Bindung in der stationأ¤ren Jugendhilfe – wie mأ¼ssen Konzepte 2019-05-16آ  Basis von Empathie, Sympathie

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  • Bindung in der stationären Jugendhilfe – wie müssen Konzepte ausgestaltet sein, damit sie bindungsfördernd sind?

    Dr. Klaus Esser

    Bethanien Kinder- und

    Jugenddörfer gGmbH

  • Agenda

    1. Bindung und Bindungstheorie – was Fachleute in der Kinder- und Jugendhilfe über Bindung wissen sollten

    2. Bindung in der Jugendhilfe – Welche Erfahrungen haben ehemalige Heim-/Kinderdorfkinder gemacht?

    3. Welche Kompetenzen und Eigenschaften müssen Pädagog*innen besitzen, um mit bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen zu arbeiten?

    4. Was kann stationäre Jugendhilfe heute leisten, um Bindungsstörungen zu „heilen“ und nicht weitere Störungen zu produzieren?

    Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 2

  •  Kinder im Heim erhalten zu wenig Zuwendung

     Kinder werden nur verwahrt

     Zu viele Kinder, zu wenig Personal

     Eine schlechte Familie ist besser als ein gutes Heim

     Schichtdienst fördert die Bindungslosigkeit der Kinder im Heim

     Dauernder Wechsel von Erzieherinnen, Praktikantinnen und neuen Kindern und Jugendlichen macht Bindungen im Heim unmöglich

     Bezahlte Erzieherinnen in einer 39 Stunden-Woche können keine Bindungspersonen sein/werden

    Das arme Heimkind – was hat sich zwischen 1950 (Bowlby) und heute verändert? Urteile und Vorurteile

    3Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019

  • Bindung

     Ein evolutionäres Überlebensprinzip seit es Säugetiere gibt

     Ursprüngliche Forschungsrichtung der Bindungstheorie: die frühe Mutter-Kind-Bindung (Bowlby, Ainsworth…)

     Erweiterung auf Bindungsstile im Lebensverlauf (Main, Grossmann…)

     Modellhafte Übertragung auf Arbeitsbeziehungen bzw. alternative Beziehungspersonen „significant others“ (Rogers, Schleiffer, Trost,…)

    Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 4

  • Bindungstheorie – in aller Kürze

     Während seines ersten Lebensjahres entwickelt der Säugling eine spezifische Bindung zu einer primären Bindungsperson.

     Das Bindungssystem ermöglicht das Überleben.

     Die Bindungsfigur ist die sichere Basis, der sichere Hafen für das Kind.

     Das Bindungssystem wird bei Angst und Trennung aktiviert.

     Das Bindungssystem wird durch die physische Nähe der Bindungsfigur beruhigt.

     Bindungsbeziehungen beeinflussen Gedanken, Gefühle und Motive und nahe Beziehungen ein Leben lang (Grossmann, 2012)

     Das Kind erwartet von seinen Bindungspersonen, dass diese „stronger and wiser“ (BOWLBY) sind

    Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 5

  • Bindung und Exploration  Eine Aktivierung des Bindungssystems und gleichzeitige

    Dämpfung des Erkundungssystems erfolgt, wenn das Kind ängstlich, unsicher, fremd, einsam, verlassen, hungrig und müde ist.

     Eine Beruhigung des Bindungssystems und gleichzeitige Aktivierung des Erkundungssystems erfolgt bei Wohlbefinden und dem Gefühl von Sicherheit. Das Kind ist unternehmungslustig, spielt, exploriert mit Mund und Händen.

    Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 6

  • Resonanz – „der Mensch wird am Du zum Ich“ (Martin Buber)

    Wir leben – von Anfang an – von Resonanz, Anerkennung und emotionaler Spiegelung. Die responsive frühe Eltern-Kind Interaktion ist die Grundlage einer sicheren Bindung.

    Responsiv: Bereitschaft auf Kommunikationssignale einzugehen.

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  • Spiegelneurone

     …versorgen uns mit intuitivem Wissen über die Absichten von Personen, deren Handlungen wir beobachten.

     …melden uns, was Menschen in unserer Nähe fühlen, und lassen uns deren Freude oder Schmerz mitempfinden.

     … sind die Grundlage emotionaler Intelligenz. Sie sind die neurobiologische Basis von Empathie, Sympathie und Liebesfähigkeit, sie müssen aber trainiert werden.

     … sind von zentraler Bedeutung für die Aufnahme und Weitergabe von Wissen, sie bilden die neurobiologische Basis für das „Lernen am Modell“.

     (vgl. J. Bauer) Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 8

  • Bindungstyp: Sichere Bindung

    Das sicher gebundene Kind hat Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Bindungsperson und exploriert in deren Anwesenheit ungestört. Die Bindungsperson wird als sichere Ausgangsbasis zur Erkundung der Umwelt wahrgenommen. Bei der Trennung von ihr zeigt das Kind deutliches Bindungsverhalten mit Rufen, Suchen und Weinen und wirkt gestresst. Das Kind differenziert deutlich zwischen der Bindungsperson und lässt sich von der fremden Person nicht trösten. Bei Rückkehr der Bindungsperson demonstriert das Kind Freude und sucht sofort den körperlichen Kontakt. Infolge der Erfahrung von vorhersagbarer Beruhigung durch die Bindungsfigur kann es sich schnell wieder explorierend seiner Umwelt zuwenden.

    Bindung in der Jugendhilfe Berlin 2019 9

  • Bindungstyp: Unsicher-vermeidende Bindung

    Das unsicher-vermeidende Kind zeigt bei Abwesenheit der Bindungsperson kein Anzeichen der Beunruhigung oder des Vermissens. Es exploriert scheinbar ohne Einschränkung weiter, zeigt nur wenig Bindungsverhalten und akzeptiert die fremde Person als Ersatz. Innerlich ist das Kind sehr aufgewühlt. Bei Rückkehr der Bindungsperson wird diese ignoriert und Körperkontakt abgelehnt. Das unsicher- vermeidend gebundene Kind hat die Bindungsperson als zurückweisend verinnerlicht. Um diese Zurückweisung nicht permanent erfahren zu müssen, wird der Kontakt vermieden und möglichst keine Verunsicherung gezeigt. Die Bindungsperson zeichnet sich durch einen Mangel an Affektäußerung, durch Ablehnung und Aversion gegen Körperkontakt sowie häufige Zeichen von Ärger aus. Das Kind kann kein Vertrauen auf Unterstützung entwickeln, sondern erwartet Zurückweisung. Infolge dessen unterdrückt das Kind seine Annäherungsneigung, um zumindest in einer tolerierbaren Nähe zur Mutter zu bleiben. Negative Gefühle werden unterdrückt

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  • Bindungstyp: Unsicher-ambivalente Bindung

    Das unsicher-ambivalent gebundene Kind ist stark auf die Bindungsperson fixiert. Durch seine chronische Aktivierung des Bindungssystems ist es auch bei Anwesenheit der Bindungsperson stark in seinem Explorationsverhalten eingeschränkt. Die unvorhersagbaren Interaktionserfahrungen mit der Bindungsperson führen zu Ärger und Widerstand beim Versuch der Bindungsperson, das Kind zu trösten. In mehrmaliger Aufeinanderfolge scheint das Kind aggressiv und ärgerlich auf die Bindungsperson, andererseits sucht es im nächsten Moment Kontakt und Nähe. Negative Gefühle können nicht integriert werden.

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  • Bindungstyp: Unsicher-desorganisierte Bindung

    Das unsicher desorganisiert gebundene Kind zeigt im Vergleich zu den anderen Bindungsmustern eine wenig durchgängige Verhaltensstrategie, sondern zeichnet sich durch emotional widersprüchliches und inkonsistentes Bindungsverhalten aus.

    Diese Verhaltensweisen sind insbesondere motorische Sequenzen von stereotypen Verhaltensweisen, oder die Kinder halten im Ablauf ihrer Bewegungen inne und erstarren für die Dauer von einigen Sekunden. Es lässt sich generell kein bestimmtes Verhalten bei Trennung und Rückkehr der Bindungsperson festmachen. Gleichzeitig kommt es zu genauso erhöhten Stresswerten wie beim unsicher gebundenen Kind.

    Dieses Bindungsmuster wird als ein “Steckenbleiben zwischen zwei Verhaltenstendenzen”, der Nähe zur Bindungsperson und der Abwendung von ihr, gesehen. Die emotionale Kommunikation ist gestört, weil die Bezugsperson gleichzeitig Quelle und Auflösung der Angst ist. Main & Salomon (1990) fügten diese vierte Kategorie hinzu, in der Kinder sehr auffällige, in sich widersprüchliche Verhaltensweisen zeigen, die zuvor als nicht klassifizierbar galten.

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  • Fehlende Resonanz – ohne Du kein Ich

    Ständige Suche nach Kontakt und Signal – Distanzlosigkeit und fehlende Konzentration, „Antennen“

    Unruhe, körperliche Aktion

    unangemessene oder unspezifische Signale

    Enttäuschung, Frustration

    Unlust an Entwicklung und Exploration

    fehlendes Selbstwertgefühl

    „Ich bin es nicht wert“

    Einstellen der Bemühungen, Inaktivität

    Hospitalismus, Selbststimulation, Deprivation.

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  • Trauma, chronische Belastung und Bindung

     „Wenn die Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung verschlossen ist, bleibt sie unzugänglich. Dann richtet sich Ärger auf die falschen Ziele, Angst tritt in unangemessenen Situationen auf und Feindseligkeit wird von falscher Seite erwartet.“

    (John Bowlby, 1988)

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  • Bindungstransmission

    Auswirkungen früher Erfahrungen auf das Gehirn/Psyche werden von einer Generation zur anderen weitergegeben – über 3 Generationen (Transgenerationaler Transfer)

    • Direkte (epi-)genetische Vererbung von Auffälligkeitsfaktoren

    • Auswirkungen elterlichen Verhaltens auf das Gehirn des Kindes (hemmt Ausbildung von Bindungsstellen für Neurotransmitter)

    • Umwelteinflüsse wirken auf die Genetik ein

    • Übereinstimmung zwischen den Bindungstypen