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Methoden der empirischen Sozialforschung I Willkommen zur Vorlesung Empirische Methoden I 5. Vorlesung: Vom Begriff zur Messung Prof. Dr. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer Universität Siegen – Philosophische Fakultät, Seminar für Sozialwissenschaften

Willkommen zur Vorlesung Empirische Methoden I - 5. Vorlesung

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  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Willkommen zur Vorlesung Empirische Methoden I

    5. Vorlesung: Vom Begriff zur Messung

    Prof. Dr. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

    Universitt Siegen Philosophische Fakultt, Seminar fr Sozialwissenschaften

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Einfhrung

    Begriff Operationalisierung Messung

    Zur berprfung von Hypothesen mssen die in ihnenverwendeten Begriffe empirisch ,greifbar gemacht werden.Dieser Vorgang heit allgemein Operationalisierung.Ziel der Datenerhebung ist letztlich, den beobachtetenPhnomenen Symbole (meist: Zahlenwerte) zuzuordnen; dieseliegen der Datenauswertung zu Grunde. Dieser Vorgang heitMessung.Vor der Operationalisierung und Messung mssen Begriffedefiniert und u. U. in ihrem dimensionalen Gehalt geklrt werde(Konzeptspezifikation)

    In der qualitativen Forschung spielt dies Alles keine Rolle! Konzepteentstehen dort ,aus dem Datenmaterial.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Einfhrung

    Operationalisierung als wichtige Aufgabe

    Ein hufiger Anfnger-Fehler besteht darin, das Forschungsproblemnicht in eigene Operationalisierung zu ,bersetzen.

    Beispiel: Leistungsdruck in der Schule

    Hypothese (deskriptiv): In der Schule (konkret: Oberstufe) herrschtso hoher Leistungsdruck, dass den SchlerInnen nicht ausreichendZeit fr Freizeitaktivitten bleibt

    Nicht: Die Schule setzt mich hufig unter LeistungsdruckDie Schule behindert meine Freizeitgestaltung

    Sondern: Schulanforderungen mglichst genau messenFreizeitverhalten und Freizeitwnsche messen

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Konstrukt Indikator

    Hufig ist das Merkmal, welches wir erfassen wollen, nicht direktbeobachtbar. Wir sprechen hier von Konzept oder Konstrukt. Dieempirische beobachtbaren Gren, anhand derer es erfasst werdensoll, heien Indikatoren.

    Beispiel: Armut

    Arm sind Personen, die . . . ber so geringe (materielle, kulturelleund soziale) Mittel verfgen, dass sie von der Lebensweiseausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, alsMinimum annehmbar ist (Definition der EU)

    Indikatoren: Einkommen? Ausstattung mit Konsumgtern?Lebenschancen (Bildung, Lebenserwartung)? Partizipation?

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Konstrukt Indikator: Weiteres Beispiel

    Arbeitslosenquote: Anteil der Arbeitslosen an allenErwerbspersonen (Erwerbsttige plus Arbeitslose)

    Zhler:

    Alle beim Arbeitsamt als arbeitslos gemeldeten Personen?Alle Arbeitssuchenden, die keinerlei Erwerbsttigkeitnachgehen?Arbeitslos Gemeldete und Stille Reserve?

    Nenner:

    Alle Erwerbspersonen?Alle zivilen Erwerbspersonen?

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Konzeptspezifikation

    Viele Konstrukte sind mehrdimensional: Sie beinhaltenunterschiedliche, wenn auch zusammengehrige Dimensionen.

    Beispiel: Armut (siehe oben): geringe materielle, kulturelle, sozialeRessourcen

    Beispiel: Autoritarismus

    Neigung zu Unterwrfigkeit und AnpassungFeindseligkeit gegen Minderheiten und SchwchereEintreten fr Ruhe und Ordnung

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Konzept Dimension Indikator

    Konstrukt

    Dimension 1 Dimension 2

    Indikator11 Indikator12 Indikator21 Indikator22

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Messung mit mehreren Indikatoren

    Es ist im allgemeinen empfehlenswert, Merkmale durch mehrereIndikatoren zu messen jedenfalls wenn Messfehler zufllig sind.Solche Messungen fhren (wenn korrekt durchgefhrt) zugenaueren Messergebnissen.

    Negativbeispiel: Prfung (Klausur) mit nur einer einzigen Frage(aus breitem Stoff).

    Mehrere Indikatoren mssen natrlich auch herangezogen werden,wenn das Konstrukt mehrdimensional ist (am besten: fr jedeDimension wiederum mehrere Indikatoren)

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Vom Konstrukt zum Indikator

    Messung mit mehreren Indikatoren: Beispiel

    Rechtsextremismus-Skala (Auszge)

    http://www.polwiss.fu-berlin/osz/dokumente/for_rechts.htm

    (Autoritarismus:) Wer seine Kinder zu anstndigen Brgern erziehenwill, muss von ihnen vor allem Gehorsam und Disziplin verlangen.

    (Nationalismus:) Deutschland sollte wieder eine fhrende Rolle inder Welt bernehmen.

    (Ethnisch motivierte Fremdenfeindlichkeit:) Auslnder sollten soschnell wie mglich Deutschland verlassen.

    (Pronazistische Einstellungen:) Ohne Judenvernichtung wrde manHitler heute als groen Staatsmann ansehen.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Index und Skala

    Messung mit mehreren Indikatoren: Index

    Unter einem Index versteht man eine Messung anhand mehrererIndikatoren, die jedoch manchmal relativ beliebig zusammengefgtwerden. (Ein Beispiel auf den nchsten Seiten.)

    Gelegentlich wird unter Index auch eine einfache Messgreverstanden (z.B. Big-Mac-Index, siehe Diekmann).

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Index und Skala

    Beispiel Index: Der GII

    Zur Erfassung der Ungleichheit zwischen Frauen und Mnnern haben dieUN (genauer: das United Nations Development Programm) den GenderInequality Index entwickelt, siehehttp://www.wunrn.com/news/2010/11_10/11_15_10/111510_gender.htm

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    Messung

    Index und Skala

    Beispiel Index: Der GII

    Aus dem Human Development Report 2010 der Vereinten Nationen, S. 156:

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Index und Skala

    Messung mit mehreren Indikatoren: Skala

    Unter einer Skala versteht man eine Messung anhand mehrererIndikatoren, wobei spezifische Annahmen ber die Struktur derBeobachtungen gemacht werden.

    Diese Struktur sollte sich empirisch prfen lassen.

    Nachfolgend einige Beispiele hierzu.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Index und Skala

    Skalierungsverfahren I: Guttman-Skala

    Eine Guttman-Skala besteht aus mehreren Items, wobei jedes Itemeine strkere Ausprgung des jeweiligen Merkmals misst als dasvorherige.

    Beispiel: (Konventionelle) politische Beteiligung

    Ich werde zur Wahl gehen ja / neinIch werde Geld fr den Wahlkampf spenden ja / neinIch werde im Wahlkampf fr eine Partei aktiv werben(Infostnde, Verteilen von Materialien, usw.)

    ja / nein

    Ich werde fr ein Mandat oder Amt kandidieren ja / nein

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Index und Skala

    Skalierungsverfahren II: Likert-Skala

    Bei einer Likert-Skala werden mehrere Aussagen (Items, Statements)vorgegeben; die Befragten geben auf einer mehrstufigen Antwortvorgabe(meist vier bis sieben Stufen) den Grad ihrer Zustimmung an.Quelle: International Social Survey Programme, 2002

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Messniveau

    Messniveaus (Skalenniveaus)

    Achtung der Begriff Skala hat hier eine andere Bedeutung als auf denvorherigen Folien!

    Nominalskala: Unterschiedliche Ausprgungen bedeutenUnterschiedlichkeit sonst nichts (Bsp.: Parteien).

    Ordinalskala: Unterschiedliche Ausprgungen bedeuten Reihenfolge aber keine Angaben ber Gre der Abstnde (Bsp.:Olympiamedaillen, allgemein: Rangfolgen. Auch: Guttman-Skala,Likert-Skala [letztere oft wie intervallskaliert behandelt]).

    Intervallskala: Die Differenzen der Messwerte sind aussagekrftig(oder sollen es sein) Bsp. Temperatur in C.

    Ratioskala (Verhltnisskala): Die Verhltnisse der Messwerte sindaussagekrftig Bsp. Temperatur in K; evtl. Einkommen.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der standardisierten Forschung

    Gtekriterien I: Validitt

    Unter V. versteht man die Gltigkeit einer Messung andersgesagt: dass gemessen wird, was gemessen werden soll.

    Verfahren zur Prfung:

    Inhaltsvaliditt: Keine formale Prfung trotzdem wichtigKriteriumsvaliditt: Bezug auf Auenkriterium

    bereinstimmungsvaliditt (Concurrent validity):Auenkriterium wird gleichzeitig gemessen (Bsp.:Autoritarismusgrad bei Nazis)Vorhersagevaliditt: Auenkriterium wird spter gemessen(Bsp.: Studienerfolg nach Aufnahmeprfung)

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der standardisierten Forschung

    Gtekriterien I, hier: Konstruktvaliditt

    Aufgrund vorliegender Theorien wird Zusammenhang zwischenverschiedenen Konstrukten angenommen und geprft.

    Besttigung des angenommenen Zusammenhangs spricht fr (nicht:beweist!) Validitt.

    Variante: Multi-Trait-Multi-Method Matrix

    Das gleiche Konstrukt, mit verschiedenen Methoden gemessen:Starker Zusammenhang (Konvergenz)Verschiedene Konstrukte: Schwacher oder kein Zusammenhang(Diskriminanz)Verschiedene Messungen des gleichen Konstruktes zeigenhnliche Zusammenhnge mit anderen Merkmalen

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der standardisierten Forschung

    Gtekriterien II: Reliabilitt

    Reliabilitt heit Zuverlssigkeit. Messinstrumente sollen beiwiederholter Messung am (unvernderten!) Objekt immer dengleichen Messwert liefern.

    Formal: Zusammenhang zwischen beobachteten und wahrenWerten. Da man wahre Werte nicht erheben kann, behilft man sichmit

    Test-Retest-MethodeParalleltest-MethodePrfung interner Konsistenz

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der standardisierten Forschung

    Gtekriterien III: Objektivitt

    Objektivitt bezieht sich auf Messung durch Dritte und meintUnabhngigkeit der Messung von der Person, die sie durchfhrt.

    Beispiele: Beurteilung von SchlerInnen durch LehrerInnen, PatientInnendurch rztInnen, Medieninhalten durch CodiererInnen.

    Genauer wird oft unterschieden zwischen:

    Durchfhrungsobjektivitt: Die Person, die die Daten erhebt (z. B.Testleiter) hat keinen (bzw. immer den gleichen) Einfluss.

    Auswertungsobjektivitt: Bestimmte Beobachtungen sollen gleichinterpretiert werden, unabhngig von der Person des Beobachters.

    Interpretationsobjektivitt: Die Schlsse aus den Beobachtungensollen unahngig von Person des Beobachters sein.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    In der qualitativen Forschung werden intensive Diskussionengefhrt, welche Gtekriterien zur Anwendung kommen sollten undwelche genaue Bedeutung diese in der qualitativen Forschunghaben. Dabei werden sehr unterschiedliche Positioneneingenommen. Einig ist man sich nur, dass die Gtekriterien derstandardisierten Forschung nicht eins zu eins bernommen werdenknnen.

    Ich beziehe mich im Folgenden nur auf Ausschnitte der Diskussion.Seien Sie nicht berrascht, wenn Sie in Lehrbchern und anderswoausfhrlichere Darstellungen mit zustzlichen Punkten finden.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Validitt in der qualitativen Forschung

    Validitt in der qualitativen Forschung kann nicht (wie in derstandardisierten Forschung) die Gltigkeit einzelner (punktueller)Messungen (Daten) sein. Sie bezieht sich letztlich auf den gesamtenProzess der Forschung einschlielich der Interpretation der Daten (Datensind nicht an sich valide [oder nicht]).

    Wenn man davon ausgeht, dass qualitative Forschung aufAlltagskonstruktionen (oder Konstrukte erster Ordnung) abzielt, dannberuht Validitt vor allem darauf, zeigen zu knnen, dass dieRekonstruktion dieser Konstrukte (die Erzeugung von Konstruktenzweiter Ordnung) den Alltagskonstruktionen angemessen ist; dieStandards alltglicher Verstndigung mssen klar sein.

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Validitt in der qualitativen Forschung: Verfahren

    Datenerhebungsmethoden: Mssen geeignet sein,Alltagskonstruktionen, Alltagspraktiken, Rituale usw. sichtbarwerden zu lassen offene Erhebungsmethoden der Beobachtungbzw. Befragung, die soziale Praxis bzw. deren Konstruktion durchBefragte ausreichend sichtbar werden lassen.

    Auswertung: Geschieht hufig in der Gruppe mit dem Ziel,unterschiedliche Perspektiven zu klren und zu konsensualer (unddamit ,richtiger?) Interpretation zu kommen (U. Oevermann:Objektive Hermeneutik; [zumindest phasenweise] Interpretation inGruppen ist aber fr nahezu alle Auswertungsverfahren sinnvoll).

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Reliabilitt in der qualitativen Forschung

    PW-S:

    Rekonstruktion der alltglichen Standards der Verstndigung: Esmuss (bspw.) gezeigt werden, dass Interviewer den Befragten Raumzur Entfaltung gegeben haben; unterschiedlichen Darstellungsformenmuss durch Auswertung Rechnung getragen werden.

    Nachweis der Reproduktionsgesetzlichkeit der Fallstruktur(innerhalb eines Falles oder ber Flle hinweg).

    Uwe Flick (1995) betont vor allem die Kontrolle der Datenerhebung und-protokollierung. Prozedurale Reliabilitt kann gewhrleistet werdenbspw. durch

    gute Schulung der InterviewerInnen (siehe dazu Helfferich 2005)

    przise Transkriptionsregeln

  • Methoden der empirischen Sozialforschung I

    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Triangulation

    Triangulation: . . . die Kombination verschiedener Methoden,verschiedener Forscher, Untersuchungsgruppen, lokaler und zeitlicherSettings sowie unterschiedlicher theoretischer Perpsektiven (Flick 1995,S. 330).

    Nach Norman Denzin (1989):Daten-Triangulation: Daten an unterschiedlichen Orten, zuunterschiedlichen Zeitpunkten etc. erheben

    Forscher-Triangulation: Unterschiedliche Beobachter, Interviewereinsetzen

    Theorien-Triangulation: Verschiedene theoretische Perspektivenwhlen

    Methoden-Triangulation: Verschiedene Methoden einsetzen.

    Triangulation wird nicht nur als Verfahren der Steigerung von Validittgesehen, sondern als eines, die Reichhaltigkeit der Ergebnisse (unddamit ihre Qualitt) zu steigern.

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    Messung

    Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Literatur

    Zu Gtekriterien in der qualitativen Forschung

    Denzin, Norman (1989): The Research Act (3. Aufl.). Englewood Cliffs, NJ:Prentice Hall.

    Flick, Uwe (1995): Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung inPsychologie und Sozialwissenschaften, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (oderneuere Auflage)

    Helfferich, Cornelia (2005 [2. Auf.]): Die Qualitt qualitativer Daten. Manualfr die Durchfhrung qualitativer Interviews, Opladen: VS Verlag frSozialwissenschaften

    MessungEinfhrungVom Konstrukt zum IndikatorIndex und SkalaMessniveauGtekriterien in der standardisierten ForschungGtekriterien in der qualitativen Forschung