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  • ENZYKLOPÄDIE DER PHILOSOPHISCHEN WISSENSCHAFTEN

    IM GRUNDRISSE (1830)

    II

  • Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften II 2

    DIE NATURPHILOSOPHIE

    Einleitung

    Zusatz. Man kann vielleicht sagen, daß zu unserer Zeit die Philosophie sich keiner besonderen Gunst und Zuneigung zu erfreuen habe, wenig- stens nicht der ehemaligen Anerkennung, daß das Studium der Phi- losophie die unentbehrliche Einleitung und Grundlage für alle weitere wissenschaftliche Bildung und Berufsstudium ausmachen müsse. Aber soviel läßt sich wohl ohne Bedenken als richtig annehmen, daß die Naturphilosophie insbesondere unter einer bedeutenden Abgunst liege. Ich will mich nicht weitläufig darüber verbreiten, inwiefern solches Vor- urteil gegen die Naturphilosophie insbesondere gerecht ist; doch kann ich dasselbe auch nicht ganz übergehen. Es ist allerdings geschehen, was bei einer großen Anregung nicht auszubleiben pflegt, daß die Idee der Naturphilosophie, wie sie in neueren Zeiten sich aufgetan hat, man kann sagen in der ersten Befriedigung, welche diese Entdeckung ge- währt hat, von ungeschickten Händen roh ergriffen worden, statt durch die denkende Vernunft gepflegt zu werden, und nicht sowohl von ihren

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    Gegnern als von ihren Freunden breit und platt geschlagen worden ist. Sie ist vielfältig, ja größtenteils in einen äußerlichen Formalismus ver- wandelt und in ein begriffloses Instrument für die Oberflächlichkeit des Gedankens und eine phantastische Einbildungskraft verkehrt worden. Ich will die Ausschweifungen, zu denen die Idee oder vielmehr ihre totgemachten Formen gebraucht worden sind, nicht näher charakterisie- ren. Ich habe vor längerer Zeit in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes mehr darüber gesagt. Es ist dann nicht zu verwundern gewesen, daß ebensowohl das sinnigere Naturanschauen als der rohe Empirismus, ein durch die Idee geleitetes Erkennen sowohl als der äußere abstrakte Verstand solchem ebenso barocken als anmaßenden Getue den Rücken zugewendet haben, welches selbst rohen Empiris- mus und unverstandene Gedankenformen, völlige Willkür der Einbildung und die gemeinste Weise, nach oberflächlicher Analogie zu verfahren, chaotisch vermengt und solches Gebräue für die Idee, Vernunft, Wis- senschaft, für göttliches Erkennen, und den Mangel an aller Methode und Wissenschaftlichkeit für den höchsten Gipfel der Wissenschaftlich- keit ausgegeben hat. Durch solche Schwindeleien ist die Naturphiloso- phie, überhaupt die Schellingsche Philosophie in Mißkredit gekommen.

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    Ein ganz anderes aber ist es, um solcher Verirrung und Mißkennung der Idee willen die Naturphilosophie selbst zu verwerfen. Es geschieht nicht selten, daß Mißbrauch und Verkehrung der Philosophie denjeni- gen, welche vom Hasse gegen die Philosophie befangen sind, erwünscht ist, weil sie das Verkehrte gebrauchen, um die Wissenschaft selbst zu verunglimpfen, und ihr gegründetes Verwerfen des Verkehrten auch nebuloserweise dafür geltend machen wollen, daß sie die Phi- losophie selbst getroffen haben.

    Es könnte zunächst in Rücksicht auf die vorhandenen Mißverständ- nisse und Vorurteile gegen die Naturphilosophie zweckmäßig scheinen, den wahren Begriff dieser Wissenschaft aufzustellen. Dieser Gegensatz, den wir zunächst vorfinden, ist jedoch als etwas Zufälliges und Äußerli- ches anzusehen; und jene ganze Art können wir sogleich auf die Seite gestellt sein lassen. Solche mehr polemisch werdende Abhandlung ist für sich nicht erfreulich; was belehrend daran wäre, fällt teils in die Wissenschaft selbst, teils wäre es nicht so belehrend, um den in einer Enzyklopädie überhaupt schon beschränkten Raum für den reichen Stoff derselben noch mehr zu beengen. Es bleibe also bei der schon gemach- ten Erwähnung; sie kann als eine Art Protestation gegen diese Manier erscheinen, als eine Verwahrung, daß solches Naturphilosophieren - das

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    oft glänzend, auch unterhaltend, wenigstens zum Staunen hinreißend erscheint und die befriedigen kann, welche ein brillantes Feuerwerk in der Naturphilosophie zu schauen zu bekennen wagen, wobei sie den Gedanken ruhen lassen können - in dieser Darstellung nicht zu erwarten sei. Was wir hier treiben, ist nicht Sache der Einbildungskraft, nicht der Phantasie; es ist Sache des Begriffs, der Vernunft.

    Nach dieser Rücksicht ist also vom Begriffe, der Bestimmung, Art und Weise der Naturphilosophie hier nicht zu sprechen. Aber es ist über- haupt gehörig, der Abhandlung einer Wissenschaft die Bestimmung dessen voranzuschicken, was ihr Gegenstand und Zweck ist und was in ihr und wie es in ihr betrachtet werden soll. Der Gegensatz der Naturphi- losophie gegen eine verkehrte Weise derselben fällt von selbst hinweg, wenn wir ihren Begriff näher bestimmen. Indem die Wissenschaft der Philosophie ein Kreis ist, von dem jedes Glied seinen Vorgänger und Nachgänger hat, in der Enzyklopädie die Naturphilosophie aber nur als ein Kreis im Ganzen erscheint, so liegt das Hervorgehen der Natur aus der ewigen Idee, ihre Erschaffung, der Beweis sogar, daß notwendig eine Natur sei, im Vorhergehenden (§ 244); wir haben es hier als be- kannt vorauszusetzen. Wollen wir überhaupt bestimmen, was Naturphi- losophie sei, so verfahren wir am besten, indem wir sie gegen das

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    abscheiden, gegen was sie bestimmt ist; denn zu jedem Bestimmen gehören zwei. Zunächst finden wir sie in einem eigentümlichen Verhält- nisse zur Naturwissenschaft überhaupt, zur Physik, Naturgeschichte, Physiologie; sie ist selbst Physik, aber rationelle Physik. An diesem Punkte ist es, daß wir sie aufzufassen und insbesondere ihr Verhältnis zur Physik festzustellen haben. Man kann hierbei die Vorstellung haben, dieser Gegensatz sei neu. Die Naturphilosophie wird etwa zunächst als eine neue Wissenschaft betrachtet; dies ist freilich in einem Sinne rich- tig, im anderen aber nicht. Denn sie ist alt, so alt als die Naturbetrach- tung überhaupt (sie ist von dieser nicht unterschieden), ja sogar älter als die Physik, wie denn z. B. die Aristotelische Physik weit mehr Naturphi- losophie als Physik ist. Erst den neueren Zeiten gehört eine Trennung beider voneinander an. Diese Trennung sehen wir schon in der Wissen- schaft, welche in der Wolffischen Philosophie als Kosmologie von der Physik unterschieden worden ist und eine Metaphysik der Welt oder der Natur sein sollte, die sich jedoch auf ganz abstrakte Verstandesbestim- mungen beschränkte. Diese Metaphysik ist allerdings von der Physik entfernter gewesen, als es das ist, was wir jetzt unter Naturphilosophie verstehen. Zuallererst muß über diesen Unterschied von Physik und Naturphilosophie sowie über ihre Bestimmung gegeneinander bemerkt

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    werden, daß beide nicht so weit auseinanderliegen, als man es zunächst nimmt. Die Physik und Naturgeschichte heißen zunächst empirische Wissenschaften und geben sich dafür, ganz der Wahrnehmung und Erfahrung anzugehören und auf diese Weise der Naturphilosophie, der Naturerkenntnis aus dem Gedanken, entgegengesetzt zu sein. In der Tat aber ist das erste, was gegen die empirische Physik zu zeigen ist, dieses, daß in ihr viel mehr Gedanke ist, als sie zugibt und weiß, daß sie besser ist, als sie meint, oder, wenn etwa gar das Denken in der Physik für etwas Schlimmes gelten sollte, daß sie schlimmer ist, als sie meint. Physik und Naturphilosophie unterscheiden sich also nicht wie Wahr- nehmen und Denken voneinander, sondern nur durch die Art und Weise des Denkens; sie sind beide denkende Erkenntnis der Natur.

    Dies ist es, was wir zuerst betrachten wollen, und zwar, wie das Den- ken zunächst in der Physik ist; hierauf haben wir zweitens zu betrachten, was die Natur ist, und dann drittens die Einteilung der Naturphilosophie zu geben.

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    Betrachtungsweisen der Natur

    Zusatz. Um den Begriff der Naturphilosophie zu finden, haben wir zuerst den Begriff der Naturerkenntnis überhaupt anzugeben und zweitens den Unterschied von Physik und Naturphilosophie zu entwickeln.

    Was ist die Natur? Diese Frage überhaupt wollen wir uns durch die Naturkenntnis und Naturphilosophie beantworten. Wir finden die Natur als ein Rätsel und Problem vor uns, das wir ebenso aufzulösen uns getrieben fühlen, als wir davon abgestoßen werden: angezogen, [denn] der Geist ahnt sich darin; abgestoßen von einem Fremden, in welchem er sich nicht findet. Von der Verwunderung, sagt daher Aristoteles, hat die Philosophie angefangen. Wir fangen an wahrzunehmen, wir sam-1)

    meln Kenntnisse über die mannigfaltigen Gestaltungen und Gesetze der Natur, dies geht in ein unendliches Detail hinaus, hinauf, hinunter, hin- ein, schon für sich; und eben weil kein Ende darin abzusehen ist, so befriedigt uns dieses Verfahren nicht. Und in allem diesem Reichtum der Erkenntnis kann uns die Frage von neuem kommen oder erst entstehen: Was ist die Natur? Sie bleibt ein Problem. Indem wir ihre Prozesse und Verwandlungen sehen, so wollen wir ihr einfaches Wesen erfassen, diesen Proteus nötigen, seine Verwandlungen einzustellen und sich uns

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    zu zeigen und auszusprechen, so daß er uns nicht bloß vielfache, immer neue Formen vorhalte, sondern auf einfachere Weise in der Sprache zum Bewußtsein bringe, was er ist. Diese Frage nach dem Sein hat einen vielfachen Sinn und