unterwegs 17/2012

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Das Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Text of unterwegs 17/2012

  • Wie Knstler uns helfen, Gott besser zu verstehen

    unverbogenn Wie Kunst dem Anderen

    Raum gibt. Seite 4

    unbersehbarn Botschaft eines gemein-

    samen Kunstwerks. Seite 10

    unermdlichn Hubert Siegert ein

    ehrenamtlicher Macher. Seite 24

    Magazin der Evangelisch-methodistischen KircheMagazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

    12. August 2012ISSN 1436-607X

    17/2012

  • unterwegs 17/2012 ::: 12. August 2012

    ::: Editorial2

    kurz gesagt

    So ErrEichEn SiE unS:Redaktion unterwegs Telefon 069 242521-150 E-Mail: unterwegs@emk.deAboservice: 0711 83000-0

    unterwegs 17/2012 ::: 12. August 2012

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    Alles Kunst?Geschmcker sind verschieden. Was dem einen der rhrende Hirsch an der Wohnzimmerwand, das ist dem anderen ein modernes Musikstck, das mit dem traditio-nellen Musikbegriff wenig zu tun hat. Was schn ist, darber ha-ben sich Generationen von Philo-sophen die Kpfe zerbrochen und sich diese nicht selten bildlich ge-sprochen eingeschlagen.Doch ber Geschmack lsst sich nicht streiten, auch nicht in der Kunst. Nichts wre schlimmer und der als eine Einheitskunst. Das er-stickt jede Innovationskraft im Keim, und ohne neue Ideen gibt es keine Kunst, keine Weiterentwick-lung und letztlich kein Leben.Welche Folgen ein normiertes Schnheitsideal haben kann, lsst sich derzeit gut am weltweiten Kr-perkult beobachten. Schon junge Frauen (und zunehmend auch jun-ge Mnner) hungern sich schlank und krank, lassen sich ihren Krper neu modellieren. Mit fatalen Fol-gen: Denn je mehr Menschen sich freiwillig dem Schnheitsdiktat un-terwerfen, umso schwieriger wird es fr Einzelne, sich dem zu wider-setzen. Am Ende steht der normier-te Mensch. Ein Horror!Hier mssen wir Christen dagegen-halten. Als Ebenbilder Gottes sind wir wunderbar gemacht (Psalm 139) und zwar ganz unterschied-lich. Klar, dass wir deshalb auch unterschiedliche Schnheitsideale haben. Und das macht Kunst aus auch in diesem Heft.Ihr Volker Kiemle

    in dEr AuSEinAndErSEtzunG um vorgeburtliche Bluttests auf das Down-Syndrom (Trisomie 21) kritisiert die Juristen-Vereinigung Le-bensrecht den baden-wrt-tembergischen Ministerpr-sidenten Winfried Kretsch-mann. Kretschmann hatte erklrt, er sehe den Test aus ethischen Grnden kritisch. Verbieten lasse sich das Verfahren der Firma LifeCodexx, die in der ba-den-wrttembergischen Stadt Konstanz ihren Sitz hat, aber nicht. Letztlich ge-he es um die Frage Abtrei-bung ja oder nein. Diese Gewissensentscheidung knne aber nicht der Staat treffen. Der Vorsitzende der Juristenvereinigung, Bern-ward Bchner, hlt das fr einen Irrtum. Das Bundes-verfassungsgericht sei die-sem Fehlverstndnis aus-drcklich entgegengetreten, weil die Gewissensfreiheit am Lebensrecht eines ande-ren Menschen seine Grenze finde. Der Test war mit Mitteln aus dem Bundesfor-schungsministerium entwi-ckelt worden.

    SEin EinSAtz fr dAS rEliGi-SE rEcht von Juden und Muslimen auf Beschnei-dung ihrer Shne hat dem Ersten Parlamentarischen Geschftsfhrer von Bnd-nis 90/Die Grnen im Bun-destag, Volker Beck, massiv ablehnende bis hasserfllte Reaktionen im Internet ein-gebracht. Er habe Strafan-zeige gegen einen E-Mail-Autor erstattet, der ihn als Judenknecht tituliert ha-be, der dem Zentralrat der Juden in den Arsch

    kriecht. Der 51-jhrige bekennende Homosexuelle hatte sich in einer Bundes-tagsdebatte vehement fr das Recht auf religise Beschneidungen eingesetzt. Zuvor hatte das Klner Landgericht die Beschnei-dung kleiner Jungen als strafbare Krperverletzung gewertet und damit einen Sturm der Emprung im Judentum und Islam ent-facht.

    diE thEoloGiSchE BildunG steckt weltweit in der Krise. Das schreiben namhafte Theologen in der Zeit-schrift Ecumenical Review (kumenische Rundschau). Diese wach-sende Krise gefhrde ernst-haft die Zukunft der welt-weiten Christenheit. Den gewaltigen demografischen Verschiebungen das Christentum wchst vor allem in Afrika und Asien stehe kein entsprechendes theologisches Bildungs- und Ausbildungsangebot gegen-ber. Zudem sei die Quali-tt vieler neu entstandener Bibelschulen problematisch. Diese Probleme verschrf-ten den ohnehin schwieri-gen bergang von einer berkommenen, durch Missionare bestimmten Bil-dung hin zu einer Bildung, die den rtlichen Verhlt-nissen angemessen ist. Zu den schdlichen Einflssen zhlen die Autoren politi-sche Rahmenbedingungen, religise Spannungen sowie Streitigkeiten zwischen ver-schiedenen theologischen Richtungen. idea/wcc/bersetzung: Volker Kiemle

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    titelthema: Knstler unserer Kirche ::: 3Wort auf den Weg ::: 3

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    Der Schweizer Biologe, Anthropologe und Na-turphilosoph Adolf Portmann (18971982) hat den Menschen als das nicht festgestellte Wesen bezeichnet. Er hat damit gemeint, dass der Mensch als einziges Lebewesen ber die Fhigkeit ver-fgt, sich nicht nur seiner Umwelt anzupassen, son-dern sie auch zu gestalten, sie also nicht zu belassen, wie er sie vorfindet. Die Anwendung dieser Fhigkeit und ihr Ergebnis nennen wir Kultur.

    In gewissem Sinne sagen die Verse aus dem Prediger Salomo (in der bersetzung Martin Luthers) das Glei-che: Wir Menschen erfahren in diesem Leben unsere Endlichkeit; und dies nicht erst in der Stunde des To-des, sondern bereits auf vielfltige und unterschiedli-che, meist schmerzliche Weise schon mitten im Leben. Aber wir knnen darber hinaussehen, wir knnen auch gerade in solchen Situationen Bilder der Hoff-nung entwerfen, uns ein ganz anderes Leben vorstel-len; oft sehnen wir uns danach. Wir Menschen leben in der Spannung zwischen der Erfahrung der Endlichkeit und dem Bewusstsein der Unendlichkeit in unserem Fhlen und in unserem Denken. Das ist die Gre und zugleich die Beschrnktheit des Menschen. In den Sehnschten nach Glck und Heil schiet beides zu-sammen.

    die Pole des lebensDie Verse aus dem Prediger Salomo verbinden diese beiden Pole unserer Lebenswirklichkeit: Gott hat al-les schn gemacht zu seiner Zeit und er hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Der erste Teil des Sat-zes erinnert an den ersten Schpfungstext der Bibel: Und siehe: Es war sehr gut. Das ist keine sthetische Aussage, sondern eine der Zweckmigkeit: So, wie

    Gott es gemacht hat, ist es richtig und damit fr uns gut selbst, wenn wir das so nicht immer sehen kn-nen. Vielleicht braucht es da ja den Blick aus der Ewigkeit.

    In dieser Ausgabe von unterwegs geht es um Kunst natrlich auch um Knstlerinnen und Knst-ler. Sie verbinden auf gewisse und wichtige Weise bei-des miteinander, von dem in den Versen die Rede ist. Sie verwenden vergngliches Material: Papier, Lein-wand, Holz, Steine, Farbe, Tinte, Blei, Instrumente als Holz und Metall usw. aber sie schaffen daraus Kunst-werke; und die machen sichtbar, was unter der Ober-flche liegt, berschreiten damit die Wirklichkeit unse-rer Welt und unseres irdischen Daseins. Damit kn-den sie (denn damit hat Kunst zu tun, und von daher ist das Wort abzuleiten) von einer Wirklichkeit, die unsere vorfindliche berschreitet. Knstler sind damit Wegweiser, ja Weggefhrtinnen und Weggefhrten ins Religise. Dabei zeigen sie nicht immer Schnes, denn unsere Lebenswirklichkeit ist nicht immer schn. Aber auch und vielleicht gerade dort knnen Kunstwerke von einer tieferen Wahrheit knden auch von der, in der unser Leben und alles Leben grndet: von Gott. Auch deshalb ist Kunst wichtig und ein unersetzbarer Bestandteil unserer Kultur.

    HARtMut HANdtist Pastor, Autor und liederdichter.

    Er lebt im Ruhestand in Kln.

    Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreien, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; tten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; wei-nen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schn gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt. Prediger 3,14.10.11a

    Berufen, die Welt zu gestalten

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    das uere der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt verstrmt den charme eines 50er-Jahre-Baus der ddR. Im zweiten Stock des Hauptge-budes sitzt christian Siegel auf ei-nem Barhocker und trinkt Espresso. der Hochschullehrer trgt zusammen-gebundene lange Haare mit Vollbart und erzhlt, dass er bei den Sanie-rungsarbeiten gern behutsamer mit dem ddR-typischen umgegangen w-re. Als Knstler und diplom-Restaura-tor fhlt er sich fr solche Fragen ver-antwortlich. der dozent mischt sich ein. Er hlt we-nig davon, sich lediglich auf die lehre der knstlerischen Grundlagen zu be-schrnken. Aus einem seiner Projekte ist die Wander-Ausstellung Kirche im dorf entstanden. In Hrstcken und Bildern zeigen seine Studenten Port-raits historischer dorfkirchen des Saale-Kreises ein ungewhnliches thema an einer staatlichen Hochschu-le. Siegel erklrt: die Kunstgeschich-te Europas basiert auf der jdisch-christlichen Kultur. darauf will ich Bezug nehmen.die lehrttigkeit macht christian Sie-gel als Knstler finanziell unabhngig.

    das nutzt er, um fr seine Ideen zu streiten, auch wenn das mancher Auf-traggeber nicht immer gern sieht. Portraits seine leidenschaft fer-tigt er nur von Menschen, die er per-snlich kennt. Ich habe beizeiten gelernt, mich nicht verbiegen zu las-sen, sagt der Knstler, der 1966 in Zwickau geboren wurde.

    der Wille zum Ausdruckder Wille, sich im Bild auszudrcken, kam fr Siegel eher zufllig. Als 15-Jhriger lernte er eine Bekannte seiner Mutter kennen: die in St. Pe-tersburg geborene tatjana lietz. Ich war begeistert von den Bildern, die bei ihr hingen. Ihre