Zweihundert Jahre Soleleitung Reichenhall–Rosenheim – Ein bayerisches Wasserbau-Großprojekt vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Ingenieurwissenschaft

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  • 168 Ernst & Sohn Verlag fr Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin Bautechnik 86 (2009), Heft 3

    1 Bayerisches Salz und die technischenEinrichtungen der Soleleitungen

    Das Salz aus dem sdstlichen EckBayerns rund um Berchtesgaden undReichenhall war jahrhundertelang eineder wichtigsten Einnahmequellen derbayerischen Herzge. Man scheutedaher keine Kosten und Mhen, umdie Salzproduktion stetig auszubauen.Das Salz wurde in Berchtesgaden mitSwasser in sogenannten Sinkwer-ken aus dem Fels gelst; in Reichen-hall konnte man sogar auf natrlicheSolequellen zurckgreifen. Das so ge-wonnene Salzwasser wurde sodann inSalinen wieder eingetrocknet, um dasSalz zu gewinnen. Zunchst reichtendie Gebirgswlder der Umgebung aus,um das erforderliche Brennholz zugewinnen. Schon im 17. Jahrhundert

    wurde allerdings die Verlegung derSaline von Reichenhall nach Traun-stein erforderlich, da die Produktionstetig stieg und man fr die Salineeinen Standort bentigte, der durchFlerei mit ausreichend Brennstoffversorgt werden konnte; die Wlderum Reichenhall waren damals fastvollstndig abgeholzt. In Traunsteinbot sich die Mglichkeit, ber dieWeie und Rote Traun Holz heranzu-schaffen. Schon die durch die Mnch-ner Hofbaumeister Hans und SimonReiffenstuel zwischen 1617 und 1618angelegte Soleleitung von Reichenhallnach Traunstein war ein Meisterwerkder zeitgenssischen Technik [1]. Imfrhen 19. Jahrhundert war jedochauch der Standort Traunstein durchunzureichende Brennholzversorgunggefhrdet, so dass man sich entschloss,

    eine zustzliche Saline in Rosenheimeinzurichten, wo die alten Flerei-flsse Mangfall und Inn fr den Brenn-holztransport bereitstanden. 1807 bis1810 wurde dieses Projekt realisiert.Die technischen Einrichtungen derbeiden bayerischen Soleleitungen desfrhen 19. Jahrhunderts sind z. B. in[2] summarisch beschrieben; dort fin-det man auch einen Abriss der Ge-schichte der Saline Rosenheim biszur Einstellung der dortigen Salzpro-duktion nach rund anderthalb Jahr-hunderten im Jahre 1958. Zur Entste-hungsgeschichte der Soleleitung undder Salineneinrichtungen, die 1807bis 1810 sowie 1816 bis 1817 unter derFederfhrung des Georg von Reichen-bach (1771 bis 1826) erbaut wurden,finden sich in den einschlgigen Rei-chenbach-Biographien ausfhrlicheAngaben und viele lebendige Details(besonders lesenswert [3] und [4]). DieMonographie von Walther von Dyck[3] ist darber hinaus schon alleindeswegen unverzichtbar, weil in ihrumfangreiches Archivmaterial (Briefe,handschriftliche Notizen Reichen-bachs und dergleichen) publiziert ist(vor allem [3, S. 5381]). Einen sch-nen berblick ber die historischeEntwicklung der Rohrleitungs- undFrdertechnik der bayerischen Salz-werke findet man auch in [5].

    Hier knnen wir uns aufgrundder reichen vorhandenen Literaturbezglich der Entstehungsgeschichteder Pipeline auf eine ganz kurze Zu-sammenfassung beschrnken: UnterKnig Max I. Joseph regte 1806 derbayerische Bergrat Mathias Flurl(17561823) die Anlage einer Sole-leitung von Reichenhall nach Rosen-heim an. Der Knig griff diese Ideeauf und wollte zunchst den bayeri-schen Salinenrat Joseph von Baa-

    Stefan M. Holzer

    Zweihundert Jahre Soleleitung ReichenhallRosenheimEin bayerisches Wasserbau-Groprojekt vor dem Hintergrund der zeitgenssischen Ingenieurwissenschaft

    In den Jahren von 1807 bis 1810, also vor zweihundert Jahren, wurde in Bayern ein was-serbauliches Groprojekt verwirklicht: Die Salzquellen in Reichenhall wurden mit der79 km entfernten, neugegrndeten Saline in Rosenheim durch eine Soleleitung verbun-den. Zwischen 1816 und 1817 kam noch die Verlngerung dieser Leitung von Reichenhallbis zum Salzbergwerk in Berchtesgaden zur Ausfhrung. Die Soleleitung und die Salz-gewinnung in Rosenheim blieben bis 1958 in Betrieb. Bei beiden Soleleitungen waren er-hebliche Hhenunterschiede zu bewltigen, was die Einrichtung leistungsstarker Pump-werke erforderte. Dieser Beitrag erlutert am Beispiel der bayerischen Salz-Pipeline dendamaligen Stand der Ingenieurwissenschaft zum Themenkreis des Rohrleitungs- undAnlagenbaus und stellt die schnelle Adaption wissenschaftlicher Erkenntnisse fr bau-praktische Aufgaben durch deutsche Ingenieure heraus, insbesondere fr die rechneri-sche Bemessung und Auslegung.

    Bicentennial of the brine pipeline from Reichenhall to Rosenheim: A Bavarian hydro-technical project and its scientific and technological background. A pipeline for thetransport of the brine from the Bavarian salt wells at Reichenhall to the newly establishedsaltworks at Rosenheim was constructed between 1807 and 1810. This 79 km long pipe-line was later complemented by a shorter stretch extending backwards from Reichen-hall to the salt mines at Berchtesgaden (completed in 1817). Salt production in Rosen-heim continued until 1958, when the saltworks were finally closed and replaced by mo-dern production facilities in Reichenhall. Both pipelines had to account for considerabledifferences in altitude and required efficient pumping stations. The current contributionfocuses predominantly on the scientific and technological background of the projectand places the achievements of the salt pipeline into their historical engineering context.

    Fachthemen

    DOI: 10.1002/bate.200910016

    10_168-187_Holzer (1327) 26.02.2009 16:05 Uhr Seite 168

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    St. M. Holzer Zweihundert Jahre Soleleitung ReichenhallRosenheim

    der mit der Aufgabe betrauen. Baadersah sich jedoch auerstande, der Auf-forderung zur Abgabe eines detaillier-ten Angebots pnktlich nachzukom-men, und daher bekam das damalsnoch junge, 1804 gegrndete Mathe-matisch-Mechanische Institut vonLiebherr, Reichenbach und Utzschnei-der, das auf die Aufforderung sofortreagiert hatte, den Auftrag. Die Lei-tung wurde 1808 bid 1810 errichtet.Nur bei einigen wenigen Pumpwerkenkam doch noch Baader zum Zuge.Baader, der ohnehin ein streitbarerZeitgenosse war, wurde durch denentgangenen Auftrag in eine Opposi-tionshaltung gegen Reichenbach ge-trieben und kritisierte in der Folgezeitauch die von Reichenbach entwickelteTechnologie scharf. Der groe Erfolgder zunchst gebauten Soleleitungmachte Reichenbach in der gesamtenTechnik-Welt der Zeit bekannt undtrug ihm spter auch fast selbstver-stndlich den Anschlussauftrag zurtechnisch noch anspruchsvolleren Lei-tung BerchtesgadenReichenhall ein.Bild 1 vermittelt einen Eindruck vonden Trassen der Soleleitungen. Wh-rend die Linienfhrung von Reichen-hall nach Traunstein bereits durch dieLeitung des frhen 17. Jahrhundertsvorgegeben war, mussten fr dieStrecken TraunsteinRosenheim und

    BerchtesgadenReichenhall neueTrassen gefunden werden. Die letzt-genannte Leitung, die 1816 bis 1817gebaut wurde, musste durch die wildeGebirgslandschaft rund um Ramsauund den Pass bei der sogenanntenSchwarzbachwacht gefhrt werden,weil ein Grenzkonflikt mit sterreichden weitaus einfacheren und direkte-ren Weg ber Hallthurm versperrte.Die auf der gesamten Strecke zu be-wltigenden Hhenunterschiede stell-ten fr die Technologie des frhen19. Jahrhunderts eine Herausforde-rung dar. Reichenbach entwickeltefr die Pumpwerke seine Version derdurch Wasserdruck angetriebenenMotoren (Wassersulenmaschinen).Den Hhepunkt bildete die Pump-anlage, die die Sole aus dem Tal derRamsauer Ache bei Ilsank (auf heuti-gen topographischen Karten lautet derOrtsname Engedey) auf die Hhedes Sldenkpfls frderte. Der Hhen-unterschied betrug hier 358 m, einefr damalige Verhltnisse unvorstell-bare Hhendifferenz fr eine Pumpe.

    Im Folgenden verwenden wir inBezug auf die technischen Details derReichenbachschen Soleleitung als Pri-mrquelle vor allem die detaillierten,in der bisherigen Literatur zum Themajedoch bei weitem nicht ausgeschpf-ten Angaben, die der Preuische Ge-

    heime Oberbergrat Carl Johann Bern-hard Karsten in seinem Reiseberichtber eine Studienreise zu sddeut-schen und sterreichischen Bergwer-ken 1821verffentlichte [6]. Den baye-rischen Salinenanlagen sind darinrund hundert Seiten (S. 1021 und32129) gewidmet. Eine gute Wrdi-gung der Anlagen findet sich auch imersten Band der Allgemeinen Maschi-nenlehre ([7], besonders S. 348355)des Hannoveraner Maschinenbau-Pro-fessors Moritz Rhlmann (18111896).Rhlmann bezog sich in seiner Dar-stellung auf Notizen, die er schon 1834bei einem Besuch der Soleleitung ge-macht hatte. Der hier vorliegende Bei-trag behandelt nur die Leitung selbst,nicht aber die Salineneinrichtungen,und konzentriert sich auf die theore-tischen Grundlagen, die seinerzeit zurBemessung der Anlagentechnik her-angezogen worden sind.

    2 Die Rhrenfahrt

    Die Soleleitung selbst bestand imRegelfall aus hlzernen Rhren, dieKarsten wie folgt beschreibt: Die hl-zernen Leitungsrhren sind in derRegel 14 Fu [4,09 m] lang. Den kie-fernen giebt man den Vorzug vor dentannenen und fichtenen, obgleich dieersteren theurer, und nicht berall zu

    Bild 1. Karte der Soleleitungen von Berchtesgaden nach Reichenhall und von Reichenhall nach Rosenheim. Aus [7]Fig. 1. Map of the brine pipeline from Berchtesgaden to Rosenheim. From [7]

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    St. M. Holzer Zweihundert Jahre Soleleitung ReichenhallRosenheim

    erhalten gewesen sind. Alle hlzernenRhren sind 4 Zoll [9,72 cm] weit ge-bohrt, und mssen wenigstens 3 Zoll[7,29 cm] Holzstrke haben, also 10 Zoll [24,23 cm] stark seyn. [].Vor derAnwendung mssen sie einigeZeit im Wasser, oder noch besser, inSoole liegen, indem man dies als dasbeste Erhaltungsmittel fr dieselbengefunden hat. In der Regel sind sieunter Dammerde fortgefhrt, obgleiches scheint, da man dabei keine ngst-liche Sorgfalt anwendet. [] Wo dieRhrenfahrt ber Brcken und Stegefortgefhrt ist, hat man ihr eine Bret-terdecke gegeben, theils um den Re-gen und Schnee abzuhalten, theilsum Beschdigungen zu verhindern[6, S. 124125].

    Einige der hlzernen Rhren derbayerischen Soleleitung si