Wissenschaftliches Schreiben: Von der Hausarbeit zur ...· rhetorische Oberfläche wissenschaftlicher

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    Institut fr Deutsch als Fremdsprache / Transnationale Germanistik

    Gabriele Graefen1

    Wissenschaftliches Schreiben: Von der Hausarbeit zur Magisterarbeit

    1. Zur Einfhrung

    Nicht nur Studenten finden es schwierig, einen wissenschaftlichen Text, z.B. eine Hausarbeit oder Abschlussarbeit, zu verfassen. Auch der "Profi" auf diesem Gebiet, also der wissen-schaftliche Autor2, der schon viel publiziert hat, hat immer wieder eine ganze Reihe von Prob-lemen bei dieser Verfasserttigkeit:

    "Im allgemeinen unterschtzen Studierende den handwerklichen Aspekt des Schreibens. In einem Lernalltag, der hauptschlich darin besteht, sich Fachwissen lesend anzueig-nen, ist die Wahrscheinlichkeit fr solche Fehleinschtzungen sehr hoch. Wissenschaft-lichen Texten sieht man nicht an, wie viele wiederholte Arbeitsschritte in ihnen stecken. Die glatte Prsentation eines Endprodukts signalisiert eher Einfallsreichtum und souve-rne, umfassende Informiertheit als einen vielschrittigen handwerklichen und gedankli-chen Prozess, in dem viel probiert, beurteilt, verworfen und erneut probiert wird. Die rhetorische Oberflche wissenschaftlicher Texte schchtert eher ein, als dass sie zum Schreiben anregt." (Ruhmann 1977: 131)

    Studentische Arbeiten werden bewertet. Welche Rolle spielt dabei der Inhalt und welche die sogenannte "Form"? Die Antwort hat mehrere Teile:

    a) Formale Fragen sind grundstzlich weniger wichtig als inhaltliche. Immer dann, wenn ein Autor selbst Klarheit hat und auch vermitteln kann, was er zu seinem Thema genau sagen will, auf welche Quellen er sich sttzt etc. - wenn er sich also in seinem Wissensgebiet gut auskennt, werden formale Schwchen nicht zur Ablehnung seiner Arbeit fhren. Der Text muss also primr korrekt sein und eine wissenschaftliche Substanz haben; zumindest muss er eine zusammenhngende und richtige Wiedergabe wissenschaftlicher Auffassungen bieten;

    b) das zweitwichtigste Kriterium ist fr viele Bewerter eine sachgerechte und klare inhaltliche Konzeption, die sich im Inhaltsverzeichnis (bzw. in der Gliederung) erkennen lsst;

    c) die sogenannten formalen Merkmale wissenschaftlicher Texte sind im Vergleich mit a) und b) nachgeordnet, haben aber ihr eigenes Gewicht, d.h. sie haben jeweils eine Berechtigung und einen Sinn. Sie sollten daher ernst genommen werden.

    Im Folgenden sollen eine Reihe von Fragen, die hufig beim wissenschaftlichen Schreiben auftreten, behandelt werden. Neben den Problemen der Themeneingrenzung, der Planung und

    1 Ich danke Dr. Melanie Moll fr Verbesserungsvorschlge. 2 Im Folgenden wird die maskuline Form als allgemeine (generische) Form verwendet, ohne weitere Ge-

    schlechtsunterscheidungen.

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    der Gliederung einer Arbeit werden exemplarisch auch Unsicherheiten bei der Formulierung schwieriger Textpassagen angesprochen.

    2. Die Vorbereitung einer Hausarbeit oder einer Abschlussarbeit

    2.1. Die Themenfindung

    Ein sehr wichtiger Schritt ist die Themenfindung. Meist ergibt sich die Neigung zu einem Thema oder Themenbereich aus der individuellen Studiengestaltung oder aus Anregungen, die man im Laufe eines Seminars bekommt. Die Formulierung des Themas muss genau ber-legt werden. Ein zu weit oder zu allgemein gefasstes Thema bringt den Schreiber in Proble-me. Themen wie:

    - Der Aufbau deutscher Stze - Das System des Artikels im Deutschen - Der Begriff der Interkulturalitt

    ber die bereits viele Aufstze und sogar Bcher geschrieben wurden, eignen sich nicht fr eine studentische Arbeit. Die vollstndige Behandlung eines solchen Themas berschreitet den Zeitrahmen und die Mglichkeiten des studentischen Autors. Allzu leicht kommt er in Versuchung, die Gliederung und viele Gedanken und Ergebnisse von einer vorliegenden Pub-likation3 dazu einfach zu bernehmen. Seine Arbeit gleicht dann eher einer Zusammenfas-sung; die eigene Leistung ist kaum erkennbar, denn die Behandlung des Themas liegt schon fertig vor, es gibt nichts mehr zu recherchieren. Zudem hat der studentische Autor Schwierig-keiten, das Gelesene auszuwerten und zu reduzieren, weil fast alles wichtig erscheint. Der Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco (2000: 22) bekrftigt aus langjhriger Erfahrung:

    "Je begrenzter das Gebiet, um so besser kann man arbeiten und auf um so sicherem Grund steht man."

    Speziellere Themen haben den Vorteil, dass die Arbeit mehr eigene wissenschaftstypische Leistungen des Autors enthlt und sichtbar macht. Solche Themen knnen leicht in eine Frage umformuliert werden, die den Leitfaden der Hausarbeit bildet. Am gnstigsten ist es, wenn der Autor an dem gewhlten Gegenstand eine Erklrungsbedrftigkeit festgestellt hat, die irgendeinen Teilaspekt des Gegenstandes, z.B. eine bestimmte Verwendung eines sprachli-chen Mittels, betreffen kann. Klrungsbedrftig sind auch widersprchliche Aussagen in der Forschung, d.h. eine solche Beobachtung kann ebenfalls den Ausgangspunkt der Hausarbeit bilden. Ein anderes Beispiel dafr, wie Erklrungsbedrftigkeit auftreten kann:

    "Z.B. will man die Bedeutung von deutsch aber bestimmen. Leicht findet man die Bedeutungskomponen-te 'Gegensatz'. Nun enthlt deutsch sondern dieselbe Bedeutungskomponente 'Gegensatz', ist aber offen-sichtlich nicht synonym mit aber. Auerdem findet man Verwendungen wie: Das ist aber eine schne Blume!, die vielleicht gar keinen Gegensatz enthalten. Gibt es etwas Gemeinsames der verschiedenen Verwendungen von aber, und gibt es einen grundlegenden Unterschied zu sondern? Mit dieser Frage ist eine Erklrungsbedrftigkeit von aber festgestellt." (Mumm 2004)

    Gut geeignet sind auch Themen, die eine eigene Untersuchung von selbst gefundenem oder zusammengestelltem Datenmaterial anhand bestimmter Forschungsergebnisse und Kategorien beinhalten, was in der Sprachwissenschaft, besonders in der Angewandten Sprachwissen-schaft, leicht mglich ist. Weitere generelle berlegungen bei der Themenfindung sind die

    3 Die Monographie wird als schriftliche Behandlung eines einzigen Gegenstandes, meist in Buchform, abge-

    hoben z.B. vom Sammelband oder Handbuch; zu einer Monographie knnen aber durchaus mehrere Autoren beitragen.

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    folgenden: - Ein spontan gewonnenes Thema muss in der Auseinandersetzung mit der Lite-ratur geklrt und przisiert werden, das kann zur Korrektur der Formulierung fhren;

    - jede Arbeit bietet eine nach eigenen Kriterien geordnete bersicht ber das bereits zum Thema existierende Wissen; die Fragen der Menge und der Zugnglichkeit der relevanten Literatur sind also bei der Themenwahl zu bercksichtigen:

    - Die Studienabschluss-Arbeit erst recht die Promotion sollte ber ihren Gegenstand entweder "Dinge sagen (und belegen), die noch nicht gesagt worden sind, oder sie muss Dinge, die schon gesagt worden sind, aus einem neuen Blickwinkel sehen". (ebd. 41)

    - Die Behandlung des Themas soll idealerweise fr das Fach (oder fr andere Zusammen-hnge) praktisch und/oder theoretisch von Nutzen sein knnen; das gilt natrlich mehr fr wissenschaftlich fortgeschrittene Arbeiten als fr die allererste Hausarbeit eines Studen-ten.

    2.2. Absprachen mit dem Dozenten

    Das gewhlte Thema wird vor Beginn der Schreibarbeit mit dem Dozenten abgesprochen. Dabei erfolgt oft erst die Themenformulierung. Falls es sich um ein Arbeitsthema handelt, hat der Student noch die Aufgabe einer weiteren Przisierung und Einschrnkung. Darber hinaus sollte auch klar sein, welche Art von Betreuung fr die Arbeit ntig ist und welche Hilfen der Dozent anbieten kann und will. Bei Abschlussarbeiten wird erwartet, dass der Kandidat selbstndig genug ist, um alle ntigen Schritte zu unternehmen. Bei Hausarbeiten kann man das nicht voraussetzen. So manche Unklarheit lsst sich auch mit der Hilfe von Kommilitonen beseitigen. Was dann noch brig bleibt, sollte dem Dozenten als Problem vor-getragen werden, besonders wenn beim Schreiben das gewhlte Thema und die geplante Art der Behandlung zweifelhaft werden.

    2.3. Arbeitsphasen

    Sptestens nach der Absprache des Themas, idealer Weise schon frher, beginnt die Literatur-sondierung. Eine erste bibliographische Liste von Titeln, mit denen man einen berblick ber das Thema gewinnen kann, lsst sich schnell zusammenstellen. Eine oder zwei Monographien werden evtl. dazugehren, hauptschlich aber Artikel aus Handbchern, Zeitschriften, Sam-melbnden. Lexika und Handbcher erfllen primr den Zweck, einen berblick ber die Forschungssituation bzw. ber bisher gewonnene Einsichten zu geben.

    Die Lektre dieser Titel kann schon dabei helfen, die Fragestellung weiterzuentwickeln und evtl. das Thema noch zu przisieren. Wenn das der Fall ist, dann ist es oft sinnvoll, dass der studentische Autor eine Kurzbeschreibung der geplanten Arbeit verfasst, ein sog. Expos. Das kann dem Dozenten vorgelegt werden, um eine mglicherweise vorher noch sehr vage Vorbesprechung des Themas zu konkretisieren.

    Wenn also nun Klarheit ber das Vorhaben besteht, kann man sich sehr konkreten Planungs-schritten widmen. Wichtig ist z.B., vor allem bei Abschlussarbeiten, sich mglichst frh eine recht genaue, schriftlich fixierte Zeiteinteilung zu berlegen, mit Arbeitsphasen und Ab-schlussterminen, z.B. fr Kapitel. Auch wenn es diesem Plan dann so geht wie vielen anderen Plnen er wird nicht eingehalten -, ist es immer noch besser, den Plan mehrfach anzupassen und andere Phasen zu verkrzen, als ohne Zeitplan "drauflos zu schreiben"!

    Manche Studierenden werden von der Sorge geplagt, sie mssten erst alles gelesen haben, ehe sie mit dem Schreiben beginnen knnten. Das wre vielleicht grundstzlich empfehlenswert, aber der Zeitrahmen lsst das so gut wie nie zu, und es ist auch nicht unbedingt notwendig. So

  • GGr