Lois Shawver أ¼ber Sprachspiel, Paralogie und Transvaluation Der folgende Artikel ist ein Bericht أ¼ber

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    Lois Shawver über Sprachspiel, Paralogie und Transvaluation Protokoll eines wegweisenden Seminars Karin Roth Zusammenfassung Was hat postmoderne Therapie und Beratung mit abgerichteten Hunden zu tun und mit Verhexung? Mit dem Aushalten von Paradoxa. Mit Widerstreit. Wie spielt sich ein Spiel ohne AutorIn? Was meint Legitimierung des Wissens durch Paralogie? Was ist der Unterschied zwischen postmodernem miteinander Sprechen und »Zuhören, um zu sprechen«? Und was hat das alles mit (Miß)verstehen zu tun? In diesem Seminarbericht werden zuerst die theoretischen Grundlagen der Transvaluation nach Lois Shawer vorgestellt. Danach wird anhand von Beispielen das Modell selbst präsentiert. Unter anderem Derrida’s différance aufgreifend ist Transvaluation ein Modell, das es Menschen ermöglichen kann, paralysierende Sprachspiele zu verlassen und Halt zu finden in der Haltlosigkeit. Die Lois Shawver’s Denken immanente Wertschätzung der Vielstimmigkeit und die ihrem Modell implizite Entfesselung derselben, ist ein Beitrag zu versöhnender Verständigung im Umgang mit Widerstreit.

    I. Einleitung Unter dem Titel »Important Concepts and Practices of Postmodern Therapy and Consultation« gestaltete Lois Shawver1 vom 3.–5. April 2003 ein dreitägiges Seminar in Marburg. Es war das erste sogenannte Forum im Rahmen der Weiterbildung in »Reflexiv systemischer Therapie und Beratung« am Marburger Institut für C-Studien/viisa2. Der folgende Artikel ist ein Bericht über dieses Seminar, das in englischer Sprache stattfand und abwechselnd von Klaus G. Deissler, Roswitha Schug, Thomas Keller und Thomas Friedrich übersetzt wurde. Mein herzlicher Dank gilt Lois Shawver für ihre Bereitschaft, diesen Bericht zur Veröffentlichung freizugeben und für ihr Entgegenkommen: sie hat sich diese Zusammenfassung übersetzen lassen, Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse gegeben. Und im Namen der TeilnehmerInnen der Weiterbildung an dieser Stelle ein Danke an das Team des Marburger Instituts, nicht nur für die Organisation der Seminare, sondern vor allem für die Sensibilität in den Weiterbildungen eine Atmosphäre zu schaffen, einen Raum, in dem Paralogie gelebt wird. Die Protokoll-ähnlich belassene Form dieses Berichts ist von mir beabsichtigt. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass möglicherweise wenigstens in Ansätzen etwas von Lois Shawvers Stil deutlich wird, ihre Art, für viele Menschen doch oft abschreckend kompliziert erscheinende Inhalte in verständlicher, anschaulicher Form und Sprache zu präsentieren.

    1 Lois Shawver, Ph. D. (USA), ist Gast-Lehrtherapeutin am Marburger Institut für C-Studien. 2 Verband internationaler Institute für systemische Arbeitsformen; siehe http://www.mics.de

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    II. Ludwig Josef Johann Wittgenstein (österreichisch-britischer Philosoph, * Wien 26.4.1889, †Cambridge 29.4.1951) Die meisten »postmodernen Therapien« gründen ihre Arbeit auf Ideen aus dem Spätwerk Wittgensteins. Wittgensteins späte Philosophie sei eine Zurückweisung der früheren/älteren, betont Lois: AnhängerInnen des frühen Wittgenstein denken eher in Zahlen und Einheiten, während Freundinnen und Freunde des späten Wittgenstein sich eher zu postmodernen Denken hingezogen fühlen. Das zentrale Konzept Wittgensteins ist das Sprachspiel, ein oft missverstandenes Konzept, das Lois im Folgenden vorstellt:

    "[Nannten die Erwachsenen irgendeinen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, dass der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder und wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.] In diesen Worten erhalten wir, so scheint es mir, ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache. Nämlich dieses: Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen. – In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“ (Wittgenstein)3

    Der Text in den eckigen Klammern ist ein Auszug von Augustinus. Es handelt sich bei diesem Zitat um das Eingangszitat aus den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins. Was in dieser Sentenz deutlich wird, ist das sog. westliche Durcheinander4, so Lois, die sog. westliche Art, Sprache zu lernen: Man benennt Dinge und zeigt auf sie. Lois geht durch den Raum und bittet jemanden von uns, ihr durch Benennen und Zeigen Worte beizubringen. Ein Teilnehmer zeigt auf eine Maske an der Wand und sagt »Maske«. Dieses Zeigen, so Lois, ist nicht präzise. Vielleicht hat der Teilnehmer die Farbe der Maske gemeint, oder das Holz? Wir wissen es nicht. Wie lernen also Kinder? Wittgenstein schreibt dazu:

    "2. (...) Denken wir uns eine Sprache: Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: »Würfel«, »Säule«, »Platte«,

    3 Wittgenstein, Ludwig (1999). Werkausgabe Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. 12. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 237. (Alle aus Band 1 der Werkausgabe zitierten Texte in diesem Bericht sind den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins entnommen, S. 225 - 580). 4 Wittgenstein verwendet den Begriff »Wirrwarr« dafür.

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    »Balken«. A ruft sie aus; - B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. - Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf."5

    Wittgenstein verdeutlicht in diesem Zitat, was er »primitives Sprachspiel«6 nennt. Sprache ist kompliziert und zuerst lernen wir »primitive Sprachspiele«: A ruft »Hammer« und B bringt den Hammer, wenn A das Wort ausspricht - das Sprachspiel funktioniert. Aber wie? Wie bringt man einem Hund bei, den Stock zu holen, fragt Lois? Erklären wir dem Hund, was er zu tun hat? Nein. Wir gehen mit dem Hund zu dem Stock, legen ihm den Stock zwischen die Zähne...etc. Wie funktioniert das Sprachspiel? Eine Oma sitzt mit ihrem Enkelkind vor einem Bild, auf dem ein Bär zu sehen ist. Die Oma zeigt auf den Bären und sagt »Bär«. Dies wiederholt sie immer wieder. Das Kind sagt meistens schließlich irgendwann »Bär«, wenn die Oma auf das Bären-Bild zeigt. Und dann ist die Oma überglücklich! Sie hat die Illusion, so Lois, das Kind habe nun gelernt, was ein Bär sei. Dabei habe das Kind der Sprachspiel-Idee zufolge lediglich gelernt, wie dieses Sprachspiel funktioniere. Mehr nicht. Mit anderen Worten: Wenn wir anfangen Sprache zu lernen, kann uns niemand erklären, wie Sprache funktioniert, denn wir haben ja noch keine Sprache. Und diese bräuchten wir, um Erklärungen verstehen zu können. Aus diesem Grund bezeichnet Wittgenstein diesen anfänglichen Prozess des Sprechen-Lernens als »Abrichtung«. Er verwendet in diesem Zusammenhang nicht Begriffe wie »Lehren« oder »Beibringen«, denn diese erscheinen ihm nicht als geeignet, um diesen anfänglichen Prozess des Sprechen-Lernens zu beschreiben. Wenn man ein 2-jähriges Kind lehrt, wie alt es ist, wie macht man das, fragt Lois? Eine Möglichkeit wäre, zwei ausgestreckte Finger zu zeigen. Das Kind lernt dann, zwei ausgestreckte Finger zu zeigen, wenn es nach seinem Alter gefragt wird. Hat das Kind einen mathematischen Begriff von 2 entwickelt? Wittgenstein dazu:

    "6. Wir könnten uns vorstellen, dass die Sprache im §2 die ganze Sprache des A und B ist; ja, die ganze Sprache eines Volksstammes. Die Kinder werden dazu erzogen, diese Tätigkeiten zu verrichten, diese Wörter zu gebrauchen, und so auf die Worte des anderen zu reagieren. (...)"7 "7. In der Praxis des Gebrauchs der Sprache (2) ruft der eine Teil die Wörter, der andere handelt nach ihnen; im Unterricht der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: Der Lernende benennt die Gegenstände. D.h. er spricht das Wort, wenn der Lehrer auf den Stein zeigt. - Ja, es wird sich hier die noch einfachere Übung finden: der Schüler spricht die Worte nach, die der Lehrer ihm vorsagt - beides sprachähnliche Vorgänge. (...)"8

    Folgende Zwischenfrage wird gestellt:

    5 Wittgenstein, Ludwig (1999). Werkausgabe Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. 12. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 238. 6 siehe hierzu auch: Shotter, John (2000). Wittgenstein und die Wurzeln der sozialen Poesie in spontanen Körperreaktionen: Der dritte Bereich. In Klaus G. Deissler & Sheila McNamee (Hrsg.), Phil und Sophie auf der Couch (120 – 129). Carl Auer Systeme Verlag : Heidelberg. 7 Wittgenstein, Ludwig (1999). Werkausgabe Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen