Die Bedeutung der Senkungsreaktion in der Psychiatrie und Neurologie

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    23-Aug-2016

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  • (Aus der Psychiatrischen und I%rvenklinik der Universitat GieBen [Direktor: Prof. Dr. H. F. Ho/]mann].)

    Die Bedeutung der Senkungsreaktion in der Psychiatrie und Ncurologie.

    Von Dr. W. Ederle,

    Assistenzarzt tier Klinik. (Eingegangen am 2. April 1935.)

    Die rein smtistische Feststel lung, dab im Verlauf einer etwa 3/4ji~hrigen Beobachtungszeit unter 270 auf der Frauenabtei lung der K l in ik auf- genommenen Kranken bei fort laufender Kontrol le 93-~34% eine be- schleunigte Senkung der Erythrocyten hatten, rechtfertigt die Bedeu- tung dieser an sich technisch einfachen Untersuchungsmethode im Rahmen psychiatrisch-neurologischer T~tigkeit. Eine beschleunigte Senkung daft als Symptom krankhafter kSrperlicher Veri~nderung bewertet werden (mit Ausnahme der Schwangerschaft), wobei zuni~chst die in jedem Falle zu kl~rende Frage, inwieweit dieser soma~ische ProzeB mit dem psychischen oder neurologischen Befunde in Beziehung steht, auBer acht gelassen wird. Bei der Untersuchung wurde ein Senkungs- wert nach Westergren yon fiber 15 mm in der ersten Stunde als be- schleunigt angesehen. Erh6hte Senkungswerte, die auf kl inisch nach- weisbare interkurrente Erkrankungen oder therapeutische Mal~nahmen zuriickgefi ihrt werden mul~ten, sind in der Zusammenstel lung n icht berficksichtigt. Auch wurde die Untersuchung jeweils mSglichst im menstruel len Interva l l vorgenommen, obwohl die Ef fahrungen Wester- greus, dai~ die Menstruat ion yon keinem wesentlichen Einflul~ auf die Senkung ist, aus eigenen fffiheren Beobachtungen best~tigt werden kann. Die Kranken wurden nati ir l ieh einer grfindlichen internist isehen und, soweit es ihr psychischer Zustand erlaubte, aueh einer rSntgenologischen Untersuchung unterzogen. Eine Auftei lung des Gesamtmaterials ergibt folgendes Bi ld:

    Klinische Diagnose

    1. Angeborener Schwachsinn . . . . . . . 2. Psychogene Erkrankungen . . . . . . . 3. Organneurologische Erkrankungen . . . 4. Symptomatische Psychosen . . . . . . 5. Schizophrene Zustandsbilder . . . . . . 6. Zirkul~re Zustandsbilder . . . . . . . . 7. Epilepsie . . . . . . . . . . . . . . . 8. Lues, einschlieBlich Paralyse und Tabes .

    Gesamt- zahl

    7 97 39 12 49 3O 14 22

    Normale Senkung

    7 87 ~ 89 % 17 ~ 44%

    0 26 :- 53 % 22 ~ 73%

    12 6 ~ 27%

    Beschleunigte Senkung

    0 10 ~ l l % 22 : 56%

    12 23 ~ 47 % 8 : 27%

    2 16 ~ 73 %

    Fi ir manche nicht ganz typische Fs hat die vorgenommene Ein- te i lung naturgem~l~ etwas Starres und Unbeffiedigendes, was bei dem heut igen Stande unserer Diagnost ik aber nicht zu vermeiden ist. H inzu

    z. f. d. g. Nour. u. P.,vych. 152. 49

  • 746 W. Ederle: Die Bedeutung der Senkungsreaktion

    kommt noch, da]es sich vorwiegend um Ersterkrankungen handelt und die Kontrolle der Diagnose durch den klinischen Verlauf bei den meisten Psychosen fehlt. Die Beziehung der Senkungsbeschleunigung zu den verschiedenen Krankheitsbildern m~d ihre Deutung ist innerhalb der einzelnen Gruppen sicher verschieden. Es wird darauf bei der Be- sprechung der Einzelergebnisse zuriickzukommen sein. Prinzipiell ist die l~rage zu klgren, ob die beschleunigte Senkung ein Symptom der Grundkrankheit, ein Symptom einer durch die Grundkrankheit be- dingten sekundgren k6rperlichen St6rung oder ein Symptom einer zuf~lligen hlterkurrenten Erkrankung ist. In den beiden letzteren Fgllen w~re dann noch zu prtifen, inwieweit durch diese St6rungen wiederum die Grundkrankheit beeinflufit wird. Diese prinzipiellen Forderungen sind allerdings heute noch nicht immer zu erftillen. Zu dem h~ufig gemachten Einwand, die Senkungsreaktion sei als unspezifisches Syn- drom durch zahlreiche, unter Umst~nden ganz leichte somatische Pro- zesse beeinflul~bar, sei bemerkt, dab dieser Einwand natiirlich jede Untersuchungsmethode, die sich mit feineren biologischen Prozessen befal~t, trifft. Dieser Einwand bedarf zweifellos der Beriicksichtigung, andererseits hat aber gerade die Senkungsreaktion den Vorzug, krank- hafte biologische Prozesse relativ scharf faflbar zu machen. AuBerdem kommt in diesem Zusammenhang der Umstand, dal~ es sich bei den Kranken meistens um Ersterkrankungen, die unmittelbar aus dem h~uslichen Milieu zur Aufnahme kamen, handelte, der Untersuchung zugute. Chronische, durch das Anstaltsmilieu begiinstigte Infektionen spielen daher keine besondere Rolle.

    Nach diesen allgemeinen Bemerkungen kann zu der Besprechung der einzelnen Gruppen fibergegangen werden.

    ad 1. Das Ergebnis bei den Patienten mit angeborenem Schwach- sinn entspricht der Erwartung und bedarf keiner weiteren Diskussion.

    ad 2. Diese Gruppe setzt sich aus Neurosen mit und ohne Organ- beschwerden, aus reaktiven Depressionen und Psychopathien zusammen. Streng genommen sind die Fglle mit beschleunigter Senkung aus dieser Gruppe auszuscheiden. Eine eingehende und wiederholte internistische Untersuchung konnte zwar bei diesen Patienten keine Erklitrung fiir die mehrfach recht hohe und konstant bestehende Senkungsbeschleunigung geben, obwohl bei diesen Patienten sicher organische Ver~nderungen vorliegen muBten. Die subjektiven Beschwerden neurotischer Art sind hier mSglicherweise auf dem Boden chronischer, nicht ngher festzu- stellender somatischer Ver~nderungen entstanden. Ein gewisser Anhalts- punkt, wie h~ufig derartige, durch eine Untersuchung zun~chst nicht fal~bare Organleiden auch unter den anderen Gruppen vorkommen k6nnen, ist durch diese Fs gegeben. Die Bedeutung der Senkungs- reaktion bei diesen neurotischen Erkrankungen insbesondere bei Begut- achtungen ist nicht gering und sollte nicht vernachls werden.

  • in der Psychiatrie und Neurologie. 747

    ad 3. Hier handelt es sich um die verschiedensten, nichthdschen, organneurologischen Krankheitsbilder, wie Tumoren, Abscesse, multiple Sklerose, symptomatische Epilepsie un4 Vergiftungen, aber auch um stationer gewordene Defekte nach Schitdeltraumen. Die Aufteilung in einzelne Untergruppen erschien vorerst wegen der geringen Zahl der einzelnen Krankheitsbilder nicht empfehlenswert. Als allgemeiner Gesiehtspunkt kann hier gelten, dab die Senkung ffir die Unterscheidung zwischen entzfindliehen und niehtentzfindlichen Erkrankungen einen wichtigen Hinweis geben kann, mit der Einschr~nkung allerdings, daB nur ein positives Ergebnis, also eine beschleunigte Senkung, im Sinne einer entzfindlichen Erkrankung gegenfiber einer nichtentzfindlichen zu verwerten ist.

    ad 4. In dieser Gruppe der symptomatischen Psychosen machen sich die diagnostischen Schwierigkeiten in der Abgrenzung namentlich der Schizophrenien gegenfiber schon deutlich bemerkbar. Es handelt sich um Wochenbettspsychosen, delirante Dgmmerzust~nde attf niehtepi- leptischer Grundlage und um Involutionspsychosen yon vorwiegend paranoidem Gepri~ge. Charakteristisch ffir diese Gruppe ist die im Gegensatz zu der Sehizophrenie durehweg hohe Senkungsbesehleunigung, die mit Abldingen der Psychose ebenfalls verschwand oder, wie bei den Involutionspsychosen, fiber die ganze Dauer der Beobachtung konstant bestehen blieb.

    ad 5. In der Gruppe der Schizophrenie sind die beobachteten Sen- kungsbeschleunigungen zwar der Zahl naeh unerwartet h~ufig, aber im einzelnen werden ffir gew6hnlich keine so hohe Senkungsbeschleunigungen erreicht, wie bei den symptomatischen Psyehosen, obwohl sieh auch hier ganz vereinzelte F~lle mit ausgesprochen hohen Senkungswerten fanden. Ein Urteil fiber die Beziehungen zwischen Senkungsbeschletmigung und Art der Psychose ist auf Grund des vorliegenden noeh relativ kleinen Materials nicht sicher m6glieh. Keine oder nur geringe Senkungs- beschleunigung wurde bei den meisten der paranoiden Formen mit mehr schleichendem Beginn gefunden. Ein abschlieBendes Urteil muB aber noch vorbehalten bleiben. Es kann nur soviel schon jetzt gesagt werden, daB eine betrgehtliche Zahl schizophrener Psychosen mit soma- tisehen, in einer Senkungsbeschleunigung zum Ausdruck kommenden Prozessen einhergeht, die wahrscheinlieh zu der Psyehose in engerer ]~eziehung stehen, als nur in der Rolle einer ffir die Psyehose gleieh- gfi~igen interkurrenten Begleiterkrankung. Ihre Bedeutung ffir Art und Verlauf der Psyehose bleibt noch zu kl/~ren. Es ist m6glieh, dab diese sieher nieht einfaehen Zusammenh/~nge in den Fragenkomplex der bei der Sehizophrenie auf erbbiologisehem Wege naehgewiesenen Manifestationsschwankung geh6ren. Es w~re also denkbar und die Befunde in dem Sinne zu verwerten, daB bei einer Anzahl schizophrener Erkrankungen somatisehe, mit Senkungsbeschleunigung einhergehende

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  • 748 w. EderIe: Die Bedeutung der Senkungsreaktion

    Ver/~nderungen bei erblicher Anlage zur Schizophrenie die Psychose aus- 16sen. Der Einwand, dab die sekund/s im Gefolge einer Schizophrenie auftretenden Stoffwechselst6rungen, etwa durch Erregungszust/~nde oder durch Schwierigkeiten in der Nahrungsaufnahme, zu der Senkungs- beschleunigung fiihren, ist natiirlieh nicht mi$ aller Sicherheit zu wider- legen. Es kann nur darauf hingewiesen werden, dab eine ganze Anzahl yon Kranken, bei denen diese sekund/iren Momente in ausgiebigem Mage zu beobachten waren, keinerlei Senkungsbeschleunigung zeigten, sondern eher eine Senkungsverlangsamung. Interkurrente ErkraI~kungen w/~hrend der Psychose sind, soweit sie feststellbar waren, yon vornherein aus- geschieden worden. Auf die namentlieh aus der ersten Xra der Senkungs- reaktion stammenden Arbeiten, die sich besonders mit der Schizophrenie befassen, und die das uneinheitliehe Auftreten von Senkungsbesehleu- nigung bei schizophrenen Psychosen teils bests und teils ablehnen, sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. Diesen Beobachtungen liegen keine geniigend lange ausgedehnte Reihenuntersuchungen zu- grunde. Gerade bei der Sehizophrenie bedarf die Frage der Senkungs- besehleunigung erneuter Uberpriifung.

    ad 6. In dieser Gruppe sind die Patienten mi~ periodischen Ver- stimmungszust/~nden endogener Natm- zusammengefal~t. Die Anzahl der Senkungsbeschleunigungen ist wesentlieh geringer als bei der schizo- phrenen Gruppe, aber immerhin mehr als doppelt so grog wie bei der Gruppe psychogener Erkrankungen. Die Senkungswerte erreichten durchweg nur mittlere H6he. Die Beschleunigung trat meist erst im Verlauf der Beobachtung auf. Ein gleichm/~giger Verlauf der Psychose mit dem der Senkung war nicht zu beobachten, meistens iiberdauerte die Depression 1/ingere Zeit die Periode beschleunigter Senkung. Die allerdings nut sp/~rlichen :F/s manischer Erregung sind insofern be- merkenswert, als aueh hier die Beobachtung best~tigt werden konnte, da6 ein Erregungszustand als solcher ohne Senkungsbeschleunigung einhergehen kann.

    ad 7. Die Beobaehtungen bei der genuinen Epilepsie ergeben ziemlieh eindeutig, dab diese Erkrankung in der Reget ohne Senkungs- besehleunigung verl/mft. Die beiden fibrigens nut gering erh6hten Senkungswerte wurden bei Patienten unmittelbar naeh einer AnfMls- periode festgestellt. Im Intervall und vor einem Anfall wurde in l~ber- einstimmung mit der Literatur keine Besehleunigung gefunden und aueh in sehr vielen F~llen finder man naeh einem Anfall normale Senkungs- werte. Bei zwei Patienten, die konstant sehr hohe Senkungswerte hatten, war aueh auf Grund des klinisehen Brides die Diagnose einer sympto- matisehen Epilepsie zu stellen. Einer konstant bestehenden Senkungs- besehleunigung diirfte ffir diese Gruppe ein wiehtiger differential- diagnostiseher Weft bei der Unterseheidung zwisehen genuiner und symptomatiseher Epilepsie zukommen.

  • in der Psychiatrie und ~Neurologie. 749

    ad 8. Untersehiedlich aber sehr interessant ist das Verhalten der Senkungsreaktion bei Lues, wobei es zweckmA]ig ist, die Gruppe in drei Untergruppen aufzuteilen.

    Die erste Untergruppe umfa~t solche Kranke, bei denen die luisehe Infektion mit der Erkrankung, die zur Klinikbehandlung ffihrte, nach dem klinischen Untersuchungsergebnis in keinem Zusammenhang steht. Die Wa.R. im Blute war in allen diesen F~llen nur schwach positiv und gewissermal3en ein Zufallsbefund. Psychische, neurologische oder andere luische Organvergnderungen bestanden nicht. In allen diesen F/~llen war die Senkung normal. Der Liquor war ebenfalls v611ig normal.

    Die zweite Gruppe setzt sich aus einer Reihe Patienten zusammen, die fiber allgemeine neurasthenische Beschwerden klagten. HAufig wurde yon diesen Patienten fiber Neigung zu kollapsartigen ZustAnden und rasch vorfibergehende Ohnmachtsanwandhmgen berichtet. Diese Menschen sind offenbar sehr gef~131abil. In allen diesen :FAllen mit ausgesprochen positiver Wa.R. im Blute war die Senkung stark beschleu- nigt und aul3er der Wa.R. das einzige objektive Symptom somatiseher Ver~nderung. Im Liquor waren zwar die Wa.R. und die anderen sero- logischen Reaktionen auf Lues negativ, es fanden sich aber in allen diesen FAllen abnorme Goldsolkurven, vereinzelt auch ein positiver Nonne, die Zellzah] war immer normal. Genaue quantitative Eiweil3- bestimmungen sind leider nicht gemacht worden. Die Erkrankung war von den vorbehandelnden _X_rzten, auch in KrankenhAusern, als Neurose verkannt worden. Diese Untergruppe ist noah zu klein, um aus den Beobachtungen allzu weitgehende und verallgemeinernde Schlfisse ziehen zu k6nnen. Der praktisehe Hinweis, dab bei erhShter Senkung ohne greifbare Organver~nderungen stets auf Lues geahndet werden sollte, ist aber sicher berechtigt. Bei diesen Patienten ist dann unbedingt eine Liquoruntersuchung vorzunehmen, denn gerade sie seheinen hinsiehtlieh einer spAteren luischen Erkrankung des Zentralnervensystems besonders gef~hrdet zu sein. Die Senkungsbeschleunigung ist nicht auf die ab- normen Liquorvers zurfickzuffihren, sondern ist sieher durch toxische Stoffweehselver/tnderungen infolge Erkrankung innerer Organe bedingt. Es w~re denkbar, dal3 durch diese Intoxikation, die, wie die Senkung zeigt, mit einer schweren Verschiebung der Bluteiwei[~zu sammen- setzung einhergeht, abnorme Permeabilit/~tsverAnderungen im Zentral- nervensystem geschaffen werden, die eine Infektion dieses Organsystems erm6glieht.

    In der dritten Untergruppe finden sich die Patienten mit mani- festen sp~tluischen und metaluischen Erkrankungen des Zentralnerven- systems. Die Wa.R. war sowohl im Blute wie im Liquor positiv. Auch die anderen Liquorreaktionen waren meln" oder weniger abnorm verAndert. Die Senkungsreaktion verh~lt sich insofern hier gesetzmAl~ig, als zu Beginn der Erkrankung die Reaktion normal sein kann oder nttr leicht

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    erh6hte Werte zeigt, obwohl der L iquor schwere pathologische Ver- ~nderungen aufweist. Die weitgehende Unabhs pathologisehen Geschehens ira Zentra lnervensystem korarat hier zum Ausdruck. Wenn wir annehmen, dal~ die obenerwi~hnten Pat ienten, die re lat iv frfih schon bei vorwiegend k6rperl ichen luischen StSrtmgen leiehte pathologische L iquorver~nderungen mit noch negat ivera L iquorwasserraann auf- weisen, es sind, die nach einer gewissen Latenzzei t eine luische, zentral - nervSse Erkrankung bekommen, so mfissen wir sehliel~en, daI~ sie eine Phase dm'chlaufen, in der die k6rper l iche Stoffweehselfu...

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