Über die histologischen Veränderungen der Bauchspeicheldrüse nach Unterbindung des Ausführungsganges

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    19-Aug-2016

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    [Jber die histologischen Ver/inderungen der Bauchspeichel-- driise nach Unterbindung des Ausffihrungsganges.

    Zur Frage fiber den Bau und die Bedeutung: der Langerhansschen lnseln.

    Von

    Dr. reed. S. Tschassownikow,

    Assistent am histologisehen Institute zu Warsehau.

    Hierzu Tafel X,YXVI.

    In der Reihe der Verdauungsdr~isen nimmt unstreitig eine der ersten Stellen die Bauchspeicheldr(ise ein. In der Tat ver- arbeitet ihr Sekret alle Arten yon Nahrungsmitteln: peptonisiert Eiweissstoffe, verwandelt St~rke in Dextrin und Zucker und spaltet endlich das neutrale Fett in Glyzerin und Fettsauren. Damit aber erschSpft sich noch lange nicht die physiologische Arbeit des Pankreas. Wie J. Mer ing und O. M inkowsk i nachgewiesen haben, verursacht die totale Exstirpation der Drfise alle typischen Erseheinungen eines schweren Diabetes mellitus, und weitere Unter- suchungen fahrten, nachdem sie die Beteiligung des Pankreas an einer inneren Sekretion best~ttigten, zum Schlusse, dass das Pankreas eine Substanz abgibt, welche den im Blute zirkulierenden Zucker reduziert.

    Den versehiedenartigen physiologischen Aufgaben entsprechend, ist auch der Ban der Bauchspeicheldr~ise ziemlich kompliziert. Seit dem Erscheinen der Arbeiten yon P. Langerhans (1869), W. Kf ihne, A. Lea (1875 und 1882) und R. He idenha in (1883) ist es bekannt, dass das Pankreas einerseits aus Dr(isen- tubuli besteht, die mit zymogenhaltigen Zellen ausgekleidet sind und mit den Ausftihrungsgangen in Verbindung stehen, und anderseits aus Zellenhaufen, die unter dem Namen ,,Langer- hanssche Inse ln" bekannt sind.

    Man kann jetzt kaum zweifelfi, dass alle Fermente des pankreatischen Sekrets dutch die zymogenhaltigen Zellen, d. h. Driisentubuli sensu strictiori, allein geliefert werden. Was aber

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    die Langerhanssehen Inseln anbetrifft, so gehen die ~Ieinungen bedeutend auseinander. 1) .Einstweilen kann man nur das eine:als festgestellt betrachten, dass diese Gebilde aus ganz eigenartig differenzierten Epithelzellen zusammengesetzt sind, reichlich mit Blutgefassen versehen sind und gewShnlich mit den Ausfiihrungs- gangen nicht in Verbindung stehen.

    Ferner bilden sich nach unsern und Prof. A. Mankowsk is iibereinstimmenden Angaben die Langerhansschen Inseln aus eiu- fachen Drfisenschlauchen; als Bestatigung dessen kann die Ver- gr6sserung derselben bei gewissen Bedingungen, die Existenz unzweifelhafter Ubergangsformen yon den zymogenenthaltenden Elementen za den Zellen der Inseln, die zeitweise Konstatierung yon Lichtungen in den Inseln und such die Verbindung der letzteren mit entleerten Gangen dienen.

    Was die Bedeutung dieser Gebilde fiir Mankowsk i an- betrifft, ,,so unterliegt es keinem Zweifel, dass die Langerhansschen Inseln in physiologischer Beziehung eins der morphologischen Stadien tier Tatigkeit der Pankreasdrfise darstellen", welches er ,,Stadium der Langerhansschen Inseln" zu nennen vorschlagt. ,,Jedes L~tppchen der Dr~ise muss am Ende seiner Sekretions- tatigkeit ins ,,Stadium der Langerhansschen Inseln" kommen, welches die morphologische Erscheinung tier hOchsten Ersch6pfung oder der energischsten T~tigkeit des Lappchens darstellt". Im Gegenteil zeigten unsere Beobachtungen, dass die Langerhansschen Inseln nicht fahig sind, sich wieder in gew6hnliche Drfisenschlauche umzuwandeln, und dass sie keinen Anteil an der Bildung der Bestandteile des Pankreassekrets nehmen; am richtigsten sollte man die Inseln als Organe der inneren Sekretion anerkennen,

    I) Die umfangreiehe Literatur betreffs der Langerhansschen. Inseln ist in den folgenden Arbeiten ausfiihrlieh angegeben: E. L aguesse : Structure et d~veloppement du pancreas d'apr~s les travaux r~eents (Journal de l'anat. et physiol., An. 30, 1894) ; O. P i s ch in g e r: Beitr~ge zur Kenntnis des Pankreas (Diss., ~iinchen 1895); Tschassownikow: Uber die Struktur und die funktionellen Ver~nderungen der Pankreaszellen (Diss., Warschau 1900); A. Mankowsk i : Zur l~ikro-Physiologie der Pankreasdriise. Die Bedeutung tier Langerhanssehen Inseln (Diss. Kiew, 1900) und in den Be- riehten A. Brunns , A. Oppels : u (Ergebniss. f. Anat. u. Entwicklungsgesch., Bd. 4, 7, 9 u. 11, 1895--1902) und E. Sauerbecks : Die Langerhansschen Inseln des Pankreas und ihre Beziehung zum Diabetes mellitus (Ergebniss. f. allg. Pathol. u. pathol. Anat. Bd. 8, 1904).

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    die dazu bestimmt sind, den im Blute zirkulierenden Zucker zu zerstSren. 1) Zwischen diesen beiden Ansichten nimmt eine Mittel- stelle die Anschauung yon E. Lag u e s s e-~) ein: bei seinen Studien an den Inseln des menschlichen Pankreas lasst er auf Grund tier Ubergangsformen, die yon ihm nicht naher beschrieben wurden, sowohl die Verwandlung der Drtisenschlauche in Inseln, als auch die Rfickmetamorphose zu; zur selben Zeit aber meint er, dass die Inseln, solange sie vorhanden sind, tier inneren Sekretion dienen.

    Zur LSsung der ~'rage fiber die Bedeutung der Langer- hansschen Inseln kam yon selbst der Gedanke, die morphologischen J~nderungen der Bauchspeicheldrtise nach Unterbindung ihres Ausftihrungsganges zu studieren. In der Tat, die Versuche, die in dieser Richtung von Prof. J. Pawlow und manehen anderen (R ibber t , Remi und S lowe, Arnozan und Va i l la rd , Vasa l le , Mouret ) unternommen wurden, haben erwiesen, dass dabei eine Atrophie des ganzen Drtisengewebes, welches in Ver- bindung mit dem System der Ausftihrungsgange ist, auftritt. In Anbetracbt dessen war es unbedingt nStig, a priori zuzulassen, dass, wenn die Inseln nur ein eigenartiges Stadium der Ruhe tier Drtisenschlauche darstellten, sie dann gleichfalls zugrunde gehen mfissten; und im Gegenteil musste die Unversehrtheit der Inseln unter diesen Bedingungen als Beweis gelten, dass diese Gebilde zu ganz anderen physiologischen Zwecken bestimmt sind.

    Da unsere Aufmerksamkeit darnals durch andere rein cyto- logische Fragen abgelenkt wurde, konnten wir nur in der letzten Zeit die experirnentelle Bearbeitung des yon uns ins Auge ge- fassten Problems unternehmen; wahrend des vierj~thrigen Zwischen- raums seit der VerSffentlichung unserer Dissertation erschienen einige weitere Arbeiten fiber dasselbe Thema.

    1) Der Gedanke an die Teflnahme der Inseln an der inneren Sekre- tion des Pankreas war frtiher schon yon E. Laguesse (Sar la formation des ilots de Langerhans dans le pancreas. Compt. rend. de la Soci~t~ de Biolog. de Paris, An. 30, 1894) erw~hnt, der sich mit der ttistogenese der Inseln besch~ftigte, und yon V. D iamare (Studii comparativi isole di Langerhans del pancreas. - - Internat. ]gonatschr. f. Anat. u. Physiol., Bd. 16, 1899), der seine Schliisse auf vergleichend-hist01ogische Studien dieser Gebilde griindete.

    '~) Sur qaelques d~tafls de la structure du pancreas humain . - Compt rend. de la Soci~t~ de Biolog. de Paris, An. 46, 1894.

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    Zunt~chst yon W. Schu lze , 1) der an der Bauchspeichel- drtise yon Meerschweinchen eine Ligatur anlegte, und yon L. S s o b o 1 e w, 2) der eine Reihe yon Versuchen mit Unterbindung resp. Durchschneidung der Ausftihrungsgt~nge bei Kaninchen, Hunden und Katzen machte. Beide kommen dabei zu demselben Resultate, dass nt~mlich alle Drfisenschl~tuche atrophieren, die Langerhansschen Inseln aber ohne irgend eine Vert~nderung zurtick- bleiben. Demzufolge meinen beide Autoren, dass die Inseln keine Beziehung zum Gangsystem des Pankreas haben und sich als besondere Blutgefassdrtisen erweisen, welche wahrscheialich an der Regulierung des Zuckergehaltes im Blute beteiligt sind.

    Bei seinen Versuchen fiber den Einfluss der Unterbindung des Ausftihrungsganges beim Kaninchenpankreas land A. Man- kowsk i 3) sechzig Tage nach der Operation gewisse besondere Zellengruppen, er ht~lt aber fiir unmSglich, die letzteren als ]dentisch mit Langerhansschen Inseln anzusehen. In seiner anderen Arbeit, 4) die Beobachtungen yon W. Schu lze kontrollierend, beschreibt Prof. NI a n k o w sk i verschiedene Verhnderungen in Abhangigkeit yon der Unterbindung. Er legte in der Bauch- speicheldrtise der Meerschweinchen zwei Ligaturen in Entfernung yon 1 cm an und bemerkte, dass zwischen den Ligaturen und hinter denselben sowohl die Drtisenschlt~uche, als auch die Langer- hansschen Inseln verschwunden; vor den Ligaturen aber bleiben die Inseln intakt und in der Nahe der Ligaturen konnte man nicht selten Bilder beobachten, die ganz ahnlich denen waren, welche yon W. Schu lze beschrieben und gezeichnet wurden.

    Ebenso konnte auch D. Hansemann 5) auf Grund seiner Experimente mit Liga[uranlagen der Bauchspeicheldrt~se bei

    1) Die Bedeutung der Langerhansschen Inseln im Pankreas. Arch. f. m[kr. Anat. Bd. 56, 1900.

    ~) Zur Horphologie des Pankreas nach Unterbindung seines Ausfithr- ganges, bei Diabetes und einigen anderen Bedingungen. Diss., Petersburg 1901. -- Zur normalen und pathologischen Horphelogie der inneren Sekretion der Bauchspeicheldrtise. Virch. Arch. Bd. 158, 1902.

    ~)1. c. 4) Uber mikroskopische Vert~nderungen des Pankreas nach Unterbindung

    einzelner Teile und fiber einige mikrochemis'che Besonderheiten der Langer- hansschen Inseln. Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. 59, 1902.

    5) lJber die Struktur und den Weft der Geft~ssinseln des Pankreas. Verhand.d. deutsch, pathol.Gese Ilsch.in Hamburg, 1901. Zitiert. nach S a u e r b e c k.

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    Hunden bestimmte Verhnderungen nur in geringer Entfernung yon der Ligatur konstatieren. Hier wird Dank einer reichen Entwicklung des Bindegewebes das ganze Drtisenparenchym ge- wissermal~en erdrtickt, die Langerhansschen Inseln aber erhalten sich oft lange, andere aber gehen auch fibr0s zu Grunde.

    E. S a u e r b e c k 1) sucht schliesslich beide entgegengesetzte Ansichten auszugleichen, indem er sie beide bis zum gewissen Grade der Wirklichkeit entsprechend findet. In einigen Zeilen erwahnt or, dass bei den yon ihm operierten Kaninchen die Langerhansschen Inseln gleichfalls verschwanden, obgleich spater als die Drtisenschlauche, namlich erst dreissig Tage nach Unter- bindung des Ausfiihrungsganges, wobei yon der Zeit an in dem Harn der operierten Tiere Zucker erschien.

    Aus den bier erw,'thnten Literaturangaben ist es Mar, class alle bis jetzt ausgeftihrten Versuche zu entgegengesetzten Resul- taten ffihrten. Die Ursache liegt wahrscheinlich teils in ver- schiedener Operationsmethodik, teils in ungleichen Methoden der histologischen Behandlung des Materials. Um die Bauchspeichel- drtise vom Darm zu isolieren, zogen die einen die Drtise mit Faden zusammen, die andern aber legten Ligaturen am Ductus pancreaticus an und zerschnitten ihn zwischen den Ligaturen. Wir miissen dem letzten Verfahren entschieden den Vorzug geben, da bei demselben einerseits die Bedingungen der Blutzirkulation in dem untergebundenen Pankreas sich nicht im geringsten andern und anderseits die Durchgangigkeit des Ausftihrungsganges sich nicht wieder herstellen kann, was nicht selten bei einfacher Ligatur- anlegung vorkommt (Pawlow, Ssobolew). Zu solchen Opera- ~ionen taugen aus allen im Laboratorium gebrauchten Tieren nur Kaninchen, deren Bauchspeicheldrtise nur einen und dazu noch leicht auffindbaren Ausfiihrungsgang hat. Auf Grund des eben erw~hnten wurden alle unsere Operationen (14 an tier Zahl) an diesen Tieren vollfiihrt, das Pankreas wurde dabei je 2, 3, 5, 7, 10, 15, 20, 30, 35, 40, 50, 60, 70 und 75 Tage nach der Opera- tion untersucht. Infolge der Angabe Sau erb e cks, dass nach Unterbindung des Ausftihrungsganges Diabetes mellitus auffritt, priiften wir bei allen operierten Kaninchen yon Zeit zu Zeit und vom 20. Tage nach der Operation fast taglich den Harn mittels

    1) loccit.

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    Trommerscher Probe auf Zucker, und unsere Analysen gaben ohne Ausnahme in allen FMlen negat ive Resu l tate .

    In Beziehung auf die Behandlung des Pankreas zeigten unsere Beobachtungen, dass viele yon den konservierenden Fltissig- keiten, unter anderen Alkohol und Sublimat, welche Man- kowsk i und Schu lze benutzten, die Struktur der Inselzellen fast garnicht erhalten; ohne Zweifel die besten fixierenden Mittel sind 10% Formalin und die Podwyssotzkysche Fltissigkeit, die Ssobo lew gebrauchte, jedoch aueh nach diesen Fixatoren tritt nicht gentigend scharf der Unterschied zwischen den Inselzellen und den zymogenthaltigen Elementen des Pankreas hervor. Den erw~thnten Forderungen entspricht v~llig die Hermannsche Fltissigkeit; aber um mit deren Hilfe gebiihrende Bilder zu erhalten, ist es nStig, dieselbe in das entspreehende Blutgef~ss (Arter. oeliaca) zu injizieren nach vorheriger Aussptilung des Gef~tsses mit einer physiologisehen KoehsalzlOsung; wobei nur der obere Teil der Drtise sich ausfttllt, welcher zur Milz, zum Magen und zum oberen Abschnitt des Duodenumgewandt ist. Nach der Injektion werden kleine Stiickchen vom Paukreas in Herm an n sche Fltissigkeit auf zirka 2~ Stunden versenkt, nachher sorgfMtig in fiiessendem Wasser ausgewaschen, in Alkohol yon allm,~thlich steigender Konzentration gehi~rtet und nach bekannter Weise in Paraffin eingebettet. Zur F~trbung der Schnitte yon 31/~--5 p, mit Eiweiss aufgeklebt, benutzten wir teils das F 1 e m m i n g sche Orangeverfahren (Modifikation yon R e i n k e), hauptsachlich aber Sa f ran in nnd Methy lgr i in . Ausserdem untersuchten wir vergleichungshalber auch Stt'Lckchen aus dem unteren nicht injizierten Teile der Bauchspeicheldrtise nach deren Behandlung mit verschiedenen Fixierungsmitteln, vorzugsweise mit Alkohol,. Sublimat, Formalin und Podwyssotzkyscher Flf~ssigkeit.

    Beschreiben wir zuerst die Langerhansschen Inseln in der Gestalt, in weleher man sie bei Kaninchen bei gewShnlichen Be- dingungen findet. Die Zellen, aus denen sie bestehen, haben eine vieleckige oder unregelm~tssig zylindrische Form; sie liegen eng aneinander und sind durch ganz deutliche Grenzen von- einander getrennt. '1) Meistens bilden sie ein l~etzwerk anasto-

    1) Weder bei Kaninchen, noch bei anderen yon uns untersuchten S~uge- tieren haben wir auch nu~ Spuren interstitiellen Bindegewebes zwischen den Inselzellen gesehen, welches yon E. H o tm g r en besehrieben ist, und welches

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    mosierender Balken, welche durch erweiterte Kapillaren ab- gesondert sind; aber gleich diesen Gebilden, obwohl seltener, kommen auch mehr oder weniger bedeutende Aufhaufungen yon Zellen vorund auch Ubergangsformen, d. h. wenn in einem Teil der Insel solide Haufen yon Zellen und im andern eine balken- artige Verteilung vorkommt. Der innige Zusammenhang zwischen den Inseln und den~ Blutgefassen ist eine allgemein bekannte Tatsache, die schon yon K t ihne und Lea festgestellt wurde. Was jedoch den Bau der Wande dieser Gefasse anbetrifft, so kommen wir jetzt: nach sorgfaltiger Prtifung unserer Praparate zu dem Schluss, dass in den Kapillaren ausserhalb des Epithel- rohres, obgleich auch sehr schwach entwickelt, ei...

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