalt oder Extremismus geht, sondern um kleine Erleb-

    nisse wie das eingangs beschriebene als Beleidigung.

    Im Grunde mchte man den Begriff ganz vermeiden. Lieber verwendet

    man Ausdrcke wie Auslnderfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit

    vor allem, wenn es um die weniger extremen Ausdrucksformen von Feind-

    lichkeit geht. Auch in der Forschung dominieren diese Begriffe. Allerdings

    bergen diese Bezeichnungen ganz erhebliche Fallstricke. Warum sind

    Migranten nach fast fnf Jahrzehnten der Einwanderung nach Deutschland

    immer noch Auslnder oder Fremde? In diesen Begriffen wird vorausge-

    setzt, dass der Gegenstand, ber den gesprochen werden soll, feindliche

    Einstellungen, Gefhle oder Taten einer einheimischen Bevlkerung gegen

    eine fremde Bevlkerung umfassen wrde. Das lsst diese Ausdrcke frei-

    lich ziemlich antiquiert erscheinen. Denn nachdem die Bundesrepublik 1998

    erstmals anerkannt hat, dass sie ein Einwanderungsland ist, muss daraus auch

    der Schluss gezogen werden, dass die Einwanderer Bestandteil der Gesamtbe-

    vlkerung Deutschlands sind. Der Gegenstand, um den es hier gehen soll, be-

    trifft daher nicht die Feindlichkeit zwischen zwei oder mehr ethnischen

    Gruppen, sondern das Thema sind illegitime Spaltungen innerhalb einer Be-

    vlkerung auf einem Territorium. Und diesen Gegenstand nenne ich Rassis-

    mus.

    Warum Rassismus? Zum Ersten hat der Begriff Rassismus eine historische

    Dimension: Wenn man von Rassismus spricht, geht man davon aus, dass sol-

    che Spaltungen in der Geschichte der Moderne eine gewisse Tradition haben,

    wenn auch die jeweilige historische Ausprgung sehr unterschiedlich sein

    kann. Zum Zweiten ist der Begriff international gebruchlich, whrend ein

    Begriff wie Auslnderfeindlichkeit mit der Forschung in anderen Einwande-

    rungslndern nicht kompatibel ist. Zum Dritten ist dieser Begriff auf eine ge-

    wisse Art und Weise in Deutschland sogar unbelasteter als die anderen Aus-

    drcke. Zwar gibt es seit den frhen neunziger Jahren eine Forschung zu Ras-

    sismus, doch im Vordergrund stehen gewhnlich die hiesigen Sonderkon-

  • VORWORT

    9

    struktionen Auslnder- und Fremdenfeindlichkeit. Wie im ersten Kapitel

    ausfhrlich gezeigt wird, hat die deutsche Forschung geradezu erschreckende

    Defizite: Sie ist theoretisch inkohrent und methodisch fragwrdig. Zudem

    weist sie keinerlei Kontinuitt auf. Geforscht wird gewissermaen stoweise

    nmlich immer