Geistige Fitness fürs Leben

Embed Size (px)

DESCRIPTION

Mit 70 noch Student? Kein ungewöhnliches Bild mehr an deutschen Unis. Immer mehr ältere Menschen zieht es an die Hochschulen. Sie sehen darin eine Bereicherung für Geist und Seele. Wir sprachen mit einem von ihnen über das Studieren im Alter.

Text of Geistige Fitness fürs Leben

  • 4 Dossier: lter werden - time is ticking Juli 2012

    Geistige Fitness frs LebenMit 70 noch Student? Kein ungewhnliches Bild mehr an deutschen Unis. Immer mehr ltere Menschen zieht es an die Hoch-schulen. Sie sehen darin eine Bereicherung fr Geist und Seele. Wir sprachen mit einem von ihnen ber das Studieren im Alter.

    S t U D I e r e n I M A Lt e r

    Von Ofelia Harms

    A einem heien Sommertag steht Johannes Becker vor dem rednerpult. Vor sich sieht der 43-jhrige Professor fr Finanzwis-senschaft fast nur graue Haare. Der Hrsaal der Westflischen Wilhelms-Universitt (WWU) Mnster ist voll von Menschen, die das bliche Studentenalter lngst berschrit-ten haben. Zusammen mit jungen Studierenden sitzen die pensioni-erten Lehrer, Ingenieure oder rzte und bringen ihre erfahrungen in die Lehrveranstaltung ein. Als Gasthr-er interessieren sie sich aber nicht nur fr Wirtschaftswissenschaften, sondern auch fr Geschichte, Phi-losophie, theologie und Sprachen.Seit Jahren steigt in der Bundesrepu-blik die Zahl der sogenannten Seni-orenstudenten. Im Wintersemester 2011/2012 haben sich insgesamt 38.600 ltere Gasthrer an deut-schen Hochschulen weitergebildet, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen. In Mnster sind es etwa 2.000, die ber 200 Veranstaltungen pro Semester be-suchen.

    In der Aula am Aasee in Mnster steht an diesem tag die ringvorle-sung Die europische Schuldenkri-se auf dem Programm. Unter den aufmerksamen Zuhrern befindet sich der 60-jhrige Weert Zell. Der gro gebaute pensionierte Bauinge-nieur mit den kurzen grauen Haaren besucht hier regelmig Lehrveran-staltungen seit seinem eintritt in den Vorruhestand im April vergangenen Jahres. Der Grund: nach meiner aufreibenden beruflichen ttigkeit wollte ich in kein leeres Loch fallen und beschloss, die Zeit mit einem Studium sinnvoll zu fllen. Mit sei-ner Motivation steht Zell keines-wegs alleine da. Laut einer Umfrage der WWU-Mnster studieren die meisten Senioren, um geistig fit zu bleiben, ihre Allgemeinbildung zu erweitern, sich fundiertes Wissen anzueignen und auf diese Weise die Zeit nach Familien- und erwerbsar-beit sinnvoll zu nutzen.

    Zell selbst belegt eine breite Palette von Fchern pro Semester. Von Der Geschichte des Christentums, ber

    Die entwicklung der Menschheit in europa bis hin zu Moralentwick-lung und Bildung, der zweifache Familienvater aus Haltern am See will sich mglichst umfassend wei-terbilden und verbringt dafr bis zu 25 Stunden die Woche an der Uni-versitt. es sind themen die mich persnlich interessieren und in mei-nem Alltag weiterbringen, sagt der 60-Jhrige. Beispielsweise belegte er das Fach Gesellschaft und Lan-deskunde Chinas, weil sein ltester Sohn in diesem Jahr eine Chinesin heiratet.

    Der promovierte Bauingenieur en-gagiert sich zudem ehrenamtlich als Berater der Stiftung Partner fr Schulen nrW. Dort betreut er als Senior-experte Schulleiter bei den unterschiedlichsten Aufgaben. Ich finde man soll der Gesellschaft et-was zurckgeben und deshalb setze ich mich ehrenamtlich fr Schulen ein. Durch das Studium bekommt er seinen Worten zufolge die Gele-genheit, sich grndlicher auf seine Beratungsgesprche vorzubereiten. Als besonders hilfreich erweisen sich demnach die erlernten Kompeten-zen aus dem Bereich der erziehungs- und Sozialwissenschaften. Doch es gibt auch andere Grnde fr seine Lernbegeisterung. Da Zell als jun-ger Mann ein technisches Fach stu-

    dierte, wollte er sich den Bereichen widmen, wo er die meisten Wissens-lcken hatte, nmlich den Geistes- und Sozialwissenschaften.

    Veronika Jttemann, wissenschaft-liche Mitarbeiterin des Programms Studium im Alter an der WWU, erlutert, dass die Lernmotivation Zells von vielen anderen Senioren-studenten geteilt wird. Demnach gilt das Studium im hheren Alter fr viele nicht mehr der Berufsvorbe-reitung, sondern allein der persn-lichen Weiterbildung, sagt die expertin. Die Studierenden ha-ben somit die Mg-lichkeit, sich mit den Fchern auseinander-zusetzen, die sie in jungen Jahren aus konomischen erwgungen heraus nicht gewhlt hatten. Darber hinaus seien geis-tes- und sozialwissenschaftliche Veranstaltungen fr Laien leichter zugnglich als naturwissenschaftli-che Vorlesungen, die von den teil-nehmern ein hohes Ma an speziel-len Vorkenntnissen erfordern, erklrt Jttemann.

    Sorgen um Studienpltze aufgrund der wachsenden Zahl an Senioren-studenten brauchen sich jngere Kommilitonen nach Ansicht Jtte-

    manns nicht machen. Im Vorfeld eines jeden Semesters schreiben wir die Dozenten an und fragen, ob sie ihre Veranstaltungen fr teilnehmer des Studiums im Alter ffnen. nur wenn die Dozenten denken, dass die Veranstaltung thematisch geeignet sei, der raum gro genug sei und den jngeren Studierenden kein Platz weggenommen werde, werde die Veranstaltung fr die lteren ge-ffnet und erscheint in einem eige-nen Vorlesungsverzeichnis, erlutert sie.

    Fr Zell ist es gerade dieser Umgang mit den unterschiedlichs-ten Menschen, was ihn am Studentenleben am meisten reizt. Ich betrachte mich als ei-

    nen sozialen Menschen und wrde mich nicht sehr wohl als eremit in der Wste fhlen, betont er. An der Universitt habe man die Chance, sowohl mit jngeren als auch mit l-teren Menschen zusammenzukom-men, was ihm groen Spa bereite. Von den jngeren Studenten werde er manchmal im Unterricht um rat gefragt: es ist eine Mischung aus Bewunderung und Verwunderung, sagt der 60-Jhrige. einerseits erhal-te er Lob dafr, dass er trotz seines Alters noch die Universittsbank drcke, anderseits bekomme er hu-

    fig Fragen zu hren, wie: Wollen Sie nicht lieber im Garten Sitzen?Das Studium scheint sich aber auch positiv auf Zells soziales Umfeld auszuwirken. Wenn bei einem Ge-sprch unter Freunden die themen abflachen greife ich auf universitre Aspekte zurck, die meine Freunde hren wollen und die Diskussion be-reichern. Auch seine Familie unter-sttzt seinen Wissensdrang: Meine Frau hatte nach meinem Ausschei-den aus dem Berufsleben die Sorge, dass ich zuhause viel Unordnung machen wrde. Mit der Aufnahme des Studiums sei dies aber ideal gelst worden, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht.

    Zwar fhlt sich der 60-Jhrige voll integriert in den Studentenalltag. Doch zugleich stellt er auch groe Unterschiede zu seinem frheren Studium fest. Heutzutage gibt es eine relativ hohe Arbeitsbelastung fr die Studenten. Dies sei dadurch bedingt, dass einerseits immer mehr Stoff in weniger Zeit vermittelt wer-de und dass der Arbeitsmarkt immer schnellere Abschlsse erwarte.

    Schwierigkeiten beim Lernen habe Zell auch mit 60 Jahren nicht: Da ich mich whrend meiner gesam-ten beruflichen Laufbahn habe wei-terbilden mssen, fllt es mir nicht besonders schwer dem Vorlesung zu folgen, sagt der ehemalige Logistik-Leiter des Chemieparks Marl. Vor allem sei er nun in der Lage. wich-tige von weniger wichtigen Inhal-ten zu unterscheiden. Das Gleiche gelte allerdings nicht fr all seine Kommilitonen: Vor allem ehema-lige Hausfrauen mssen sich stark konzentrieren, um dem Unterricht folgen zu knnen, sagt Zell, der aber davon berzeugt ist, man knne die-se Konzentrationsschwierigkeiten bereits nach wenigen Semestern an der Uni berwinden. Sich an der Universitt weiterbilden mchte Zell bis zu seinem 75. Geburtstag: Dann will ich mich voll und ganz meinen knftigen enkelkindern widmen, die sicherlich viel Zeit von ihrem Opa in Anspruch nehmen werden.

    rund 40.000 Senioren besuchen Hochschulen in Deutschland

    Wollen Sie nicht lieber im Garten

    sitzen?

    FOtO

    : OFe

    LIA

    HA

    rMS

    Fr den 60-jhrigen Weert Zell stellt das Studium im Alter eine Bereicherung dar

    Ich wollte in kein

    leeres Loch fallen

    Jeder der Interesse hat, kann als Gasthrer ein Studium im Alter aufnehmen, unabhngig vom Schulabschluss. Deutschland-weit sind rund 40.000 Gasthrer an Hochschulen angemeldet. Davon gehren 49 Prozent der Generation 60 plus an. Wh-rend die Gesamtzahl der Gast-hrer in den letzten zehn Jahren um ein Prozent gesunken ist, hat die Zahl der ber 60-jhrigen um 25 Prozent zugenommen. Das Durchschnittsalter der Gasth-rer ist seit dem Wintersemester 2000/2001 von 49 auf 52 Jahre gestiegen. Zwei Drittel der Se-

    niorenstudierenden sind weib-lich. Die Semestergebhr fr ein Gaststudium in Deutschland liegt im Durchschnitt bei 100 euro.

    Die Kurse fr ltere Studierende sind in der regel in einem eige-nen Universitts-Verzeichnis zu finden. Durchschnittlich besu-chen Senioren zwei Veranstal-tungen pro Woche. Mit 4.900 Gasthrern war Geschichte im vergangenen Wintersemester das beliebteste Studienfach, gefolgt von Wirtschaftswissen-schaften (4.500) und Philoso-

    phie (3.600). Als Gasthrer mssen sich die lteren Studie-renden in der regel nicht fr ein Fach entscheiden, sondern knnen Veranstaltungen aus verschiedensten Fachbereichen besuchen. Zwar ist in diesem Falle keine Abschlussprfung mglich, dennoch gestattet das Gaststudium eine wissenschaft-liche Weiterbildung.

    Personen, die lter als 50 Jahre alt sind und ein regulres Studi-um verfolgen, gibt es auch. Fr sie gelten aber die gleichen Stu-dienanforderungen und -voraus-

    setzungen wie fr alle anderen regulren Studierenden. An der WWU Mnster betrug ihre Zahl im vergangenen Wintersemester 623 Personen, davon waren 429 zwischen 50 und 60 Jahre alt.

    Ordentlich immatrikuliert waren im Wintersemester 2010/2011 insgesamt 2,21 Millionen Stu-dierende. Davon waren lediglich 0,2 Prozent ber 60 Jahre alt. Im Vergleich zu der groen Zahl der ordentlich immatrikulierten Stu-dierenden machen Gasthrerin-nen und -hrer nur knapp zwei Prozent aus.

    FOtO

    : OFe

    LIA

    HA

    rMS

    Mit 75 ist Schluss mit Lernen

    W e I t e r F H r e n D e I n F O S U n t e r :U n I - M U e n S t e r . D e / S t U D I U M - I M - A Lt e r /I n D e x . H t M L