Die Einteilung der Verletzungen des Ohres

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    09-Aug-2016

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  • MAUTHNER. Die ]?;inteilung der Verletzungen des Ohres. 207

    Die E in te i lung der Ver le tzungen des Ohres . Von O. Mauthner , M.-Ostrau.

    Es ist keineswegs einerlei, ob wir die Verletzungen des Ohres zum Zwecke der Beschreibung oder der Begutachtung einteilen.

    Da die meisten Lehrbiieher sich mit einer Beschreibung der Ver- letzungen des Ohres begniigen oder ihr die gr6Bere Aufmerksamkeit zuwenden, finden wir zumeist auch eine Einteilung, welche die durch die Verletzung hervorgerufenen anatomischen Ver~inderungen der einzelnen Abschnitte des Ohres yon auBen nach innen beschreibt. Auch Passow folgt diesem Einteilungsgrunde. Es fehlt nicht an Hinweisen auf die Nachteile dieser Einteilung besonders bei der Begutachtung und ein Eintreten fiir die ~tiologische Gliederung, welche u. a. auch Rhese und Imhofer vorziehen.

    Bei Aufstellung einer Einteilung mtissen wir uns zun~chst dar- i~ber klar werden, dab die klinische, die soziale und die forensische Otologie, wiewohl innig miteinander verbunden, doch verschiedenen Zielen zustreben. Beschreibt die eine den pathologisch-anatomischen Effekt der Verletzung, Verlauf und Ausgang, lehrt sie uns beispiels- weise, dab bei Kopftraumen die Alleinverletzung des Ohres die Aus- nahme, die Mitverletzung die Regel ist, so ist die Dom~ne der beiden anderen die Frage nach der Funktion bzw. dem Grade, ob bleibender oder voriibergehenderAusfall, und den sogenannten Kriterien, wenn die Verletzung frtiher stattfand. Die Frage nach der ~tiologie, der Ein- wirkungsart, liegt mehr im Wesen der begutachtenden als der be- schreibenden Otologie. Daher auch die Bevorzugung einer ~tio- logischen Einteilung der Verletzungen bei der Begutachtung. Eben weil also die begutachtende Otologie nicht nur Ver~nderungen be- schreiben, sondern auch Zusammenh~nge beurteilen mug, wird sie nicht blol3 anstreben, die logische Verbindung zwischen Einwirkungs- art, pathologisch-anatomischem und funktionellem Effekt bzw. End- effekt im Einzelfalle herzustellen, sondern stets darauf bedacht sein, st~indige Verbindungen aufzusuchen (Typen).

    Die Aufstellung solcher Verletzungstypen ist ein wichtiges Hilfs- mittet bei der Begutachtung. Ihre Auffindung erscheint nur m6glich, wenn wir fiber die Atiologie hinaus zur Einwirkungsart und fiber die Einwirkungsart hinaus zu den einwirkenden Kr~iften vordringen, also genau zerlegen. Andererseits muB auch der Ausgang im Auge behalten werden, aber auch der Ausgang nach Jahren, wenn wir ein

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    richtiges Bild bekommen wollen. Bei der Aufsuchung solcher Typen erkennen wir, dab trotz Experiment und Klinik, trotz Untersuchun- gen nach gelegenfiichen Katastrophen und Krieg, trotz Literatur und Vergleich wir doch erst am Anfange unserer Erkenntnis stehen, und dab eine Einteilung der Verletzungen des Ohres nach mehr als einem Einteilungsgrunde, z. B. Einwirkungsart und anatomischer Effekt, unzweckm~il3iger bleiben muB als die Einteilung nach der Einwirkungsart allein. Dies hindert natiirlich keineswegs, auf andere Grundlagen ausgiebig Rticksicht zu nehmen. Denn mit zunehmender Erfahrung kann gerade schon in einer Einteilung nach der Ein- wirkungsart Anatomie und Klinik zum Ausdrucke gelangen.

    Bevor ich jedoch den Versuch einer solchen Einteilung nach der Einwirkungsart wage, welche durehaus kein novum inventum ist und nur mit Hilfe der Aufzeichnungen der Literatur und eigener bescheidener Erfahrung einen Ausbau anstrebt, muB ich noch fol- gendes hervorheben : Ich behalte immer im Auge, dab es sch~idigende Kfitfte gibt, welche imstande sind, das Geh6rorgan oder dessen Teile a l le in zu verletzen -- trotz des festen und tiefen Einbaus des Schl~i- Ienbeins in den Seh~del und der engen Verbindung bzw. Wechsel- wirkung zwischen Gef~iBen, Nerven und Gehirn -- ich behalte aber auch im Auge, dab besonders bei mechanischer Einwirkungsart auf den Sch~idel die M i t v e r 1 e t z u n g des Geh/Srorgans eine iiberragende Rolle spieIt. Demnach erscheint mir die Frage nach der Alleinver- letzung oder Mitverletzung des Geh6rorgans nicht nur vom Stande der Begutachtung welt wichtiger als die Einteilung der Verletzungen z. B. in direkte und indirekte, welcher besonders die Beschreibung ihre besondere Aufmerksamkeit zuwandte.

    Ich lasse nun die Einteilung folgen, welche ich schon einmal (getegentlich eines Vortrages in Prag -- siidostdeutsche Ohren~irzte 1929) gestreift, aber noch nicht begriindet babe.

    Einteilung der Ohr- bzw. Kopfverletzungen nach der Einwirkungsart.

    1. DieOhrverletzungendurch SchlagundStoB (Stich, Hieb, Zugusw.). ~. Die Ohrverletzungen durch Sturz auf den Kopf. 3. Die Ohrverletzungen durch Einklemmung des Kopfes. 4. Die Ohrverletzungen durch mechanische Erschiitterung des K6r-

    pers oder Kopfes (Dauererschiitterung). 5. Die Ohrverletzungen durch Druck- und Saugwirkung (z. B. die

    reine Explosionsverletzung).

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    6. Die Ohrverletzungen durch Schalleinwirkung (akustisches Trauma, L~msch~digung).

    7. Die Ohrverletzungen durch thermische, toxische und elektrische Einwirkung.

    8. Die Ohrverletzungen durch kombinierte Gewalteinwirkung (z. B. Geburtstrauma, SchuBtrauma, kombiniertes Explosionstrauma, Fliegertrauma, Trauma bei der Caissonarbeit usw. usw~.).

    Die Oberschrift dieser Einteilung deutet schon an, dab ich yon den Kopftraumen ausgegangen bin, weil wir bei mechanischer Ein- wirkungsart die Wirkung auf den Kopf nicht unberiicksichtigt lassen k6nnen, dessen Teil das Ohr ist. DaB die mechanische Einwirkungs- art mit dem Kopfe zugleich auch den ganzen K6rper erfassen oder auch vorwiegend nur am Ohr angreifen kann, deuten Punkt 4 und 5 an. Die Unterteilung der mechanischen Einwirkungsart mit den Punkten I --5, die Trennungen der Verletzung durch Schlag und StoB yon den Vefletzungen durch Sturz auf den Kopf, die Heraushebung der Einklemmungsverletzungen als besondere Gruppe, sowie der Verletzungen durch Dauerersch/itterung und Druck und Saug- wirkung, hat seine klinische bzw. pathologisch-anatomische Be- grtindung.

    Was zun/ichst die Punkte I--3 anlangt, so lehrt die Erfahrung, dab ein Unterschied besteht zwischen den Ohrverletzungen durch Schlag und StoB einerseits und durch Sturz anderseits. Dieser Unter- schied ist fiir die Mehrzahl der F~ille pathologisch-anatomisch kaum zu beweisen, sondern bloB klinisch-/unktionell. Wie den n iiberhaupt die Funktionspriifung des inneren Ohres und speziell des Labyrinthes liickenbiiBend fiir den fehlenden anatomischen Befund eintreten muB. In diesem Sinne gehen die DarsteUungen yon O. Beck, Br i inn ings , Brunner , Neumann, Rut t in u. a. voran, wo sic yon der ,,lympho 7 kinetischen Innenohrerkrankung" handeln oder vonder sog. ,,In- kongruenz der Erregbarkeit" (Mauthner). In meinen ,,Kriterien der Verletzungen des inneren Ohres und des N. octavus" unterschied ich zwei Typen dieser Inkongruenz. Erster Typus: Kalorische Er- regbarkeit und Dreherregbarkeit erloschen, galvanische Erregbarkeit erhalten. Zweiter Typus: Erregbarkeit auf Drehung erhalten, ka- lorische Erregbarkeit fehlend oder umgekehrt. Diese Typen werden nicht nur in lokalisatorischer Hinsicht verwendet, sic k6nnen auch ~tiologisch in Betracht kommen. Vom ersten Typus wissen wir, dab er sehr h/iufig bei Lues vorkommt (0. Beck). Vom zweiten Typus

    Archlv f. Ohren- t Nasen- u. KehlkopI'hedlkunde. Bd. t22. I4

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    wird m. W. ziemlich iibereinstimmend angenommen, dal3 er am hiiufigsten bei Lues, am zweith~iufigsten nach Trauma gefunden wird. Gelegentlich wird auch nach epidemischer Meningitis der erste Typus (Junger), abet auch der zweite Typus (Mauthner) gefunden. Es versteht sich von selbst, dab diese und andere sporadische ~tiologie bier nicht in Betracht kommt.

    Seit Jahren untersuche ich im Bergbau Ver le tzungen nach Schlag und StoB und Ver le tzungen nach Sturz auf den Kopf. Die Aufzeichnungen dariiber sind noch im Gange. Soweit ich aber die Fiille jetzt schon iiberblicken kann, kommt die Inkongruenz yore Typus 2 bei der Ohrverletzung nach Schlag auf den Kopf iiuBerst selten, bei Ohrverletzungen nach Sturz auf den Kopf hiiufiger zur Beobachtung. Auch Rut t in verzeichnet ithnIiche Ftklle. Diese H~ufigkeit steigert sich noch, wenn die Untersuchung nicht nach Jahr und Tag, sondern kurze Zeit nach dem Unfall geiibt wird. Cha- rakterisiert schon dieser Unterschied die beiden Verletzungsarten, so sind weitere Unterschiede noch aus dem verschiedenen Verhalten des Kochlearis zu gewinnen. Ganz absehen will ich yon dem welt hitufigeren Freibleiben des inneren Ohres bei den Schlagverletzungen und dem unterschiedlichen Verhalten des Gehirnes. Aus all dem leite ich die Berechtigung ab, beide Verletzungsarten zu trennen und als selbstitndige Gruppen aufzustellen. Daran hindert nicht der Urn- stand, dab extreme Ftille dieser und jener Art sich gleichen oder auch bei Sturzverletzungen ein Freibleiben des inneren Ohres beobachtet wird.

    DaB die Einwirkungsart der E ink lemmung des Kopfes eine besondere Verletzungsart ist und eine gesonderte Aufstellung er- fordert, habe ich mich wiederholt nachzuweisen bemiiht. Ich fiihre nur die Zusammenfassung aus meiner letzten diesbeziiglichen Arbeit an, um zu zeigen, dab ein abgerundetes Bild besteht: Die Ohrver- letzungen durch Einklemrnung des Kopfes scheinen sowohl vom Standpunkte der Mechanik als auch pathoIogisch-anatomisch und darum auch klinisch zusammenzugehSren. Diese Ohrverletzungen durch Einklemmung des Kopfes fiihren entweder zu bloBen Weich- teilverletzungen, Durchtrankungen oder Blutaustritten ins Gewebe oder die pr~formierten Hohlraume aller drei Abschnitte des GehSr- organs, oder zu Frakturen. Die Fraktur kann ein Schuppen- oder Warzenfortsatzbruch, ein Trommelfellrandbruch, Geh6rgangs- oder Tegmenbruch sein oder eine Kombination dieser Brucharten. Wenn

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    man yon den blot~en Weichteilverletzungen absieht, steht die Geh6r- gangsfraktur bzw. der Trommelfellrandbruch an H~ufigkeit voran. Diese Brfiche werden auch beiderseitig beobachtet. Seltener ist der Bruch der Geh6rknSchelchen oder deren Luxation. Die Tegmen- fraktur ist zumeist Teilerscheinung einer der Pyramide ausweichen- den L~_ugsfraktur des Schlafenbeins bzw. Ltingsfraktur des Scht~del- grundes. EineQuerfraktur des Felsenbeins wurde nicht beobachtet, liegt aber doch im Bereiche der MSglichkeit. Demnach scheinen auch f~r das inhere Ohr die Gesetze der L~ngsfraktur zu gelten. Eine g~nzliche Funktionsaufhebung im Bereiche des inneren Ohres muB als Ausnahme betrachtet werden. Bei der Einklemmungsverletzung steht die periphere Mitverletzung des Fazialis an erster Stelle. Sie ist htufiger als bei Ohrverletzungen anderer Einwirkungsart und wird auch beiderseitig beobachtet. Abduzens- und Trigeminusver- letzungen kommen ebenfalls vor. In prognostischer Hinsicht sind bei Briichen nicht nur die Meningitis, sondern auch die otogene All- gemeininfektion zu ffirchten.

    Der pathologisch-anatomischen Unterscheidung entbehrt dieAuf- stellung der Verletzungsart, welche durch m e ch a nis ch e E r s ch fi t- te rung des KSrpers und Kopfes (Dauererschfitterung) zustande kommt (Punkt 4)- Klinisch scheint aber festzustehen, dab speziell die Dauererschiitterung und Dauerschttdigung des GehSrorgans bei Arbeitern vorkommt, welche mit PreBluftwerkzeugen arbeiten (Katzschmann) . Die Erschfitterungsschwerh6rigkeit wird sich nicht aUein auf die Bergleute, sondern auch auf andere Betriebe er- strecken. Sicher miissen wir uns davor hfiten, die L~rmschwerh6rig- keit mit der ErschfitterungsschwerhSrigkeit zu verwechseln, obgleich ~Jberg~nge trotzdem bestehen.

    Ebenso erscheint es mir gerechtfertigt, die mechanische Ein- wirkungsart durch Druck - und Saugwi rkung bzw. die dadurch hervorgerufenen Verletzungen als Sondergruppe zu betrachten (Punkt 5). Aus meinen Arbeiten fiber die Explosionsverletzungen und spezieU aus meiner Arbeit ,,Explosionstrauma und inneres Ohr" geht die Bedeutung des Explosionsdruckes neuerlich hervor. Auch wird dort versucht deutlich zu machen, dab ein prinzipieller Unter- schied nicht besteht zwischen dem Druck an der Rohrmfindung der kleinen und groBen Geschiitze, dem Druck platzender Geschosse und beim Sprengen und der Explosion groBer Mengen aufgeh~ufter Explosionsstoffe (katastrophale Explosionen). Unter Berficksich-

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    tigung vorhandener Daten aus der pathologischen Anatomie und des Experiments bemiihte ich mich hingegen, die Unterschiede der Wir- kungen der physikalischen Stollwelle und der SchallweUe aufzu- zeigen. Schon beim Studium der physikalischen Grundlagen ergibt sich, dall beim Explosionstrauma des inneren Ohres die Detonations- welle durch Druck-, Stoll- oder Saugwirkung das innere Ohr bereits getroffen haben mull, ehe die SchallweUe anlangt. Eine bestimmte Distanznatiirlich vorausgesetzt.Esist alsogrunds~itzlichgerechtfertigt, dieDetonationswelle vonder Schallwelle streng zu sondern, und dies um so mehr, als auch ein pathologisch-anatomischer und klinischer Unterschied zu bestehen scheint. Der Typus aber der auf Druck- und Saugwirkung beruhenden Verletzung ist die sog. reine Explo- sionsverletzung im Sinne meiner Ausfiihrungen. Wo auller Druck- und Saugwirkung noch andere Wirkungen zu verzeichnen sind, z. B. KSrpererschiitterung, Sprengwirkung dutch sekundiire Geschosse, akustisches Trauma usw., tritt die Rubrik Punkt 8 in ihre Rechte, welche yon der kombinierten Gewalteinwirkung handelt.

    l~lberblickt man alle Rubriken mechanischer Einwirkungsart, so vermillt man vielleicht nicht nut eine Unterteilung in direkte und indirekte Verletzungen, eine Anordnung nach stumpfer und spitzer Gewalteinwirkung, sondern auch die Fremdk~rpereinfiihrung usw. Dies ist schlielllich die Angelegenheit weiteren Ausbaues. Die Ver- letzungen der letzten Art k~nnen sowohl im Punkte I als auch im Punkte 8 Beriicksichtigung linden, so dab auch die begutachtende Otologie zu ihrem vollen Rechte gelangt. Bei Punkt 7 wurde durctl Aufnahme der ,,toxischen Einwirkung" diesem Umstande Rechnung getragen. Dutch Aufstellung des Punktes 8, der kombinierten Gewalteinwir- kung, gelingt es aber auch der beschreibenden Otologie, mSglichst ersch6pfend zu sein, indem sie auf alle Kombinationen eingeht. Schon in der Klammer des Punktes 8 ist angedeutet, in welcher Richtung sich die Beschreibung der Ohrverletzungen dutch kombinierte Ge- walteinwirkung zu bewegen h~itte. Damit ist aber auch angedeutet, dall nicht die Einteilung nach der Einwirkungsart das Prim~ire ist, sondern dab Klinik, soziale Medizin und Ereignis das ausl6sende nnd fSrdernde Moment des Ausbaues jeder Einteilung darstellen.

    Wet immer aber zur Verletzungskunde des Geh6rorganes bei- triigt, Monographien und Handbiicher aufschl~igt, wird erkennen, dab der Name Vo II auch mit der Verletzungskunde untrennbar ver- bunden ist. Aere perennius[

  • MEIER. Ober prim~re Transplantationen in TotalaufmeiBlungsh6hlen. 213

    Literatur. Beck , 0., Lues des Geh6rorgans. Im Handbuc...