NOIR - Ausgabe 28: Außenseiter

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NOIR - Ausgabe 28: Außenseiter

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  • Ausgabe 28 (November 2012)www.noirmag.de

    RepoRtage

    Angst vorm Arzt: Illegale im Ge-sundheitssystem

    LifestyLe

    Bahnhofs-Orakel: Was der Koffer ber uns verrt

    thema

    So ticken die Auenseiter von heute

    AuenseiterAuf der Flucht oder voll im Trend?

  • Foto

    : M

    artin

    Kno

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    Kundenberatung 07251 / 9785-28 Grafik 07251 / 9785-82e.kammerer@horn-verlag.de m.baier@horn-verlag.de

    Stegwiesenstrae 61076646 Bruchsal

    Druck & Verlag

  • Editorial

    1NOIR Nr. 28 (November 2012)

    Corinna Vetter lernte den syrischen Aktivisten Ibrahim auf einem Work-shop fr europische und arabische Journalisten kennen. Nach ihrem In-terview mit ihm gab es fr alle Teil-nehmer eine riesige Party. Der Ernst des Lebens und die nchste Feier sind manchmal nur eine Haaresbrei-te entfernt. Interview ab Seite 12.

    Markus Erdlenbruch macht seit September sein FSJ Kultur bei der Ju-gendpresse BW. Wre er Arzt, wr-de er auch Menschen behandeln, die den falschen Pass in der Hosenta-sche haben. Auch ohne weien Kit-tel und Stethoskop macht er auf die Missstnde im Gesundheitssystem aufmerksam: ab Seite 7.

    Wenn Lisa Kreuzmann ihre Bril-le aufsetzt, hat sie damit nicht nur den Durchblick gewonnen auch ein Stempel ziert nun ihre Stirnh Nase: Nerd! Ist Lisa ein Nerd? Welchen Durchmesser brauchen Brillenglser, um seinen Trger aus-zugrenzen? Was macht ihn aus, den Auenseiter 2012? Thema ab Seite 4.

    Soll eine Entscheidung gefllt werden, kann eine groe Gruppe Gift sein. Sie droht, die Meinun-

    gen zu verzerren. Ein Vorredner gibt den Ton an und im Sitzkreis hagelt es die Ditos und Amen.

    Nach dem Motto: Wenn der das sagt und keiner widerspricht, muss es ja stimmen. Die pein-

    lichen Einwnde im Hinterkopf verpuffen unisono. Manchmal wre es besser, sie blieben.

    Mischa Meier, Professor fr Alte Geschichte, hat in dem Lexikon Der Neue Pauly einen Fan-

    tasieartikel ber Fuball in der Antike verfasst: das sogenannte Apopudobalia. Die frhe Vor-

    form des neuzeitlichen Fuballspiels habe es bis nach Rom geschafft. Im vierten Jahrhundert

    verbannte das frhe Christentum die Sportart schlielich trotz ihrer groen Beliebtheit. Jedes

    Wort hat Meier sich feierlich an den Haaren herbeigezogen und hat wie Rumpelstilzchen trium-

    phiert. Andere Wissenschaftler haben den Eintrag kommentiert, alles Mgliche kritisiert und

    angezweifelt, nur nicht Apopudobalia selbst. In Parlamenten, im Radio, in der Wissenschaft, in

    der Mode, ja selbst im Journalismus gibt es genau ein Rezept: Kopf an und zwar den eigenen.

    Anika Pfisterer, Chefredakteurin

    apopudobalia

    auS dEM rEdaKtioNSlEbEN

  • NOIR Nr. 28 (November 2012)2

    iNhalt

    iNhaltSbErSicht

    01 Editorial. rEdaKtioNSGESchichtEN03 titElthEMa. diE hilfloSEN MobbiNGopfEr04 titElthEMa. outSidEr SiNd diE NEuEN iNSidEr07 KoMMENtar. aNdErS SEiN alS diE aNdErEN

    08 rEportaGE. illEGalE iM GESuNdhEitSSYStEM10 rEportaGE. WaS daS GEpcK bEr EiNEN VErrt12 iNtErViEW. diE aNGSt iSt VErSchWuNdEN

    14 lifEStYlE. to-do-liStE fr dEN WiNtEr16 quErbEEt. aSchENbEchEr KSSEN16 iMprESSuM. WEr StEcKt hiNtEr Noir

    14 l ifEStYlE

    08 rEportaGE

    16 quErbEEt

    03 titElthEMa

  • 3NOIR Nr. 28 (November 2012)

    titElthEMa

    JuNG, dYNaMiSch uNd GEMobbt

    Der Streber, der von seinen Klassenkameraden fertig gemacht wird das typische Mob-bingopfer? Falsch gedacht! Gemobbt werden besonders Berufsanfnger und Fast-Rentner. Silke Brggemann berichtet ber die kaum erkannten Mobbingopfer.

    D er Einstieg in die Arbeits-welt ist eigentlich schon schwer genug: eine neue Umgebung, unbekannte Kollegen und neue Aufgaben. Und genau dann ist man ein besonders gefhrdetes Mobbingopfer. Das zumindest ist das Ergebnis des Mobbing-Reports der Bundesanstalt fr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Das typische Mob-bing-Opfer steht kurz vor der Rente oder ist gerade in der Ausbildung be-ziehungsweise beim Einstieg ins Be-rufsleben. Berufsanfnger sind des-halb so gefhrdet, weil sie nach den neusten Standards ausgebildet sind und sehr engagiert zeigen wollen, was sie knnen das macht sie zur Gefahr fr ihre routinegeschdigten Kollegen.

    Offiziell wird Mobbing als ein hoch eskalierter Konflikt definiert, bei dem es regelmig Angriffe auf eine Person gibt. Diese Person wird in eine unterlegene Position ge-bracht, mit dem Ziel, sie auszugren-zen. Umgangssprachlich wird der Begriff Mobbing zu oft verwendet, da muss man unterscheiden, sagt Martin Zahner, der fr die Katholi-sche Betriebsseelsorge an der Mob-binghotline Baden Wrttemberg verantwortlich mitarbeitet. Einma-lige Hnseleien sind noch kein Mob-bing.

    Wer mobbt, hat immer ein Motiv: Neid, Machtsicherung oder Rache. Der Mobber versucht, das Opfer un-

    text: Silke brggemann | layout: Jan Zaiser

    fhig erscheinen zu lassen, indem er seine Fachkom-petenz angreift und damit direkt die Person. Die besten Mobber sind erstaunlicherweise Frauen im sozialen Bereich. Sie haben ein hohes Ma an Sozial-kompetenz und knnen das als Waffe einsetzen. Wer wirkungsvoll mobben will, sollte das Opfer genau einschtzen knnen. So kann man die Stellen treffen, an denen psychische Angriffe am meisten wehtun.

    Dabei sind Mobbing-Opfer oft nicht schwach, son-dern starke Persnlichkeiten und fachlich gute Leu-te. Ein Mauerblmchen geht beim ersten Angriff ein, sagt Experte Zahner. Strkere Leute werden zu Mobbing-Opfern, weil sie sich ihrer Konfliktfhig-keit zu sicher fhlen und den Konflikt unterschtzen. Auerdem nehmen sie die vermeintlichen fachlichen Fehler, die ihnen die Mobber unterstellen, oft sehr ernst. Schlafstrungen, psychosomatische Strungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsst-rungen knnen Mobbing folgen. Auerdem wird das Arbeitsklima zerstrt.

    Wer betroffen ist, muss sich Hilfe von auen ho-len, sagt Martin Zahner. Starke Persnlichkeiten, die zu Mobbing-Opfern werden, haben meistens auch den starken Part in Beziehungen. Deswegen ist es fr Partner, Familie und Freunde oft schwierig, ihnen zu helfen. Auch ein Tagebuch hilft, die Erfahrungen zu bewltigen. Auerdem ist es vor Gericht ein Be-weismittel, wenn es gebunden ist und an jedem Tag gefhrt wurde.

    Damit es nicht so weit kommt, mssen Fhrungs-krfte in einem Betrieb frh eingreifen, sagt Martin Zahner. Konflikte sollte man im Team ansprechen und direkt aus der Welt schaffen.

  • 4 NOIR Nr. 28 (November 2012)

    titElthEMa

    text: lisa Kreuzmann | fotos: Markus Erdlenbruch | layout: tobias fischer

    WaruM dEr iNSidEr out iSt

    An alle, die anders denken: Die Rebellen, die Idealisten, die Visionre, die Querdenker. Jene Zielgruppe kreierte Apple in einer Werbe-

    kampagne aus dem Jahr 1997 fr iPhone und Co.

  • 5NOIR Nr. 28 (November 2012)

    titElthEMa

    H ier geht es um die Verrckten. Die Au-enseiter, erklrte Firmengrnder Ste-ve Jobs seinen Spot. Unter dem Leitsatz Think different zeigte die Kampagne Bilder von Andersdenkenden wie dem Physiker Albert Ein-stein, dem Folkmusiker Bob Dylan oder der Br-gerrechtlerin Joan Baez. Eben jene, die verrckt genug sind, zu denken, sie knnten die Welt ver-ndern, heit es weiter im Spot. Ein Apple an das Anderssein. Und whrend einige sie als verrckt betrachten mgen, so Jobs, sehen wir hier das Genie. Appledas Label der Genies und Rebel-len. Der Auenseiter?

    In den USA msste das Insider-Outsider-Ver-hltnis demnach ziemlich ausgewogen sein. Laut einer Umfrage des amerikanischen Nachrichten-senders CNBC besaen im Mrz 2012 ber die Hlfte aller US-amerikanischen Haushalte min-destens ein Apple-Produkt. 51 Prozent amerikani-sche Auenseiter?

    Apple erklrt Erfolg durch Andersartigkeit. Das entspricht nicht der klassischen Vorstellung eines Auenseiters, deroft erfolglosam Rande der Gesellschaft schwimmt: der dicke Junge, das un-sichere Mdchen, der Auslnder, der Obdachlose, die Homosexuelle, der Jude. Gemobbt, getreten, diskriminiert. Der Auenseiter in apfelgrn sitzt in Szenecafs, bestellt Matetee und komponiert ein politisches Lied mit dem Apple-Musikprogramm GarageBand. Verschwimmt das Bild vom Au-enseiter? Ist es berhaupt wichtig, auf wessen Seite man steht? Was macht den Auenseiter von heute aus, wo fngt der Insider an, und will der Outsider berhaupt in den Fhrungszirkel?

    Der Mensch ist von Natur aus ein soziales We-sen. Die Gruppe bietet Schutz und sichert berle-ben. Gleichzeitig aber grenzen Menschen Andere auf ebenso natrliche Weise aus. In der Tierwelt werden deformierte oder sonst wie andersartige Tiere von ihren Artgenossen deswegen verstoen, da sie nicht mehr als Gleichgesinnte erkannt wer-den. Ebenso steckt es in der Natur des Menschen, diejenigen auszugrenzen, die nicht zu seiner Grup-pe gehren. Sie sind ihm fremd und somit feind-

    lich. Wer zu seiner Gruppe gehren darf, definiert sich stammesgeschichtlich ber eine gemeinsame Abstammung. Damit ist es aber nicht getan, denn auch Kriterien fr eine Verwandtschaft lassen sich manipulieren. So knnen wir uns schlielich auch Nicht-Verwandten nahe fhlen, wenn wir Ge-meinsamkeiten entdecken, die uns ein verwandt-schaftshnliches Wirgefhl vermitteln. Ob bluts-verwandt oder nichtauch wer uns hnlich ist, darf unserer Gruppe also zugehren. Wer es nicht ist, kann unseren Empfindungen nur schwerlich eine gemeinsame Abstammung vorgaukeln. Der Andersartige muss deshalb leider drauen bleiben und wird zum Auenseiter.

    Doch nicht jeder Einzelgnger ist ein Auensei-terviele entscheiden sich bewusst dafr keiner Gruppe anzugehren. Schlielich bedeutet ein Leben ohne Anhang auch die Freiheit der Norm zu entgleisen. Und Eigensinn macht Spa, pro-klamierte Hermann Hesse, den man ebenfalls am Rande der Kunst verortete. In der Volkswirtschaft bekommt der Auenseiter eine weniger unterhalt-same Rolle zugeschrieben: Der Insider-Outsider-Ansatz zur Erklrun