Ältere Migrantinnen und Migranten

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Entwicklungen, Lebenslagen, Perspektiven - Forschungsbericht des Bundesamts fr Migration und Flchtlinge

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  • Entwicklungen, Lebenslagen, Perspektiven

    Forschungsbericht 18

    ltere Migrantinnen und Migranten

    Peter SchimanyStefan Rhl

    Martin Kohls

  • Peter SchimanyStefan RhlMartin Kohls

    Bundesamt fr Migration und Flchtlinge 2012

    Entwicklungen, Lebenslagen, Perspektiven

    Forschungsbericht 18

    ltere Migrantinnen und Migranten

  • 5Zentrale Ergebnisse

    Zentrale Ergebnisse

    Relevanz des ThemasBedeutung und Bedingungen des Alters haben sich in modernen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich verndert. Altern als Lebens-verlauf und Alter als Lebensphase sind im Zuge des gesellschaftlichen und demographischen Wandels vielfltiger geworden. Obwohl ltere Menschen schon lnger Thema wissenschaftlicher und politischer Dis-kussionen sind, erfahren ltere Migranten erst in jngster Zeit verstrkte Aufmerksamkeit. ltere Migranten bilden die Schnittmenge der beiden zentralen gesellschaftlichen Prozesse demographische Alterung und internationale Migration, sodass sie zunehmend in den Fokus der Alters- und Migrationsforschung geraten.

    Entwicklung des ThemasNoch Ende der 1990er Jahre wurden ltere Migranten in Wissenschaft und Politik kaum wahrgenommen. Ausschlaggebend fr das gestiegene Inte-resse am Thema ltere Migranten ist zum einen die Zunahme von Zahl und Anteil lterer Menschen mit Migrationshintergrund an der Bevlke-rung, zum anderen die hufig prekre Lebenssituation im Alter, die als ein neues soziales Problem thematisiert wird. Vor diesem Hintergrund stellen sich in der Praxis Fragen nach dem Altsein und Altwerden in der Fremde und nach spezifischen Bedarfslagen lterer Migranten.

    Ziel der ArbeitVor diesem Hintergrund ist das Ziel der Arbeit, den Forschungsstand zu lteren Migranten zusammenzutragen sowie statistische Daten und empirische Befunde zu beleuchten, die sich mit verschiedenen Aspekten der Lebensqualitt im Alter beschftigen. Vorgelegt wird ein berblick an vorliegenden Ergebnissen im Schnittfeld der Alters- und Migrationsfor-schung. Hierbei wird ein weiter Bogen gespannt wird, um die zentralen Bereiche der Lebenssituation lterer Migranten zu erfassen.

    Zentrale BefundeDie einzelnen Kapitel orientieren sich an der chronologischen Abfolge von Lebenssituationen lterer im Migrationskontext. Nach Grundlagen (Begriffe, Datenquellen) und Entwicklung der Migrantengruppen werden folgende Lebensbereiche behandelt: Arbeitsmarkt, Ruhestand, Gesundheit, Generationenbeziehungen sowie Verbleib und Rckkehr.

  • 6 Zentrale Ergebnisse

    Heterogenitt der lteren MigrantenBei den in Deutschland lebenden lteren Menschen mit Migrationshin-tergrund handelt es sich um eine heterogene Bevlkerungsgruppe. Die Unterschiede betreffen nicht nur die geographische sowie ethnische und kulturelle Herkunft der Migranten; sie sind auch aus unterschiedlichen Grnden und zu unterschiedlichen Zeiten nach Deutschland zugewan-dert. Und sie besitzen vielfach eine unterschiedliche Ressourcenausstat-tung. Bleiben die nach dem Zweiten Weltkrieg umfangreichen Flucht- und Vertreibungsbewegungen sowie die deutsch-deutschen Wanderungen unbercksichtigt, dann setzte Mitte der 1950er Jahre die erste groe Zu-wanderung ein, als im Zuge des Wirtschaftsaufschwunges Millionen aus-lndischer Menschen als Gastarbeiter vor allem aus lndlichen Regionen sdeuropischer Staaten und der Trkei angeworben wurden. Die damals zumeist jungen Gastarbeiter befinden sich heute im Ruhestandsalter und verbringen ihren Lebensabend vielfach in Deutschland. hnlich be-deutend ist die Zuwanderung von Sptaussiedlern aus osteuropischen Staaten und der ehemaligen Sowjetunion. Sie setzte ab den 1950er Jahren in zunchst geringem Umfang ein und erreichte ihren Hhepunkt von Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre. Im Gegensatz zu Gastarbei-tern sind Sptaussiedler zumeist mit Familienangehrigen unter Ein-schluss der lteren Generation eingereist. Neben den Menschen, die im Zuge dieser beiden groen Zuwanderungsbewegungen kamen, zogen seit ffnung der Grenzen verstrkt auslndische Menschen aus unterschied-lichen Grnden nach Deutschland. ltere Menschen finden sich unter diesen Zuwanderungsgruppen mit Ausnahme jdischer Kontingent-flchtlinge jedoch weitaus seltener als unter ehemaligen Gastarbeitern und Sptaussiedlern.

    Stand und Entwicklung lterer MigrantenZwischen Personen ohne und mit Migrationshintergrund liegen hinsicht-lich der soziodemographischen Struktur Unterschiede nach Zahl und Anteil der ber 65-Jhrigen vor: 15,7 Mio. bzw. 23,7% zu 1,5 Mio. bzw. 9,4%. Modellrechnungen zeigen aber, dass in Zukunft der Anteil an lteren mit Migrationshintergrund sowohl an allen lteren als auch innerhalb der Gruppe mit Migrationshintergrund weiter zunehmen wird. Bis Anfang der 2030er Jahre wird eine Zunahme von lteren Menschen unter den Migran-ten auf 15% erwartet.

  • 7Zentrale Ergebnisse

    Arbeitsmarktsituationltere Migranten sind deutlich schlechter am Arbeitsmarkt positioniert als gleichaltrige Einheimische. Erstens sind Migranten in einem geringe-ren Ausma am Erwerbsleben beteiligt, und sie sind seltener sozialver-sicherungspflichtig beschftigt. Dies trifft vor allem auf Frauen zu. Ihre schlechtere Arbeitsmarktpositionierung spiegelt sich zweitens in der beruflichen Stellung und in den Wirtschaftsbereichen bzw. Branchen, in denen sie ttig sind, wider. Migranten sind drittens auch hufiger in ge-ringfgiger Beschftigung zu finden. Sie weisen viertens auch fter beson-dere Beschftigungssituationen wie Schichtarbeit oder Arbeit an Sonn- und Feiertagen auf. Schlielich sind Migranten auch deutlich hufiger erwerbs- bzw. arbeitslos und fters langzeitarbeitslos. Fr die Erklrung der schlechteren Positionierung am Arbeitsmarkt darf nicht die Herkunft per se herangezogen werden. Vielmehr mssen weitere Merkmale wie die soziale Schichtzugehrigkeit betrachtet werden.

    Ruhestand und AlterssicherungDie Befunde zu Ruhestand und Alterssicherung weisen darauf hin, dass Migranten grere Probleme mit der finanziellen Absicherung im Alter haben als Personen ohne Migrationshintergrund. Aufgrund ihrer geringe-ren Qualifikation und ungnstigeren Stellung am Arbeitsmarkt sind die Haushaltseinkommen von Migranten niedriger als von Einheimischen. Trotz hufig lngerer Erwerbszeiten von Migranten fhren niedrigere Erwerbseinkommen, seltenere Vollzeiterwerbsttigkeit und lngere Zei-ten in Arbeitslosigkeit zu geringeren Renten und weniger Vermgen. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere das Humankapital die Einkommens-unterschiede auch im Alter zwischen Personen ohne und mit Migrations-hintergrund sowie zwischen einzelnen Migrantengruppen fast vollstndig erklrt.

    GesundheitssituationMenschen mit Migrationshintergrund knnen im Vergleich zur Mehr-heitsbevlkerung erhhte Gesundheitsrisiken aufweisen. Es ist aber nicht die Migration an sich, die krank macht, sondern es sind die Grnde und Umstnde einer Migration sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zielland, die zu einem schlechteren Gesundheitszustand fhren knnen. ltere zugewanderte Personen sind eine zahlenmig anwachsende Grup-pe mit teilweise relativ schlechtem Gesundheitszustand und mglicher-weise groem Pflegebedarf.

  • 8 Zentrale Ergebnisse

    GenerationenbeziehungenDie Ergebnisse vorliegender Studien zu Generationenbeziehungen spie-geln eine groe familire Stabilitt und ein groes Untersttzungspoten-zial wider, wobei sich die Ausprgungen zwischen Einheimischen und Migranten weitgehend angleichen. Angesichts der Ausdnnung sozialer Netzwerke, grerer rumlicher Distanzen zwischen den familialen Gene-rationen und steigender Frauenerwerbsquoten wird es zuknftig schwie-riger werden, bisherige familiale Untersttzungsleistungen aufrechtzu-erhalten. In einer modernen Gesellschaft mit demographischer Alterung knnen traditionelle Pflegeerwartungen zum intergenerationellen Kon-fliktpotenzial werden.

    Rckkehr und VerbleibEin geringer Teil der Migranten hat Rckkehrabsichten und realisiert die-se auch im Alter. Bisher sind mit dem Eintritt ins Rentenalter der ersten Generation aber keine greren Rckwanderungen erfolgt. Vielmehr zeigt sich, dass auch mit Eintritt in den Ruhestand Rckkehrabsichten nur sel-ten verwirklicht werden. Anzunehmen ist, dass auch in Zukunft der Gro-teil an lteren Migranten vor allem aus familiren Grnden im Zielland verbleibt. Insofern ist eine Rckwanderung nicht erst bei den in Deutsch-land Geborenen, sondern bereits bei der lteren Generation begrenzt. Zuknftig knnte die Pendelmigration im Ruhestand aufgrund bilokaler Orientierungen und Beziehungen weiter zunehmen.

    AusblickGanz berwiegend haben ltere Migranten ihren neuen Lebensmittel-punkt in Deutschland gefunden. Nur sehr wenige wollen in ihr Herkunfts-land zurckkehren, auch wenn die Beziehungen zur Heimat eng sind. Ins-gesamt ist ein stationres Altern, ein aged in place festzustellen. Da auch die Bevlkerung mit Migrationshintergrund zunehmend vom familialen und demographischen Wandel betroffen ist, bedeutet eine vergleichbare Generationensolidaritt allerdings, dass die Gesellschaft im Hinblick auf Hilfe und Pflege fr ltere vor hnlich groen Herausforderungen steht wie bei der einheimischen Bevlkerung. Forschungsbezogen zeigt sich, dass fr alle Lebensbereiche lterer Migranten ein Mangel an belastbaren Daten vorliegt. Mit der Erhebung des Migrationshintergrundes im Mik-rozensus hat sich zwar die Datenlage grundlegend verbessert, noch steht aber ein Erhebungsprogramm aus, das differenzierte Erkenntnisse zu verschiedenen Lebensbereichen bereitstellt.

  • 9Inhaltsverzeichnis

    Inhaltsbersicht

    1

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    4

    32

    Zentrale Ergebnisse

    Einleitung

    Begriffe und Migrantengruppen

    Konzepte, Datenquellen und Forschungssituation

    ltere Migranten im Spiegel der amtlichen Statistik

    Arbeitsmarktsituation

    Ruhestand und Alterssicherung

    Gesundheitssituation

    Generationenbeziehungen

    Rckkehr oder