Erziehungskunst Spezial Oberstufe

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Oberstufe wohin?

Text of Erziehungskunst Spezial Oberstufe

  • erziehungskunst01 | spezial Oktober 2011 | 3,50

    Waldorfpdagogik heute

    Wohin geht die Oberstufe?

    spezial

    EKS_01_02_03_04_05_06_07_08_09_10:Layout 1 16.09.2011 17:17 Uhr Seite 1

  • 4F. Osswald: Das Leben ist die Schule 4

    7W. Sommer: Lernen als Lebensvorgang erst recht in der Oberstufe 7

    11H. Baumann: Gartenbau Schule der Authentizitt 11J. Frank: Eurythmie verndert das Leben nachhaltig 14M. Zech: Nicht das Tafelsilber veruern! 17

    19A. Denjean: Ein bisschen Drill am Schluss gengt 19S. Sigler: Herausforderung Mathematik 22

    26K.-P. Freitag: Das Ende der Waldorfschule 26D. Figura: Blick ber den Tellerrand 28D. Gttel: Den Anschluss an den Abschluss finden 29L. Digomann: Ich wei jetzt, was ich nicht will 32A. Schnitzler u. A. Gottschalk: Das Waldorfberufskolleg 34Portfolio und Waldorfabschluss Fragen an R. Iwan, F. de Vries, Chr. Boettger u. T. Koch 36

    38Was erwarten Wirtschaft und Hochschulen von Berufs- oder Studienanfngern?Fragen an M. Rogowski, M. da Veiga u. T. Gbel 38B. Kolass: Fragen eines Ehemaligen an die Waldorfschule 43

    46

    erziehungskunst spezial Oktober | 2011

    2 INHALT | IMPRESSUM

    erziehungskunst spezialWaldorfpdagogik heute

    75. Jahrgang, Heft 01, Oktober 2011, Auflage 72.000

    Herausgeber: Bund der Freien Waldorfschulen e.V., Wagenburgstr. 6, 70184 Stuttgart, Tel.: 07 11/2 10 42-0

    Redaktion:Mathias Maurer, Lorenzo Ravagli, Dr. Ariane Eichenberg

    Beirat der Redaktion: Christian Boettger, Hans Hutzel, Christine Krauch, Henning Kullak-Ublick

    Anschrift der Redaktion:Wagenburgstrae 6, D-70184 Stuttgart, Tel.: 07 11/2 10 42-50/-51 | Fax: 07 11/2 10 42-54E-Mail: erziehungskunst@waldorfschule.de, Internet: www.erziehungskunst.deManuskripte und Zusendungen nur an die Redaktion. Die Verantwortung fr den Inhalt der Beitrge tragendie Verfasser.

    Gestaltungskonzept:Maria A. Kafitz

    Herstellung: Verlag Freies Geistesleben, Maria A. Kafitz

    Verlag: Verlag Freies Geistesleben, Postfach 13 11 22, 70069 Stuttgart, Landhausstrae 82, 70190 StuttgartTel.: 07 11/2 85 32-00 | Fax: 07 11/2 85 32-10, Internet: www. geistesleben.com Tit

    elfoto:JeffG

    ynane/iStock

    EKS_01_02_03_04_05_06_07_08_09_10:Layout 1 19.09.2011 17:03 Uhr Seite 2

  • Freiheit fr die OberstufeLiebe Leserin, lieber Leser,

    Die Waldorfoberstufe ist ein seltsames Zwitterwesen: Scheinen die Waldorfmetho-den nach demMotto Erziehung zur Freiheit in der Klassenlehrerzeit noch unan-gefochten, werfen in derOberstufe die Abschlsse ihre Schatten voraus und bringenzunehmend systemfremde Elemente ins Spiel: Notendruck und Prfungsstress.Manche Schulen differenzieren schon nach der zehnten Klasse: A-, B-, C-Kurse,sprich,Mittlere Reife, Fachhochschule oder Abitur. Gemeinsames Klassenspiel oderAbschlussfahrt ade der Klassenverband hat sich bis zur Zwlften aufgelst.Gegliedertes staatliches Schulwesen, nur etwas netter und kompakter? Dabei weiseit der bayerischen Farce der Heraufsetzung des Abiturdurchschnitts per minis-terialem Dekret jeder halbwegs informierte Mensch, wie absurd solche staatlichenPrfungsveranstaltungen sind.Dochwas ist in den letzten dreiig Jahren geschehen, dass sich in derWaldorfschuleals hochgelobte Einheitsschule eine schleichende Binnenselektion einnistete?Elterndruck und Lehrernot?Haben sich die Schler verndert, die Lehrer, die Eltern?Sind in der Oberstufe berhaupt gengend ausgebildete Waldorflehrer? Oder sindgroe Klassen mit Schlern aller Begabungsniveaus heute einfach nicht mehr zuunterrichten? Fragen tatschlich diemeisten Eltern schon bei der Einschulung nachden Abschlussmglichkeiten? Ist es tatschlich der Geldmangel, dem die waldorf-spezifischen Fcher zumOpfer fallen? EndstationWaldorfgymnasium Alternativ-schule mit Profilmerkmal Waldorf? Dabei haben Waldorfschler nichts zubefrchten: Sie schneiden trotz der vielen Kunst und den exotischen Unterrichts-fchern genauso gut abwie ihre Kollegen an staatlichen Schulen und leisten in ihrenBerufen gesellschaftlich Auerordentliches. Also, was ist da los?DieGrnde fr diese Entwicklung liegen auf politischemFelde, denn dort wird berdie finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen von Schulen entschieden.Knnte es sein, dass die politische Abstinenz derWaldorfidealisten diesemPragma-tismus Vorschub geleistet hat? Darauf brachte mich ein leitender Beamter desOberschulamtes. Er antwortete mir auf meine Frage nach den Aussichten auf eineigenes Waldorfabitur: Das ist das einzig Vernnftige. Sie arbeiten doch auch nachihren eigenenWaldorfmethoden.Andererseits:Waldorfschule heitWaldorfpdagogik bis zur Zwlften. Danachmag(staatliche) Prfungen ablegen, wer will. Denn eine Schule, die den Entwicklungs-gesetzmigkeiten der Kinder und Jugendlichen gem unterrichten mchte,braucht vor allem Freiraum.

    Mathias Maurer

    EDITORIAL 3

    2011 | Oktober erziehungskunst spezial

    Titelfoto:JeffGynane/iStock

    Waldorfschule heitWaldorfpdagogik biszur Zwlften

    EKS_01_02_03_04_05_06_07_08_09_10:Layout 1 16.09.2011 17:17 Uhr Seite 3

  • Das Leben ist die Schulevon Florian Osswald

    GRUNDLAGEN4

    Die Oberstufenschler sindGste auf Zeit in unserem

    Haus, die ein tiefes Anliegenin sich tragen. Wir brechenmit ihnen auf in das Aben-teuer des Denkens, dem sieauf eigene Weise vertrauen

    lernen wollen.

    erziehungskunst spezial Oktober | 2011

    Waldorfpdagogik kann die Zeit vom Sugling bis zum jungen erwachsenenMenschen umfassen. In der Oberstufemssen sich die Lehrer anstrengen, den Zu-sammenhang mit dem Entwicklungsbogen vom Kleinkind bis zum Erwachsenennicht zu verlieren. Wir spannen ihn dadurch, dass wir ihn nicht nur funktionalorganisieren, sondern innerlich in uns lebendig halten.Die Oberstufenschler sindGste auf Zeit in unseremHaus, die ein tiefes Anliegenin sich tragen.Wir brechenmit ihnen auf in dasAbenteuer desDenkens, dem sie aufeigeneWeise vertrauen lernenwollen. Sie stehen auf diesemWegstck ihres Lebensim Spannungsfeld zwischen der bewussten Entwicklung der eigenen Identitt undden Forderungen der Gesellschaft. Und gerade hier setzt der Waldorfunterricht an.Er steht in diesemSpannungsfeld, indem ermit seinem fachlich orientiertenAnsatzsowohl der Selbstfindung als auch der Gemeinschaftsbildung dient. Er geht auf dieFragen des Einzelnen ein, der sich selbst findenmchte und nach seiner Aufgabe inder Gemeinschaft sucht.

    Eine Schlerin beschreibt in ihrem Bericht von der Arbeit mit behindertenMenschen ihren Abschied im Praktikum:Vonmir bleibt nicht viel zurck; zwei Collagen und einGstebucheintrag, dieHlfteeines Papierdrachens und ein abgeschriebenesGedicht in einemHeft. Und vielleichtim einen oder andern Herzen eine kleine Spur Erinnerung.Ade, ich gehe jetzt, sagte ich zu E. Wohin? fragte sie. Nach Hause. Wasmachst du dort? Ich lchle. Zu Hause sein. Ohne Himmel?, fragte E. Viel-leicht nehme ich ihn mit, antwortete ich. Ich meine nicht das Blau des Himmelsund nicht Gott. Ich spreche von denwunderbarenMenschen, die ich kennen gelernthabe. Von Menschen wie E.

    Hier wird das wichtigste Moment von Unterricht dargestellt: das ffnen eines Be-gegnungsraumes, der aus der Sache heraus ein individuelles Anliegen letztendlichmit der gesamtenMenschheit verbindet.Steiner formulierte dieses Zusammengehen folgendermaen: Man hat in derMenschheitsentwicklung nicht das Recht, sich als Individualitt zu fhlen, wennman sich nicht zu gleicher Zeit als Angehriger der ganzen Menschheit fhlt.

    EKS_01_02_03_04_05_06_07_08_09_10:Layout 1 16.09.2011 17:17 Uhr Seite 4

  • Wir knnen nicht nur aus derKenntnis des Stoffes herausarbeiten. Ihn in Zusammen-hang mit der Welt zu sehenist ein notwendiger Schritt,denn Verstehen ist dieLeistung, einen Inhalt in Ver-bindung mit andern Inhaltenzu bringen.

    Rume der Begegnung ffnen

    Wollen wir einen Begegnungsraum ffnen, dem die Fachlichkeit zugrunde liegt,sind wir aufgefordert, den Unterrichtsstoff in besonderer Weise durchzuarbeiten.Wir knnen nicht nur aus der Kenntnis des Stoffes heraus arbeiten. Ihn in Zusam-menhangmit derWelt zu sehen, ist ein notwendiger Schritt, denn Verstehen ist dieLeistung, einen Inhalt in Verbindung mit andern Inhalten zu bringen. Und auchwennwir das erreicht haben, ist noch eine Steigerungmglich, ja erforderlich. JederInhalt hat ein schpferisches Potenzial. Bringen wir den Inhalt in Beziehung zumMenschen, dann kann er sich erst wirklich entfalten. Wir sprechen von lebendigenBegriffen undmeinen damit diese Keimkraft.

    Beziehungen schaffen

    Unter dem Aspekt des Spannungsfeldes Individuum Gesellschaft ergeben sichnochweiterewesentlicheGesichtspunkte zurGestaltung desUnterrichts in derOber-stufe. Um einem Individuum zu begegnen, braucht es Beziehungsfhigkeit. Wirwissen heute, wie bedeutend diese Fhigkeit fr das Unterrichtsgeschehen ist. Be-ziehung setzt Interesse voraus, Interesse fr die Lernttigkeit der Schler undSchlerinnen. Gute Lehrpersonen wissen, wie ihre Schler lernen. Daraus entstehteine wichtige Hilfe fr den Unterrichtsaufbau. Ein Thema kann differenzierteraufgebaut werden, wenn die verschiedenen Arten zu lernen bekannt sind.Der gesellschaftliche Pol scheintmir weniger erforscht und bewusst zu sein.Wir tun

    2011 | Oktober erziehungskunst spezial

    Foto:CharlotteFischer

    EKS_01_02_03_04_05_06_07_08_09_10:Layout 1 16.09.2011 17:17 Uhr Seite 5

  • GRUNDLAGEN6

    erziehungskunst spezial Oktober | 2011

    schon viel, wennwir unsere Aufmerksamkeit auf die Schulung derGesprchskulturoder auf das Austragen von Konflikten richten.Aber es gibt noch weitere, weniger offensichtliche Arbeitsfelder, wie zum Beispieldie Vernetzung der Fachlehrkrfte in der Oberstufe. Wir arbeiten, ob wir es wollenoder nicht, fachbergreifend an einemGesamtwerk: Der Begriff der Parabel kann inder Mathematik in verschiedenster Weise aufgegriffen werden. Er kann in der Phy-sik im Zusammenhangmit der Steinw