Partizipation von Kindern und Jugendlichen ... von Kindern und Jugendlichen in schulischen und auأںer-schulischen

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  • 2012Nr. 4polis aktuell

    o Partizipationsbegriff, Stufen und Qualität von Beteiligung

    o Partizipation von Kindern und Jugendlichen als Balanceakt und Kinderrecht

    o Wo und wie können sich junge Menschen beteiligen? o Partizipationsfelder: Schule, Gemeinden und Schul-

    Gemeinde-Kooperationen, e-Partizipation, europä- ische Ebene, gemeinnützige Organisationen

    Partizipation von Kindern und Jugendlichen

  • Der Verein beteiligung.st (Graz) wollte von jungen Menschen wissen, was sie unter Partizipation bzw. Beteiligung verstehen.

    Partizipation ist …

    Und die Conclusio? Sie lautet: Beteiligung ist eine freiwillige Handlung, bei der durch unsere Mitbestimmung etwas verändert wird (Ergebnis einer Fokusgruppe mit neun TeilnehmerInnen zwischen 16 und 20 Jahren, fünf Mädchen, vier Burschen, 2011 in Graz, organisiert vom Verein beteiligung.st).

    1 PartiziPationsbegriff, stufen und Qualität von beteiligung

    … nicht nur zu reden und sich zu beschweren, dass sich etwas verän- dern soll, sondern die Initiative zu ergreifen und selbst etwas zu tun.

    Liebe Leserin, lieber Leser!

    Von Partizipation ist oft die Rede und vielfach wird recht

    Unterschiedliches darunter verstanden. Zwischen „die eigene

    Meinung sagen dürfen“ und „mitentscheiden“ mit entspre-

    chender Verantwortlichkeit liegt allerdings ein weiter Weg.

    Kinder und Jugendliche werden von Erwachsenen meistens

    dazu eingeladen, Informationen zu erhalten oder etwas mit-

    zuteilen, in erster Linie im Rahmen eines Projektes. Wesent-

    lich seltener ist die Mit-Entscheidung oder Mit-Beteiligung.

    Einigkeit gibt es darüber, dass eine lebendige Demokratie

    die soziale und politische Partizipation der Bevölkerung

    braucht. Allerdings wird gerade jungen Menschen generell

    wenig Beteiligungsfreudigkeit attestiert. Sind Initiativen,

    die Kinder und Jugendliche darin bestärken, aktiv an der

    Gesellschaft teilzunehmen und sie mitzugestalten somit

    sowieso „verlorene Liebesmüh’“? Die Antwort ist klar: junge

    Menschen sind keine homogene Gruppe und zweitens ist Par-

    tizipation kein punktuelles Ereignis, sondern ein Lernpro-

    zess. Empirische Studien zeigen, dass erfolgreiche und viel-

    fältige Erfahrungen in Sachen Beteiligung die Bereitschaft

    stärken, sich erneut einzubringen. Ernst gemeinte Angebote

    in Schule, Gemeinde und Freizeiteinrichtungen sind daher

    umso maßgeblicher für die Entwicklung aktiver BürgerIn-

    nenschaft und das vielzitierte „Einmischen in die eigenen

    Angelegenheiten“.

    Das Heft lotet verschiedene Facetten des Themas aus, u.a.

    die Stufen der Beteiligung, Qualitätskriterien oder Partizipa-

    tion als Kinderrecht. Darüber hinaus finden Sie einen Über-

    blick zu politischen Gremien und Interessenvertretungen.

    Über den Tellerrand der Schule hinaus folgt ein Streifzug

    durch verschiedene Bereiche von Beteiligung – etwa Schul-

    Gemeinde-Kooperationen, e-Partizipation oder das Engage-

    ment in Non-Profit-Organisationen.

    Linktipps und Vorschläge für Aktivitäten im Unterricht run-

    den wie immer das Thema ab.

    Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Umsetzung des The-

    mas und freuen uns über Feedback zum Heft.

    Elisabeth Turek für das Team von Zentrum polis elisabeth.turek@politik-lernen.at

    ... offen sein für Neues und Ideen von anderen, aber trotzdem nicht

    zu faul sein, um nachzudenken und auch eigene Ideen einzubringen.

    ... die eigenen Interessen zu vertre- ten, sich mit anderen auszutauschen und auch deren Meinung zu akzep- tieren sowie neue Sichtweisen und Blickwinkel kennen zu lernen und gemeinsam an einer Lösung zu arbei- ten, mit der alle gut leben können.

    ... in Diskussionen Ideen und Vorschläge liefern sowie mit Anderen konstruktiv an Lösungsvor- schlägen zu bestimmten Themen arbeiten.

    ... andere zu ermuntern, aufzu- stehen und sich für ihre Rechte

    und Wünsche einzusetzen. … die Möglichkeit haben, mitbestim- men zu dürfen, sich selbst einzubrin- gen und Dinge verändern zu können.

    ... sich aktiv ins politische und

    gesellschaftliche Leben einzubringen.

    2012

    2

    pol is aktuel l

    www.pol i t ik- ler nen.at

    mailto:elisabeth.turek%40politik-lernen.at?subject= http://www.politik-lernen.at

  • 1.1 PartiziPation: ein schillernder begriff mit fragezeichen Der Partizipationsbegriff ist in diesem Heft weit gefasst. Er bezieht sich sowohl auf die politische als auch auf die bürgerInnenschaftliche und soziale Beteiligungspraxis von Kindern und Jugendlichen in schulischen und außer- schulischen Bereichen.

    Partizipation klingt positiv. Es geht schließlich um mit- reden und mitentscheiden – im eigenen Lebensumfeld, in der Gemeinde, im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule oder bei wichtigen gesellschaftspolitischen Angelegenheiten. Der Begriff Partizipation hat seine Wurzeln im lateinischen Wort particeps (= an etwas teil- nehmend) und meint Beteiligung, Teilhabe, Mitwirkung, Mitbestimmung und auch Mitentscheidung. Wie das dann in der Praxis umgesetzt wird, ist recht unterschiedlich. Für die einen bedeutet Beteiligung, sich freiwillig für eine Sache zu engagieren (im Gemeinwesen, in BürgerInnen- beteiligungsverfahren, bei Interessenvertretungen, Par- teien oder in Initiativen der Zivilgesellschaft), für andere, alle paar Jahre zu wählen und in der Zwischenzeit der Demokratie „zuzuschauen“.

    Dass funktionierende Demokratien von der Beteiligung der Bevölkerung leben und auf ihre politische und sozi- ale Partizipation angewiesen sind, ist nichts Neues und wird vielleicht mit einem Gähnen abgenickt. Ja, schon, denken viele, aber davon ist immer weniger zu merken und das politische Geschehen lässt sie daran zweifeln, ob ihre Beteiligung auch wirklich etwas verändern kann. Sie argumentieren, dass Demokratien durch den globa- len Finanzkapitalismus, die Wirtschaftskrise und den Vertrauensverlust in politische Institutionen (Stich- wort: Korruption) ausgehöhlt werden oder wurden (vgl. Colin Crouch, Postdemokratie, siehe Literaturtipps). Wie viel Spielraum gibt es für „Mitentscheidung“, wenn Ent- scheidungen in globalen Zusammenhängen zusehends undurchschaubar werden und sich erfahrbaren Mitwir- kungsmöglichkeiten entziehen?

    Es gibt zahlreiche Gründe für (berechtige) Skepsis ange- sichts der Krisen repräsentativer Demokratien. Die zen- tralen Fragen, die bleiben, sind: Was sind die Alterna- tiven, welche Modelle und Ideen eröffnen Perspektiven für eine „Demokratie von unten“, für eine partizipative, inklusive Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft?

    Eine wachsende Zahl von AutorInnen und Initiativen ver- sucht, darauf Antworten zu finden. Der Historiker Paul Ginsborg sieht z.B. gerade die kontinuierliche Partizipa-

    tion der BürgerInnen als unbedingte Voraussetzung dafür an, die Qualität der Repräsentation sicherzustellen und zu kontrollieren, aber auch diese zu stimulieren.

    Partizipation braucht einerseits das Engagement von Menschen, auf der anderen Seite das Teilen von Verant- wortung und das Abgeben von Macht. Genau in diesem Spannungsfeld findet Partizipation statt – egal ob es sich um Familie, Schule oder Betrieb handelt. Das Poten- zial einer aktiven Praxis von Demokratie endet nicht bei Wahlen, Volksabstimmungen oder Volksbefragungen. Es betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen und poli- tischen Lebens. Im Kern geht es darum, was aktive Bür- gerInnenschaft ausmacht: die Erfahrung und Einstellung des Individuums, dass es selbstwirksam ist und durch ver- antwortliche Beteiligung Veränderungen erreichen kann, die Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft haben. Oder einfacher gesagt: das Vertrauen auf das persönliche und gesellschaftspolitische Veränderungspotenzial.

    Partizipation ist ein Erfahrungsprozess, in dem für alle Beteiligten viel zu lernen ist. Unter anderem auch des- wegen, weil man vielleicht etwas riskiert, indem man die eigenen Ideen und Einstellungen zu erkennen gibt. Und zweitens, weil es um das Aushandeln unterschied- licher Interessen, Sichtweisen und Bedürfnisse geht – was manchmal anstrengend ist. Hier gilt bekanntlich: Partizipieren lernt man durch Partizipation. Die Kompe- tenzen, die sich dabei langfristig entwickeln (können) – kommunizieren, Meinung vertreten und argumentieren, Eigeninitiative und kreatives Potenzial entwickeln usw. – spielen in der Politischen Bildung ebenso wie in der Bildung für nachhaltige Entwicklung und im Rahmen der Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen (siehe www.bmukk.gv.at/medienpool/17454/Schlüsselkompe tenzen.pdf) eine zentrale Rolle.

    Das Verständnis von Partizipation hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewandelt. War sie bis in die 1970er-Jahre hinein in erster Linie auf formelle politische Instrumente und Handlungen bezogen, durch die BürgerInnen Ein- fluss auf politische Entscheidungen und Macht nehmen konnten (z.B. durch das Wahlrecht), weitete sich die Bedeutung allmählich auf ganz unterschiedliche Lebens- zusammenhänge aus. Es ging immer mehr um die Frage, wie das Gestaltungsprinzip Demokratie auf allen gesell- schaftlichen Ebenen verwirklicht werden konnte – als Weg zu mehr Gerechtigkeit in Institutionen, Arbeitswelt und Verwaltung. Emanzipatorische Lernprozesse der „Ermächtigung“ und „Selbstermächtigung“ („Empower- ment“) jener sozialen Gruppen, die bislang von Mitbe-

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