Ein Groschen fürs Licht

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Die Frankfurter Altstadt in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist ein erstaunliches Viertel: Prachtvolle Fachwerkhäuser und schöne Steinfassaden spiegeln den Glanz der großen alten Handelsmetropole wider. Rolf Schmitz, der 1929 geboren wird, kennt die Frankfurter Altstadt wie kein Zweiter. Auch seine Familie leidet unter großer Armut, doch „Klaa Rölfche“, wie ihn alle nennen, weiß sich zu helfen. Der Lausbub wächst heran und erlebt in der Altstadt viele Abenteuer.

Text of Ein Groschen fürs Licht

  • Ein Groschen frs LichtKindheit in der Frankfurter Altstadt

    Erinnerungen von Rolf Schmitz

    Aufgezeichnet von Markus Dobstadt

    Ein bewegendes Lebensbild vor dem Hintergrund eines wichtigen Stcks

    Frankfurter Stadtgeschichte

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    LaudatioVerlagISBN 978-3-941275-35-5

    www.laudatio-verlag.de

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    ,95

    Die Frankfurter Altstadt in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist ein erstaunliches Viertel: Prachtvolle Fachwerkhuser und schne Stein-fassaden spiegeln den Glanz der gro-en alten Handelsmetropole wider. Doch unter den brigen Bewohnern ist das Viertel nicht gut angesehen. Die Reichen haben ihm lngst den Rcken gekehrt. Zurckgeblieben sind die Armen. Altstadtbub ist ein

    Schimpfwort. Rolf Schmitz, der 1929 geboren wird, kennt das Viertel wie kein Zweiter. Auch seine Familie leidet unter gro-er Armut, doch Klaa Rlfche, wie ihn alle nennen, wei sich zu helfen. Der Lausbub wchst heran und erlebt in der Altstadt viele Abenteuer. Gefhrlich wird es fr die Familie whrend der NS-Diktatur, als die Eltern jdischen Brgern zur Flucht verhel-fen. In seinen Erinnerungen fhrt Rolf Schmitz hautnah durch diese bunte, bedrngte Welt, die schlielich in den Bomben-nchten untergeht. Er schildert auch die Not nach dem Krieg und die neu erwachte Lust der Menschen, wieder einen nor-malen Alltag und auch Liebe zu erleben. Eines Tages trifft Rolf Schmitz am Mainufer die Frau seines Lebens und macht ihr spontan einen Heiratsantrag ...

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  • 2Die Autoren

    Rolf Schmitz, Jahrgang 1929, ist im Herzen Frankfurts, der Altstadt, aufgewachsen. Der technische Angestellte hat die Vorkriegszeit, den Untergang der Frankfurter Altstadt im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau seiner Heimatstadt haut-nah miterlebt. Bekannt als Klaa Rlfche, gilt Rolf Schmitz als eines der letzten Frankfurter Originale und als Kenner der jngeren Frankfurter Stadtgeschichte. Bis heute wirkt er als Zeitzeuge durch Vortrge, Filmdokumentationen und Stadt-fhrungen daran mit, die Erinnerungen an einst lebendig zu erhalten.

    Der Frankfurter Journalist Markus Dobstadt hat aus diesen Vortrgen und vie-len persnlichen Gesprchen die Erinnerungen und Erzhlungen Rolf Schmitz zusammengetragen und in diesem Buch aufgezeichnet. Der 47-Jhrige ist fr die Frankfurter Rundschau, die Zeitschrift Publik-Forum und den Evangelischen Pressedienst ttig und arbeitet auerdem als Biograf (www.mensch-erzhle.de).

  • 3Ein Groschen frs Licht

    Kindheit in der Frankfurter AltstadtErinnerungen von Rolf Schmitz

    Aufgezeichnet von Markus Dobstadt

    Ihr privater Buchverlag

    LaudatioVerlag

  • 4Rolf Schmitz, Markus Dobstadt; Ein Groschen frs Licht 2012 by Laudatio Verlag, Frankfurt am Main

    Alle Rechte vorbehaltenSatz: Nicolas Vassiliev

    Titelbild: Rolf Oeser, Institut fr Stadtgeschichte Frankfurt am Main Umschlaggestaltung Nicolas Vassiliev

    ISBN 978-3-941275-35-5

    Dieses Buch ist all den Menschen in der Frankfurter Altstadt gewidmet, die mir auf vielfltige Weise geholfen haben.

    Rolf Schmitz

  • 5ALTSTADT-LEBEN

    Mit Apfelwein getauftMeine Geschichte beginnt nicht in der Altstadt, sondern auf der anderen Fluss-

    seite: in Sachsenhausen, dem Frankfurter Stadtteil sdlich des Mains. Denn mein Grovater Karl Schmitz will, dass seine Schwiegertochter im dortigen Privatkran-kenhaus niederkommt. Opa Karl ist ein exzellenter Schneider und in Sachsenhau-sen bekannt. Seinen Stoff kauft er in der Lappegass, wie wir die kleine Strae mit den vielen Tuchlden unweit des Liebfrauenbergs auf der Nordseite des Mains nennen. Dort bekommt man den feinsten Stoff genauso wie getragene Pullover und Schuhe. Spter nht er auch fr mich Kleidung aus brig gebliebenen Resten, und so habe ich manchmal Hosen aus feinem englischen Tuch an. Weil Karl die rzte vornehm ausstaffieren kann, hat er gute Beziehungen zum Krankenhaus in Sachsenhausen. So kommt es, dass meine Mutter und ich nach der Geburt ein Einzelzimmer bekommen, was etwas ganz Besonderes ist. Bezahlen mssen wir nur den Preis fr ein Zimmer der dritten Klasse, in der blicherweise mehrere Pati-enten gemeinsam liegen, 80 Reichsmark. Fr meine Eltern ist aber auch das zu viel, so dass mein Grovater die Rechnung bernimmt. Wer in der dritten Klasse un-terkommt, erhlt ganz einfaches Essgeschirr. In der ersten Klasse ist es aus feinstem Porzellan. Betuchte Patienten bekommen auch besseres Essen. Am 20. Juni 1929 komme ich zur Welt. Fnf Tage spter werde ich im Krankenhaus getauft. Auer mit Wasser auch mit ein paar Tropfen Apfelwein. Der Opa ist begeistert von mir, dem ersten und einzigen mnnlichen Nachkommen. Sechs Jahre vorher ist meine Schwester geboren worden.

    Nach zehn Tagen fahren meine Mutter und ich nach Hause. Erstmals ber-quere ich den Main, der fr Frankfurt so wichtig ist, dass die Bewohner einander in die Drippdebcher, die sdlich des Flusses Wohnenden, und die Hippdebcher, die nrdlich davon zu Hause sind, aufteilen. Nur wenige werden, wie ich, Brger beider Seiten. Denn die Frankfurter sind sesshaft und in ihren kleinen Vierteln mit fest umrissenen Grenzen verwurzelt. Und wenn nicht der Krieg gewesen wre,

  • 6wer wei, ich wrde bestimmt noch heute in der Altstadt und nicht in Sachsen-hausen leben. Ich e beim Zehnter, einem brgerlichen Speiselokal am Rande des Rmerbergs, zu Mittag. Auf dem Hhnermarkt wrde ich das Stoltzedenkmal mit dem Brunnen betrachten, ber den Markt, den frheren Krnungsweg der Kaiser, vom Rmerberg zum Dom laufen, und an den Buden der Schirn eine heie Fleischwurst essen. Ich wrde darber staunen, wie gut das alles inzwischen res-tauriert ist. Und die Touristen beobachten, die Deutschlands grte Fachwerkstadt besuchen.

    Welchen Verlust die Zerstrung der Altstadt bedeutet, mit ihren kleinen Tr-men und Erkern, den alten Gebuden, die Namen trugen wie Rotes Haus, Groer Schnabel, Pesthaus, Goldenes Lmmchen, Haus zum Storch oder Goldenes Un-terhhnchen, das wird mir eigentlich erst Jahrzehnte nach den Bombennchten bewusst, als die Not vorber ist. Ich beginne sie pltzlich zu vermissen, die alten Pltze wie den Krautmarkt und das Fnffingerpltzchen, das so eng gewesen ist, dass sich die Bewohner von Haus zu Haus ber die Gasse hinweg fast die Hand reichen konnten. Whrend der Kindheit ist dieses Viertel meine Welt. Ich habe ein offenes Herz und bin berall bekannt. Alle nennen mich nur das klaa Rlfche.

    Ein Zimmer im PalastZuerst wohnen wir in der Saalgasse 29. Das Haus zum Saal, das der Stadt

    gehrt, liegt am Rande des Rmerbergs und ist ber Jahrhunderte ein Palast be-tuchter Leute gewesen. Die Haustr wird, wie allgemein in der Altstadt blich, nicht abgeschlossen. Das Treppenhaus dahinter ist noch immer prachtvoll und der grte Raum im Haus. Neben der Treppe ist ein schn geschmiedetes Ge-lnder angebracht. Die Zimmer werden inzwischen einzeln preisgnstig fr zehn oder 15 Reichsmark im Monat vermietet. Sie haben hohe Decken, sind aber ohne Strom- und ohne Wasseranschluss. Wer Licht haben will, muss Groschen, also Zehnpfennigstcke, oder Chips fr acht Pfennige, die in der Kaiserstrae verkauft werden, in einen Gasautomaten werfen. Manchmal kommen Nachbarn zu uns und fragen: Frau Schmitz, wrden Sie uns wohl einen Chip borgen? Bei uns ist gerade das Licht ausgegangen. Den Groschen wollen sie nicht hineinwerfen, denn selbst zwei Pfennige sind schon Geld.

    Natrlich hilft man sich untereinander aus, auch wenn keiner viel hat. Die To-ilette und das Waschbecken benutzen die Mieter aller sechs Wohnungen auf dem Stockwerk gemeinsam. Nachts behelfen wir uns mit Nachttpfen, die morgens ge-leert werden mssen. Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und ich leben in diesem einen Zimmer mit vier Betten und einem Schrank. Auf dem groen

  • 7Kohleofen steht ein Kesselwasserschiff, ein rechteckiger Behlter, der fest in den Ofen eingesetzt und nicht herausnehmbar ist. Wird der Ofen angeheizt, erwrmt sich das Wasser. Obwohl wir keinen eigenen Wasseranschluss haben, werde ich als Baby, trotz meiner heftigen Proteste, tglich in der Zinkwanne gebadet und mit Kernseife abgeschrubbt. Die Windeln aus Stoff werden in einem Topf auf dem Herd sauber gekocht und dann an einer Wschespinne aus Holz ber dem Ofen aufgehngt. Meine Mutter nimmt es mit der Sauberkeit sehr genau. Immer steht in der Kche eine Emailleschssel mit warmem Wasser zum Hndewaschen bereit. Sie subert sogar mit einer alten Zahnbrste die Ecken in der Wohnung und an den Stufen im Treppenhaus.

    Dreckig und speckigAber so machen es nicht alle in der Altstadt. Die Treppenhuser sind das Aus-

    hngeschild. Ist es dort sauber, sind es auch die Bewohner. In einigen Husern ist anstelle eines Gelnders ein dickes Seil gespannt, in manchen wird das jede Woche mit Schmierseife geschrubbt. Andere sind dreckig und speckig. Damit die Toi-letten, die sich meist im Zwischengeschoss befinden, nicht unangenehm riechen,

    Das imposante Treppenhaus in der Saalgasse 29 im Jahr 1934. Ganz rechts ist die Tr zum Zimmer der Familie Schmitz zu sehen.

  • 8stellen manche eine Schssel mit Essig auf. Aus anderen Gebuden dringt der ble Geruch bis nach drauen. Viele Huser wirken schon am Eingang schmutzig. Der Kammerjger verdient in unserem Viertel sehr gut. Auch wir machen in unserer spteren Wohnung im Tuchgaden Bekanntschaft mit kleinen braunen Kfern. Als wir den auf Raten gekauften Gasherd das erste Mal anfeuern, krabbeln die Kaker-laken, durch die Wrme im Raum munter geworden, aus allen Ecken heraus.

    Einige Kinder in der Altstadt riechen nach Petroleum. Damit werden die Kopf-luse vertrieben. Manche Bewohner waschen sich nicht und riechen schon von weitem nach Schwei, so dass man lieber 20 Meter Abstand hlt. Andere wissen sich trotz ihrer Armut gut zu pf