Über Veränderungen im Zentralnervensystem bei der Tetania parathyreoipriva

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    29-Sep-2016

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  • Ober Veranderungen im Zentralnervensystem bei der Tetania parathyreoipriva.'

    Von

    Holger M68llgaard. (Aus dem physiologischen Laboratorium der k6nigl. tierarztlichen und landwirt-

    schaftlichen Hochschule in Kopenhagen.)

    Das hervortretende Charakteristikum der Te t a n ia para t h y r eoi- p r i va sind bekanntlich die fibrilken Zuckungen der quergestreiften Muskulatur. Schon lange bekannt ist auch, daB sich diese fibrilliiren Zuckungen im tetanischen Anfall zu starkeli klonischen Kriimpfen steigern, und daB auf der Hohe des Anfalles eine tonische Starre des ganzen Korpers eintreteo kann.

    Diese Symptome deuten ja alle darauf hin, daB jedenfalls ein sehr wesentliches Moment der Pathologie der parathyreoipriven Tetanie in einem Leiden des Nervenmuskelsystems besteht.

    Schon friih in der Forschung iiber die Herkunft der thyreriprieven Krankheiten, bevor die Erkenntnis der Tetanie als einer Folge des Epithelkorperchenausfalles erreicht war, haben sich daher viele Forscher bemiiht, Veranderungen im Nervenmuskelsystem 'nachzuwetaen, und wenn moglich, die niihere Lokalisation dieser Vednderungen ausfindig zu machen.

    Zu diesem Zwecke haben die Forscher zwei verschiedene Wege eingeschlagen , indem sie das Problem teils durch histologische nnd teilv du-ich experimentel-phjsiologische Untersuchungen der tetanischen Tiere zu losen suchten

    Die histologischen Untersuchungen haben sich wesentlich mit dem Nenensystem beschiftigt, die experimentell- physiologischen auch mit der Muskulatur.

    1 Der 'Redaktion am 30. Juni 1912 zugegangen. Bkandin. Arobiv. XXVIII. 5

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    Da nun die in dieser Abhandlung zu besprechenden Tersuchs- resultate allein durch mikrosliopische Untersuchung gewonnen sind, halte ich es nicht fur zmeckmafiig, eine eingehende Darstellung der gemachten experimentell- physiologischen Experimente zu geben, ins- bcsondere da diese iiberhaupt in keinem Zusammenhang mit meinen Untersuchungen stehen.

    Ich will daher nur hervorheben, daB aus den gesamten Unter- suchungen von Horsley, Lsnz , E a l t a , R u d i n g e r , Biedl, Mac C a l l u m u. a. mit Sicherheit heroorgeht, daI3 die M u s k u l a t u r bei der Tetanie keineswegs i n Mi t le idenschaf t pezogen ist. Nach Durchschneidung eines Nerven hiiren die fibrilliiren Zuckungen und die Krampfe in der en tsprechenden Nuskulatur oollliommen auf. Eine direkte Affektion der Muskulatur liegt also nicht For.

    Die lirankhaften Veranderungen, welche den tetanischen Symptomen entsprechen, miissen daher im Neroensystem gesucht werden.

    Durch die physiologischen Untersuchungen ist gesichert, daB dieses im ganzen bei der Tetanie stark erregbar ist, und es ist wahrscheinlich gemacht, daB nicht bloB das Ruckenmark, sondern auch die hoheren Hirnteile in Mitleidenschaft gezogen sind.

    Ober die nrihere Lokalisation, noch minder uber die Natur der tetanischen Veranderung geben die physiologischen Untersuchungen keine Auskunft. Vielleicht ist es wohl auch unmoglich, diese .Prage ohne Zuhilfenahme irgendeiner histologischen Untersuchungsmethode zu beantworten.

    Wir wollen daher nun nlher die Errungenschaften der histo- logischen Untersuchungen vom Nervensystem der tetanischen Tiere be- trachten,

    K a p i t e l I. Frihere histologische Untersuchungen vom Nervensystem der

    tetanischen Tiere. Die ersten Aogaben uber Verandernngen im Nervensystem von

    Tieren, welche an der Tetanie gestorben waren, sind, soweit mir bekannt, die von Sanqui r ico u n d Canal is (1884) (1).

    An Tieren, melche an den Folgen der t o t a l e n Thyreoi -para- t h y r e o i d e k t o m i e gestorben vvaren, fanden diese Forscher A n a m i e der weiBen sowie der grauen Substanz des Gehirns, und einen mehr oder minder ousgesprochenen odematiisen Zus tand im Gehirn.

    Die erste ausfuhrliche Arbeit auf diesen Gebieten riihrt inzwischen von Rogowitsch her (1886) (2).

  • VERANDERUNGEN IM ZENTRALNERVENSYSTEN usw. 67

    An Hunden und Katzen fand Rogomitsch nach to ta le r T h y r e o i - dektomie Veranderungen im Zentralnervensystem, namentlich im GroB- h i r n und in der Nedulla oblongata. Es trat bei den operierten Tieren eine ,,Encephalomjelitis parenchymatosa" auf. Die Ganglienzellen gingen durch Kernschwund, Yakuolisation und Zerfall ihres Protoplasmas zugrunde und das Hirngewebe wurde von Rundzellen infiltriert. AuBer- dem wurde Schwellung von Achsenzylinder und Dendriten observiert. Nach Zitaten mehrerer Forscher (d e Q u e r v a i n, I( o p p , S w a 1 e V i n c e n t u. a,) sollen A l b e r t i n i u n d Tizzoni (1886) (3) ungefahr die- selben Resultate gewonnen haben: I m GroBhirn Infiltration ron Leuko- zyten in den perizellularen Lylnphspalten und Destruktion von Ganglien- zellen insbesondere der kleineren Art. In der Nedulla oblongats wurden an verschiedenen Stellen Hamorrhagien gefunden, im Rucken- mark, Kleinhirn und in der Brucke dagegen keine pathologischen Ver- anderungen. In den peripheren Nerven wurde Schwellung und Zugrunde- gehen der Achsenzylinder mit Zunahme des Bindegewebes gefunden. Ahn- liche Verhaltnisse fand Lowenthal . Im Gegensatz hierzu hat F u h r (4) (1886) auBer Anjmie des Gehirns kein e Veranderungen im Zentral- nervensystem nach Thyreoidektomie gefunden.

    Dagegen hat Autokra tow (1888) im ganzen Veranderungen der- selben Art wie die von Rogowitsch beschriebenen gefunden, aber hauptsachlich im Ri ickenmark der thyreoipriven Tiere.

    In demselben Jahre veroffentlichte nun S c h w a r t z (5) in seinen experimentellen Forschungen iiber die Exst.irpation der Schilddriise, Untersuchungen des Zentralnervensystems in einem Falle der experi- mentellen Tetanie beim Hunde. Die Untersuchungen aber gaben ein ganz negatives Resultat. Weder an den Ganglienzellen noch an den Achsenzylindern konnte er irgendwelche der von Rogowitsch, Auto- kratom und A1 b e r t i n i und Tizzoni beschriebenen Verlnderungen konstatieren. Einige zirkumskripte Haufen von Rundzellen fanden sich in der Pia des oberen Halsmarkes; auBerdem waren Medulla oblon- gata und Ruckenmark durchaus normal.

    Denselben Erfolg hatte Hofmeister (6) an Kttninchen, aber wie S c h w a r t z nur in vorlaufigen einzelnen Untersuchungen.

    Vassale (7) (1892), der dagegen zahlreiche Untersuchungen uber mogliche pathologisch-anatomische Veriinderungen in den verschiedenen Organen der tetanischen Tiere machte, hatte ebenfalls ein ganz nega- tives Ergebnis. Er fand iiberhaupt keine spezifischen Veranderungen, weder im Zentralnervensystem noch in anderen Organen. Hinsichthh der angegebenen Veranderungen im Nervensystem hegte er die An- schauung, daS die betreffenden Autoren allzuviel Gewioht auf die ge-

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    fundenen Alterationen der Ganglienzellen und Achsenzylinder gelegt hatten, indem die meisten dieser Veranderungen auch normalerweise vorkommen konnten, und sollte man daher nicht vie1 Zutrauen zur Spezifizitat der betreffenden Veranderungen haben.

    Auch ware es nach Vassale sehr unwahrscheinlich, daB tief- greifende anatomische Veranderungen der Ganglienzellen als Ursache der t e t an i schen Symptome gefunden werden sollen, wenn man weiB, dab selbst die furchtbarsten Bymptome durch Behandlung mit Schild- driisenextrakt entfernt werden konnen, und das Tier unter Umstanden d a m vollig genesen kann.

    Vassale schlieBt sich daher Tizzonis in einer spateren Ab- handlung [Tizzoni et Centanni (S)] ausgesprochener Meinung an, daB die Veranderungen der Neroenzellen, welche den tetanischen Sym- ptomen entsprechen, dergestalt waren, daB die Methodik, welche uns zur Verfugung steht, nicht geniigt, um sie zu entdecken.

    In demselben Jahre (1892) hat nun Kopp (9) Untersuchungen iiber das Zentralnervensystem, die peripherischen Nerven und die Mus- kulatur zweier tetanischer Tiere veroffentlicht.

    An verschiedenen Stellen der per ipherischen Nerven fand Kopp unter den1 Perineurium groBe pathologische Zellenelemente, die mit den von Langhans (10) beim Kretinismus und bei der Cachexia strumi- priva beschriebenen ,,Blaseniellen" iden tisch maren. Es waren groBe mehrkammerige Zellen mit geringem Protoplasma und homogenem In- halt in den Kammern. An einigen Stellen waren mehrere Blasenzellen, an anderen nur eine einzige vorhanden.

    Kopp meint doch nicht, daB diese Erscheinung sich als patho- genetischer Fakt'or der Tetanie deuten 15ist, sondern vielmehr nur als ein Glied in den allgemeinen pathologischen Prozessen , welche der totalen Thyreoidektomie folgen, anzusehen ist.

    In den Mwkeln der Tiere fand er stellenweise Degeneration der Muskelelemente mit Anhiiufung von Zellenelementen , Bindegembe und GefaBen.

    Im Zentralnervensystem fand er dagegen nicht wie Rogowitsch Rnndzelleninfiltratioo, auch keine anderen Verinderungen der Zellen in der Hirnrinde, als die gemeiniglich nach Fixation mit Miillerscher Fliissigkeit vorkommenden.

    Wiederum bestltigt er Rogowitschs Befund der geschwollenen Achsenzgl inder sowohl in der Medulla oblongata als im Riickenmark, dagegen nicht im GroBhirn. Kopp glaubt nicht, daB es sich bei den erwahnten Veranderungen urn kadaverose Alterationen des Gemebes handeln konnte. Doch gibt er selbst an, daB das Material zu den

  • VERAXDERUNGEN IM ZENTRALNERVENSYSTEM usw. 69

    Zintersuchungen iiber ein Jahr in toto in Miillerscher Flussigkeit auf- bewahrt wurde, ehe es zur Untersuchung weitere Praparationen erlitt.

    Marinesco (11) und Blocq (1892) verwerfen nun ganz die An- schauung, welche Kopp und Langhans iiber die Bedeutung der ,,Blasenzellen" hegten. Sie verneinen, da6 die beschriebenen Elemente iiberhaupt Zellen seien, sondern ,,tubes nerveux profondement rnodifi6sci, d. h. Produkte, welche durch Umbildung von Nervenfaden gebildet werden und auch unter normalen Verhaltnissen vorkommen. Sie konnen daher keineswegs als eiri Spezifikum irgendwelcher Krankheit angesehen merden.

    TVie Vassale uud Tizzoni die Veranderungen im Zentralnerven- system verneinen, so tun es nun also Marinesco und Blocq auch hinsichtlich der Kopp-Langhansschen Veranderungen in den peri- pherischen Nerven.

    Im nachsten Jahre (1893) wurden nun wieder zwei Abhandlungen mit ganz entgegengesetzten Resultaten veroffentlicht, die eine von Capobianco, die andere von de Quervain.

    Capobianco (12) fand nach totaler Thyreoidektomie im Riicken- mark starke Z ir kula t i o nss t o rung en. Die Hirnhaute waren injiziert, die Venen und Kapillaren stark gefiillt. Mehrere Stellen fibrinahnlichen Exsudatea um die Kapillaren, an anderen Stellen Hamorrhagien, namentlich in der grauen Substanz. Autlerdem fand er in den Ganglienzellen starke Veranderungen, die sich folgenderweise abspielen: Die Zelle wird vaku- olisiert, die Granulationen werden gelost. Zuletzt geht der Kern her- unter und die Zelle verschwindet.. Ein Loch bleibt zuruck und hat Form naoh der Zelle. Unter Urnstaninden schwindet der Kern zuerst und es bildet sich ein Loch in der Zelle, welche dann spiiter her- untergeht.

    An den Nervenfaden der weiBen Substanz fand er Atrophie und Schwund der Achsenzylinder, rnit linter auch der Markscheiden.

    In der Medulla oblongata, im Kleinhirn und im GroShirn fanden sich nach Capobianco hauptsbhlich ganz dieselben Veranderungen sowohl an den Ganglienzellen als an den Nervenfhden. AuSerdem Zirkulationsstorungen im Kleinhirn wie im Riickenmark.

    Die spinalen Nerren verhielten sich wie die Nerrenfiiden des Ruckenmarks.

    Wie ersichtlich, handelt es sich bei Capobianco um sehr be- stimmte Angaben: Zirkulationsstijrungen mit Hlmorrhagien, wie iibrigens Albert ini und Tizzoni fruher gefunden haben, und Degene- ration mit totalem Schwund der Ganglienzellen. Capobianco meint daher auch, da6 hier iiberhaupt keine Rede von Iiunstprodukten

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    sein kann und betrnchtet die gefundenen Verinderungen als Folgen einer Vergiftung des Neryensgstems, welche Vergiftung eben als die Ursache des Todes der thyreoipriyen Tiere angesehen werden muB.

    Sichtsdestoweniger ist de Quervain (13) zu ganz entgegengesetzten Ergebnissen gekommen.

    Dieser Forscher untersuchte das Bentralnervensystem von Tieren, welche an der Tetanie gestorben oder an vmchiedenen Stadien der schweren Krankheit getotet waren. Das Kesultat der Untersuchungen wurde in Kurze folgendes: Weder im Ruckenmark, noch in der Medulla oblongata, im Kleinhirn oder im GroBhirn fanden sich andere Zellen- bilder als die unter normalen Verhiltnissen bei ganz gesunden Tieren vorkommenden: VergroBerung der perizellularen Riiume, Vakuolisierung der Zellen, Auflijsung der Granulationen, Veranderung am Kern, alles dieses kommt nach Querva in an ,normalen Tieren vor.

    An den Achsenzjlindern wurde Schwellung geringen Grades be- obachtet, aber nicht mehr als unter normalen Verhaltnissen.

    Dagegen gibt Querva in an, daB die Markscheiden stark ge- schwollen waren. Es fanden sich groBe spindelformige Erweiterungen an ihnen. Der Achsenzylinder lag in der Regel dicht an der einen Wand der Erweiterung und diese enthielt zuweilen kornige, bla8gefarbte Massen, die einem Koagulum iihnlich waren. Querva in hat keine solchen Veranderungen an normalen Tieren gesehen, meint daher, daB es keine Kunstprodukte sintl. Sie wiirden namentlich in den Hinter- strangen des Hals- und Brustmarkes gefunden. Ihr Vorkommen bei der Tetanie war doch nicht konstant, auch nicht ihre Lokalisation, weshalb Querva in die Meinung he@, daB es sich nur urn begleitende Erscheinungen, nicht um pathogenetische Faktoren der Tetanie handelt.

    Hauptsichlich denselben Erfolg wie Querva in hat spater Rosen- b l a t t (14) gewonnen (1897). Wie Querva in fand er keine spezifischen Veranderungen an den Ganglienzellen, meder im GroBhirn, noch im Riickenmark. Er gibt nur an, da8 sich bei der Tetanie im GroBhirn mehrere schlecht gefarbte Ganglienzellen als unter normalen Ver- haltnissen vorfanden. Den Befund der geschwollenen Achsenzylinder bestatigt er.

    AuBerdem fand er aber ganz wie friiher S a n q u i r i c o und Canal i s Odem des GroBhirns und Hamorrhagien im Gehirn und Riickenmark. Der odematose Zustand des Gehirns zeigte sich durch Unklarheit des mikroskopischen Bildes, Erweiterung der perivaskularen und peri- zellularen Rhme. In diesen fand sich zuweilen ein koaguliertes Exsudat, das sich durch die Weigertsche Fibrinfarbung farben lieS und oft Leukozyten beherbergte.

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    R o s e n b l a t t betrnchtet eben das Odem und die H a m o r r h a g i e n als das Essentielle der tetanischen Leiden des Zentralnervensystems und meint, daB die Ursache der beiden Phanomene mahrscheinlich in einer Schadigung der GefaBmande zii suchen ist.

    Wie aus dieser Darstellung herrorgeht, ist eigentlich keine der angegebenen Veranderungen im zentralen oder peripheren Nervensystcm allgemein bekriftigt morden.

    Das blom und die Hamorrhagien sind doch scheinlsar recht haufig gefunden. Ich selbst habe sie auch an mehreren tetanischen Tieren gesehen. Es ist daher mahrscheinlich, daE diese Verinderungen allenfalls in manchen Fallen der Tetanie vorkommen. Dagegen sind die An...

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