Klauß, Theo: Selbstbestimmung als Leitidee der .Klauß, Theo: Selbstbestimmung als Leitidee der

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  • Klau, Theo: Selbstbestimmung als Leitidee der Pdagogik fr Mensch... file:///F:/a_homepage_neu/Selbstbestimmung.htm

    1 von 31 05.02.2007 20:42

    Klau, Theo: Selbstbestimmung als Leitidee der Pdagogik frMenschen mit geistiger BehinderungEine Studentin sichtet Literatur zur Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Sie istemprt. Gibt es wirklich Menschen, die einfordern mssen selbst zu entscheiden, was wir essen undtrinken, was wir anhaben, wo wir wohnen, mit wem wir wohnen, wo wir arbeiten, was wir arbeiten, mitwem wir befreundet sind, was wir in unserer Freizeit machen, fr was wir Geld ausgeben (Flyer desProjektes Wir vertreten uns selbst Kassel 1999)? Ist Selbstbestimmung keine Selbstverstndlichkeit?Tatschlich entscheiden Menschen mit geistiger Behinderung in ihrem Leben sehr viel weniger ber sich

    und ihre Lebensumstnde als andere Brger unseres Landes[1]. Die Pdagogik fr Menschen mitkognitiven Beeintrchtigungen hat diese Leitidee explizit erst in den 90er Jahren entdeckt, sie ergnzte diebis dahin vorrangig diskutierten der Normalisierung und Integration (Klau 1996). Ist damit endlich derSchlssel gefunden, um bisher vllig fremdbestimmten Menschen ein menschenwrdiges Leben zuermglichen? Muss man sie nur selbst bestimmen lassen ? Inzwischen wird allerdings kritisch gefragt,ob wirklich ein sinnvolles neues Paradigma gefunden wurde. Um das zu klren, sollen Hintergrnde derIdee angesprochen, positive Wirkungen und Probleme diskutiert und pdagogische Fragen bzgl. derUntersttzung von mehr Selbstbestimmung fr Menschen mit geistiger Behinderung angesprochenwerden.

    Hintergrnde einer modernen IdeeDas heutige Alltagsverstndnis von Selbstbestimmung lsst sich so charakterisieren: Anrecht aufmglichst viel Freiheit und wenig ueren Einfluss bei der individuellen Selbstverwirklichung, mglichstgroe Unabhngigkeit von ueren Vorgaben und Begrenzungen bei der Realisierung eigener Wnscheund Bedrfnisse, Wahl zwischen mglichst vielen Alternativen, tun und leben knnen was und wie man

    mchte[2]. Die Auseinandersetzung mit geschichtlichen und philosophischen Hintergrnden derSelbstbestimmungsidee zeigt, dass es sich hier um eine sehr verkrzte Sichtweise handelt. Das Strebennach Freiheit ist ein lange in unserer Kultur verwurzeltes Thema. Die Stmme Israels verehrten als ihreGottheit ihren Befreier aus der gyptischen Knechtschaft, der ihnen dann aber auch die zehn Gebote gab.Nach christlicher Auffassung hat Christus zur Freiheit befreit, die jedoch nicht wieder zur Knechtschaftdes Fleisches fhren soll (Galater 5) und Luther schreibt ber die Freiheit eines Christenmenschen.

    Im rmischen Reich erheben sich Sklaven[3], und die Bauern im Bauernkrieg berufen sich auf diechristliche Freiheit gegen die freien Herren (vgl. Frowe und Frown; Freiherr/in). Im antikenGriechenland steht die Freiheit (eleuteria) der Freien im Gegensatz zur Unfreiheit (douleia) derBarbaren und Sklaven (Gigon 1973, 9). Der erstmals bei Herodot erwhnte Begriff der Autonomiebezieht sich auf die Freiheit eines Staates und dann auch des einzelnen Brgers, wonach dieser unter dengegebenen Mglichkeiten einer politischen oder ethischen Ordnung aus eigener Erwgung diejenigeauswhlt, die er als fr sich verbindlich anerkennen will (10). Als autonom gilt auch der Autodidakt, derauf keinen Lehrer angewiesen ist (10f). Die Freiheit ist gefhrdet, wenn Neigung und Interessiertheitdes Whlenden ins Spiel kommt (33). Eine Entscheidung gilt als frei, wenn gegenber dem eigenenInteresse das Interesse eines anderen Menschen (oder einer Sache, fr die man einstehen zu sollenglaubt) (33) vorgezogen wird. In der modernen Philosophie und Ethik meint Freiheit negativ das Freiseinvon ueren Zwngen und Heteronomie und positiv Eigen-Verantwortlichkeit. Kant beispielsweiseunterscheidet zudem zwischen Handlungs- und Willensfreiheit. Der Wille wird freiwillig vernnftigenFaktoren untergeordnet und befreit sich von spontaner oder blo triebhafter und sinnlicher Willkr,whrend das Handeln auer dem Willen auch empirischer Heteronomie unterliegt. Die eigentliche Freiheitliegt jedoch im Wollen auf der Basis des fr richtig Erkannten, das drckt Kant im kategorischenImperativ aus: Handle jederzeit nach derjenigen Maxime, deren Allgemeinheit als Gesetz du zugleichwollen kannst (Vorlnder 1994, 61). Derart bestimmtes freies Handeln ist an die (praktische) Vernunftgebunden, die einem zeigt, was richtig und falsch ist. Menschliche Autonomie bezeichnet also keinbeliebiges Tun und Lassen, was man mchte. Sie meint vielmehr, dass man selbst (autos) sich an einemals vernnftig erkannten Gesetz (nomos) orientiert. Damit wird die Erkenntnis reflektiert, dass Menschennicht frei (zusammen) leben knnen, wenn sie nicht die Rechte und Interessen anderer als ebenso gltig

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    anerkennen. Neu ist in der Aufklrung gegenber Antike und Mittelalter der Anspruch auf Freiheit fr alleMenschen, wobei die christliche berzeugung von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen Patestand. Neu ist auch, dass es keine fremden oder bernatrlichen Instanzen mehr geben soll, die festlegen,woran sich der freie Mensch orientieren soll. Er kann - und muss - dies selbst erkennen. In diesem Sinnewird Freiheit zu einem von drei Idealen der franzsischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit.Auch Marx fordert, alle Verhltnisse zu ndern, in denen Menschen in Abhngigkeit, in Knechtschaftgehalten werden. Freiheit ist fr ihn vor allem eine soziale Kategorie.

    Die Idee der Selbstbestimmung

    Inhaltlich geht die moderne Idee der Selbstbestimmung auf Vorstellungen der Aufklrung zurck,wenngleich der Begriff dort nicht verwandt wird. Der Groe Brockhaus von 1861ff enthlt nur dasStichwort Autonomie. Sie meint Selbstgesetzgebung, die Befugnis, sich selber das Gesetz zu geben,individuelle Freiheit des Handelns, im philosophischen Sinne (Kant) die Eigenschaft des sittlichenWillens, sein Gesetz aus einem ihm eigenen, selbstndigen Princip zu schpfen und nicht von irgend eineranderen Macht (der Lust und Unlust u.s.w.) sich diktieren zu lassen (Brockhaus Konversations-Lexikon

    2. Bd. Leipzig/Berlin/Wien 189814). Die Vorstellung eines Selbst taucht zuvor im Humanismus des 15.Jahrhunderts auf. PiccodellaMirandola (xxx) formuliert in seinem Werk De DignitateHomini (von derWrde des Menschen), dass der Mensch selbst die Form seines Seins bestimmt. Er ist aufSelbstgestaltung, Selbst-Bildung angelegt. Als offenes Wesen legt er sich fest und bestimmt sichbeispielsweise dadurch, dass er einen Beruf whlt. Bestimmung bedeutet, dass man Freiheit zeigt, indemman sich auf etwas festlegt. Es ist schwer zu formulieren, wer diese Instanz des Selbst ist, die bestimmt.Heidegger nennt es das Seiende, das ich selbst bin. Ebenso schwierig ist die Feststellung, was dasSelbst will, was ihm entspricht. Entspricht es einem Menschen selbst, wenn er z.B. Zigaretten raucht,obwohl er eigentlich mit dem Rauchen aufhren mchte? Klar erscheint, dass Selbstbestimmung scheiternkann. Weder die Orientierung an der Vernunft noch an einem Gefhl kann gewhrleisten, dass eineHandlung in dem Sinne selbstbestimmt ist, dass sie sich an dem orientiert, was einem wirklich wichtigist (vgl. Taylor 1992). Auf jeden fall ist Selbstbestimmung nicht einfach die Abwesenheit von externenphysischen oder gesetzlichen Hindernissen (119), aber auch nicht ein nur vernunftmiger Vorgang. Siekann als Prozess verstanden werden, bei dem ein Mensch sich an dem orientiert, was ihm insgesamt, alsSelbst, das Wichtigste ist, was aber nie ganz eindeutig zu erkennen ist, so dass Selbstbestimmungimmer einen prozesshaften, aktiven, suchenden Charakter hat. Im Unterschied zu Kant ist damit die Rolleder Vernunft relativiert. Sie kann ebenso wenig wie Gefhle alleine Selbstbestimmung garantieren.

    Politisch-/gesellschaftliche Selbstbestimmungsforderungen

    Eine erhebliche Bedeutung hat die Idee der Selbstbestimmung im politischen und dann auch impdagogischen Bereich gewonnen. International beinhaltet das Selbstbestimmungsrecht das Recht vonVlkern, ihren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status frei bestimmen knnen (vgl.Lenin ber das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung). Die Selbstbestimmungsforderung steht inder Unabhngigkeitserklrung der USA von 1776 und in der Charta und den Menschenrechtspakten derUNO. In der 68er Bewegung sowie beim Entstehen von Brgerinitiativen und Selbsthilfegruppen werdenindividuelle und kollektiv-politische Selbstbestimmung verknpft. Es geht um Emanzipation vonvorgefundenen Strukturen, um Widerstand gegen den Konsumterror der Marktanbieter und Demokratieund Chancengleichheit (vgl. v. Hentig 1968) und um gemeinsame Interessenvertretung.

    Eine Bedeutungsvernderung erfhrt der Selbstbestimmungsbegriff mit dem Eintritt in dieDienstleistungsgesellschaft der 80er und 90er Jahre. Kunden-Orientierung wird zum vermeintlichenGaranten von Lebensqualitt. Die Brger sollen als Kunden nicht mehr gezwungen sein, vorgegebeneDienstleistungen in Anspruch zu nehmen, sondern zwischen Anbietern und ihren Angeboten whlenknnen. Kritisch uert sich dazu bspw. die amerikanischen Knstlerin Barbara Kruger: I shoptherefore Iam. Die Werthaftigkeit des Menschen liegt in seinem Kunde-Sein, er glaubt frei zu sein, wenn er ausdem auswhlt, was ihm andere vorgeben. Wer konsumieren kann, zhlt etwas. Die skeptischen Stimmengegen die geheimen Verfhrer (Packard 1957) sind weitgehend verstummt, Werbung scheintSelbstbestimmung erst zu ermglichen. Dabei wird der Begriff individualisiert. Die Idee, durchSelbstbestimmung individuell und kollektiv Lebensumstnde zu gestalten, wird durch eine Reduktion auf

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    das Auswhlen aus Warenkatalogen reduzi