Die WTO -Eine Gefahr für die Verwirklichung von Menschenrechten?

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  • Die WTO -Eine Gefahr fr die Verwirklichung von Menschenrechten?Author(s): Meinhard Hilf and Saskia HrmannSource: Archiv des Vlkerrechts, 43. Bd., 4. H. (Dezember 2005), pp. 397-465Published by: Mohr Siebeck GmbH & Co. KGStable URL: http://www.jstor.org/stable/40800127 .Accessed: 16/06/2014 08:39

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  • Abhandlungen

    Die WTO - Eine Gefahr fr die Verwirklichung von Menschenrechten?

    Dr. iur. Meinhard Hilf Professor fr ffentliches Recht, Europarecht und internationales

    Wirtschaftsrecht an der Bucerius Law School, Hamburg* Saskia Hrmann

    Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bucerius Law School, Hamburg*

    Stellt die WTO eine Gefahr fr die Verwirklichung nationaler und inter- nationaler Menschenrechtsstandards1 dar? Diese Frage wird sowohl von vielen Entwicklungslndern und Least-Develop e d-Countries (LDCs), von Sonderorganisationen der UN, von NGOs, von Wissenschaftlern

    * In den Funoten werden u.a. folgende Zeitschriften zitiert: American Journal of Inter- national Law (A.J.I.L.), American Society of International Law Proceedings (Am. Society of Int'l L. Proceedings), American University International Law Review (Am. U. Int'l L. Rev.), American University Journal of International Law & Policy (Am. U. J. Int'l L. & Pol'y), Boston College Third World Law Journal (B. C. Third World L.J.), Boston University Inter- national Law Journal (B.U. Int'l L. J.), Columbia Journal of Enviromnental Law (Colum. J. Envtl. L.), Connecticut Journal of International Law (Conn. J. Int'l L.), Cornell Internatio- nal Law Journal (Cornell I.L.J.), Duke Law Journal (Duke L. J.), Florida Journal of Interna- tional Law (Fla. J. Int'l L.), Georgia Journal of International and Comparative Law (Ga. J. IntT. & Comp. L.), Harvard Enviromnental Law Review (Harv. Envt'l L. Rev.), Harvard Human Rights Journal (Harv. Hum. Rts. J.), Harvard International Law Journal (Harv. Int'l L. J.), Human Rights Quaterly (Hum. Rts. Q.), Indiana Law Journal (Ind. L. J.), Internatio- nal Law (Int'l Law), The Journal of the American Medical Association (J. Am. Medical As- sociation), Journal of World Intellectual Property (J.W.I. P.), Leiden Journal of International Law (Leiden J. Int'l L), Michigan Journal of International Law (Mich. J. Int'l L.), Michigan Law Review (Michigan L. Rev.), Minnesota Journal of Global Trade (Minn. J. Global Trade), New York University Environmental Law Review (NYU Enviromnental Law Review), Southern California Law Review (S. Cal. L. Rev.), University of Pennsylvania Journal of In- ternational Economic Law (U. Pa. J. Int'l Econ. L.), Virginia Journal of International Law (Va. J. Int'l L.) 1 Hierzu gehren u.a. die Allgemeine Erklrung der Menschenrechte vom 10.12.1948 (AEMR), UN GA Res. 217[III], der Internationale Pakt ber brgerliche und politische Rechte (IPbpR), BGBl. 1973 II, S. 1533 ff., und der Internationale Pakt ber wirtschaftliche soziale und kulturelle Rechte (IPwskR), BGBl. 1973 II, S. 1569 ff., beide jeweils vom 16.12.1966 sowie das bereinkommen ber die Rechte des Kindes vom 20.11.1989, BGBl. 1992 II, S. 121 ff.

    Archiv des Vlkerrechts, Bd. 43 (2005), S. 397-465 Mohr Siebeck - ISSN 0003-892-X

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    und sogar von einigen Industriestaaten nachdrcklich bejaht. Auf den ers- ten Blick scheint insoweit Einmtigkeit zwischen Parteien zu herrschen, die sich ansonsten eher nicht auf derselben Seite des Verhandlungstisches wiederfinden. Diese Harmonie lst sich bei nherem Hinsehen jedoch schnell auf, berufen sich die jeweiligen Gruppen doch auf verschiedene Sachverhalte und beklagen unterschiedliche Menschenrechtsgefhrdun- gen. Hinzu gesellen sich deutliche Stimmen aus Wissenschaft und Politik, die in der WTO nicht das Problem, sondern die Lsung sehen und ihr die Eigenschaft zuweisen, nachhaltig zur Verwirklichung von Menschenrech- ten beizutragen.

    War die WTO -Rechtsordnung zu Grndungszeiten noch in weiten Kreisen fr menschenrechtsneutral gehalten worden, so spaltet nunmehr gerade die Frage, welche Auswirkungen die WTO -Rechtsordnung auf die Verwirklichung von Menschenrechtsstandards hat, die Weltgemeinschaft. Die WTO ist die einzige internationale Organisation, der es bislang ge- lungen ist, in relativ kurzer Zeit tiefe Emotionen zu wecken. Es gibt kaum jemanden, der sich mit Fragen der Globalisierung befasst und gleichzeitig der WTO neutral gegenber steht. Whrend die einen die WTO zum Heilsbringer fr internationale Menschenrechte emporheben, ist sie fr die anderen der personifizierte Dmon, der imstande ist, selbst das in ei- nigen Entwicklungslndern sprlich vorhandene nationale Menschen- rechtsniveau zunichte zu machen. Wie kommt es, dass eine einzelne internationale Organisation derart

    polarisiert? Die Antwort liegt auf der Hand: Die WTO besitzt aufgrund ihres verrechtlichten Streitbeilegungssystems2 sowie aufgrund der Aus- weitung des Anwendungsbereichs des Welthandelsrechts auch auf nicht- tarifre innerstaatliche Handelshemmnisse eine Rechtsmacht, die vor ihr keiner anderen internationalen Organisation zuteil wurde. Dieses Poten- tial kann sie sowohl zugunsten als auch zulasten von Menschenrechten nutzen: zugunsten, sofern menschenrechtliche Belange im Rahmen der WTO-Rechtsordnung Beachtung finden, zulasten, sofern sich der Primat der Wirtschaft gegenber kollidierenden Menschenrechten durchsetzt. Wie diese Rechtsmacht der WTO genutzt werden wird, ist derzeit nicht vollstndig geklrt. Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass ein groer Teil der Kri-

    tik, die an der WTO aus unterschiedlichen Grnden gebt wird, fast im- mer auch unter der berschrift ,Versto gegen Menschenrechte* firmiert, sei es irgendeine Benachteiligung von Entwicklungslndern im Rahmen der WTO, die gleich als Versto gegen internationale Menschenrechte an-

    2 Jackson, The World Trading System, 2. Aufl., S. 85; Petersmann, The G ATT/WTO Dis- pute Settlement System, International Law, International Organisation and Dispute Settle- ment, 1997, S. 64.

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    geprangert wird, oder sei es die Nichtaufnahme von Arbeits- und Sozial- standards in die WTO -bereinkommen und damit die Gefahr eines race to the bottom", die vor allem von der EG und den USA als menschen- rechtswidrig kritisiert wird. Auf der Grundlage dieser Kritik lassen sich die Beteiligten in bezug auf die Frage, welche Rolle die WTO in ihrer ge- genwrtigen oder auch knftigen Gestalt bei der Durchsetzung von Men- schenrechtsstandards spielen soll, von bersteigerten Erwartungen leiten. Whrend von Seiten der Entwicklungslnder eine weitreichende Ent- wicklungsdimension" der WTO gefordert wird, wollen insbesondere die EG und die USA die WTO letztendlich durch eine Einbeziehung von Ar- beits- und Sozialstandards nach dem Vorbild der EG als eine internatio- nale Integrationsordnung gestalten, die weit ber die eigentlichen Han- delsfragen hinausgreift. Diese bersteigerten Erwartungen an die WTO erschweren eine Erfassung ihres wirklichen Potentials und fhren zu vielen Missverstndnissen. Insoweit berrascht es nicht, dass trotz zahl- reicher Verffentlichungen zu der Thematik der Menschenrechte immer noch in weiten Teilen ungeklrt ist, in welchem Umfang die gegenwrtige WTO -Rechtsordnung die Verwirklichung nationaler und internationaler Menschenrechtsstandards tatschlich gefhrdet. Dieser Beitrag untersucht, wie gro das Gefhrdungspotential im Hin-

    blick auf die Verwirklichung nationaler und internationaler Menschen- rechtsstandards tatschlich ist (hierzu A.). Um die mgliche Rolle der WTO im Rahmen der Durchsetzung internationaler Menschenrechtsstan- dards klarer fassen zu knnen, wird darber hinausgehend errtert werden, wie und in welchem Umfang die WTO das Potential besitzt, im Rahmen der ihr zugewiesenen Kompetenzen zur Frderung von Menschenrechten beizutragen und wie dieses Potential erhht werden kann (hierzu B.). Auf der Grundlage der erzielten Ergebnisse wird das Verhltnis von WTO und Menschenrechten eine abschlieende Einschtzung erfahren (C.).

    A. Gefhrdungspotential der WTO-Rechtsordnung

    Das tatschliche Gefhrdungspotential der WTO-Rechtsordnung ergibt sich vor allem aus der Beantwortung der Frage, ob Kollisionen zwischen WTO -Rechts Verpflichtungen und menschenrechtlichen Belangen inner- halb der WTO-Rechtsordnung aufgelst werden knnen und auch wer- den. Von entscheidender Bedeutung sind daher die rechtlichen und poli- tischen Bindungen, denen die WTO im Hinblick auf Menschenrechte unterliegt, und die Spielrume, die die WTO-Rechtsordnung fr die Be- rcksichtigung derartiger menschenrechtlicher Belange erffnet. Vorran- gig sollen daher die Mglichkeiten der Bercksichtigung von Menschen- rechten in der WTO-Rechtsordnung thematisiert werden.

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    Die Gefahren im Zusammenhang mit den Auswirkungen der WTO- Rechtsordnung auf die Verwirklichung von Menschenrechten lassen sich grob unterteilen in solche, die sich auf den in einzelnen WTO -Mitglie- dern erreichten nationalen Menschenrechtsstandard beziehen (hierzu I.) und solche, die die Verwirklichung internationaler Menschenrechte zum Gegenstand haben (hierzu II).

    I. Ausreichende Mglichkeiten zur Bercksichtigung innerstaatlich verbrgter Menschenrechte?

    Eine unmittelbare rechtliche Bindung der WTO an Menschenrechte, wie sie - zumindest auf dem Papier - wohl in den Verfassungen der meisten WTO -Mitglieder verankert sind, ist ausgeschlossen. Sie ist eine vlker- rechtliche Organisation. Dennoch ist ihr Handeln nicht frei von diesen verfassungsrechtlichen Bindungen. Zu unterscheiden ist hier zwischen der Frage einer Bercksichtigung von innerstaatlich verbrgten Men- schenrechten bei Abschluss der WTO -bereinkommen (hierzu 1.) einer- seits und den Bercksichtigungsmglichkeiten in den politischen Or- ganen der WTO (hierzu 2.) und in den Streitbeilegungsorganen der WTO (hierzu 3.) andererseits.

    1. Bercksichtigung von nationalen Menschenrechten bei Abschluss der WTO -bereinkommen

    Im Rahmen der Aushandlung und dem Abschluss vlkerrechtlicher Ver- einbarungen unterliegen die Staaten ihren innerstaatlichen Bindungen. Zu diesen zhlt in rechtsstaatlich-demokratischen Verfassungsstaaten wie Deutschland die Wahrung der grundlegenden Strukturen der deutschen Verfassungsordnung, die durch bertragungsakte nicht ausgehhlt wer- den drfen.3 Im Hinblick auf die im Grundgesetz verankerten Menschen- rechte bedeutet dies, dass ein dem Grundgesetz im wesentlichen ver- gleichbaren Schutz gewhrleistet sein muss.4 Dem wird entsprochen, wenn eine dem Entwicklungsstand der internationalen Organisation ent-

    3 BVerfGE 37, S.271 (279); BVerfGE 58, S. 1 (40); BVerfGE 73, S.339 (375 f.); vgl. Hilf, Treaty-Making and Application of Treaties in International Trade Law: The Case of Ger- many, in ders. /Petersmann (Hrsg.), National Constitutions and International Economic Law, 1993, S. 21 1 (214); ders., Die Konstitutionalisierung der Welthandelsordnung: Struktur, Institutionen und Verfahren, in: Berichte der deutschen Gesellschaft fr Vlkerrecht 40 (2003), S. 257 (264); Hbe, Der offene Verfassungsstaat zwischen Souvernitt und Interde- pendent 1998, S. 144; Hrmann, 3. Verfassungsrechtliche Grundlagen der WTO, in Hilf/ Oeter, WTO-Recht, Rechtsordnung des Welthandels, 2005, S. 37 ff. 4 BVerfG, DVB1. 2001, S. 1 130 Rn. 18 ; BVerfGE 102, S. 147 Rn. 56 it.; BVertGE 89, S. 155 (174 f.).

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    sprechende Ausgestaltung der menschenrechtlichen Prinzipien gewhr- leistet ist.5 Dadurch wird aber nur ein Mindeststandard, jedoch kein mit dem Grundgesetz deckungsgleicher Menschenrechtsschutz garantiert.6 In hnlich lautender Weise sind die US-amerikanischen Verfassungsorga- ne im Rahmen der Regelung auswrtiger Angelegenheiten an ihre Verfas- sung und die darin festgelegten Menschenrechte gebunden: So darf durch einen vlkerrechtlichen Vertrag kein US-Brger seiner verfassungsmig verbrgten Rechte, wie sie in der Bill of Rights verankert sind, beraubt werden.7 Auch hierbei handelt es sich aber nur um die Garantie eines Min- deststandards an Menschenrechtsschutz. Aus diesen Bindungen an die grundlegenden Strukturen der nationalen

    Verfassungen kann jedoch der Schluss gezogen werden, dass die ausge- handelten und mit Ratifizierung der WTO -bereinkommen eingegange- nen Verpflichtungen nicht generell im Widerspruch zum Wesensgehalt in- nerstaatlich verankerter Menschenrechte stehen knnen. Wrde man der- artiges behaupten, hiee dies, einer Vielzahl von WTO -Mitgliedern zu unterstellen, beim Abschluss der WTO-bereinkommen auerhalb ihrer verfassungsrechtlichen Spielrume gehandelt zu haben. Ein derartiges Szenario ist, gerade weil es sich bei diesen Mitgliedern um rechtsstaatlich- demokratische Verfassungsstaaten handelt, nicht vorstellbar.

    2. Bercksichtigung von nationalen Menschenrechten in den politischen Organen der WTO

    Doch die Wirkung nationaler Menschenrechtsstandards macht bei der a priori-Ausgestaltung der WTO -Verpflichtungen nicht Halt. Die natio- nalen Menschenrechte knnen darber hinaus ber die Vertreter der ver- fassungsrechtlich gebundenen WTO-Mitglieder in die politischen Orga- ne und Gremien der WTO hineingetragen werden. Begnstigt wird diese Form der Rckbindung des Handelns der WTO an die nationalen Verfas- sungswerte durch den der WTO eigentmlichen Charakter einer mem- b...

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