MZ-Sonderbeilage zur Buchmesse

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MZ-Sonderbeilage zur Buchmesse 2013

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  • ZehnTage im

    SeptemberCHRISTA WOLF Die Aufzeichnungen von

    2001 bis 2011 vollenden dasTagebuchwerk Ein Tag im Jahr.

    VON CHRISTIAN EGER

    C hrista Wolf ist immer imDienst. Mehr oder wenigergenervt. Was da auch allesins Haus flattert. Hinaufzutragenist, Tag fr Tag, vom Briefkastenweg in die erste Etage des herr-schaftlichen Mehrfamilienhausesam Amalienpark in Berlin-Pankow.Einladungen zu gesellschaftlichenEreignissen (berflssig). Anfra-gen zu Lesungen (lstig). Auto-grammwnsche (oft unverschmt).

    Die Schriftstellerin hat einenVordruck fertigen lassen, den siepostwendend zuschickt: Frau Wolfvergibt keine Autogramme auerbei Lesungen in ihre Bcher. Ist jaauch nachvollziehbar. Anderer-seits: Aus irgendeinem Grund be-leidigen mich diese Autogramm-wnsche, notiert die Autorin.Dann lutet wieder das Telefon.27. September 2007: Bin ich dortrichtig beim Friseur Wolf? Komikdes Alltags. Konnte die 78-jhrigeChrista Wolf darber lachen?

    Der Anruf war ihr einen kom-mentarlosen Eintrag wert. Zu fin-den in den heute verffentlichtenTagebuchblttern von 2001 bis2011, jenem Jahr, in dessen Dezem-ber Christa Wolf 82-jhrig starb.Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhun-dert ist das Buch berschrieben,das die letzte Fortsetzung der 2003mit groem Erfolg verffentlichtenTagebuchbltter von 1960 bis 2000bietet. Bltter, die der 1935 von Ma-xim Gorki geuerten Idee folgen,weltweit jeweils den 27. Septemberzu beschreiben. Eine Langzeitbeo-bachtung, ganz nach der Den-kungsart der Autorin. Was die Defamit dem Dokumentarfilm Kindervon Golzow ber 46 Jahre hinwegschaffte, gelingt der Schriftstelle-rin ber 51 Jahre in eigener Sache.

    Ein Projekt, das die Frage klrensoll: Wie kommt Leben zustande?Um Jahr fr Jahr mglichst pur,authentisch, frei von knstleri-schen Absichten zu schreiben.

    Aber nicht frei von der Absichtder Verffentlichung. Was heit:Christa Wolf zeigt sich auch so, wiesie gesehen werden will. Dasmacht die Notate interessant. berdas Literarische hinaus: Die Auto-rin von Bestsellern wie Kindheits-muster (1976) und Kassandra(1983) war in den 1980er Jahren inOst- und Westdeutschland in ei-nem Mae verehrt worden, wie eskeiner deutschsprachigen Autorinzuvor oder bislang danach gelang.So kann man die Bltter mit priva-ter Neugier oder zeitdiagnosti-schem Interesse lesen. Im klassi-schen Sinne rezensieren lsstsich dieses Buch nicht. Man wrdeein Leben rezensieren mssen.

    Eines, das sich lngst selbst his-torisch geworden war. Meine Er-fahrung ist: Von einem bestimmtenZeitpunkt an, der nachtrglichnicht mehr zu benennen ist, be-ginnt man, sich selbst historisch zusehen, schreibt Christa Wolf, washeit: eingebettet in, gebunden anseine Zeit. Mit der Folge: Mansieht, wieviel Allgemeines auch inPersnlichstem steckt. Und dasBesondere, das die Autorin inmenschlicher, literarischer und ge-sellschaftlicher Hinsicht ausmacht.

    Jeweils am 27. September. Freinach Harry Belafonte: Try to re-member the kind of September,versuche, dich an den Septemberzu erinnern. Dessen ueres Bildgleicht sich Jahr fr Jahr. In derWohnung am Amalienpark - zwi-schen Kche und Wintergarten, Ar-beits- und Schlafzimmer - ziehendie Tage einher. Die Post, die Anru-fe, die Lektren, ab und an ein Aus-flug: Das sind die privaten Ereig-nisse der Tage, die Christa Wolfmitschreibt, die am Anfang der No-tate 72 Jahre alt ist. Eine Frau, diehart an der krperlichen berfor-derung entlang denkt und schreibt.Die sich das Elend der Welt buch-stblich einverleibt. Der Stress,dem sich diese Autorin zeitlebensaussetzte, muss gro gewesen sein.

    2001, wenige Wochen nach demAnschlag auf die Twin Towers in

    New York, beschreibt sie ihr mor-gendliches Erwachen: Mit einemSchlag sind die Gefhle von Span-nung und Angst wieder da, die die-ser Realitt entsprechen und dieschon so oft in meinem Leben denTagesanfang begleiteten. Im K-chenradio hrt sie den von einemJournalisten bejahten Satz des US-Prsidenten: Wer nicht fr uns ist,ist fr unsereFeinde. EinStatement, dasChrista Wolf zudem Kommen-tar veranlasst:Vielleicht weier nicht, dadas einmal un-terdrckte kritische Denken, wenn,diese Zeiten wieder vorbei seinsollten, nicht so einfach wieder an-zuknipsen ist.

    Eine Aussage, zu der sich an an-deren Stellen Varianten finden las-sen. So notiert Christa Wolf 2010,dass sie 1961 beim Bau der Mauergehofft htte, dass nunmehr einanderer Geist einziehen wrde indie Spitzen von Partei und Staat.Aber warum haben wir nicht da-mals schon sehen knnen, da esdiesen ,Geist in diesem Apparatnicht gab - und nicht geben konn-

    te? Man htte hier gern Genaueresgewusst. Aber der Leser muss sichdie Antwort selbst geben, weilChrista Wolf bereits die Nachttisch-lampe ausgeknipst hat: immer einerleichternder Moment.

    Erleichternde Momente hat dasErinnern an die Kmpfe in dermittleren DDR nicht zu bieten, diefr die Autorin in eine Art von Vor-

    vergangenheitentrckt sind.ber das Aus-brechen derkulturpoliti-schen Eiszeitim Jahr 1965schreibt sie2002: Die Emo-

    tionen von damals sind vollstndigerloschen, ich wundere mich, wieradikal meine Einsichten schonwaren. Welche Einsichten das ge-wesen sind, erfhrt man nicht.Aber, dass das Drben niemalseine Alternative fr die Autoringewesen sei. Wie auch? , fragt mansich. Und warum? Christa Wolf leb-te eine andere Alternative lngst:im Ost-Hier zu wohnen und imWest-Drben wirken zu knnen.

    Erhellender gelingen da die Bli-cke auf die eigene Geschichte derSchriftstellerin. Dass sich die 1929

    im neumrkischen Landsberg,dem heutigen westpolnischenGorzw, geborene und 1945 nachMecklenburg Geflohene zeitlebensals eine Vertriebene, also immerauch als eine Deklassierte begrif-fen hat, war bislang unbekannt.2004: das Dauergefhl, als ,Ver-triebener zurckgesetzt zu sein.War das in der DDR, wo es viel we-niger Vermgensunterschiede alsim Westen gab, weniger der Fall?

    Kaum, meint sie. Das lt sichnicht alles durch Einsicht in histo-rische Zusammenhnge und Not-wendigkeiten kompensieren, wieich es ziemlich lange versucht ha-be. Doch die Vergangenheiten r-cken von ihr ab. 2008: Meine Zeitist vorbei. Ich sehe den Ereignissenzu. Dies ist nicht mehrmeine Zeit. Was frsie daran sprbarwird: Ich fhle michnicht mehr verantwort-lich fr das, was ge-schieht.

    Aber fr Emprun-gen reicht die Kraft.Gegenber Journalis-ten, denen ChristaWolf je nach Rezensi-onslage mit einem ri-gorosen, merkwrdigfamiliren Affekt be-gegnet. Dass sich derum 36 Jahre jngereThomas Brussig 1995 in seinem Er-folgsbuch Helden wie wir bersie lustig machte, indem er dieSchriftstellerin mit KatharinaWitts Eislauftrainerin Jutta Mllerverglich, nimmt Christa Wolf die-sem Autor bel bis zuletzt. Undauch, dass einige ihrer Kinder undEnkel trotzdem Umgang mit ihmpflegen. Da kennt Christa Wolf kei-nen Spa, nirgends. Das kann be-drcken. Als Stimmungsaufhellerdienen da die allabendlich von ih-rem Ehemann einfallsreich zube-reiteten Speisen. Auf deren Genussfreut sie sich als eine Zeit des rei-nen Konsums.

    Beilufig fallen einige Urteileber Kollegen und Zeitgenossen.Die Nach-89er Konterrevoluti-ons-Thesen von Peter Hacks? EinKuriosum. Tellkamps Erfolgs-buch Der Turm? berbewertet,was Christa Wolf zweimal bemerkt.

    Die Schauspielerin Martina Ge-deck im Film Hunger auf Lebenals Brigitte Reimann? Die passe indie Rolle der betrogenen Witwe vielbesser als in die der Dargestellten.Erstaunlich: Noch in der Phase ih-res Rckzuges aus der ffentlich-keit gibt die Schriftstellerin eineAhnung davon, zu welcher Ent-schiedenheit und Schrfe in ihrenuerungen sie auch in der Lagewar. Im Persnlichen genauso wieim Politischen, etwa wenn sie denRaubtierkapitalismus im Landein den Blick nimmt.

    Mal winkend, mal abwehrend: Sonimmt man bei der Lektre die Au-torin wie in einem Rckspiegelwahr. Christa Wolf: Wer war dieseFrau? Keine Staats-, sondern eine

    Gesellschaftsschrift-stellerin in einemStaat, der eine freieGesellschaft nicht zu-lie, bei Gefahr seinesUntergangs nicht zu-lassen konnte. Einefrsorgliche, autoritrgeprgte Linke, derenThemen einigeSchnittmengen mit de-nen der christlichen,pazifistischen, alterna-tiven und DDR-skepti-schen Milieus bot. Wasaber gern - und durch-aus nicht zum Vorteil

    ihres Werkes - berblendete, dassdie Anna-Seghers-Schlerin Chris-ta Wolf ihrem Selbstverstndnisnach eine sozusagen sozialistischeAutorin war, die sich selbst bis zu-letzt nicht als eine brgerlicheSchriftstellerin begreifen wollte.

    Gegen Ende hin zog sich frChrista Wolf die unmittelbare Le-benswelt auf die der Familie zu-sammen: das andauernde wich-tigste Ereignis in meinem Leben,wie sie notiert. uerlich versuchtsie ihre Zeitgenossenschaft auf-rechtzuerhalten durch das seiten-weise Abschreiben von berschrif-ten aus der Berliner Zeitung. Ei-ne mhevolle Pflicht, der keine Krmehr folgen kann. Im Kranken-haus brechen die Eintrge am27. September 2011 unvermitteltab. Christa Wolfs letzte Notiz istder Presse entnommen: BZ: ,Eswird laut ber dem Mggelsee.

    ZU DEN FOTOS DER BEILAGE

    Von der Strae aus gesehen: Harald Hauswald erkundet den Osten von 1986 bis 1990Das ist eine berraschung: DerAlltag der spten DDR in Farbe!Man hatte sich doch angewhnt,die DDR-Jahre durchweg inSchwarz-Wei zu erinnern. In jenenTnen, die die knstlerische Ostfo-tografie vorzugsweise bediente.Ernsthaft, klassisch, von Schwer-mut getrnkt. Davon sind die Foto-grafien frei, die Harald Hauswaldunter dem Titel Ferner Osten. Dieletzten Jahre der DDR im LeipzigerLehmstedt Verlag verffentlicht.

    Erstaunlich, dass so ein einzigar-tiges Werk noch 24 Jahre nach demEnde der DDR ans Licht gebrachtwerden kann. Auch deshalb, weilder 1954 in Radebeul geborene Fo-tograf in der Branche kein Unbe-kannter ist. Im Gegenteil. Der Re-

    porter, der heute der Berliner Ost-kreuz-Agentur angehrt, hatte1987 von der DDR aus gemeinsammit Lutz Rathenow in Mnchen denBildtextband Ostberlin - die andereSeite einer Stadt verffentlicht.Ein Buch, das Epoche machen sollteund im Osten verboten wurde.Denn zum Mainstream gehrteHauswald nie, de