Transmitter 0714

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Die Programmzeitschrift des Freien Sender Kombinats

Text of Transmitter 0714

  • 10714

    Freies Sender Kombinat93,0 mhz Antenne 101,4 mhz Kabel

    Itzehoe, HenstedtUlzburg, Norderstedt:101,4 mhz Kabel

    www.fskhh.org/livestream

    freies radio im Juli

    //////// Absender - AG Radio e.V., Eimsbtteler Chaussee 21, 20259 Hamburg, Postvertriebsstck c 45436, entgelt bezahlt, DPAG /////////

    TRANSmitter

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  • 3Es ist kalt in Deutschland. Und damit meine ich nicht den kalendarischanstehenden Sommer, der nach einem kurzen Aufflackern wieder da-von gezogen ist.

    Es ist die Fuball-Weltmeisterschaft der Mnner und Hamburg undDeutschland werden zu einem Fahnenmeer einem deutschen Fah-nenmeer. Und alle Jahre wieder knnen die Deutschen endlich befreitund unverkrampft ihrem Nationalismus frnen und ihre Keller vollerDevotionalien ausrumen und wahlweise auf ihrem Auto, Balkon oderKrper verteilen. Meistens schwarz-rot-gold, teilweise auch schwarz-wei-rot.

    Als wenn das nicht schlimm genug wre, hat dieser befreite Nationa-lismus auch immer zur Folge, dass Rassismus noch ein bisschen plum-per daherkommt, als eh schon. In smtlichen sozialen Netzwerkenlassen sich rassistische Bemerkungen und Anfeindungen finden undauch auf den Straen tobt der deutsche Mob sich aus. Da wird dannauch schonmal der Hitergru gezeigt und Menschen, die nicht alsDeutsch wahrgenommen werden, verbal und krperlich attackiert.

    Doch auch jenseits des aktuellen nationalistischen Spektakels gibt es indiesem Deutschland genug Grnde, zu verzweifeln. Am Nobistor inHamburg St. Pauli beispielsweise lsst die Stadt durch die Polizei einCamp von hauptschlich Migrant_innen aus Rumnien und Bulgarienrumen - natrlich ohne eine Alternative zum Wohnen bereit zu stel-len. Und Christian Siegmann, der Leiter des Sozialen Dienstleistungs-zentrum Altona, der die Rumung koordiniert hat, lsst sichGnnerhaft mit einem Tablett voll geschmierter Brtchen fotografie-ren, die fr die gerumten Menschen gedacht sind. Ekelhaft.

    Wie bereits in den letzten Wochen berichtet, hufen sich in Hamburgaktuell Brandanschlge auf Wohnhuser, bei denen rassistische Motivteilweise sehr nahe liegen. In der Bremer Strae in Harburg beispiels-weise lieen sich vor dem Brandt immer wieder rassistische Parolenund Hakenkreuze an dem Haus finden. Einen Zusammenhang zu demBrand sieht die ermittelnde Polizei nicht. Von wegen erhhte Sensibilitt bei Straftaten mitmglichem rassistischem Hintergrund. Nichts gelernt aus dem NSU.

    Das zeigt sich auch in Hamburg und dem Umgang mit dem NSU, der Aufklrung und dem Um-gang mit den Angehrigen der Opfer. Ausfhrlicher dazu gibt es in dem Artikel -Aufklrungnach Hamburger Art.

    Darber hinaus gibt es Artikel zu verschiedensten Themen und wie in den letztenAusgaben auch immer ein Regal, wobei diesen Monat kein Buch sondern ein Filmvorgestellt wird.

    Nie wieder Deutschland!

    EDITORIAL Inhalt

    FSK untersttzenSeite 2

    EditorialSeite 3

    OZSeite 4

    Refuge Protest HannoverSeite 6

    Herr HomeSeite 8

    igs WilhelmsburglSeite 9

    Das RegalSeite 11

    WM in BrasielenSeite 12

    Hamburg und der NSUSeite 14

    RadioprogrammSeite 16

    Termine & ImpressumSeite 31

  • 4OZ als praktizierender Graffiti- undStreetart-Knstler ist in Hamburg zur Sym-bolfigur geworden, soweit es um die Krimi-nalisierung von Graffiti geht. In diesemKontext boten die Prozesse um OZ eine Pro-jektionsflche fr einen gesellschaftlichenDiskurs, in dem sich Straflust bzw. Bestra-fungsphantasien an ihm ausagierten. OZselbst hat diese ffentlichkeit nie von sichaus gesucht. Er wollte hinter seinen von ihmffentlich sichtbar gemachten Zeichnungenim Verborgenen bleiben. Paradigmatischsind Bilder von OZ in der Lokalpresse ausden Prozessen in den 90er Jahren, die densich hinter Schildern verbergenden Ange-klagten zeigen.

    Der urbane Raum ist mit der neoliberalenWende Ort des konomischen und sozialenWandels geworden. Da ffentliche Stadtru-me in attraktiven Lagen zunehmend privati-siert werden und als Konsum- undInvestitionszonen Teil der kapitalistischenWertschpfung werden, erwchst daraus dasBedrfnis, durch ein autoritres Kontroll-und Ausschlussregime unerwnschtes Ver-halten zu unterbinden und strende Perso-nen zu vertreiben. Die daraus resultierendenDebatten wurden in den 90er Jahre unterdem Label des Zero Tolerance-Konzeptsdiskutiert. Dieser Diskurs als bergang vonder Disziplinar- hin zur Kontrollgesellschafthat in der ffentlichkeit den Zusammen-hang zu Graffiti und Streetart hergestellt.Jan Wehrheim hat dies in seiner Arbeit Dieberwachte Stadt u.a. untersucht. Einwichtiges Motiv benennt er mit dem Begriffphysical disorder, demzufolge das Erschei-nungsbild eines Quartiers zum Anknp-fungspunkt fr Kriminalittsfurcht undsicherheitspolitische Gegenstrategien wird.Merkmale wie Vermllung, Leerstand undGraffitis werden zu einem neuen Problemdes gefhrlichen Raumes verknpft. Dasist jedoch ein soziales Konstrukt, denn Pro-bleme werden im Vorfeld strafbarer Hand-lungen angesiedelt. Straffreie

    Verhaltensweisen im ffentlichen Raum wieder Konsum von Alkohol, das Betteln oderdas kollektive Abhngen von Jugendlichenwerden zum Anlass fr polizeiliches Ein-schreiten. Wehrheim entwickelt unter denBegriffen sthetisierung und Sauberkeitein ideologisches Moment des neoliberalenSicherheitsdiskurses. Entsprechend stellenGraffiti eine Provokation dar, Wehrheimstellt fest: Beim Thema Graffiti verbindensich folglich alle Aspekte einer umkmpftenStadt: Sauberkeit mit der Verdrngung vonNutzungsformen und Personen, Angstdis-kurs mit Strategien zur Revitalisierung vonInnenstdten sowie Kriminalittsprventionmit der Okkupation von Raum.

    Mit groem Aufwand wird die Kriminalisie-rung von Graffitis von Polizei und Sicher-heitsdiensten organisiert. OZ hat ameigenen Leibe die Folgen dieser Repressiondurch Misshandlungen erfahren. Es ist Teileiner khl-rationalen Logik des neoliberalenSicherheitskonzeptes, das Recht auf krper-liche Unversehrtheit der ins Visier geratenenDelinquenten wie OZ zu suspendieren. DerSchutz der Sicherheit der Mehrheitsgesell-schaft wird zur kalkulierten Unsicherheit frdie Objekte der Fahndung. Teil der repressi-ven Ahndung von unerwnschtem Verhalten

    All City

    OZ und der st

  • 5ist eine Vor-Ort-Bestrafung, die fr die Si-cherheitsorgane meist straflos bleibt. OZ hatsich aber von der Repression nicht beein-drucken lassen. Im Gegenteil: Fr OZ stehtes nicht zur Debatte, die Machtfrage den ur-banen Raum nicht mehr zu stellen. Die seri-elle Arbeit seiner Zeichen, die in derWiederholung und zehntausendfachen Pr-senz eine Qualitt von Allgegenwart entfal-tet, ist ein Statement gegen den Anspruchder neoliberalen Stadt auf Sauberkeit undSterilitt. Sein Manifest ist die Be-Zeichnungder Stadt, indem OZ Beharren auf Teilhabeam ffentlichen Raum ein Widerstandsaktgegen eine vorauseilende Selbstexklusionist.

    Doch sind Beharrlichkeit und Leidensfhig-keit schon Grund genug, OZ Arbeiten einepolitische Qualitt zuzuschreiben? UlrichBlanch definiert in einer UntersuchungStreetart als Kunst im urbanen Raum, dienicht von Autoritten oder staatlichen In-stitutionen durch Geschmack oder Gesetzbeschrnkt ist und niemandem direkt kom-merziell dient. Der Akt des illegalen Anbrin-gens ist eine Kommentierungkapitalistischen Konsums, weil er fr nichtsverkaufsfrdernd und daher autonom ist.Damit ist ein Unterschied zur Gallery Art,

    der es um den Verkauf geht und legalerStreetart als oft kommerzielle Auftragsarbeitbenannt.

    Streetart als knstlerische Strategie im Um-gang mit der visuell vermittelten Konsum-welt kann zum Protest gegen die sinnlicheLeere gegenwrtiger Stadtlandschaften wer-den. David Harvey weist darauf hin, dass kri-tische Kommentierungen zu einer Fallewerden, wenn sie als subkulturelle Kunst-inszenierung zur Anhufung von symboli-schen Kapital und der Ansammlung vonDistinktionsmerkmalen instrumentalisiertwerden. Dann droht Streetart Teil der Ver-marktungsstrategie im Wettbewerb der Me-tropolen zu werden und zugleichGentrifizierungsprozesse zu befeuern. OZFlucht in die Illegalitt ist so gesehen alsSchutz vor einer Vereinnahmung im doppel-ten Sinn zu sehen. Es ist zum einen die Ver-weigerung des neoliberalen Kontroll- undDisziplinaranspruchs auf angepasstes Ver-halten. Zum anderen wird das Beharren dar-auf, dass der ffentliche Raum alsffentlicher Raum auch nur dort verteidigtwerden kann, zum Garanten, sich der muse-al-marktfrmigen Verwertung zu entziehenund nicht zum subkulturellen Distinktions-gewinn Hamburgs beizutragen. OZ Arbeitensind ein Beitrag fr ein Recht auf Stadt alseinen Ort des ungehinderten und freienAustauschs der Menschen. Mglicherweisegehrt OZ mit seiner nonkonformistischenHaltung zu den letzten Situationisten, derenIdeal des unitren Urbanismus das konsu-mierbare knstlerische Spektakel unterlau-fen sollte. Durch das Umherschweifen imstdtischen Raum, das OZ nchtlich zei-chenmarkierend betreibt, praktiziert er eineForm der Wiederentdeckung und zugleichder Verteidigung des urbanen Raumes, diesich einem Ideal der lebenswerten Stadt fralle verpflichtet fhlt.

    Andreas Blechschmidt

    ity King

    stdtische Raum

  • 6Der Weiekreuzplatz, eine Rasenflche inder Oststadt von Hannover, ist seit einigenWochen zur politischen Plattform gemachtworden. Am 24. Mai bauten sudanesischeRefugees hier ihre Zelte auf und starteteneinen Proteststreik. Mehrere Wochen spterwehen rund um den Platz viele bunt bemalteTransparente mit Parolen und solidarischenGren. Um zehn Uhr morgens ist vor allemam Kchenzelt viel los. Rund um die Uhrgibt es hier Kaffee, Tee und Verpflegung frRefugees und Untersttzer_innen. Etwas ab-seits davon, vor einem der groen Gemein-schaftszelte, in dem ein Stimmengewirr zuhren ist, sitzt Yassir. Er ist ein Sprecher derGruppe und befindet sich nun schon seitmehreren Wochen in einem Hungerstreik.

    Der Hungerstreik begann am 28. Mai. DiePolizei ist ein paar Tage nachdem das Campbegonnen hat gekommen und hat zehn d