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Sucht, Gewalt und Familie – Konsequenzen - · PDF file„family density“ für Sucht- und andere ... Wegen der hohen Komorbidität von Suchtstörungen und psychischen Störungen

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  • Sucht, Gewalt und Familie Zusammenhnge, Risiken, Konsequenzen

    Vortrag zur DO-Jahrestagung am 22. April 2015 in DsseldorfMichael Klein, Kln

  • Sucht, Gewalt und Familie Zusammenhnge, Risiken,

    Konsequenzen

    (1) Einfhrung, Problemlage

  • Kindeswohl als Leitmotiv

    (child protection and mental healthmainstreaming; health in all policies)

    Das Kindeswohl muss als prioritres Leitmotiv in allen gesundheits- und sozialbezogenen Hilfebereichen verankert und umgesetzt werden. Dies betrifft Kinder- und Jugendhilfe ebenso wie Schule, Prvention, Psychiatrie, Psychotherapie und Suchthilfe. Ohne Kindeswohl langfristig keine gelingende Entwicklung und keine Reduktion der Zahl psychischer Strungen.Suchtstrungen spielen dabei eine zentrale Rolle, da schtiges Verhalten meist zur Selbstmedikation von frhen Verhaltens- und Erlebensstrungen eingesetzt wird.

  • Vorbemerkung:

    Suchtstrungen gehren zu den wichtigsten und hufigsten psychischen Strungen Die Frage nach ihren Auswirkungen auf die Familie sollte Regelund nicht Ausnahme sein.

  • Klassifikation von Gewaltformen

    sexuell psychisch,verbal

    physisch autoaggressiv

    strukturell

    6

  • Welche Substanzen?

    Als besonders riskant fr die Ausbung gewaltttigen Verhaltens knnen die folgenden Substanzen angesehen werden:

    AlkoholKokainAmphetamine Opiateggf. Halluzinogene

    7

  • Welche Effekte?Akute, chronische und komorbide Effekte

    Neben den Effekten akuter Intoxikation auf das Sozial- und Interaktionsverhalten sind besonders bei Suchterkrankungen die chronischen Effekte (zBEntzugsstimmungen) sowie die komorbiden Effekte (zBPersnlichkeitsvernderungen, neuropsychologischer Abbau, prmorbide Strungen) zu beachten.

    8

  • Kindesmisshandlung (WHO, 2006)

    USA: 35% der Tter(innen) hatten zum Tatzeitpunkt Alkohol oder Drogen konsumiert.

    Deutschland: 32% der Tter(inne) tdlicher Kindesmisshandlungen waren zum Tatzeitpunkt unter Alkoholeinfluss. 37% waren alkoholabhngig.

    Kanada: Alkohol- und Drogenkonsum wurde in 34% aller Flle von child welfare investigation berichtet.

    London: Elterlicher Substanzmissbrauch wurde in 52% aller Flle von Familien des child protection register berichtet, wobei Alkohol am hufigsten als Substanz benannt wurde.

    1: http://www.who.int/violence_injury_prevention/publications/violence/en/index.html 9

  • Partnergewalt (WHO, 2006)

    USA: Opfer berichten von Alkoholisierung des Tters in 55% aller Flle.

    England/Wales: Opfer berichten von Alkoholisierung des Tters in 32% aller Flle.

    Australien: In 36% aller Flle von Todschlag der Partnerin stand der Tter unter Alkoholeinfluss.

    Deutschland: 55% aller Flle von Gewalt gegen Frauen werden vom Tter unter Alkoholeinfluss begangen.

    1: http://www.who.int/violence_injury_prevention/publications/violence/en/index.html 10

  • 12. Mai 2015 Epidemiologie von Suchtstrungen

    11

  • Direkte und indirekte Effekte knnen Kinder Suchtkranker betreffen

    Direkte (substanzbezogene) Effekte:

    Indirekte Effekte:

    Behinderungen und Retardierung durch

    FAS(D)

    Neonatales Abstinenzsyndrom

    Retardierung durch andere

    Substanzwirkung (z.B. Tabakrauchen)

    Schdigung durch Alkoholvergiftungen

    in Kindheit und Jugend

    Familiale Gewalt

    Unflle, Verletzungen Broken home

    Vernachlssiguung, Misshandlung,

    Missbrauch

    Soziale Isolation, sozialer Abstieg

    Familiale Disharmonie

    Partnerprobleme

    Negative Familienatmosphre

    Zahlreiche negative (kritische)

    Lebensereignisse

    Leistungsprobleme in der Schule

  • Sucht, Gewalt und Familie Zusammenhnge,

    Risiken,

    Konsequenzen

    (2) Auswirkungen elterlichen Substanzkonsums auf exponierte Kinder:

    Stress, Volatilitt, Rollenfixierungen, Coping(versuche), Entwicklungspsychopathologie

  • Was einem Kind eines drogenabhngigen Elternteils

    passieren kann?(1) Direkte Folgen des elterlichen Drogenkonsums: Drogennotfall eines Elternteils, Unflle/Vergiftungen des Kindes

    (2) Indirekte Folgen des Drogenkonsums auf das elterliche Verhalten: Suizidalitt, Sedierung, Unberechenbarkeit, Unzuverlssigkeit, Unerreichbarkeit, Kindesvernachlssigung etc.

    (3) Folgen fr die Familie: Verarmung, Marginalisierung, Stigmatisierung

  • Kindliche Wahrnehmung und Verarbeitung des elterlichen Suchtverhaltens ist der Schlssel zur

    psychischen Gesundheit der Kinder

  • Historische Darstellung: Alkohol und Gewalt in der Familie, ca. 1880

  • Claudia Black, Sharon Wegscheider, Janet Woititz, ab ca. 1969

  • Elterliche Verhaltensstressoren fr die Elterliche Verhaltensstressoren fr die Elterliche Verhaltensstressoren fr die Elterliche Verhaltensstressoren fr die (psychische) Gesundheit von Kindern in (psychische) Gesundheit von Kindern in (psychische) Gesundheit von Kindern in (psychische) Gesundheit von Kindern in

    Familien: Familien: Familien: Familien: RisikotriasRisikotriasRisikotriasRisikotrias

    Suchtstrungen

    Gewaltverhalten

    Psychische Krankheiten

    (vgl. Cleaver et al., 1999)

  • Lange und intensive Exposition des Kindes (Quantitt, Qualitt)

    Beide Elternteile betroffen > Mutter > Vater

    Einzelkind (?)

    Frhe > mittlere > spte Kindheit

    Alleinerziehendes Elternteil

    Hohe Zahl negativer Lebensereignisse im Krankheitsverlauf (Unflle, Verletzungen, Suizidversuche, Inhaftierungen)

    Risikoverstrker

  • Was beeinflusst das Transmissionsrisiko (erhhend, abschwchend)?

    (1) Dauer und Intensitt der Exposition

    (2) Schwere der elterlichen psychischen Strung und Komorbiditt

    (3) Genetisches Risiko (Vulnerabilitt)

    (4) Alter des Kindes

    (5) Stressbewltigungskompetenzen/Resilienzen

    (6) Kranke/gesunde Modellpersonen (vor allem Verwandte) im Umfeld

    (7) Intermittierende Lebensereignisse (z.B. Traumatisierung)

    (8) Mangel an elterlicher Kompetenz (z.B. Einfhlsamkeit, Wrme, sichere Bindung)

  • Frequency of alcohol problems in parents (N = 2.427; Lifetime, %w; source: EDSP-study; Lieb

    et al., 2006)

    22,5

    3,1

    19,5

    15,0

    4,4

    0,0 10,0 20,0

    Mother only

    Father only

    One parent

    Both parents

    Either parent

  • Ausgangslage und FaktenIn Deutschland leben:

    2.65 Millionen Kinder, bei denen ein Elternteil eine alkoholbezogene Strung (Missbrauch oder Abhngigkeit) aufweist (Lachner & Wittchen, 1997; Klein, 2005)

    ca. 40.000 Kinder mit einem drogenabhngigen Elternteil

    d.h.: es geht insgesamt nicht um eine gesellschaftliche kleine Randgruppe, sondern um eine substantielle Gruppe von Kindern, die ein deutlich erhhtes negatives Entwicklungsrisiko aufweisen. Die gesunde Entwicklung von Kindern suchtkranker Eltern ist ein prioritres Public-Health-Thema.

  • Prvalenzen Jedes 7. Kind lebt zeitweise (jedes 12.

    dauerhaft) in einer Familie mit einem Elternteil, der eine alkoholbezogene Strung (Abhngigkeit oder Missbrauch) aufweist (Deutschland; Lachner & Wittchen, 1997)

    Jedes 3. Kind in einer alkoholbelasteten Familie erfhrt regelmig physische Gewalt (als Opfer und/oder Zeuge) [Klein & Zobel, 2001]

    Suchtkranke Familien weisen gehuft eine family density fr Sucht- und andere psychische Strungen auf

  • PrvalenzenVon den Kindern alkoholabhngiger Eltern

    entwickeln ca. 33% bis 40% selbst eine substanzbezogene Abhngigkeitserkrankung (Sher, 1991; Windle & Searles, 1990; Klein, 2005; Zobel, 2006)

    Ein Drittel (teilweise berlappend mit dem erstgenannten Drittel) zeigt psychische Strungen (z.B. ngste, Depressionen, Persnlichkeitsstrungen)

  • Relative Wahrscheinlichkeiten (OR) frAlkoholabhngigkeit bei Tchtern undShnen von Eltern mit Alkoholstrungen

    ElterlicheProblememit Alkohol

    Mnnliche Probandenodds-ratio (OR) frAlkoholabhngigkeit

    Weibliche Probandenodds-ratio (OR) frAlkoholabhngigkeit

    Nur Vater 2.01 ** 8.69 ***

    Nur Mutter 3.29 *** 15.94 ***

    BeideElternteile

    18.77 *** 28.00 ***

    **: p

  • Gesundheitliche Gefahren fr Kinder aus suchtbelasteten Familien

    Die Zahl der Krankenhausaufenthalte liegt um 24.3 % hher.

    Die durchschnittliche Verweildauer bei stationren Behandlungen liegt um 61.7% hher (Woodside et al., 1993).

    Die behandlungsbezogenen Kosten liegen um 36.2 % hher (Woodside et al., 1993).

    Subjektive Gesundheit: 35.6% der Kinder aus suchtbelasteten Familien (Exp. > 4 Jahre) geben an, dass sie sich oft krank fhlen (vs. 15.9%) [Klein, 2003].

  • Risikosteigerung aufgrund psychischer Komorbiditt:

    Wegen der hohen Komorbiditt von Suchtstrungen und psychischen Strungen (40% bis 80%) sind kombinierte, abgestimmte Angebote fr Kinder aus allen derartigen Familiensystemen besonders wichtig.

  • Bindungsmuster bei psychisch kranken Mttern (Cicchetti et al., 1995)

    Erkrankung der Mutter

    Anteil unsicherer Bin-dung bei Kindern

    schwere Depression 47% leichte Depression 24% bipolare Depression 79% Schwere Angster-krankungen

    80%

    Alkoholmissbrauch 52% (davon 35% am-bivalent)

    Drogenmissbrauch 85% (davon 75% am-bivalent)

  • In einer psychisch belasteten Familie zu leben, bedeutet vor allem psychischen Stress: Alltags- und Dauerstress

    Formen des Familienstresses und der Stressverarbeitung (Schneewind, 1991, 2006):

    (1) Duldungsstress (Ich kann dem Druck und Stress nicht ausweichen, halte ihn aber nicht aus)(2) Katastrophenstress (Ich wei nie, was passieren wird. Das macht mir so viel Angst, dass ich andauernd daran denken muss)