Doppelgängerglück und Doppelgängerleid der TherapeutInnen – Die psychodramatische Technik des Doppelns in der Psychoonkologie

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    13-Dec-2016

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  • Hauptbeitrge

    Zusammenfassung: Die Funktion der psychodramatischen technik des Doppelns ist das Verba-lisieren der inneren Befindlichkeit der ProtagonistInnen. Dies ist im psychoonkologischen Setting besonders hilfreich, und zwar in einer nicht klassischen Form des Doppelns auf der Begegnungs-bhne und als ,inneres Doppeln des Therapeuten. Ausgehend von psychodramatischen Theorien ber das Doppeln wird an Fallbeispielen aus der Psychoonkologie die Anwendung dieses ,inneren Doppelns durch den Therapeuten exemplarisch deutlich gemacht.

    Schlsselwrter: Doppeln Doppelgnger Psychodrama Psychoonkologie Begegnung

    Double happiness and distress of the therapist the psychodramatic double technique in psychooncology

    Abstract: The function of the psychodramatic double technique is the verbalization of the mental state of the protagonists. It fits in the particular purpose of the psychooncological setting, in fact in a non-classical form to double in the face-to-face encounter on the therapeutic stage and as inner double of the therapist. Based on psychodramatic theories I will show in case reports the practical work in psychooncolgy of this inner double technique of the therapist.

    Keywords: Double Psychodrama Psychooncology Encounter

    1 Unterschiede zwischen Psychoonkologie und Psychotherapie

    Psychoonkologie ist die professionelle Begleitung und Behandlung psychosozialer Belastungen von PatientInnen whrend und nach einer Krebserkrankung. Als komple-mentre Manahme ist sie Bestandteil der onkologischen Therapie. Dieses Angebot soll

    Z Psychodrama SoziometrDOI 10.1007/s11620-013-0195-8

    Doppelgngerglck und Doppelgngerleid der TherapeutInnen Die psychodramatische Technik des Doppelns in der Psychoonkologie

    Birgit Zilch-Purucker

    Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

    Dr. med. B. Zilch-Purucker ()Schermbecker Landstr. 88,46485 Wesel, DeutschlandE-Mail: zilch-purucker@evkwesel.de

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    in jeder Krankheitsphase sowohl fr PatientInnen als auch Angehrige zugnglich sein (Tschuschke 2005).

    Psychoonkologie ist anders als Psychotherapie! So ist es ein an Krebs erkrankter Mensch (oder dessen Angehriger), der sich zu einem Gesprch bereit erklrt, manchmal aus eigener innerer Motivation, hufiger, weil andere (Angehrige, rzte, Pfleger, Sozial-arbeiter) meinen, ,darber sprechen wre sinnvoll. Dieser Mensch ist bedroht durch die Krankheit und die mglichen Folgen , der Tod ist gedanklich anwesend. In dieser exis-tentiellen Krise, neu in Beziehung zu treten, zu einem fremden ,Psycho-Gegenber, ist eine Herausforderung eigener Art. Die Gesundheit ist verloren und neue Rollen mssen (manchmal leidvoll) gelernt werden. In dieser Phase ist es schwer, die eigenen Bedrf-nisse wahrzunehmen und zu leben, besonders wenn sich zustzlich zur krperlichen Erkrankung eine psychische Strung einstellt. Je nach epidemiologischer Untersuchung existiert ein bestimmter, nicht immer identischer Anteil von psychischer Komorbiditt bei chronischen krperlichen Erkrankungen (Schler et al. 2011, S. 603613). Diese wird hufig nicht erkannt (Sllner et al. 2001, S. 179185).

    Die Psychoonkologie ist einerseits ,prventiv, indem sie frh, d. h. ab Diagnosestel-lung, der Entwicklung von psychischen Strungen entgegenwirkt. Andererseits ist Psy-choonkologie auch ,therapeutisch, denn abhngig davon, welche Krankheitsverarbeitung (Coping) und welche soziale Untersttzung vorhanden ist, beeinflusst dies die Compli-ance der onkologischen Behandlung und somit indirekt den Krankheitsverlauf und die subjektive Lebensqualitt (Hrny und Schwarz 2011, S. 981).

    Wie in der Psychotherapie zielt die Psychoonkologie darauf ab, Leidenszustnde mit psychologischen Mitteln zu behandeln (Strotzka 1975, S. 4), allerdings ist der Zeitrahmen offen. Denn die aktuelle krperliche Befindlichkeit bestimmt und begrenzt die Dauer (der einzelnen Gesprche und der Begleitung insgesamt). Mal wird eine lngere therapeu-tische Beziehung mglich, wenn die Krankheit sich in Remission befindet. Mal bricht eine Beziehung ab, wenn der Patient aufgrund der Progredienz des Tumorleidens seine kognitiven Fhigkeiten verliert (z. B. ins Delir fllt oder durch Gehirnmetastasen verwirrt wird). Mal ,ist die psychoonkologische Begleitung einfach beendet, weil die durch die Krankheit ursprnglich verursachten Leidenszustnde sich entaktualisert haben oder eine zufriedenstellende Lebensqualitt subjektiv erreicht ist. Je nach Verlauf der krperlichen Erkrankung knnen sich deshalb die (Therapie-)Ziele sehr schnell ndern. Ziele in der Psychoonkologie orientieren sich mehr an den Wnschen der Patienten als an einer dia-gnostizierten Psychopathologie dem Wunsch nach besserer Bewltigung der Krankheit und der medizinischen Behandlung, dem Wunsch zu verstehen (Warum ich?, Warum jetzt?, Warum diese Krankheit?), dem Wunsch nach Vernderung und Lebensbilan-zierung, dem Wunsch nach Minimierung des begleitenden psychosozialen Leidens und hufig genug der Wunsch nach ,Heilung (Sllner 2012).

    Setting und Inhalte ndern sich schnell. Bei Progress der Krebserkrankung kann ggf. das Gesprch nicht mehr im Sitzen oder in einem separaten Raum stattfinden, sondern am Bett mit Mitpatienten im Krankenzimmer. Inhaltlich kann es von einer supportiven Therapie (Wller und Kruse 2010, S. 13 und S. 343) in der adjuvanten oder palliativen Situation zu einer Sterbebegleitung wechseln. Durch die existentiellen Themen ist die persnliche Prsenz des Therapeuten gefordert. Es geht um Halten und Aushalten von Gefhlen und Phantasien, es geht in der Therapie um ,containing in einer sicheren the-

  • 3Doppelgngerglck und Doppelgngerleid der TherapeutInnen ...

    rapeutischen Beziehung (Bion 1962). Bion beschreibt in seiner Theorie von Container und Contained, dass durch die Aufnahme von projizierten Inhalten der Patienten (z. B. unertrglicher negativer Emotionen) in die Psyche des Therapeuten die Inhalte vom Therapeuten so verndert werden, dass diese vom Patienten wieder nach einem wohl-wollenden Angebot aufgenommen werden knnen. Winnicott (1974) spricht vom ,hol-ding einer mtterlich haltenden Funktion des Therapeuten mit der Bereitstellung einer frdernden Umwelt (,facilitating environment). Zudem ist auch das ,Prinzip Antwort (Heigl-Evers und Nitschke 1991, S. 115127), d. h. die eigenen Affekte und Urteile als Therapeut selektiv zu benennen, wichtig in der psychoonkologischen Arbeit.

    Krebs als Krise fhrt zu einer Destabilisierung des Ich, weshalb in der Psychoonko-logie immer auch die Struktur des Klienten in den Fokus rckt. Allerdings ist nicht die Strukturnderung das primre Ziel, sondern die Ich-Strkung durch bessere Krisenbe-wltigung (Coping), verbesserte soziale Beziehungen, Ressourcenaktivierung, die Suche nach persnlichem Sinn, das Wiederherstellen von Selbstwert und Autonomie (Ange-nendt et al. 2007, S. 3 und Dorn et al. 2007, S. 6).

    2 Das Format Psychodrama in der Psychoonkologie

    Psychodrama hat viele Anwendungsgebiete (Stadler und Kern 2010, S. 16). Psychodrama ist eine ,Einladung zur Begegnung (Stadler und Kern 2010, S. 10). Sich zu begegnen, dazu ldt auch die Psychoonkologie ein: PsychoonkologInnen bieten sich als ein mensch-liches Gegenber an und ffnen damit einen neuen Interaktions- und Lebensraum.

    In der psychoonkologischen Begleitung psychischer Beschwerden whrend und nach einer Krebserkrankung werden viele Verfahren einzeltherapeutisch oder im Gruppenset-ting eingesetzt (Angenendt et al. 2007, S. 1821) und sind in ihrer Wirksamkeit erprobt (Sllner und Keller 2011, S. 1011). Die meisten PsychoonkologInnen arbeiten metho-denbergreifend integrativ, eben weil die Therapie den Bedrfnissen der PatientInnen angepasst sein muss.

    Psychodrama in der Psychoonkologie ist beschrieben worden von Frede (1992) und Konteh (2008). Beide stellen die Grundhaltung des Psychodramas ausfhrlich dar und nutzen psychodramatische Methoden in der Psychoonkologie. Zum einen ist es der sys-temische Ansatz im Psychodrama, der in der Psychoonkologie wichtig ist. Frede (1992, S. 26) beschreibt, dass nicht der Patient schwierig ist, sondern die Lage, in der er sich befindet. In der konkreten Arbeit ist der Fokus ber die PatientInnen hinaus erweitert, auch die Angehrigen und die Versorgungsstrukturen geraten in den Blick, um in der Gesamtsituation hilfreich zur Seite zu stehen. Zum anderen aktiviert das Psychodrama die salutogenen Ressourcen. Mit der Diagnose Krebs erlebt man als PatientIn und Ange-hriger Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Sich wieder zur AkteurIn/RegisseurIn des eige-nen Lebens zu machen und sich gestaltend zu erleben, frdert Psychodrama mehr als andere Methoden (Bender und Stadler 2012, S. 6).

    So zielt eine ,psychodramatische Psychoonkologie darauf: dass sich Krebskranke in ihrem Erleben und Verhalten verstehen lernen, in den situativen Anforderungen in der neuen ,Patientenrolle rund um die Diagnose und Therapie einfinden knnen, und ,krea-

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    tiv und ,gesund mit ihrer Erkrankung umgehen lernen, indem sie sich den immer wieder neuen anderen Rollenanforderungen anpassen.

    Wichtig erscheint mir, dass Frede (1992, S. 37) auch von ,Heilung durch Begegnung spricht. Sie verweist auf das Teleprinzip Morenos und die ,therapeutische Liebe. Sie ver-steht darunter u. a.: dass ich den Patienten in seiner spezifischen Situation als eigenstn-dige Person respektiere und bejahe, ihn ohne Vorbehalte und Wertungen als den annehme, der er zu sein behauptet, ohne zu argwhnen, dass er im Grunde anders sei dass ich mich darum bemhe, die Anforderungen des Augenblicks wahrzunehmen, die ganz kon-kreten, unmittelbar anstehenden Probleme zu erkennen (einschlielich der Bedrfnisse des Krpers!) und mich fr Lsungen einzusetzen bzw. Unlsbarkeit gemeinsam mit dem Patienten auszuhalten, dass ich nicht von mir, sondern vom Patienten her denke, dass ich ihm gebe, was er wirklich braucht, dabei die Bedrfnisse des Patienten gelegent-lich vorwegnehme (nicht erst abwarte wie in ,konventioneller Therapie , bis er seine Wnsche in Worten ausdrckt), ohne ihm jedoch etwas aufzudrngen, was er nicht selbst wirklich mchte (). (Frede 1992, S. 38 f.).

    Hier hat Frede das beschrieben, was ich als ,inneres Doppeln im Prozess mit Krebs-kranken versuche, in die Tat umzusetzen.

    3 Doppeln bei Moreno

    Doppeln ist eine grundlegende Technik des Psychodramas (Krger 2009, S. 123 sowie Hutter und Schwehm 2009, S. 135). Jemand, der doppelt, ist nach Moreno eine geschulte Person, geschult darin, die gleichen Verhaltensmuster, die gleichen Gefhlsmuster, die gleichen Gedankenmuster, die gleichen Muster verbaler Kommunikation, die der Patient hervorbringt, zu produzieren. Nun brauchen wir natrlich dieses Doppel nicht nur als einen sthetisch Handelnden, sondern um Zutritt zum Bewusstsein dieser Person zu erhalten und um diese Person zu beeinflussen. (Hutter und Schwehm, 2009, S. 323). Fr Moreno entwickelt das Doppeln Identitt (Hutter und Schwehm 2009, S. 330).

    So vergleicht er das Doppeln mit der Mutter-Kind-Interaktion. Ich wsste gern, ob Sie schon einmal eine Mutter zu ihrem Baby haben sprechen sehen. Sie ksst und zwickt es. Wenn das Baby lacht oder alle mglichen Arten von Geruschen von sich gibt, spricht sie noch mehr zu ihm. Natrlich freut sich das Baby darber, aber es versteht kein ein-ziges Wort, das sie sagt; das jedoch interessiert die Mutter nicht. Sie spricht fr das Baby und fr sich selbst und hat ihren Spa dabei. () Das ist wirklich die Technik des Dop-pelns, angewandt auf unprofessionelle Weise in einer natrlichen Situation. (Hutter und Schwehm 2009, S. 325). In Morenos Rollentheorie dient dies nach den psychosomati-schen Rollen (und der Erfahrung des eigenen Krpers) zum Aufbau psychodramatischer Rollen, um das zu erfahren, was wir ,Psyche nennen. (Hutter und Schwehm 2009, S. 319).

    Doppeln als Technik interpretiert Befindlichkeiten und strebt eine Integration auch abgespaltener oder verdrngter Anteile an, d. h. heil werden mit sich. Ich versetze mich (als TherapeutIn im Monodrama, aber auch in Leitungen in einer Gruppe) in die ,Lage des Protagonisten oder der Protagonistin, d. h. ich nehme seine bzw. ihre Krperhaltung ein, ich spre gefhle und gedanken und spreche sie aus, manchmal auch das, was der

  • 5Doppelgngerglck und Doppelgngerleid der TherapeutInnen ...

    Protagonist (noch) nicht sprt, nicht aussprechen kann, nicht fhlt, abgespalten hat. Damit werde ich ein ,Doppelgnger im Geiste. Ich whle eine von vielen mglichen Interpretationen aus und schaue, ob sie der Protagonist oder die Protagonistin annehmen kann, ob sie stimmig fr ihn/sie ist.

    Eine Indikation des Doppelns sieht Moreno im ,Spontaneittsdefizit des Patienten bzw. der Patientin (Hutter und Schwehm 2009, S. 288). Doppeln befreie den Patienten von seinen Fesseln, indem es neue Interpretationen in den therapeutischen Raum bringt (Hutter und Schwehm, 2009, S. 288). Nur wenn Spontaneitt wirksam ist, knne ein krea-tiver Prozess in Gang kommen (Hutter und Schwehm, 2009, S. 284). Vielleicht auch des-halb, weil ja das erste ,psychodramatische Gesetz nach Moreno lautet: Stell dich selbst an die Stelle des Opfers von Ungerechtigkeit und teile seine Verletzung. Tausche die Rolle mit ihm. (Hutter und Schwehm 2009, S. 456). Doppeln so verstanden, bedeutet, gedanklich den Rollentausch mit der ProtagonistIn zu vollziehen und die Verletzung im therapeutischen Ich zu spren, bevor sie wieder nach auen bezeugt wird.

    4 Doppeln bei nachfolgenden Autoren

    Von Ameln et al. (2009, S. 6068) beschreiben die Technik des Doppelns fr das Grup-pensetting. Korrekt angewendet heit dies, dass das Doppel seitlich hinter den Prota-gonisten tritt und in der ersten Person spricht (d. h. Doppelregel ,ich-Form), so als wre er der Protagonist. Doppeln knne dem Spiel entscheidende Impulse geben durch emotionale Tiefe und ggf. eine Katharsis einleiten.

    Als Indikation sehen die Autoren die Aufgabe, den Protagonisten emotional zu stt-zen und/oder zur Selbstexploration (bis hin zu ,blinden Flecken) anzuregen. Doppeln knne auch die verschiedenen Persnlichkeitsanteile des Protagonisten sichtbar machen. Darber hinaus knnten Klientinnen mit schweren strukturellen Defiziten oder in exis-tentiellen Krisen durch Doppeln gesttzt werden. Die Autoren unterscheiden elf Arten des Doppelns.

    Einfacher ist da die Zweiteilung Krgers (1997, S. 116130) zu lesen: Er unterschei-det die Technik des 1) intrapsychisch verbalisierenden Doppelns und des 2) interaktio-nell mitagierenden Doppelgngers. Ziel der so eingesetzten Doppeltechnik sei es, die Beziehung zu sich selbst (wieder) neu zu entwickeln (Krger 1997, S. 116). Im intra-psychisch verbalisierenden Doppeln fasse der Leiter zuerst das in Worte, was auen bildhaft szenisch zu sehen ist, dann die innere Wahrnehmung der Protagonistin von sich selbst und zuletzt erst den zugehrigen Affekt (Krger 1997, S. 118). In diesem Sinne versteht Krger das Doppeln als ,Wahrnehmungs- und Verbalisierungsarbeit. Indem die Sprache genutzt werde, werde das krperliche Handeln durch sprachliches Handeln ergnzt und strukturiere so das Ich-Erleben. Krger (1997, S. 119) beschreibt dies als das Wied...

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