Von Der Mine Bis Zum Konsumenten. Die Wertschoepfungskette Von Mobiltelefonen

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    05-Aug-2015

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Von der Mine bis zum KonsumentenDie Wertschpfungskette von Mobiltelefonen

Friedel Htz-Adams

Impressum | Inhalt

ImpressumErscheinungsort und Datum: Siegburg, November 2012 Herausgeber: SDWIND e.V. Institut fr konomie und kumene Lindenstrae 5860, 53721 Siegburg Tel.: +49 (0)2241-26 609 0 Fax: + 49 (0)2241-26 609 22 info@suedwind-institut.de www.suedwind-institut.de Bankverbindung: KD-Bank (BLZ: 350 601 90) Konto-Nr.: 99 88 77 Autor: Friedel Htz-Adams Mitarbeit: Caroline Glatte Redaktion und Korrektur: Bettina Jahn V.i.S.d.P.: Martina Schaub Gestaltung und Satz: Frank Zander, Berlin Druck und Verarbeitung: Druckerei u. Verlag Brandt GmbH, Bonn Gedruckt auf Recycling-Papier Titelfoto: Produktion von Mobiltelefonen in China, Quelle: Flickr.com/SOMO ISBN: 978-3-929704-72-3 Der Herausgeber ist fr den Inhalt allein verantwortlich. Mit nanzieller Untersttzung des BMZ.

Inhalt1. 2.2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6

Die Wertschpfungskette von Mobiltelefonen Abbau der Rohstoffe und erste VerarbeitungsschritteMobiltelefone bentigen viele Rohstoffe Tantal Kobalt Kupfer Aluminium Aufwndige Verarbeitung der Erze

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5 5 6 7 8 10 11

3.3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6

Globalisierte FertigungsketteDie groen Hersteller Apple in der Kritik Marktfhrer Samsung mit Problemen Missstnde in Indien Massive Umweltbelastung Probleme bei allen Herstellern

12 12 13 14 15 16 16

4. 5.5.1 5.2 5.3 5.4 5.5

Die Netzanbieter Rechtlicher Rahmen und TransparenzinitiativenVereinten Nationen, OECD und ILO Transparenzanstze im Rohstoffsektor Anstze der Unternehmen im Rohstoffbereich Anstze in den Fabriken bergreifender Ansatz der Industrie: GeSI und EICC

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18 18 19 21 22 23

6.6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 6.6

Was tun?Die Politik Rohstoffunternehmen Hersteller der Gerte Netzbetreiber: Geschftsmodelle reformieren Verhaltensnderungen bei Kundinnen und Kunden Recycling

24 24 24 24 25 26 27 28

7.

Verwendete Literatur

Diese Publikation wurde vom Evangelischen Kirchenverband Kln und Region, der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Hamburger Stiftung fr Wirtschaftsethik gefrdert.

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Von der Mine bis zum Konsumenten

1. Die Wertschpfungskette von Mobiltelefonen

1.

Die Wertschpfungskette von MobiltelefonenDoch die lange Wertschpfungskette entlsst die Unternehmen nicht aus der Verantwortung fr ihre Zulieferer. John Ruggie, ein vom Generalsekretr der Vereinten Nationen eingesetzter Sonderbeauftragter fr Wirtschaft und Menschenrechte, sieht zwar an erster Stelle die Regierungen in der Picht, die Einhaltung der Menschenrechte in der Wirtschaft durchzusetzen. Geschieht dies jedoch nicht, tragen seiner Meinung nach Unternehmen eine Verantwortung fr die Zustnde in der eigenen Produktion sowie bei den Zulieferern: Ruggie verlangt, dass die Unternehmen unabhngig vom Verhalten der Regierungen die Abschaffung der Kinderarbeit, der Sklaverei und der Zwangsarbeit

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Debatten darber, dass es Missstnde in der Produktion von Mobiltelefonen gibt. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurden der Abbau und der Handel mit einem Metall namens Tantal, das in jedem Mobiltelefon zu nden ist, mit der Finanzierung des Krieges im Osten des Kongos in Verbindung gebracht. Hersteller von Mobiltelefonen gerieten unter Druck von Nichtregierungsorganisationen, die mehr Transparenz bei der Rohstoffbeschaffung fr die Herstellung der Produkte der Unternehmen forderten.

Einige Jahre spter sorgten wiederholt Berichte ber massive Missstnde in den Produktionssttten fr MobilTabelle 1: telefone, die fr eine SelbstDie Wertschpfungskette von Mobiltelefonen mordwelle in einer chinesischen Fabrik verantwortlich Rohstoffe gemacht wurden, fr Schlagzeilen. Abbau von Erzen/Erdl Zulieferer: Gertschaften fr Minen/ Erdlfrderung Die Hersteller der Mobiltele Rohstoffhandel Banken: Finanzierung der Geschfte fone verweisen bei der Kritik Weiterverarbeitung zu Zulieferer: Maschinen zur Produktion auf komplexe BeschaffungsMetallen/Kunststoffen Banken: Finanzierung der Geschfte ketten: Ein Mobiltelefon besteht aus bis zu 60 Stoffen, der grte Teil davon sind MetalEinzelteile le (BMBF 2012: 12). Die Metalle werden aus Erzen gewon Produktion der Teile nen, die aus verschiedensten Endmontage Staaten stammen knnen. Es Programmierung Softwareindustrie ist beispielsweise mglich, dass ein Mobiltelefon Kupfer enthlt, dessen Erze aus mehHandel reren verschiedenen Staaten stammen und die dann in anBanken: Finanzierung der Geschfte Zwischenhandel deren Staaten zu reinem Kup Verkauf an den Endkunden fer weiterverarbeitet wurden. Um das Kupfer zu verarbeiten, werden groe Mengen Nutzung Energie bentigt, die ihrerseits aus Energierohstoffen Energieversorgung Stromverbrauch hergestellt werden. Wartung Kauf von Ersatzteilen Aus dem Kupfer werden im nchsten Schritt Drhte oder Bauteile gefertigt, die bei den Entsorgung verschiedenen Produktionsstufen erneut mehrfach Lan Abfallbetriebe oder desgrenzen berschreiten. Recycling Die Zusammensetzung zum Endgert geschieht dann unter Umstnden wiederum in einem anderen Land.Die Wertschpfungskette von Mobiltelefonen

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1. Die Wertschpfungskette von Mobiltelefonen

sowie das Recht auf eine sichere Arbeitsumgebung durchsetzen. ber die Arbeitsrechte hinaus betont er insbesondere das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, Bildung und soziale Sicherheit. Er verweist auerdem ausdrcklich darauf, dass Unternehmen Verste gegen grundlegende Menschenrechte in einigen Geschftsbereichen nicht durch gute Taten in anderen Geschftsbereichen kompensieren knnen. Ein zentraler Begriff in der Argumentation von Ruggie ist die Sorgfaltspicht (due diligence): Er verlangt, dass Unternehmen in ihrer tglichen Geschftspraxis sicherstellen, dass sie in allen Geschftsablufen nationale Gesetze und grundstzliche Menschenrechte einhalten. Opfern von Menschenrechtsverletzungen soll der Zugang zu Rechtsmitteln und Wiedergutmachung erleichtert werden. Ruggies Berichte fhrten zu den im Juni des Jahres 2011 durch den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen verabschiedeten Richtlinien (UN 2011). Diese Richtlinien sind keine bindenden Gesetze. Um herauszunden, wer bei der Herstellung von Mobiltelefonen Verantwortung fr Missstnde bernehmen sollte, muss mehr ber die Wertschpfungskette der Gerte bekannt sein. Diese fhrt vom Abbau der Erze in Minen ber die Verarbeitung der Metalle zu einzelnen Komponenten bis hin zur Fertigung der Endgerte, deren Verkauf und deren Entsorgung.

Denition einer WertschpfungsketteUrsprnglich wurde der Begriff Wertschpfungskette angewendet, um die Ablufe der Beschaffung und Produktion innerhalb von Unternehmen zu beschreiben. Mittlerweile wird die Bezeichnung auch verwendet, um die gesamte Produktionskette vom Anbau oder Abbau eines Rohstoffes, die Weiterverarbeitung, den Handel und die Kundinnen und Kunden bis hin zur Entsorgung zu erfassen. Analysiert wird neben der Verteilung der Kosten auch die Macht innerhalb der Wertschpfungskette. Entwicklungspolitisch orientierte Forschungseinrichtungen fragen zudem, wie die Situation der Menschen verbessert werden kann, die in Entwicklungslndern Produkte fr den Weltmarkt anbauen oder produzieren.

Bei der Analyse zeigt sich, dass in den verschiedenen Produktionsstufen unterschiedliche Instanzen fr die Behebung der Missstnde mitverantwortlich sind. Letztendlich werden alle Beteiligten der Wertschpfungskette zusammenarbeiten mssen, um die Herstellungsbedingungen nachhaltig zu verbessern.

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Von der Mine bis zum Konsumenten

2. Abbau der Rohstoffe und erste Verarbeitungsschritte

2.

Abbau der Rohstoffe und erste Verarbeitungsschritte

2.1 Mobiltelefone bentigen viele RohstoffeBei der Debatte ber Probleme auf den ersten Stufen der Wertschpfungskette von Mobiltelefonen geht es meistens um die verwendeten metallischen Rohstoffe. Zwar sind auch die verwendeten Kunststoffe nicht unproblematisch, da sie grtenteils aus Erdl hergestellt werden, dessen Vorkommen wiederum endlich sind und dessen Frderung zu erheblichen Umweltschden fhrt. Doch viele der Probleme bei der Frderung metallischer Rohstoffe sind ebenfalls sehr gro. Immer wieder ins Gerede gekommen ist Tantal, ein Metall, das in kleinsten Mengen in jedem Mobiltelefon vorhanden ist. Doch auch die Verwendung anderer Metalle wie die im Folgenden aufgefhrten Beispiele Aluminium, Kupfer und Kobalt fhrt zu vielen Problemen. Dies mag berraschen, da das einzelne Mobiltelefon sehr leicht ist und daher auch nur wenige Rohstoffe bentigt. Schtzungen zufolge wurden allerdings alleine im Jahr 2011 weltweit fast 1,8 Mrd. Handys verkauft. Rechnet man dies hoch, dann wurden alleine 16.000 Tonnen Kupfer, 6.800 Tonnen Kobalt, 450 Tonnen Silber und 43 Tonnen Gold fr deren Herstellung verwendet (Hagelcken 2012: 5). Lange Zeit wurde von der Mobilfunkindustrie wie auch von der gesamten Elektronikbranche die Frage nach der Herkunft der Rohstoffe allenfalls am Rande behandelt. Erst als die Kritik zunahm, beschftigte sich die Branche mit den Problemen bei der Rohstofffrderung. Die erste relativ umfassende Studie, die von der Elektronikindustrie in Auftrag gegeben wurde, erschien im Jahr 2008 und belegte weitreichende Probleme. Weitere Studien folgten. Deutlich wurde die Bedeutung der Branche fr die weltweite Rohstoffnachfrage. Es wird geschtzt, dass der Anteil der Elektronikhersteller an der Verwendung einzelner Metalle, insbesondere bei Tantal (5060%), Zinn (25%), Kobalt (25%), Palladium (15%), Gold (9%), Kupfer (2 %) und Aluminium (1 %) weit hher ist als ursprnglich erwartet (GHGM 2008: 10; ITU/UNU 2012: 1).

Tabelle 2: Zusammensetzung eines MobiltelefonsKupfer Silizium Aluminium Kobalt Lithium Eisen Silber Gold Beryllium Tantal Platin Indium Gallium 15% 815% 49% 4% 34% 3% 0,5% < 0,1% ~ 0,0157% ~ 0,004% ~ 0,004% ~ 0,002% ~ 0,0013%

Bei der Gewinnung aller Metalle werden groe Flchen zerstrt, da die Erze in der Regel im Tagebau abgebaut werden. Um an die Erz fhrenden Schichten zu gelangen, mssen hug groe Mengen Erde und Gestein beiseite gerumt werden. Die Gewinnung der eigentlichen Metalle aus den Erzen gelingt hug nur durch den Zusatz von Chemikalien und verbraucht groe Mengen Energie. Bercksichtigt man die Ressourcengewinnung, dann werden fr ein Mobiltelefon 28,6 kg Materialien be- und verarbeitet. Diese Menge wird kologischer Rucksack genannt. Dazu kommen weitere 6 kg aus der eigentlichen Produktionsphase der Mobiltelefone (BMBF 2012: 15, 18). Dennoch: Optimal organisiert und gesetzlich geregelt kann der Abbau von Rohstoffen den Wohlstand von Menschen frdern, auch wenn er immer zu groen Umweltproblemen fhrt. Doch derzeit gibt es fr die Kundinnen und Kunden von Mobiltelefonen keine Mglichkeit zu erfahren, aus welchen Regionen die Rohstoffe der von ihnen gekauften Gerte stammen. Damit kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die im Folgenden geschilderten Probleme durch den Kauf von Handys verschrft werden.

Quelle: BMBF 2012: 14, nach Angaben des VDI von Mitte 2010. Neue Generationen von Mobiltelefonen und Smartphones knnen davon deutlich abweichen.

Die Wertschpfungskette von Mobiltelefonen

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2. Abbau der Rohstoffe und erste Verarbeitungsschritte

2.2 TantalWer ein Mobiltelefon nutzt, hat kleine Mengen des Metalls Tantal in der Hand. Ohne diesen Rohstoff luft beim derzeitigen Stand der Technik nichts: Tantal ist ein sehr guter Stromleiter und ist extrem hitze- und surebestndig. Daher wird es berall dort eingesetzt, wo auf engstem Raum viel Strom ieen muss, vor allem beim Bau von Kondensatoren. Tantal ndet sich in kleinsten Mengen in Mobiltelefonen, Playstations, Laptops und CD-Spielern, in chemischen Apparaten sowie in Produkten der Raumfahrt- und Rstungsindustrie. Die Angaben darber, wo das derzeit auf dem Weltmarkt verbrauchte Tantal herkommt, sind umstritten. Nachdem Studien belegten, dass der Abbau von Tantalerzen den Brgerkrieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo mitnanziert hatte (siehe unten), lehnten fhrende Unternehmen aus dem Elektroniksektor die weitere Nutzung von Tantal aus dem Kongo ab. Der Weltmarktanteil kongolesischen Tantals sank zumindest laut den meistzitierten Statistiken deutlich auf wenige Prozent (USGS 2012: 163). Einige Experten bezweifeln diese ofziellen Angaben jedoch und gehen davon aus, dass aus dem Kongo und den direkten Nachbarstaaten, die teilweise geschmuggelte kongolesische Waren verkaufen, im Jahr 2009 rund 500 Tonnen Tantal exportiert wurden rund ein Drittel der weltweiten Produktion (SATW 2010: 24). Der grte Teil der Schmuggelware endete in China (Bleischwitz et al. 2012: 24).

Tabelle 3: Grte Frderer von Tantal in Tonnen (2011)Brasilien Mosambik Ruanda Australien Andere DR Kongo Gesamt Quelle: USGS 2012: 163 180 120 110 80 270 keine Angaben 790

Tantal und der BrgerkriegIn der DR Kongo wird Tantal in Erzen gefunden, in denen es oft gemeinsam mit Columbium (= Niobium) vorkommt. Daher wird das Erz in der Regel Coltan genannt. Als im Jahr 1996 der Brgerkrieg begann, plnderten die einmarschierten Truppen und die Rebellenfraktionen in einem ersten Schritt die Vorrte von Rohstoffen aus den Lagern der Zwischenhndler. Mehrere tausend Tonnen Coltan (sowie Zink- und Zinnerze, Gold und Diamanten) wurden ebenso auer Lande geschafft wie Kaffeebohnen, Holzstmme und selbst Maschinen aus Fabriken. Um den Nachschub und die Vermarktung zu sichern, grndeten Militrs, Rebellengruppen, hohe Politiker und Geschftsleute aus dem Kongo wie auch aus den Nachbarstaaten eigene Unternehmen (Htz-Adams 2003: 28ff.). Fr die Truppen war Tantal ein leicht zugnglicher Rohstoff: Das Coltan kann entlang der Flsse mit einfachsten Mitteln abgebaut werden. Grere Investitionen fr die Gewinnung sind nicht ntig. Die Schrfer graben Lcher und waschen die Erde aus, um die Coltanklumpen zu nden. Ein erheblicher Teil der Arbeiter waren und sind Kinder. Immer wieder starben bei Unfllen und Erdrutschen Menschen.

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Von der Mine bis zum Konsumenten

2. Abbau der Rohstoffe und erste Verarbeitungsschritte

Es kam in den Minen in tausenden Fllen zu Raub und schwersten Menschrechtsverletzungen, darunter Mord, Vergewaltigungen, willkrliche Verhaftungen und Folter. Erwachsene und Kinder wurden teilweise zur Arbeit in den Minen gezwungen. Die Scke mit dem Coltan wurden in Kleinugzeuge verladen, die auf provisorischen Pisten landen knnen. Von dort ging es zu Flughfen meist in Nachbarstaaten , die fr grere Flugzeuge geeignet waren, und dann weiter zu den Verarbeitern, die aus Coltan das reine Tantal gewinnen konnten. Der zeitweise hohe Preis des Coltans kombiniert mit der Bereitschaft der weltweiten Verarbeiter, angesichts einer knappen Versorgung auch einen Rohstoff aus dubiosen Quellen zu kaufen, heizten diese Entwicklung mit an und trugen zur Finanzierung und damit zur Verlngerung des Krieges bei: Einige Rebellenorganisationen nanzierten einen Teil ihrer Ausgaben fr Waffen und Sold aus dem Verkauf von Coltan.

Die damals aufgebauten illegalen Exportstrukturen bestehen teilweise noch heute f...