Vegetative Störungen bei chronischem Parkinsonismus

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    22-Aug-2016

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  • Vegetative St~rungen bei chronisehem Parkinsonismus.

    Von Gabriel Langfeldt, Bergen (Norwegen).

    Es ist eine wohlbekannte und oft behandelte Tatsaehe, dal~ man bei dem chronischen Parkinsonismus, der sieh nach Hirngrippe oder anderen Infektionskrankheiten entwickelt, eine Mehrheit von Symptomen, wie Speiehelflu[~, feuchte und 51ige Haut, kontrahierte Pupillen, niedrigen Blutdruck usw., vorfindet, die nur als Resultate einer StSrung der zen- tralen Regulierung verschiedener visceralen Centra im HShlengrau erkl/~rt werden k6nnen. W/thrend einer Studienreise im Herbst 1926 hatte ich auf Friedrichsbergs Krankenhaus Gelegenheit, eine typische Sammlung von F/~llen chronischer Parkinsonismen zu untersuchen, und benutzte diese Gelegenheit gern dazu, die Werte der sog. vegetativen Funktionspriifungen fiir Entdeckung central bedingter StSrungen der vegetativen Regulierung zu priifen. Die esultate dieser Untersuchun- gen sind friiher nur rein summarisch in Beantwortung einer gr61~eren Preisaufgabe benutzt worden, und da einzelne neue Beobachtungen eine n/~here Besprechung verdienen, benutze ich gerne diese Gelegen- heit, eine zusammenfassende Darstellung meiner Untersuehungen zu geben.

    16 F/~lle yon chronischem Parkinsonismus wurden naeh Seponierung aller medikamentellen Behandlung zun~chst klinisch untersucht mit besonderer Beriieksichtigung der Verh~ltnisse des vegetativen Nerven- systems. Puls, Temperatur, Blutdruck, Abftihrung, Diurese wurden t/~glich w/~hrend der Bettlage notiert. Ebenso die Verh/~ltnisse des Tre- mors, der Pupillen und der sog. physikahsehen Funktionspriifungen (Aschner, Mannkopf, Ciliospinalreflex, respiratorische Arrhy-thmie, Der- mographismus). Die Glykosetoleranz wurde durch Belastungsprobe und Blutzuckerbestimmung festgelegt, und endlieh wurden die phar- makologischen Funktionspriifungen durch intravengse Injektionen yon Atropin, Pilocarpin und Adrenahn ausgefiihrt. Der Verf. hat n/imlich dureh zahlreiche vergleichende Untersuchungen 1 zwisehen intravenSsen und subcutanen Priifungen gezeigt, dab als wissensehaftlich einwandfreie Methode hSehstens die intraven6se in Betracht kommt.

    Die Resultate der klinischen Untersuchung Sind schnell erw/~hnt. Die am meisten ins Auge falIende StSrung war diejenige der Talg-

    1 Med. Rev. (norw.) Dezember 1928.

  • 266 G. Langfeldt:

    sekretion, die in 8 F~llen solchen Grad erreicht hatte, dab sie Ms ,,Salben- gesicht" zu bezeichnen war. Obwohl vegetative Nerven fiir die Talg- drfisen nicht entdeckt worden sind, daft man wohl diese St6rung als Ausdruck einer centralen Hyperirritabilitat gewisser Centra auffassen.

    STeichel]lu fi kam in 8 F~llen vor. Dabei ist als interessant die Tat- sache hervorzuheben, die fffiher nicht beschrieben worden ist, ngmlich, dab dieser Speichelflul3 nach den (hartn~ckig festgehaltenen) Angaben der Patienten in 4 der Falle nur halbseitig, und zwar in 3 derselben rechts- seitig, in dem 4. Falle linksseitig, auftrat. In den anderen 4 Fallen wurde der Speichelflul3 als doppelseitig angegeben. Dasselbe wieder- holte sich genau so wahrend der intravenSsen Pilocarpinprobe, indem eben in denselben 4 Fallen die Speichelsekretion nur einseitig und auf derselben Seite wie im klinischen Zustand erschien. Wenn ich hier hin- zuffige, dab der sympathische Ciliospinalreflex in mehreren der Fi~lle nur einseitig erschien, und zwar in den oben genannten 4 F~llen nur auf derselben Seite positiv war, wo die Patienten eine Vermehrung des Spei- chelflusses angegeben hatten, so meine ich, hier zum ersten Male unzwei- felhaft klinische Zeichen halbseitiger StSrungen der sympathischen Innervation bei chronischem Parkinsonismus entdeckt zu haben.

    Von anderen ldinischen Symptomen ist der Tremor zu erw~hnen, der wohl als Ausdruck einer StSrung der Centra im Zwischenhirn, die eine Hemmung der yore Kleinhirn ausgehenden Impulse ausiiben, auf- zufassen ist. Diese Symptome waren bei s~mtlichen Fallen konstant vorzufinden.

    Von iibrigen klinischen Beobachtungen ist zu erwi~hnen, dal3 der Blutdruck durchschnittlich niedrig war. So schwankte er in 6 der F/~lle zwischen 75 und 100 mm Hg (systolisch), in 3 der Fglle zwischen 100 bis 110, in 4 Fallen zwischen 110--130, und nur in 1 Falle zeigte sich ein Blutdruck yon fiber 140 mm Hg. Von den 6 F~llen mit Blutdruck zwischen 75 und 100 waren 3 der Patienten im Alter yon 44--70 Jahren, so dab man jedenfalls hier yon einem pathologiseh niedrigen Blutdruck sprechen kann. Es ist ganz interessant, dab zahlreiche Katatonien der Dem.-praecox-Gruppe, speziell des sog. parkinsonoiden Typus, die ich untersucht habe, dasselbe Symptom darbieten.

    Die Untersuchungen der Glykosentoleranz ergaben in s~mtlichen F~llen normale Verh~ltnisse, indem alle Patienten auf leerem Magen einen normalen Blutzucker darbieten, der naeh Belastungsprobe mit 40 g Traubenzucker in 400 g Wasser naeh m~13iger Steigerung binnen 2 Stunden wieder zur Norm zurfickkehrte.

    Die Resultate der physikalischen und pharmakologischen Funktions- proben gehen aus der Tabelle hervor.

    In bezug auf die Methodik bei den intravenSsen Injektionen soll erlautert werden, dab der Patient immer eine ganze Stunde vor der Probe

  • Vegetative StSrungen bei chronischem Parkinsonismus. 267

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  • 268 G. Langfeldt: Vegetative St6rungen bei chronischem Parkinsonismus.

    ruhig im Bette lag. Immer sind ffir alle Injektionen Kaniilen von dem- selben Kaliber (Krupp Nr. 15) benutzt und die Dosen, die zur Anwendung kamen (yon Adrenalin 0,01 mg, von Pilocarpin 7,5 mg und von Atropin 0,75 g), so (in physiologischer Kochsalzl6sung) verdfinnt worden, da2 die Einzeldosen in 1/2 ccm enthalten sind, damit die Fehler, die von der verschiedenen Injektionsschnelligkeit herrfihrten, auf ein Minimum redu- ziert werden konnten.

    Aus der Tabelle ist ohne weitere Erkl/irung leicht ersichtlich, dab die Ausfalle der Reaktionen in den versehiedenen F~llen so verschieden sind, dal~ keiner derselben als f fir chronischen Parkinsonismus eharakte- ristisch bezeichnet werden kann. Die Resultate Mar inescos 1, wonach 90 % aller ehronisehen Parkinsonismen ein Zusammentreffen von positi- veto Asehner-Reflex mit positivem Piloearpinreflex darboten, linden so keine Stfitze in diesen Untersuchungen. Ein solches Zusammentreffen hat in meinen Fallen nur zweimal stattgefunden.

    Wie ersiehtlieh, kann aus dem Ausfalle der verschiedenen Reaktionen keine ausgepr~gte ,,Sympathicotonie" oder ,,Vagotonie" gezeigt werden - - Begriffe, die hoffentlich bald die medizinische Nomenklatur ver- lassen werden. Klinisch gibt es kaum solche Zustande, und wenn es so ware, wiirden die benutzten Proben wegen fehlender Elektivitat nicht genfigen, an ihnen diese Zust~nde zu entdecken:

    Interessan~ an diesen experimenbellen Untersuehungen ist nur das friiher hervorgehobene, h~ufig verschiedene Verhalten des Uilios~inal- reflexes der rechten Seite yon demjenigen der linken Seite und der ein- seitige Speiche]flul~ w~hrend der Pilocarpinprobe, und zwar auf derselben Seite, wo der Ciliospinalreflex positiv war.

    Zusammen]assend kann fiber das Vorkommen vegetativer StSrungen bei ehronischem Parkinsonismus gesagt werden, daI~ das ganze klinische Bild yon solehen StSrungen gepragt wird, und zwar sowohl sympathi- schen als parasympathischen Ursprungs in bunter Misehung. Einzelne Beobachtungen w~hrend dieser Untersuehungen scheinen mit Sicherheit auf halbseitige Uberempfindliehkeit (oder mangelhaften Hemmung) gewisser sympathischer Zentren zu deuten, Tatsachen, die wohl als Aus- druek einer entspreehenden Lokalisation des anatomischen Prozesses im Zwischenhirn anzusehen sind.

    1 Revue neur. 33, Nr 6 (1926).

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