Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDR von 1955 bis 1990

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    06-Jun-2016

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<ul><li><p>646</p><p>Fachthemen</p><p> Ernst &amp; Sohn Verlag fr Architektur und technische Wissenschaften GmbH &amp; Co. KG, Berlin Bautechnik 88 (2011), Heft 9</p><p>1 Typisierte Holzbinder</p><p>Als holzarmes Land musste die DDR40 % des jhrlich verbrauchten Schnitt -holzes importieren [1]. Wie in allenBereichen des Bauwesens konzen-trierte sich die Entwicklung im Holz-bau auf die Produktion materialspa-render Tragwerke. ArchitektonischeBelange blieben demgegenber, auchnach berwindung der Nachkriegs-nte, stets zweitrangig. Dafr wurdendie wenigen hergestellten Trgertypenin einer bemerkenswerten Planungs -tiefe immer perfekter typisiert, was zuextrem gewichtsreduzierten Konstruk-tionen fhrte. So umfasst zum Beispielder Katalog H 8633 PEB Klebebinderaus Holz, stahlunterspannt, Dachnei-gung 25 %, Binderabstand 3000 mmund Aussteifungselemente, 1986 vomVEB Kombinat Bauelemente und Fa-serbaustoffe in Leipzig herausgegeben,103 Seiten. Er enthlt smtliche Mon-tagehinweise, statischen Angaben undZeichnungen fr Binder, Pfetten, Gie-belkonstruktionen, Deckentrger undAussteifungen.</p><p>1.1 Nagelbinder</p><p>Genagelte vollwandige Hohlquer-schnitte mit Kanthlzern als Gurteund schrg verlaufenden seitlichenBrettern traten ebenso wie die ausBrettern zusammengenagelten Voll-wandbinder ab 1935 auf [2]. Auf-grund des Stahlmangels erlebten diegenagelten Binder ihre groe Blte-zeit whrend und nach dem 2. Welt-krieg.</p><p>In der DDR konzentrierte mansich auf die Bauweise des aus einzel-nen Brettern und Bohlen zusammen-gesetzten Binders. Es wurden aus -schlielich fachwerkartige Nagelbrett-binder in Serie produziert. Satteldach-und Pultdachbinder kamen in derDDR vorrangig im Landwirtschafts-bau bei Scheunen und Stllen, aberauch bei Industrie- und Schulbautenzum Einsatz. </p><p>Eine bersicht der in der DDRunter Federfhrung des Instituts desVEB Kombinat Bauelemente und Fa-serbaustoffe Leipzig (BAUFA) typisier-ten Trgerarten gibt Bild 1. </p><p>Die Satteldachbinder der BS- undBT-Serie waren fr die Stahlbetonske-lett-Montagebauweise bestimmt undwurden vorrangig fr landwirtschaft-liche Bauten eingesetzt. Der Binder-abstand von 3 und 4,50 m entsprachdem Grundraster fr Stahl be ton ske -lettbauten in der DDR. Das Gewichtder untergehngten Decke bei Warm-bauten bewegte sich zwischen 30 und60 kg/m2. Die Trapezbinder BT konn -te man mit einer Mitteluntersttzungauch zu Satteldachbindern zusam-mensetzen.</p><p>Die Binder der U-Serie wurden(ebenso wie die Binder BS 158165)fr die traditionelle Wandbauweiseentwickelt. Die Binderabstnde be-trugen maximal 1,85 m. Neben dengezeigten Satteldach- und Steildach-bindern existierten auch trapezfrmigeNagelbinder. In der bersicht sind dieparallelgurtigen Pultdachbinder derSerie BP (Lnge 612 m, Binderab-stand 3 m, 10 % Dachneigung) nichtenthalten.</p><p>Eine noch wirtschaftlichere Her-stellung der Binder ermglichte dieNagelplattenbauweise. In der letzten,1991 erschienenen Systembersichtder BAUFA wird ein Kostenvorteilvon 30 % angefhrt. Die als Gang-Nails bezeichneten Nagelplatten wur-den 1955 in den USA patentiert und1971 in der BRD fr das Bauwesenzugelassen. Alle Stbe der Binder be-stehen aus gleich dicken, meist 60 mmstarken Kanthlzern. Die Fllstbestoen stumpf auf die durchlaufen-den Gurte und werden durch seitlicheingepresste Nagelplatten verbunden.In der DDR scheiterte die Einfhrungder Nagelplattenbauweise aufgrunddes Devisenmangels, so dass die Na-gelbinder bis 1990 in traditionellerArt mit Schablonen und Presslufthm-</p><p>Martin TascheHenrik BaumgartenGunter Zinnert</p><p>Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDRvon 1955 bis 1990</p><p>Der Aufsatz behandelt typisierte Stabtragwerke aus Holz, die in der DDR ab 1955 ent-wickelt wurden. Als Anwendungsgebiete galten berwiegend landwirtschaftliche Nutz-bauten, aber auch Lagerhallen und Dcher von Schulen und anderen Gesellschaftsbau-ten. Nach Kenntnis der Autoren handelt es sich um den ersten Versuch, derartige typi-sierten DDR-Tragkonstruktionen vergleichend darzustellen. Dieser Aufsatz schliet sichthematisch dem Aufsatz im Heft 8/2011 der BAUTECHNIK ber typisierte sthlerne Stab-tragwerke in der DDR an.</p><p>Typified wooden frame structures in the GDR from 1955 until 1990. This article outlinestypified wooden frame structures, which were developed in the former GDR from 1955until 1990 primarily for farming facilities, but also for storage buildings and roofs of socialbuildings. From the level of the authors awareness this is the first publication discussingtypified structures of the GDR in a comparative way. This article completes the articlepublished in the issue No. 8/2011 of BAUTECHNIK about typified steel frame structures inthe GDR.</p><p>DOI: 10.1002/bate.201101505</p></li><li><p>647Bautechnik 88 (2011), Heft 9</p><p>M. Tasche/H. Baumgarten/G. Zinnert Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDR von 1955 bis 1990</p><p>mern hergestellt wurden [3]. In derDDR konzentrierte man sich anstattdessen auf die unterspannten Leim-holzbinder. Heute spielen Nagelplat-tenbinder zum Beispiel bei der ber-dachung von Supermarktfilialen einegroe Rolle.</p><p>1.2 Unterspannte Leimholzbinder</p><p>In den 1950er Jahren wurden in derDDR Leimholztrger vor allem frholzsparende Decken angewandt. Frden Einsatz von Leimbindern frDachtragwerke, wie er in der Bundes-republik bereits erfolgte, sind aus zudieser Zeit in der DDR keine Bei-spiele bekannt. </p><p>1963 startete die Produktion derersten typisierten Leimholzbinder (BK-Serie, Bild 2a und b). Kennzeichnendwaren die geradlinige Satteldachformmit 25 % Dachneigung und die gegen-seitige Verspannung der Traufpunktemit Stahlzugstben. Bei Warmbauten(beheizten Rumen) wurde zustzlicheine Unterdecke angeordnet. Je nachNutzung (Warm- oder Kaltbauten) undSchneelastzone betrug der Binderab-stand entweder 3, 4,50 oder 6 m.</p><p>In der verbesserten Serie BSwurden die Sparren zustzlich unter-spannt und die Biegemomente in denSparren deutlich reduziert (Bild 2c).Ein Beispiel ist die Neue Reithalle inMoritzburg aus dem Jahr 1980 mit24 m weit spannenden Leimholzbin-dern vom Typ BS 157.1 [4] (Bild 3).</p><p>1976 meldete der Ingenieur Pe-ter Suhling einen dem Polonceau-Tr-ger (Bild 4) hnlichen Binder zum Pa-tent an [5]. Durch das Fehlen einerDiagonalen war der Schnittkraftver-lauf von der Formnderung unter Lastabhngig. 1980 wurde der Typ Suhlingals D-Serie eingefhrt (Bild 2d) undermglichte eine nochmalige Stahl-einsparung von 40 % gegenber dervorherigen Bauserie BS [6]. Tabelle 1zeigt deutlich die Reduzierung derMassen fr unterspannte Satteldach -trger aus Leimholz am Beispiel ei-nes Dachbinders fr Warmbauten mit21 m Spannweite und 3 m Binderab-stand. Das verantwortliche VEB Kom-binat Bauelemente und Faserbaustoffe(BAUFA) in Leipzig gab jhrlich einezusammenfassende Darstellung deslieferbaren Typensortiments heraus.</p><p>Stahlunterspannte Satteldachtr-ger wurden berwiegend fr landwirt-schaftliche Nutzbauten (Stlle, Scheu-</p><p>Bild 1. bersicht der typisierten Nagelbrettbinder in der DDR (Auswahl) (BA Binderabstand, WB Warmbau, KB Kaltbau, DN Dachneigung)Fig. 1. Overview of typified nailed trusses in the GDR (selection)</p></li><li><p>648 Bautechnik 88 (2011), Heft 9</p><p>M. Tasche/H. Baumgarten/G. Zinnert Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDR von 1955 bis 1990</p><p>nen) bis 24 m Spannweite eingesetzt.Die Dacheindeckung erfolgte mit leich-ten vorgefertigten Asbestzement-Well-tafeln, deren krebserregende Fasernin der Regel erst bei einer mechani-schen Bearbeitung freigesetzt werden.</p><p>Bis zum Ende der DDR wurdenwegen begrenzter Produktionskapazi -tten von Leimholz die fachwerkarti-gen Nagelbinder in grerer Anzahlhergestellt. Zusammen stellten die ty-pisierten Leim- und Nagelbinder ber90 % der hlzernen Dachtragwerkedar [1]. </p><p>1.3 Hallen aus Leimholzbindern</p><p>Neben den stahlunterspannten Sat-teldachtrgern wurden auch ganzeHallen aus Leimholzbindern typisiert(Bild 5). Am hufigsten wurde die La-gerhalle BS 170.1 fr landwirtschaft-liche Bauten errichtet (Bild 5a). Eherselten baute man den 2-Gelenk-Rah-menbinder ohne aufgelste Rahmen -ecken (Bild 5c). Aufgrund der Kor -rosionsbestndigkeit der Leimbinderwurden speziell fr die Kalidnger-Industrie im Raum Magdeburg-Halleund an der Werra in Thringen ge-sonderte Hallen in Serie gefertigt(Bild 5b, d). Die Dacheindeckung derKaltbauten (KB) erfolgte in der Regelmit Asbestzement-Welltafeln.</p><p>Eine Ausnahme bilden die vierkegelfrmigen Kalisalzlagerhallen mit56 m Durchmesser in Zielitz bei Mag-deburg, die nicht als Stab-, sondernals einschaliges Raumstabwerk wir-ken [8] (Bild 6). Die vier 19721973erbauten Hallen stehen noch heuteund sind ein seltenes Beispiel hlzer-ner rumlicher Tragwerke in der DDR.Aufgrund der notwendigen Montage-untersttzung der Sparren im Bauzu-stand mit Gersttrmen konnte sichdiese Bauweise gegen die langen Hal-len mit Kehlbalkenbindern (Bild 5d)jedoch nicht durchsetzen. Es sindkeine Folgeprojekte bekannt.</p><p>2 Zusammenfassung und Ausblick</p><p>Die den serienmig hergestelltenTragwerken der DDR zugrunde lie-genden Bauteilkataloge erleichtern er-forderliche Nachrechnung immens. Imwenig geordneten bergang der DDR-Wirtschaft in die Marktwirtschaft nach1990 wurden die Unterlagen jedochentweder entsorgt, gingen verschollenoder gelangten in den Privatbesitz von</p><p>Bild 2. bersicht der in der DDR entwickelten unterspannten Leimholzbinder Fig. 2. Overview of underspanned laminated timber beams in the GDR </p><p>Tabelle 1. Gewicht eines Dachbinders fr Warmbauten mit 21 m Spannweite und3 m Binderabstand; Werte aus Katalogen IK 61-39 (1962) und H 8633 PEB (1986)Table 1. Weight of a truss for warm buildings with 21 m span width based on a3 m grid. Values from catalogs IK 61-39 (1962) and PEB 8633 H (1986)</p><p>Jahr Dachbinder Holz in kg Stahl in kg</p><p>1962 BK 1-210 833 168</p><p>1986 D 21.1a 367 116</p></li><li><p>649Bautechnik 88 (2011), Heft 9</p><p>M. Tasche/H. Baumgarten/G. Zinnert Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDR von 1955 bis 1990</p><p>Bild 5. Typisierte Hallen in Leimbauweise der DDR; Binderabstand (BA) fr Hhenlagen bis 450 m . NN (Harz bis375 m) mit Grundschneelast s0 = 0,7 kN/m2 [7]Fig. 5. Typified halls with laminated timber beams in the GDR; distance of trusses for snowload s0 = 0,7 kN/m2</p><p>Bild 3. Neue Reithalle in Moritzburg,1980; Leimholzbinder Typ BS 157.1,Spannweite 24 m (Foto: P. Tiedtke)Fig. 3. New riding hall in Moritzburg,built 1980; laminated timber beamtype BS 157.1, span width 24 m</p><p>Bild 4. Polenceau-Trger, ab 1839Fig. 4. Polonceau-truss, since 1839</p></li><li><p>650 Bautechnik 88 (2011), Heft 9</p><p>M. Tasche/H. Baumgarten/G. Zinnert Typisierte Stabtragwerke aus Holz in der DDR von 1955 bis 1990</p><p>Ingenieurbros. Letztere entwickeltensich hufig aus den ehemaligen Pla-nungsabteilungen der Baukombinateheraus. Nur in Einzelfllen sind dieKataloge in Bibliotheken, Baumternoder anderen Institutionen ffentlichzugnglich. Dies stellt ein gravieren-des Problem dar, denn fehlende Bau-werksinformationen bedingen aufwn-dige Untersuchungen vor Ort und er-schweren den Planungsprozess beiSanierungen. Der Aufbau eines um-fassenden Archivs von DDR-Bauteil-katalogen ist deshalb mehr als wn-schenswert. Das Archiv des Institutsfr Baukonstruktion an der TU Dres-den stellt sich als Sammelstelle zurVerfgung. </p><p>Weiterfhrende Informationenund Querbezge, die aus dem Gebotzur Krze an dieser Stelle weggelas-sen wurden, finden sich in [9] und derim Abschluss befindlichen Disserta-tion des Erstautors [10].</p><p>Dank</p><p>Ohne die Hilfe vieler Personen, ins-besondere von Mitarbeitern ehemali-ger Betriebe der BAUFA und in Bau -mtern, htten wichtige Informatio-</p><p>nen gefehlt. Diesen Personen sei andieser Stelle herzlich gedankt.</p><p>Literatur</p><p>[1] Rug, W., Kreiig, W.: Die Weiterent-wicklung des Ingenieurholzbaues in derDDR. bauen mit Holz (1988), H. 11,S. 758766.</p><p>[2] Seidel, E.: Fortschritte des Bauinge-nieurwesens im neuen Deutschland1933 bis 1943, VII. Die Entwicklungdes Holz-Nagelbaues. Die Bautechnik21 (1943), S. 204207.</p><p>[3] Rug, W.: 100 Jahre Holzbau und Holz -bauforschung. In: Bund Deutscher Zim-mermeister (Hrsg.): 100 Jahre BundDeutscher Zimmermeister. Karlsruhe:Bruderverlag, 2003.</p><p>[4] Brllke, S.: Reithalle des Hengstdepotsin Moritzburg. Architektur der DDR(1984), H. 11, S. 666668.</p><p>[5] Wirtschaftspatent WP 125 151, ange-meldet am 23. 03. 1976 von Dipl.-Ing.Peter Suhling. Vergleiche: Bauplanung Bautechnik 33 (1979), S. 187.</p><p>[6] Kofent, W.: Dachkonstruktionen inHolzklebebauweise mit neuem Trag -system. Bauplanung Bautechnik 33(1979), H. 5, S. 250251.</p><p>[7] Kofent, W., Stenker, H., Michael, A.:Zum Stand und zur Entwicklung derHolzklebebauweise in der DDR. Bau-</p><p>planung Bautechnik 36 (1982), H. 1,S. 3739.</p><p>[8] Stenker, H., Hellbach, R.: Runde Salz-lagerhalle fr die Kaliindustrie. Bau-planung Bautechnik 26 (1972), H. 6,S. 270273.</p><p>[9] Baumgarten, H., Zinnert, G.: Die Ent-wicklung des Holz- und Stahlhallen-baus in Chemnitz von 1860 bis 1970.Diplomarbeit. TU Dresden, Institut frBaukonstruktion, 2009.</p><p>[10] Tasche, M.: Analyse von Entwick-lungsstrngen im Konstruktiven Inge-nieurbau anhand bestehender Bau-werke in Sachsen, Sachsen-Anhalt undThringen. Im Abschluss befindlicheDissertation. TU Dresden, Institut frBaukonstruktion.</p><p>Autoren dieses Beitrages:Dipl.-Ing. Martin TascheDittmann + Ingenieure Bauplanung GmbH &amp; Co. KG, Dresdentam@d-ing.deDipl.-Ing. Henrik BaumgartenIngenieurbro Geudner &amp; Partner GbR, Grlitzh.baumgarten@ib-geudner.de Dipl.-Ing. Gunter ZinnertHOCHTIEF Solutions AG, Consult IKS Energy,Frankfurt/Maingunter.zinnert@hochtief.de Archiv des Instituts fr Baukonstruktion an derTU Dresdenbauko@mailbox.tu-dresden.de </p><p>Bild 6. Salzlagerhalle in Zielitz bei Magdeburg, erbaut 1973; kegelfrmiges zentralsymmetrisches einlagiges Raumstabwerkmit 56 m Durchmesser [8]Fig. 6. Salt storage hall in Zielitz near Magdeburg, built 1973; cone-shaped central-symmetrical single-layer space truss with56 m diameter</p></li></ul>