unterwegs 05/2012

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Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Text of unterwegs 05/2012

  • 26. Februar 2012ISSN 1436-607X

    Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche 5/2012Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

    Was Erinnerungenso wertvoll macht

    Rckbesinnungn Warum es wichtig ist, sich

    an alte Werte zu erinnern. Seite 8

    Weltgebetstagn Wie Frauen in

    Malaysia leben. Seite 12

    Neubesinnungn Fastenzeit als Pause

    fr den Ehrgeiz. Seite 14

  • unterwegs 5/2012 ::: 26. Februar 2012

    ::: Editorial2

    kurz gesagt

    So ERREichEN SiE uNS:Redaktion unterwegs Telefon 069 242521-150 E-Mail: unterwegs@emk.deAboservice: 0711 83000-0 T

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    unterwegs 5/2012 ::: 26. Februar 2012

    Gnade

    In diesen Tagen bin ich besonders dankbar, in einem reichen und sta-bilen Land leben zu drfen. Ich muss nicht hungern, konnte eine Schule besuchen und eine Ausbil-dung machen. Das alles ist nicht mein Verdienst. Wre ich in einem afrikanischen Dorf geboren, meine Chancen wren ungleich geringer gewesen. Oder 20 Jahre spter in Griechenland: Dort haben junge Menschen nur wenig Aussicht, sich eine Exisztenz aufbauen zu kn-nen. Sie mssen fr die Schulden ben, die eine Kaste skrupelloser Politiker angehuft hat. Leiden mssen auch die, die ohnehin schon wenig haben whrend ein paar wenige an der Krise bestens verdie-nen. So sollen zwar die Renten ge-krzt werden, die Militrausgaben werden aber kaum angestastet. Im-merhin zhlt Griechenland zu den Hauptabnehmern deutscher Waf-fen.Das alles sollte man bedenken, wenn von der Krise in Griechen-land die Rede ist. Vorurteile und Hme, wie sie unsere Medien sch-ren, sind absolut fehl am Platz. Auch wenn das ganze Ausma kaum zu durchschauen ist: Vorur-teile helfen nicht weiter. Vielmehr sind Solidaritt und Mitgefhl ge-fragt nicht nur, aber vor allem von uns Christen.Ja, wir drfen hierzulande auch stolz sein auf das, was wir erarbeitet haben. Aber vergessen wir nicht: Alles ist Gnade.Ihr Volker Kiemle

    EllEN JohNSoN SiRlEaf, die liberianische Prsidentin,

    wurde am 12. Februar von der EmK geehrt. Die Friedensnobel-preistrgerin des letzten

    Jahres erhielt nun eine ho-he Auszeichnung fr ihren Dienst an Kirche, Gesell-schaft, Nation und Welt. Damit wurden ihre Fhrungsqualitten und ihre Treue zu Gott und der Kirche anerkannt. Die Preisverleihung war der Hhepunkt der Jhrlichen Konferenz Liberia. Frau Johnson Sirleaf ist Glied der EmK und gehrt zur First United Methodist Church in Monrovia. Sie hatte 2008 vor der Gene-ralkonferenz gesprochen.

    SchickSalE voN bERhmtEN SchRiftStEllERN, die in Nazideutschland verfemt wurden, zeigt eine Sonder-ausstellung in Berlin. Die Schau im Ausstellungs-pavillon gegenber des Holocaust-Denkmals in Berlin-Mitte (Cora-Berli-ner-Strae 2) erinnert an die Werke jener Schriftstel-ler, die durch die ffentli-che Bcherverbrennung im Mai 1933 in Vergessenheit geraten sollten. Darunter sind etwa Alexander Mo-ritz Frey, Heinrich Mann, Armin T. Wegner, Kurt Tucholsky und Alfred Dblin.

    WEgEN vERlEtzuNg REligiSER gEfhlE wird der Deutsche Werberat nur selten an-gerufen. Im vergangenen

    Jahr haben sich sieben von 262 der zu begutachten-den Kampagnen auf die Verwendung christlicher Inhalte bezogen. Eine Ver-letzung religiser Gefhle wurde von den 13 Gutach-tern nicht festgestellt. Die meisten Zuschriften hat es zum MediaMarkt-Werbe-spruch Weihnachten wird unterm Baum entschie-den gegeben.

    DaS WoRt vERShNuNg passt nicht zur Debatte um Opfer und Tter der SED-Dikatatur. Das hat die ehe-malige Bundesbeauftragte fr die Stasi-Unterlagen,

    Marianne Bir-thler, erklrt. Der Begriff werde heute vor allem ver-wendet von Menschen,

    die in Wirklichkeit einen Schlussstrich ziehen wollten. Vershnung setze absolute Freiwillig-keit bei allen Beteiligten voraus. Die knne sie im Moment bei vielen Betrof-fenen Ttern wie Opfern nicht erkennen, sagte Birthler.

    DER athEiSt RichaRD DaWkiNS hat versehentlich Gott um Hilfe angerufen. O Gott, brach es aus dem Oxforder Evolutionsbiolo-gen heraus, als er aufgefor-dert wurde, den vollstn-digen Titel des Haupt-werks von Charles Darwin (18091882) Die Entste-hung der Arten zu zitie-ren. Dawkins ist Autor des Bestsellers Der Gottes-wahn. UMNS/idea/epd

  • unterwegs 5/2012 ::: 26. Februar 2012

    Titelthema: Erinnerung belebt ::: 3

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    Wir bleiben in der Laubhtte, stellen uns vor, auf dem Land zu sein. Wir strecken uns auf den Bnken aus, verfolgen die hereindrin-genden Lichtflecke, haschen nach ihnen und schauen mit erhobenem Kopf auf das Dach aus Tannenzwei-gen, als wre es der Himmel. Wir zucken zusammen, wenn ein Tautropfen auf uns niederfllt. So be-schreibt Bella Chagall, wie sie als Kind das Laubht-tenfest erlebt hat. In jedem Herbst erinnern sich Juden an die Zeit der Wstenwanderung. Dabei wird sorgfl-tig das Dach der Laubhtte hergerichtet: Es wird so aus Zweigen, Stroh, Schilfrohr und Laub gedeckt, dass man nachts durch das Dach die Sterne sehen kann. Wer in der Laubhtte sitzt, sprt nochmals, was es be-deutet, unbehaust und auf der Flucht zu sein. Mit dem Laubhttenfest wird die Geschichte vom Exodus in die Gegenwart geholt.

    Die Erfahrung, von gott befreit zu werdenDas Verb erinnern (Hebrisch: zachar) kommt in sei-nen verschiedenen Formen nicht weniger als 169-mal im Alten Testament vor. Erinnern soll sich Israel oder Gott selbst. Denn die Erinnerung obliegt beiden, hlt der Historiker Yosef Yerushalmi fest. Das Erinnern der Taten Gottes ist fr den Glauben Israels, ja fr seine ganze Exis-tenz, von entscheidener Bedeutung, hebt Yerushalmi her-vor. Die aufgezeichneten Erinnerungen sollen eine Er-kenntnisquelle sein. Was Menschen mit Gott erlebt ha-ben, wird erinnert und bestimmt, wie Leben jetzt gestaltet wird. Dabei ist die Befreiung aus der Knechtschaft in gypten die Urerfahrung, auf die immer zurckgegriffen wird. So erinnert das Gebot, die Fremden im eigenen Land nicht zu unterdrcken, in seiner Begrndung an die Knechtschaft in gypten: Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in gyptenland (3.Mose 19,34).

    Einmal im Jahr am Sabbat vor dem Purimfest wird der Abschnitt aus der Thora gelesen, der mit dem Wort Zachor (Deutsch: Erinnere dich) beginnt. Denke daran, was dir die Amalekiter taten auf dem Wege, als ihr aus gypten zogt: wie sie dich unterwegs angriffen Das vergiss nicht! (5.Mose 25,1719) Der berfall der Amalekiter auf das Volk Israel in der Wste ist lngst vor-bei, aber die Erfahrung bleibt aktuell. In diese

    Worte tragen Juden ein, wie sie damit leben knnen, dass das jdische Volk ber Jahrhunderte hin verfolgt wurde. Jdische Ausleger fordern als Konsequenz des Erinnerns, das eigene Leben zu schtzen. Gleichzeitig kommt das Leid von anderen Menschen in den Blick. Genauso haben wir aber auch das Leben unseres Nchsten zu schtzen Wir wissen aus eigener Er-fahrung, wie sinnlos damals und in der gesamten jdi-schen Geschichte die Amalekiter der jeweiligen Zeit Menschenleben vernichteten.

    Warum sollen wir uns erinnern? Die Erinnerung hilft, die Gegenwart zu bestehen und die Weichen fr die Zukunft zu stellen. Richard von Weizscker hat in seiner vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag des En-des des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai 1985 die Notwendigkeit, sich zu erinnern, so begrn-det: Wer aber vor der Vergangenheit die Augen ver-schliet, wird blind fr die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfllig fr neue Ansteckungsgefahren. mip

    www.israel-information.net/glossar/Sachor.htm

    Vom Wert der ErinnerungDas Erinnern ist ein fester Bestandteil unserer Kultur. Im Judentum haben sich bis heute viele Rituale des Erinnerns erhalten nicht von ungefhr kommt das Verb erinnern 169-mal im Alten Testament vor. Michael Putzke gibt uns einen Einblick in diese Kultur.

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    Das Erinnern der Taten gottes fr den glauben Israels hebt der historiker Yerushalmi hervor.

  • ::: Titelthema: Erinnerung belebt

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    Brief an meine MutterEs gibt Zeiten im leben, da hlt man Rckschau oft bei Anlssen wie einem geburtstag, einer goldenen hochzeit oder auch bei einer Beerdigung. cornelie hecke hat schon oft daran gedacht, ihrer Mutter diese Erinnerungen in einem Brief zu schreiben. Mit fast sechzig Jahren wird es Zeit, dass ich meine gedanken zu Papier bringe, sagt sie.

    Liebe Mutti,ja, so haben wir Dich immer genannt! Heute will ich Rckschau halten, Rckschau ber den Teil meines Lebens, an dem du den grten Anteil hattest. Viele Bilder, Situationen, Begebenheiten und manche Erinnerung kommen mir in den Kopf, ja, besser noch: Sie kommen in mein Herz. Mein Leben ist wie ein groes Mosaik, ein groes Bild. Bunt, mit vielen bunten Steinen, mit hellen, aber auch dunklen Steinen. Die hellen, bunten Steine der Kind-heit, das gemeinsame Singen und Flten, die Ausflge und Spaziergnge an den Rhein, das Lernen, Aufgaben in der Familie zu bernehmen, fr etwas verantwortlich sein. Danke! Dazwischen ein paar dunkle Steine, in denen ich mit meinem Dickkopf sicher nicht immer einverstanden war mit eurem Erziehungsstil.

    Das war der Erziehungsstil der damaligen Zeit: Kinder haben zu gehorchen, besonders, wenn sie schiefe Wege gehen! Wer nicht hren will, muss fhlen! Kinder wurden nicht gefragt! Freunde brauchten wir gar nicht, wir hatten ja unsere groe Familie mit vielen Geschwistern. Du hast es verstanden, dass mein Zwillingsbruder und ich durch das Singen im Kindergottesdienst und dem Kirchenchor schon sehr frh in die Gemeinde hineinwuch-sen. Unsere Kollekte von 20 Pfennig gaben wir fr Kaugummi aus dem Automaten aus und wurden prom