Vegetative Störungen bei der Cyclophrenie

  • Published on
    19-Aug-2016

  • View
    217

  • Download
    5

Embed Size (px)

Transcript

  • (Aus der Psychiatrischen Klinik der Militir-medizinischen Akademie zu Lenin- grad. - - Direktor: Prof. Dr. V. P. Ossipow.)

    Vegetative St@rungen bei der Cyclophrenie. Von

    N. Schewelew.

    (Eingegangen am 15. M~irz 1929.)

    Auf Grund der neuzeitlichen Ergebnisse der Anatomie, der Physiologie und der Klinik daft man folgende SchluBfolgerungen verschiedener Autoren tiber die pharmakodynamischen Wirkungen nachstehend aufgezi~hltcr Substanzen fiir richtig halten. Oliver und Sch~/er fanden, dab das Nebennierenextrakt eine Ver- engerung kleiner Arterien nach sich zieht und die Herzkontraktionen verstirkt. Lewandowsky land, dab das Ncbennierenextrakt eine Kontraktion der glatten Muskulatur des Auges hervorruft, mit anderen Worten: wirkt es ebenso wie der N. sympathicus. Boruttau land cine hemmende Wirkung des Nebennierenextrakts auf die Kontraktion der Eingeweide. Langley land, dab das Extrakt der Neben- nieren eine Sekretion sowohl der Speieheldrfisen als auch anderer Driisen erzeuge. Hier muB man sagen, dab in der Mehrzahl der Untersuehungen die Tatsache als festgestellt gilt, dab die Sekretion der Speicheldrtisen durch die Erregung des parasympathischen Systems ausgcl6st wird, welches durch die Chorda tympani zu ihnen sekretionserregende Impulse entsendet. Man nimmt an, dab in diesen Fi~lten der Speichel dtinnfliissig ist. Bisweilen ist aber der Speichel zahe, klebrig und wird in geringer Menge ausgeschieden. Den Speichel dieser Art hilt man ftir einen sympathischen, d.h. ftir einen, der unter dem EinfluB der Erregung dieses Systems ausgcschieden wird (Miiller, GuiUaume, Langley). Welter findet Langley eine gef~,Bverengernde Wirkung des Extrakts auf die Arterien und sagt, dab die Intensitit der Extraktwirkung der Intensitit der Wirkung des sympa- thischen Ncrvs proportional ist. Biedl, Reiner und Wieschowsky fanden bei Ver- suchen mit Adrenalin, dab dasselbe eine starke Kontraktion der HerzgefiBe er- zeugt. Zu diesem Schlusse kommt auch Wigqers. Auf Venen fibt nach Gunn und Chavass das Adrenalin auch einen verengcrnden EinfluB aus.

    Die Wirkung des Adrenalins auf die Capillaren wurde von vielen Autoren erforscht. Langley land ein BlaBwerden der Eingeweide bei lokaler Anwendung des Adrenalins, das seiner Meinung nach durch die Kontraktion der Capillaren zustandekommt. Protopopow land nach Injektion des Adrenalins cin BlaBwerden der Hirnoberfliche, das er fiir eine Folge der Kontraktion der Capillaren hitlt. Zu denselben SchluBfolgerungen kamen Cotton, Slade und Levis, obgleich ihre Versuchsbedingungen etwas komplizierter waren. Eine endgtiltige Best~tigung der Ansichten fiber die Beziehung des sympathischen Nervs zu den Capillaren linden wir in der grundlegenden Arbeit von Krogh, sowie in den Arbeiten von Hooker, Leriche und Policard. So beobachtete Krogh bei der Reizung des 8., 9.

  • N. Schewelew: Vegetative StSrungen bei der Cyclophrenie. 651

    und 10. sympathischen Ganglions des Grenzstrangs eine Kontraktion der Capil- laren und Arterien der SchwiInmhaut des Frosches. Indem er diese Kontraktionen unter starker Vergr6Berung beobachtete, bemerkte er, daB sie an jenen Stellen beginnen, wo sich die Kerne der Rougetschen Zellen befinden. Krogh l~Bt die Innervation der Raugetschen Zellen dutch einzelne sympathische Fasern zu. Bei der Exspiration der sympathisehen Ganglien beim Frosch beobachtete Krogh eine Erweiterung der Schwimmhautcapillaren. Daraus zieht er den SchluB, dab der Tonus der Capillaren ebenso wie der der Arterien durch das sympathische Nerven- system aufrechterhalten werde. Hooker stellte fest, dab die elektrische Reizung des Halssympathicus eine pr~gnante Kontraktion der Arterien, Capillaren und Venen in der Haut des Katzenohrs erzeugt. Leriche und Policard berichteten fiber die Kontraktion der Capillaren an der Nagelbasis des Menschen bei der mecha- nischen Reizung der sympathischen Fasern, die in der Adventitia der A. brachialis verlaufen.

    Pilocarpin scheint hinsichtlich des Adrenalins antagonistisch zu wirken. (~ber den Unterschied zwischen der Wirkung des Pilocarpins und dem Erregungs- zustand des parasympathischen Nervensystems war schon die Rede, obgleich diese Tatsachen noch durch zahlreiche Beispiele erganzt werden kSnnen. Einige Autoren identifizieren die Wirkung des Pilocarpins mit der des Cholins, das sich normalerweise im K6rper bildet (als Produkt der Lipoidk0rper, die sich in der Rindensubstanz der Nebennieren linden) (Langley, Zondek). Wenn wir das sympa- thische und parasympathische System als Ganzes nehmen, und konsekutiv seine Einwirkung auf die Organe betrachten, finden wir folgendes : das parasympathische Nervensystem wirkt auf die Muskulatur der Iris, ebensowie auf den CiliarkSrper erregend; es erzeugt Tr~nenabsonderung (durch den N. petrosus sup. major), Speichelabsonderung durch die Chorda tympani, erweitert die peripheren Gefi~Be, kontrahiert die Muskulatur der Bronchien und die der SpeiserShre, des Magens und des Darms. Es erregt die Sekretion des Magens, des Pankreas und der Schleim- haut des Diinndarms.

    Das sympathische Nervensystem bewirkt Kontraktion des M. dilatator pupillae, kontrahiert den Miillerschen Muskel. Es erzeugt die Kontraktion der Gefi~Be, der Arterien und Capillaren, laBt die Pilomotoren sich kontrahieren; hemmt die peristaltischen Bewegungen des Magens und des Darms, und wirkt auf die Muskulatur der Bronchien ein. Es iibt einen hemmenden Einflufl auf die Sekretion der Drfisen des Magens und des Darms aus und hemmt die Tatigkeit des Pankreas, indem es die Nebennieren erregt (Miiller, Zondek, Dresel, Guillaume, Langley, Krogh).

    Unaufgekli~rt bleibt die Frage der Ti~tigkeit der SchweiBdrfisen. Keine von den vorhandenen Erklarungen kann als endgiiltig feststehend angenommen werden.

    Die Erkl~trung yon Langley, dab die Zellen der SchweiBdrfisen auf Pilocarpin reagieren, als altere Zellen, die somit die alten Eigenschaften der epidermalen Zellen ererbt haben, bleibt doch nur eine Hypothese, die die Frage nicht endgiiltig 16st. Die Erkl~rung von Meyer, der die zu den SchweiBdrfisen verlaufenden Nerven insgesamt zum parasympathischen System rechnet, hat auch keine Be- st~tigung gefunden. Somit bleibt die Frage offen. Die Neigung zum Sehwitzen pflegt man auf Grund der positiven Reaktion auf Piloearpin als ein Symptom anzusehen, das auf eine gesteigerte Erregbarkeit des parasympathischen Systems hinweist.

    Anscheinend hat das vegetative Nervensystem eine Beziehung auch zum Stoffweehsel. In der Literatur findet sich eine Reihe Hinweise darauf, daI~ das sympathische Nervensystem den Stoffwechsel steigert, indem es die W~rme- produktion erh6ht und die Warmeabgabe herabsetzt. Das parasympathische

  • 652 N. Sehewelew :

    System wirkt auf den Stoffwechsel hemmend, indem es die W~rmeproduktion herabsetzt und die W/~rmeabgabe steigert (Miiller, Dresel, Blum, Eckhard, Claude Bernard).

    Die Beschreibung des klinischen Bildes des manischen und melaneholischen Zustands, die sich - - das 1. mit gesteigertem Stoffwechsel, und das 2. mit dem herabgesetzten - - vergesellschaften, besti~tigt vielleicht diesen Standpunkt (Krae- pelin, Ossipow). Unaufgekl~rt erscheint noch die Frage fiber die Erweiterung der Arterien und Capillaren. In der Beschreibung der neurotischen Zust/~nde wird von verschiedenen Autoren das Vorhandensein der roten Dermographie erw/~hnt. Gewfhnlich spricht man yon der Antwortreaktion der Capillaren auf den Reiz vagotonischen Ursprungs. Der Mechanismus der Erscheinung liiuft auf die Er- weiterung der Capillaren hinaus. Aber daft diese Erweiterung durch das para- sympathische Nervensystem erzeugt werde, kann noch nicht als endgfiltig er- wiesen gelten.

    Die Frage liefle sich vielleicht auf Grund der Arbeiten folgender Autoren be- antworten: Doi hat im Jahre ]920 an dem Versuch mit den Hinterextremitiiten des Froschs gezeigt, dal3 bei der Reizung der hinteren Wurzeln eine Erweiterung der Arterien und Capillaren der Schwimmhaut und der Haut selbst zustande. kommt. Im Jahre 1922 ist das von Krogh, Gerrop und Rehberg best~tigt worden. Doi zeigte auch bei der Kl~rung der Frage der Unabh~tngigkeit der Erweiterung der Capillaren vonder der Arterien, daft das Acetyl-Cholin, ein parasympathisches Gift, eine maximale Erweiterung der Arterien hervorruft. Krogh meint auch, daft der grSl3te Teil der Blutgef~13e und der Capillaren der Haut der Wirbeltiere mit Vasodilatatoren yon den hinteren Wurzeln versorgt werde. Freilich liegen auch Beweise zugunsten der Innervation der Capillaren von den sensiblen Ner- yen vor.

    Langley meint auf Grund der Versuche mit Pilocarpin, dab es eine Erweiterung der Capillaren erzeugt.

    Dixon und Halliburton fanden, dab das Pilocarpin eine Erweiterung der Hirn- gefitl3e nach sich ziehe. Auf Grund der Arbeiten der erwi~hnten Autoren laflt sich anscheinend der folgende Schlul3 ziehen: eine grol3e Anzahl der Capillaren der Extremit~ten, des Rumples und des Kopfes wird mit Vasodilatatoren dureh die Fasern der hinteren Wurzeln versorgt; jedoch 1/~13t sich die MSgliehkeit der teil- weisen Innervation von dem sensiblen System aus nicht ausschlieflen. Vielleicht daft man die Vasodilatatoren, die durch die Fasern der Hinterwurzeln passieren, auf Grund der Ergebnisse der Versuche von Doi, Langley, Dixon und Halliburton zu dem parasympathisehen System rechnen. So kann man vom Standpunkt der neuzeitliehen Ergebnisse der Lehre vom vegetativen Nervensystem, die sich auf die Errungenschaften der Anatomie und Physiologie grtinden, in dieser oder jener Weise wenigstens einen Teil der in der Klinik beobachteten Stfrungen deuten.

    Wenn wit die Arbeiten alter Autoren durchsehen, sehen wir, dab StSrungen der T~tigkeit des vegetativen ~ervensysterrts auch von ihnen vermerkt worden sind, was ein iibriger Beweis ffir das Vorhandensein der erw~hnten StSrungen in der Pathologie ist. So vermerkt Beauchesne Ende des 18. Jahrhunderts (1783), indem er die Zeichen der hypochondrischen Zustiinde beschreibt, eine Reihe von ausgepr/~gten vegetativen StSrungen, die sowohl auf die Affektion des Sympathicus als aueh des Vagus hinweisen.

    Brachet, der in der 1. H/~lfte des 19. Jahrhunderts Zust/~nde beschreibt, die dazumal unter dem Namen ,,Vapeurs" bekannt waren, vermerkt hier auch die Anwesenheit vegetativer StSrungen sowohl yon seiten des sympathischen als auch des parasympathisehen Systems; yon Interesse ist darauf hinzuweisen, daft dieser Verfasser versuchte, die in Rede stehenden Zust/~nde einerseits als Erregung,

  • Vegetative StSrungen bei der Cyclophrenie. 653

    andererseits als Hemmung zu deuten. So vermerkte er bei erregtem Zustande Tachykardie und bei dem gehemmten im Gegenteil Bradykardie.

    Bichet betonte in seiner allgemeinen Anatomie auch auf den Zusammenhang zwisehen der Melancholie, Hysterie, Hypochondrie und der Systemaffektion der Nervenganglien, die zu dem sympathischen System gehSren. Noch vor ihm wies Whyt im Jahre 1767 auf die Affektion des sympathischen Systems als auf die Ursache der Neurosen hin. Anfang des 19. Jahrhunderts beschreibt Girard eine Reihe von NervenstSrungen, die er mit einer Affektion des N. vagus in Zusammen- hang setzt. Rosenbach beschrieb im Jahre 1879 einen Symptomenkomplex krank- halter Erscheinungen, der aus Funktionsst5rungen der Lungen, des Herzens und des Magens besteht, und brachte ihn ebenfalls mit einer Affektion des Vagus in Zusammenhang. Weiter scheidet im Jahre 1891 von Noorden auf Grund seiner Beobachtungen an hysterischen Frauen und M~dchen eine hysterische Neurose des N. vagus aus. 17 Jahre sp~ter erscheint die Arbeit von Zuelzer, in der Be- obachtungen an 26 Kranken mit chronischer Neurose des N. vagus beschrieben werden. Die Beschreibung dieses Symptomenk0mplexes krankhafter Erschei- nungen fMlt mit der Beschreibung der St5rungen des Systems des N. vagus von Eppinger und Hess zusammen. Nach dem Erscheinen der Arbeit der Wiener Autoren fiber die Pathologie des N. vagus, sehen wit eine Reihe von Arbeiten, die der Erforschung des Zustandes des vegetativen Nervensystems bei verschiedenen Nerven- und Geisteserkrankungen gewidmet sind. Ieh verweise auf die Beobach- tungen yon Guillaume bei Psychoneurosen. Er land, daft die Perioden der De- pression und Apathie mit dem Zustand der Vagotonie zusammenfallen. Umgekehrt fMlt der Zustand der starken Hirnerregung mit dem Zustand der Sympathicotonie zusammen; er erw~hnt vegetative StSrungen bei der Cyclothymie. Tinel und Santenoise fanden, dab das Auftreten des Anfalls der Erregung und der Depression bei der manisch-depressiven Psychose mit dem Zustand der Vagotonie zusammen- f~llt. Umgekehrt wird das AufhSren des Anfalls dureh einen Ubergang zur Hypo- vagotonie oder zur Sympathicotonie gekennzeichnet. Santenoise und Aleby fanden auch zwisehen dem Zustand der Vagotonie und der Depression der Melaneholiker eine bestimmte, Abh~ngigkeit; die Besserung des Zustandes f~llt mit dem ~ber- gang zur Sympathicotonie zusammen.

    Protopopow land ebenfalls bei der Cyclophrenie eine Reihe vegetativer StS- rungen. Er beobachtete im Laufe sowohl der manischen als auch der depressiven Phase StSrungen, die auf eine Steigerung der Erregbarkeit des sympathischen Systems hinweisen. Die genannten StSrungen sind von ihm zu einem Syndrom vereinigt, das aus Tachykardie, erweiterten Pupillen, Stuhlverhaltung, Menstrua- tionsstSrungen und KSrpergewiehtverlust besteht; das Syndrom ist pri~gnanter in der melancholischen Phase ausgepr~gt. Der Gewichtsverlust ist in der letzteren aueh mehr ausgesprochen als in der manischen. Ossipow weist in seiner speziellen Lehre yon den Geisteskrankheiten in dem Kapitel Cyclophrenie auf eine Reihe yon StSrungen aus dem Gebiete des vegetativen Nervensystems bin; Verfasser setzt die erw~hnten StSrungen einerseits mit der manischen Phase der Erkrankung, andrerseits mit der melancholischen in Beziehung, was yon grol3em Interesse ist als ein bestimmtes Verhalten vegetativer StSrungen zu einem bestimmten psycho- pathologischen Zustande. So erweisen sich fiir die manische Phase am best~ndig- sten: SchlafstSrungen, Appetitzunahme, Gewichtsverlust in ausgesprochenen Fallen; Beschleunigung der Herzt~tigkeit; Steigerung der Erregbarkeit des Herz- gef~13systems; Herabsetzung des Blutdrucks; Beschleunigung des Atmungs- rhythmus, Temperatursteigerung, Zunahme der Speiehel- und Schweiflabsonderung, Verhaltung der Darmentleerung. Interessante Angaben werden fiber die Funktion der Harnabsonderung angeffihrt: eine Zunahme der Harntagesmenge bis zur

  • 654 N. Sehewelew :

    Polyurie; die Menge des Stiekstoffs und der Phosphate ist vergr6flert; oft finder man Albumose und Indican.

    Fiir die melancholische Phase erweisen sich am bezeichnendsten: die StSrung der Sehlaffunktion, die Besehleunigung der Herzt~tigkeit, Blutdrucksteigerung, Bliisse der Hautdecken, Cyanose und Kiilte der Extremit/tten, Obstipation, Ge- wichtsverlust, StSrungen der Menstruation, Sinken der KSrpertemperatur, Zu- nahme der Magenacidit~t im Gegensatz zu ihrer Abnahme beim manischen Zu- stande, Ver~nderung der Harnabsonderung, Abnahme der Menge, St...

Recommended

View more >