Wie Erasmus’ Torheit unsere Zivilisation .Schriftensammler Cosimo de Medicis ... (1646-1716), die

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Wie Erasmus Torheit unsere Zivilisation rettetesolidaritaet.com/neuesol/2016abo/37/erasmus.htm

Nr. 37, 15. September 2016

Von Karel Vereycken - 2. Teil -

Der groe Humanist Erasmus von Rotterdam wurde vor 550 Jahren, am 28. Oktober 1466geboren, und starb am 12. Juli 1536. Anllich des Jubilumsjahres drucken wir nochmalsdie dreiteilige Serie von Karel Vereycken ber das Leben und Wirken des Erasmus ab, diezuerst 2005 in der Neuen Solidaritt erschien. Im zweiten Teil beschreibt er das geistigeUmfeld des Erasmus und einige der Persnlichkeiten und Werke, die ihn beeinfluten.

Lorenzo Valla

Gottfried Wilhelm Leibniz war der Ansicht, die grten Geister des Mittelalters seienNikolaus von Kues und Lorenzo Valla gewesen. In letzterem erkannte der junge Erasmusden Vertreter des idealen Italien, das er so bewunderte.

Als Sohn einer reichen rmischen Familie hatte Valla das Glck, von auergewhnlichenLehrern unterrichtet worden zu sein. Darunter waren der Griechisch-Gelehrte undehemalige Sekretr der Ppste Eugen IV. und Martin V., Giovanni Aurispa (1369-1459),und Leonardo Bruni (1370-1444), ein Schler des Coluccio Salutati (1331-1406). Ebensowie Petrarca sahen diese humanistischen Intellektuellen in der Verknpfung dersophistischen Philosophie (insbesondere Aristoteles) mit der scholastischen Theologie diegeistige Festschreibung des unchristlichen feudalen Mittelalters. An der Universitt vonPadua entfachte Valla einen Aufstand gegen den dort vorherrschenden Averroismus.

Ibn Rushd oder Averroes (1126-98) gilt vielen, besonders den Freunden der franzsischenAufklrung, als Vorbote der Moderne (weil er einmal ber Wein und Sex geschrieben hat).Die Wirklichkeit sieht anders aus: Von den arabischen bersetzungen des Aristotelesausgehend, erfand er eine ideale Philosophie fr den ewigen Erhalt der Feudalordnung. Erbehauptet, der Mensch msse sich damit abfinden, da es zwei Arten der Wahrheit gebe.Auf der einen Seite knne die Religion mit Hilfe von Zeichen und Symbolen der Masse derUngebildeten eine Form der Wahrheit vermitteln. Andererseits knne nur eine kleine Elitezur eigentlichen, gnzlich philosophischen Wahrheit vordringen. Was in der Theologie wahrsei, knne in der Philosophie ganz falsch sein, doch letztendlich entscheide allein dieVernunft, ohne sich auf irgendwelche Transzendenz sttzen zu mssen. Auf dieserfalschen Grundlage arbeitete Averroes sogar eine Abhandlung darber aus, da Religionund Philosophie bereinstimmten. Aber natrlich hlt er es fr einen groen Fehler, eine

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https://www.solidaritaet.com/neuesol/2016abo/37/erasmus.htmhttp://www.bueso.de/

solche Philosophie alle Menschen zu lehren, da nur die Religion der dummen Masse ein(symbolisches) Wissen der Wahrheit bringen knne. Heute mte man ihmberechtigterweise vorwerfen, er passe bestens in Leo Strauss Knigreich der Lgen.

Der Averroismus war fr die venezianische Oligarchie die perfekte Ideologie zurBeherrschung der Welt, und sie frderte diesen modernen Aristotelismus massiv.

Schon ein Jahrhundert frher hatte Francesco Petrarca (1304-74) whrend seinesAufenthaltes in Venedig die geistigen Angriffe von vier oligarchischen Averroes-Anhngern(drei davon, Dandolo, Contarini und Talento waren Venezianer), die ihn fr ihreVerschwrung gewinnen wollten, scharf verurteilt. Er schrieb: Wie es die Gewohnheitmoderner Philosophen ist, meinen sie, nichts von irgendwelchem Wert geleistet zu haben,wenn sie nicht Christus und seine bernatrliche Lehre angebellt haben.

Petrarca arbeitet in seinem Werk De sui ipsius et multorum ignorantia (ber seine eigeneund vieler anderer Unwissenheit) diese Polemik weiter aus:

Frchteten sie nicht die Strafen der Menschen mehr als die Gottes? Sie wagten es,nicht nur die Erschaffung der Welt nach Timus anzugreifen, sondern auch nachMoses, dem katholischen Glauben und der heiligen Lehre Christi. Wenn dieserGedanke sie nicht zurckhlt und wenn sie ohne jede Rcksicht sprechen knnen,bekmpfen sie die Wahrheit selbst; in ihren geheimen Versammlungen lachen sieber Christus und beten Aristoteles an, den sie nicht hren. Wenn sie ffentlichdebattieren, erheben sie den Anspruch, sie abstrahierten nur vom Glauben, d.h. siesuchten die Wahrheit, indem sie sie ablehnen, und sie suchten das Licht, indem sieder Sonne den Rcken zuwenden. Aber im geheimen gibt es keine Blasphemie,keinen Sophismus, Scherz oder Sarkasmus, der nicht unter dem groen Beifall derZuhrer aus ihrem Munde kommt. Und behandeln sie uns nicht wie vlligUnwissende, wenn sie unseren Herrn Christus einen Idioten nennen? Denn siewandeln, aufgeblasen von ihren Sophismen, selbstzufrieden daher und sind vlligberzeugt, sie knnten ber alles disputieren, ohne irgendetwas zu lernen.

Nach der Verffentlichung dieses Buches mute Petrarca Venedig verlassen.

Gegen die erdrckende Askese, die alle Hoffnung im Keim erstickte und die menschlicheSchpferkraft zu Boden drckte, stellte sich Valla in seiner Schrift De vere bono (ber daswahre Gute), die er in Pavia verfate. Dabei sttzte er sich auf Epikur. In diesem Dialogbehauptet ein Stoiker mit Namen Bruni, Vernunft allein sei die Quelle der Tugend. Einerseiner Gesprchspartner ist ein gewisser Beccadelli ein Epikureer, der meint, wahreGlckseligkeit erwachse nicht aus der Tugend, sondern aus dem Vergngen. Was bedeutetdas?

Epikur (4. Jh.v.Chr.) schreibt:

Wenn wir erklren, da unser hchstes Ziel das Vergngen ist, meinen wir nicht dieVergngungen der Ausschweifenden oder Vergngungen, die wir mit irdischenFreuden verbinden, wie die Menschen behaupten, die unsere Lehre ignorieren oderablehnen oder falsch auslegen. Das Vergngen, an das wir denken, ist dieAbwesenheit krperlicher Leiden und seelischen Kummers.

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Nicht das Trinken oder stndige Orgien, das Vergngen junger Mnner und Frauen,nicht der Fisch und anderes gutes Essen an einer auserlesenen Tafel sind es, die einglckliches Leben hervorbringen, sondern die wachsame Vernunft, die sorgfltig dieBeweggrnde fr das sucht, wofr man sich entscheiden mu und was manvermeiden sollte, und die eitle Meinungen, die der Seele groe Not bereiten, verwirft.

Bei alledem ist es die Weisheit, die das grte aller Gter darstellt. Deshalb ist siesogar noch wertvoller als die Philosophie, weil sie die Quelle aller Tugendhaftigkeitist, denn sie lehrt uns, da wir nicht glcklich sein knnen, ohne weise zu sein undumgekehrt nicht weise, ehrenhaft und gerecht sein knnen, ohne glcklich zu sein.Tugenden bilden in der Tat mit einem glcklichen Leben eine Einheit, und letzteresist untrennbar mit ihnen verbunden.

Fr den Epikureer, sagt Valla, entspringen die heroischen Taten, auf die sich die Stoikerberufen wie z.B. der Selbstmord der Lukretia - nicht dem Wunsch, tugendhaft zu sein,sondern der Suche nach einem Vergngen jenseits der irdischen Vergngungen desKrpers. Deshalb verteidigt in dem Dialog der letzte Redner - Niccoli, der Bibliothekar undSchriftensammler Cosimo de Medicis die christliche Vision, die weit ber die epikureischeAuffassung hinausgeht. Er verspottet seine Vorredner, weil sie nicht erkennen knnen, dawahre Glckseligkeit nur in der bereinstimmung mit Gott zu finden ist, untersttzt aber dieKritik der Epikureer an den Stoikern.

Fr Valla und Erasmus ist schon der Gedanke, da eine Philosophie behauptet, ohne dieLiebe zu Gott und zur Menschheit an sich Tugend zu lehren, ein Betrug. Man handelt nichtgut, weil es tugendhaft ist, sondern weil es Gott gefllt, der Menschheit und einem selbst.Erasmus arbeitet diesen Gedankengang in einem seiner Gesprche, Der Epikureer, weiteraus.

Unter dem Einflu der Ideen von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), die auf Valla undErasmus aufbauen, schliet die Unabhngigkeitserklrung der Vereinigten Staaten vonAmerika diese Vorstellung ein, wenn es dort heit, jeder Mensch habe das gleiche Rechtauf Leben, Freiheit und Streben nach Glckseligkeit (wobei in Leibniz bester allermglichen Welten das Gute mit der Glckseligkeit gleichbedeutend ist).

Erasmus schliet sich Valla im Kampf gegen die Philosophie des Averroes und dessenGesinnungsgenossen an. Man mu bedenken, da zu Erasmus Zeiten immer noch derStreit zwischen Alten (Thomisten und Scottisten) und Modernen (Ockham und Buridan)herrschte. Um sich klar von den scholastischen Schulen abzusetzen, griff ErasmusAgricolas Philosophie von Christus auf. Er erkannte diese Philosophie beim heiligenSokrates, wie er diesen in seinem Gesprch Das religise Gastmahl nennt.

Als christlicher Polemiker und leidenschaftlicher Antiaristoteliker war Valla gezwungen, vonStadt zu Stadt zu ziehen, bis er 1433 Sekretr des Alfonso von Aragon (1396-1458) inNeapel wurde. Dort verfate er die Abhandlung ber den freien Willen und bewies 1440 hnlich wie vorher schon Nikolaus von Kues in seiner Concordantia catholica anhandstrenger philologischer Kriterien, da die sogenannte Konstantinische Schenkung eine

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Flschung war. Dieser geflschte Text verlieh dem Papst praktisch imperiale Vorrechte undsicherte den herrschenden rmischen Familien die Kontrolle ber das Konklave, das denPapst whlte.

Als der Humanist Tommaso Parentucelli (1397-1455) als Nikolaus V. zum Papst gewhltwurde, holten Nikolaus von Kues und der griechische Kardinal Johannes Bessarion (1403-72) die Maler Fra Angelico (1400-55) und Piero della Francesca (1415-92) nach Rom undbeauftragten Lorenzo Valla, der ppstlicher Scriptor wurde, mit einer bersetzung dergriechischen Historiker Herodot und Thukydides.

In seiner Schrift Repastinatio dialecticae et philosophiae (Die Ausmerzung der Dialektikund Philosophie) sagt Valla: Ich will Aristoteles und die Aristoteliker widerlegen, um dieTheologen unserer Zeit vor Irrtum zu bewahren und sie auf den Weg zur wahren Theologiezurckzufhren.

Im Gegensatz zur Logik des Aristoteles liegt fr Valla der Sitz der Seele weder im Geistnoch im Willen, sondern im Herzen (Rabelais wird spter sa