Entrepreneur – Social Entrepreneur – Policy Entrepreneur ?· 442 h. M. Grimm Kernaussagen: der social…

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  • Berichte aus der Praxis

    Zusammenfassung: social entrepreneurship erlebt eine renaissance, weil zunehmend auf Me- thoden und interaktionsmodi des unternehmertums zur Lösung sozialer Probleme zurückgegrif- fen wird. der soziale entrepreneur, angetrieben von einer Mission, befriedigt durch sein Verhalten und unternehmerisches handeln die Nachfrage nach sozialen Leistungen, erzeugt Wertschöpfung und trägt zum gesamtgesellschaftlichen Wandel bei. Grimm argumentiert, dass der Begriffe des sozialen entrepreneurs auch in der deutschen debatte klarer umrissen und von konkurrierenden Begriffen abgegrenzt werden muss und schlägt dafür die typologisierung in entrepreneur, social entrepreneur und Policy entrepreneur vor, mit jeweils eigenem rollenverständnis.

    Schlüsselwörter:  entrepreneur · social entrepreneur · Policy entrepreneur · corporate social responsibility

    Entrepreneur—social entrepreneur—policy entrepreneur – Typological  characteristics and perspectives

    Abstract:  social entrepreneurship is en vogue since entrepreneurs’ methods and modes of inter- action are applied to solving social problems. social entrepreneurs, driven by a mission, satisfy demands for social goods, generate value and contribute to overall societal change. Grimm argues that the term social entrepreneur needs further clarification especially in the German context distinguishing it from concurring terminologies. she suggests a typology and differentiated un- derstanding of entrepreneurship, social entrepreneurship and policy entrepreneurship.

    Keywords:  entrepreneur · social entrepreneur · Policy entrepreneur · corporate social responsibility

    Z Politikberat (2011) 3:441–456 dOi 10.1007/s12392-011-0266-z

    Entrepreneur – Social Entrepreneur – Policy   Entrepreneur Typologische Merkmale und Perspektiven

    Heike M. Grimm

    Online publiziert: 27.04.2011 © Vs Verlag für sozialwissenschaften 2011

    dr. h. M. Grimm () Forschungsdozentur für Public Policy, universität erfurt, Nordhäuser straße 63, 99089 erfurt, deutschland e-Mail: heike.grimm@uni-erfurt.de

  • 442 h. M. Grimm

    Kernaussagen: der social entrepreneur wird sich dort engagieren, wo staat, Pri- vat- und NGO-sektor noch nicht tätig oder wirksam sind. Policy entrepreneure können eine wichtige rolle einnehmen, da sie eine Balance zwischen staatlichem und sozial-unternehmerischem handeln schaffen. durch klares akzentuieren und unterstützen von transparenten, wirksamen social-entrepreneur-Projekten sowie distanzierung von weniger legitimen social-entrepreneur-aktionen können Policy entrepreneure eine Brücke zu Politik und Gesellschaft bauen und ein wichtiges Kontrollelement im Policy Prozess installieren. dem Policy entrepreneur kommt die rolle des Mediators und Brückenbauers zwischen staat, Markt und Zivilgesell- schaft zu. die aktivitäten der social entrepreneure sind hilfreich, um jene Bereiche zu identifizieren, die von staatlicher und unternehmerischer Seite nicht angemessen bedient werden können.

    1   Einleitung

    Social Entrepreneurship umschreibt ein altes Phänomen mit neuem Label. Bereits im 19. Jahrhundert engagierten sich sozial-gesellschaftlich motivierte Pioniere, wie zum Beispiel Florence Nightingale, die eklatante Mängel bei der Gesundheitsfürsorge für arme Bevöl- kerungsschichten erkannte und die bis dahin vernachlässigte Krankenpflege durch die initiierung eines ausbildungsmodells (bekannt als Nightingale system) revolutionierte. dank einer großzügigen spende gründete sie im Jahr 1860 die Florence-Nightingale- Stiftung und errichtete eine Krankenpflegeschule am St. Thomas Hospital in London. auch der Gründer des roten Kreuzes, henri dunant, gilt als Social Entrepreneur par excellence und erhielt 1901 den ersten Friedensnobelpreis für sein herausragendes sozia- les engagement. diese ehre wurde 2006 auch dem bekanntesten Social Entrepreneur der Gegenwart zuteil, dem Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesch, der mit der Gründung der Grameen Bank 1983 die Mikrofinanzierung von Existenzgrün- dungen als Mittel zur armutsbekämpfung innovativ und sozialunternehmerisch etablierte und der Social-Entrepreneurship-Bewegung erheblichen anschub verlieh.

    die Gründe für die renaissance von Social Entrepreneurship (se), das im weites- ten sinne als soziales engagement betrachtet werden kann, sind vielschichtig. sicher- lich spielt die enttäuschung über den seit Jahrzehnten mäßigen erfolg staatlicher und philanthropischer anstrengungen zur nachhaltigen Behebung sozial-gesellschaftlicher Missstände im lokalen wie globalen Zusammenhang eine rolle. Muhammad Yunus zeigt in diesem Kontext auf, dass die Instrumente zur Lösung sozialer Probleme vorhanden sind, aber nicht effizient und effektiv eingesetzt werden. Gefordert sind neue, innova- tive ideen und initiativen zur Lösung sozial-gesellschaftlicher Probleme. immer mehr akteure nehmen sich der herausforderung an, hierfür kreative Lösungen zu entwickeln und umzusetzen.

    die Zeit ist auch aus anderen Gründen reif, der Forderung nach so genannten ent- repreneurial solutions für soziale herausforderungen nachzukommen. unter den Vor- zeichen einer rasanten Globalisierung und zunehmender wirtschaftlicher unsicherheit stehen unternehmerische einheiten unter Zugzwang, die Gesellschaft an ihren Gewin-

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    nen teilhaben zu lassen, was sich zum Beispiel in der emergenz von so genannten Cor- porate Social Responsibility (csr) abteilungen von großen Firmen niederschlägt, die einen freiwilligen Beitrag zu nachhaltiger entwicklung leisten und ethisch-unternehmeri- sche Verantwortung zeigen wollen (europäische Kommission 2001; imbusch und rucht 2007; Backhaus-Maul et al. 2008). csr ist se nachgelagert, denn es gehört nicht zum Kerngeschäft von unternehmen oder Kapitalgesellschaften, die gesetzlich zur Gewinn- maximierung für Aktionäre verpflichtet sind. Mit strategisch angelegten, wohltätigen aktionen können sich unternehmen allerdings Wettbewerbsvorteile verschaffen (Porter und Kramer 1999). doch auch auf personenzentrierter akteursebene ist die entwicklung einer neuen sozialen Verantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft zu beobachten, die sozio-ökonomisch immer weiter auseinanderdriftet (Bundesministerium für arbeit und soziales 2008). diese neue Verantwortlichkeit geht einher mit der postmodernen Frage nach dem sinn individualistischen, wirtschaftlichen handelns einer kapitalistischen Gesellschaft, die in der Nachkriegszeit primär Gewinnstreben und einkommenssteige- rung als Mittel und Zweck ökonomischen Handelns definiert hatte. Philanthropisches engagement von einzelpersonen und unternehmen war in europa, hierbei vor allem in deutschland, über viele Jahre hinweg vergleichsweise wenig en vogue (adam 2004; acs et al. 2007). seit wenigen Jahren wird die rolle des Bürgerengagements lebhafter als je zuvor geführt (Zimmer und Priller 2007). Mit der reform des stiftungssteuerrechts im Jahre 2000 wurde zum Beispiel das stiften in deutschland erleichtert und die Zahl der neu gegründeten stiftungen stieg erheblich an: heute werden in einem Jahr etwa so viele stiftungen gegründet wie vor 20 Jahren in einem Jahrzehnt (Gregory und Lindlacher 2008, s. 17; anheier 2003). Befördert werden diese entwicklungen durch grassierende finanzielle Engpässe der öffentlichen Haushalte, die sich mittelfristig nicht in der Lage sehen, soziale Schieflagen in der Gesellschaft abzufedern oder gar zu beseitigen. Mit der globalen Finanz- und Bankenkrise 2008 traten eklatante Formen von Markt-, aber auch staatsversagen zutage, die alles andere als beseitigt worden sind. die Gesellschaft hat die eingeschränkten aktionsmöglichkeiten von Wirtschaft und Politik erkannt und reagiert mit verstärktem engagement im sozialen Bereich, um Markt- und staatsversagen entgegenzuwirken.

    hervorzuheben ist bereits an dieser stelle, dass se nicht mit Philanthropie im höchst beachtenswerten Mutter-theresa-stil gleichzusetzen ist. se besticht durch vielerlei Orga- nisations- und aktionsformen und vor allem dadurch, dass es das verstaubte image des selbstlosen Altruisten als Hauptakteur durch das eines exzellent organisierten, durchset- zungsstarken unternehmertypus ersetzt: „it combines the passion of a social mission with an image of business-like discipline, innovation, and determination commonly associated with, for instance, the high-tech pioneers of silicon Valley“ (dees 2001, s. 1).

    die Motivationsgrundlagen für se sind denen für Entrepreneurship sehr ähnlich, wes- halb es sich zunächst lohnt, auf den Überbegriff näher einzugehen. daran schließend wird erläutert, was unter se verstanden wird, wie man se von Entrepreneurship im all- gemeinen abgrenzt und welche Formen und inhalte se annehmen kann. Mit ausgewähl- ten Beispielen von se werden tätigkeitsfelder und aktionsmöglichkeiten vorgestellt, um den schillernden Begriff klarer umreißen zu können. daran anschließend wird kurz die Bedeutung von Policy Entrepreneurship (Pe) erläutert, um der Frage nachzugehen, warum die Lösung sozialer Probleme verstärkt nicht-staatlichen akteuren überlassen

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    wird. abschließend werden Perspektiven, aber auch Grenzen von se sowie die chancen einer engeren interaktion von Pe und se aufgezeigt.

    Mit der hier angestrengten typologisierung der „3es“ ( Entrepreneurship, se und Pe) soll ein kurzer Beitrag geleistet werden, sich definitorisch und begrifflich Klarheit vor allem über den Begriff und den Einfluss von SE zu verschaffen, was bislang eine For- schungslücke