Lieder der nordamerikanischen Indianer als kompositorische Vorlagen. In der Zeit von 1890 bis zum Ersten Weltkriegby Regine Wild

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    Lieder der nordamerikanischen Indianer als kompositorische Vorlagen. In der Zeit von 1890bis zum Ersten Weltkrieg by Regine WildReview by: Hanns-Werner HeisterLied und populre Kultur / Song and Popular Culture, 45. Jahrg. (2000), pp. 349-351Published by: Deutsches VolksliedarchivStable URL: http://www.jstor.org/stable/849659 .Accessed: 24/06/2014 10:15

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  • Rezensionen Rezensionen

    Teile des Nachlasses der Briider Grimm ver6ffentlicht.2 Ihre Ausgabe richtete sich aber an ein eher isthetisch als philologisch interessiertes Publikum und bestand nur aus einer Auswahl der von den Briidern Grimm gesammelten Texte. Zehn der von ihr bereits vorgestellten Lieder begegnen uns nun in der Edition von Rolleke wieder, frei- lich in anderer Textgestalt: in der bei den Bridern Grimm vorgefundenen.

    In der Einleitung schildert der Herausgeber die Reaktion der zeitgenossischen Ge- lehrtenwelt auf das Erscheinen des Anhangs >>Kinderlieder< zu Arnims und Brentanos

    dreibandiger Sammlung Des Knaben Wunderhorn. Die Intentionen der Sammler, die wie die Briider Grimm auf der Suche nach der alteren Uberlieferung von Kinderliedern waren, sind in der Tat ofters nicht konform mit denen aufldarerischer Intellektueller, die sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit Kinder- und Wiegenliedern beschaf-

    tigten. Den Aufklarern ging es expressis verbis darum, bestimmte Texte, die ihnen

    peinlich oder schrecklich klangen, durch freundlichere, kunstvollere ersetzen. So auferte sich z.B. Johann Gottfried Hermes, dass > >das alte Dammnickel, Damm, de Frue schlat den Mann etc.< nebst andern seines Gelichters< wie die anderen >pobelhaf- ten und schlechten( Lieder aus der Kinderstube verbannt werden solle.3 Auch manche Verse in der Sammlung der Briider Grimm hatten wohl keine Gnade vor seinen

    Augen gefunden, schon weil sie etliche Anspielungen enthalten, die sittenstrengen Auflkarern die Zornesrote auf die Stirn getrieben hatten, und well die meisten in regi- onaler Mundart notiert sind.

    Rolleke gibt in seinen Anmerkungen neben Quellenhinweisen auch Hilfen zum Verstandnis der Texte und bietet den aufmerksamen Lesern Einblicke in die Uberlie-

    ferungsgeschichte der Lieder. Dem hiibschen Bandchen sind zeitgenossische Illustra- tionen und drei Faksimiles beigegeben.

    Barbara Boock, Freiburg i.Br.

    Wild, Regine: Lieder der nordamerikanischen Indianer als kompositorische Vorlagen. In der Zeit von 1890 bis Zum Ersten Weltkrieg. Koln: Studio, 1996 (Berliner Musik- Studien 11). 244 S., mus. Not., Abb. ISBN 3-89564-021-2.

    In ihrer Berliner Dissertation (FU) nimmt sich R. Wild eines Themas an, das in der deutschsprachigen Musikwissenschaft bislang fast nicht bearbeitet wurde. Sie disku- tiert ausgewahlte Beispiele kompositorischer Verwendung indianischer Melodien, u.a. von Edward MacDowell, Carlos Troyers, Frederick R. Bortun, Charls Wakefield Cadman, Thrulow Lieurance und schlieBlich, noch vor der >>Ragtime-Oper>Blackfeetamerikanische( Musik dienen sollte und fur den afroamerikanische und in-

    2 >)Im Himmel steht ein Baum, Dran hiang ich meinen Trauma>Kinderlieder< zu Arnims und Brentanos

    dreibandiger Sammlung Des Knaben Wunderhorn. Die Intentionen der Sammler, die wie die Briider Grimm auf der Suche nach der alteren Uberlieferung von Kinderliedern waren, sind in der Tat ofters nicht konform mit denen aufldarerischer Intellektueller, die sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit Kinder- und Wiegenliedern beschaf-

    tigten. Den Aufklarern ging es expressis verbis darum, bestimmte Texte, die ihnen

    peinlich oder schrecklich klangen, durch freundlichere, kunstvollere ersetzen. So auferte sich z.B. Johann Gottfried Hermes, dass > >das alte Dammnickel, Damm, de Frue schlat den Mann etc.< nebst andern seines Gelichters< wie die anderen >pobelhaf- ten und schlechten( Lieder aus der Kinderstube verbannt werden solle.3 Auch manche Verse in der Sammlung der Briider Grimm hatten wohl keine Gnade vor seinen

    Augen gefunden, schon weil sie etliche Anspielungen enthalten, die sittenstrengen Auflkarern die Zornesrote auf die Stirn getrieben hatten, und well die meisten in regi- onaler Mundart notiert sind.

    Rolleke gibt in seinen Anmerkungen neben Quellenhinweisen auch Hilfen zum Verstandnis der Texte und bietet den aufmerksamen Lesern Einblicke in die Uberlie-

    ferungsgeschichte der Lieder. Dem hiibschen Bandchen sind zeitgenossische Illustra- tionen und drei Faksimiles beigegeben.

    Barbara Boock, Freiburg i.Br.

    Wild, Regine: Lieder der nordamerikanischen Indianer als kompositorische Vorlagen. In der Zeit von 1890 bis Zum Ersten Weltkrieg. Koln: Studio, 1996 (Berliner Musik- Studien 11). 244 S., mus. Not., Abb. ISBN 3-89564-021-2.

    In ihrer Berliner Dissertation (FU) nimmt sich R. Wild eines Themas an, das in der deutschsprachigen Musikwissenschaft bislang fast nicht bearbeitet wurde. Sie disku- tiert ausgewahlte Beispiele kompositorischer Verwendung indianischer Melodien, u.a. von Edward MacDowell, Carlos Troyers, Frederick R. Bortun, Charls Wakefield Cadman, Thrulow Lieurance und schlieBlich, noch vor der >>Ragtime-Oper>Blackfeetamerikanische( Musik dienen sollte und fur den afroamerikanische und in-

    2 >)Im Himmel steht ein Baum, Dran hiang ich meinen Trauma

  • dianische Musik im Schottischen einen gemeinsamen Nenner hatte. Hier sorgt Wild fur erganzende und prazisierende Materialien. Etwas exterritorial wirkt der Schluss mit Stockhausens Am Himmel wandre ich (Indianerlieder); denn damit werden nicht nur die Zeitgrenzen uberschritten. Stockhausen verwendet zudem kein musikalisches Material, sondern nur Texte, uberdies von mittel- und sudamerikanischen Indios; im anderen Fall gabe es ohnehin bessere Beispiele kompositorischer Auseinandersetzung. Das Spektrum reicht von musikethnologisch vermittelten Bearbeitungen bis zu Romanti-

    sierungen und schlichter Salonmusik (F.R. Burton), die sich etwa im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in die Mode des >>Indian Song>amerikanischen< Musik, wobei die Hinterlassenschaft der Indianer, die im Zuge der Westkolonisation

    militarisch-politisch geschlagen und kulturell degradiert worden waren, nun nicht nur im )melting pot( verkocht wurde, sondern zugleich als besondere nationale Wiirze dienen konnte. E. von Hornbostel spottete 1921 uber die ?>erhoffte Nationalmusik< mittels des >Versuchs phantasiearmer Amerikaner, Indianerlieder mit salonfahigen Dreiklangen zu garnieren>E(KunstmusikAmalgamierungsprozess< fast ein Euphemis- mus. Sicherlich berechtigt und zutreffend dagegen ist Wilds Verweis auf das Problem eines musikalischen )>KolonialismusRot- haute(( zeigt etwas von ideologischen Zeitbefangenheiten selbst Busonis: mehr Karl

    May als Franz Boas, Verklarung vor realistischer Verarbeitung. Fir Busoni bildeten denn auch die Indianer Muster des >guten WildenDie Indianer sind das

    einzige Cultur-Volk, das k e i n G e 1 d k e n n t und die alltaglichsten Dinge in

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  • Rezensionen

    schone Worte kleidetVolksmusikNegerliedern(< und >Negermusik?, die, ungeachtet dessen, wie man zur Frage der ?>Po- litical Correctness< steht, doch einer gewissen historischen Reflexion und Distanz be- durfte.

    Bei Busoni geht R. Wild genauer als sonst ins kompositorische Detail. Dass sie auf eine wirklich eindringende, gar werkmonografisch wenigstens in der Perspektive vor-

    gehende Analyse verzichtet, ist zwar mit der Qualitat vieler der von ihr behandelten Werke entschuldbar. Dennoch liegen hier Schranken der Arbeit, die in mancher Hin- sicht auch die Schranken der kompositorischen Aneignung unabsichtlich widerspie- geln: So genau wollten es anscheinend weder Komponisten noch Autorin wissen. Dass Wild einiges zu sagen hatte und dies mit wohl gewahlten Begriffen und Worten zu sagen weil3, beweisen immer wieder ihre Ausfuhrungen zu einzelnen Punkten.

    Eine zweite Schranke, die sich ebenfalls bis zu einem gewissen Grad historisch oder vielleicht besser historizistisch rechtfertigen lieBe, liegt darin, dass Wild fast auf- fallig keine neuere (musik-)ethnologische Literatur zur indianischen Musik und (Mu- sik-)Kultur einarbeitet, obwohl sie sich in den USA uiber aktuelle Musikethnologie in- formiert hat, und im Wesentlichen nur den damaligen zeitgenossischen Stand der For- schung bericksichtigt, etwa Natalie Curtis, die zugleich die Lieder auch bearbeitete. Merkwirdigerweise verzichtet Wild, obwohl sie Bart6k erwahnt, auf dessen Typologie der Bauernmusikbearbeitung und -aneignung und entwirft resumierend eine eigene Typologie, die eher unscharf wirkt. Zu den Kompositionen, die solchen Forschungen ihren Rohstoff entnahmen, schrieb Von Hornbostel 1910: >)Einige Stuckchen sind, nun ja, ganz niedlich; die meisten unertraglich, Kaugummi mit Himbeergeschmack

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