Kommunistische und nationalsozialistische Weltanschauung ... Kommunistische und nationalsozialistische

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  • Kommunistische und nationalsozialistischeWeltanschauung Strukturelle Parallelenund inhaltliche Unterschiede

    Lothar Fritze

    Totalitarismus und Demokratie, 2 (2005), 101152, ISSN 16129008 Vandenhoeck & Ruprecht 2005

    Dr. Lothar Fritze,geb. 1954 in Karl-Marx-Stadt (Chem-nitz). Privat-Dozentan der TU Chem-nitz, Wissenschaftli-cher Mitarbeiteram Hannah-Arendt-Institut fr Totalita-rismusforschung ander TechnischenUniversitt Dres-den (Anschrift:D-01062 Dresden).1978 Diplom in Be-

    triebswirtschaft (Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt), 1988 Promotion in Philosophie(Humboldt-Universitt zu Berlin), 1998 Habili-tation in Politikwissenschaft (TU Chemnitz).

    Abstract

    Despite their differences in content, theCommunist and National Socialist Weltan-schauungen were suitable for serving as theruling ideologies for totalitarian dictatorships.They proved to be especially appropriate forlegitimating a political behavior, which clai-med many victims. Without showing the false-hood and dubious nature of these systems ofideas, their inherent potential for justificationis highlighted. It shows, that both systems ofideas hold considerable similarities concern-ing their structure and elements, as well as intheir basic concepts.

    I. Problemstellung

    Der offenkundige Verbrechenscharakter sowohl des sowjetkommunistischen alsauch des nationalsozialistischen Regimes sowie die nahezu einhellige morali-sche chtung, die beide mittlerweile erfahren, stehen in aufflligem Kontrast zuihrer einstigen Verfhrungskraft und dem guten Gewissen, das fr viele ihrerProtagonisten kennzeichnend war. Dieses Phnomen erscheint in hohem Maeerklrungsbedrftig.

    Nimmt man die beiden totalitren Bewegungen, die das 20. Jahrhundertprgten, in den Blick, so fallen mindestens sechs Tatsachen auf. Erstens: Diekommunistisch-bolschewistische Bewegung entfaltete ebenso wie die national-sozialistische eine betrchtliche geistige und emotionale Anziehungskraft. Zwei-tens: Beiden Bewegungen gelang es, sich als Weltanschauungsdiktaturen staat-lich zu etablieren. Drittens: Beide Ideologiestaaten sind fr Massenverbrechenverantwortlich. Viertens: Beide Bewegungen sttzten sich auf berzeugungssys-teme, die geeignet waren, eminent opfertrchtige Vorgehensweisen scheinbarzu rechtfertigen. Fnftens: Beide Diktaturen rekrutierten nicht nur Sympathi-santen und Anhnger, sondern auch Massen von Aktivisten, die sich in den

  • Dienst der Fhrungseliten stellten. Sechstens: In beiden Systemen waren auf al-len Ebenen der Herrschaftsausbung Menschen beteiligt, die in dem Bewusst-sein handelten, einer menschheitsgeschichtlich bedeutenden und moralischhchst ehrenwerten Sache zu dienen.

    Die erste, vierte und sechste Tatsache legen die Vermutung nahe, dass einSchlssel fr das Verstndnis des Denkens und Handelns der Akteure in den je-weiligen Systemideologien zu suchen ist. Wenn Menschen im Glauben, Guteszu tun, Verbrechen begehen, dann stellt sich die Frage nach der Qualitt dermenschlichen Orientierungssysteme. Das Phnomen des Tters-mit-gutem-Ge-wissen irritiert, weil es unseren Glauben an die Menschlichkeit und die Ver-nunft erschttert.

    Im Folgenden soll nun weder versucht werden, die Weltanschauungen desKommunismus und Nationalsozialismus in ihrer Gnze darzustellen, noch de-ren ideengeschichtlichen Wurzeln blozulegen. Vielmehr geht es um ein Ver-stndnis dieser Denkgebude als Quelle der Inspiration fr ein zumindest imErgebnis verbrecherisches Handeln. Dazu ist es nicht notwendig zu entschei-den, in welchem Mae eine systematische Umsetzung der weltanschaulichenZiele jeweils gelungen ist. Das Hauptaugenmerk liegt auf den strukturellen Pa-rallelen beider Weltanschauungen. Die Verdeutlichung dieser Art von Gemein-samkeiten soll die Frage klren helfen, wie beide Ideensysteme trotz ihrer inhalt-lichen Unterschiede sich als Herrschaftsideologien totalitrer Diktaturentauglich erweisen konnten.

    blicherweise konzentrieren sich Totalitarismustheorien auf bereinstim-mungen in den Herrschaftssystemen sowie auf hnlichkeiten zwischen denHerrschaftstechniken, whrend vornehmlich auf Unterschiede bezglich derverschiedenen Herrschaftsideologien hingewiesen wird. Dass hingegen diekommunistische und die nationalsozialistische Weltanschauung tatschlich aucheine Reihe formaler hnlichkeiten aufweisen, scheint bisher kaum in den Blickgeraten zu sein.1

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    1 Siehe jedoch neben den Arbeiten von Ernst Nolte Hannah Arendt, Elemente undUrsprnge totaler Herrschaft. Antisemitismus Imperialismus Totale Herrschaft,Mnchen/Zrich 1991; Friedrich A. Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, Mnchen2003; Hermann Lbbe, Politischer Moralismus. Der Triumph der Gesinnung ber dieUrteilskraft, Berlin (West) 1987; Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Fein-de, 2 Bde., Tbingen 1992. Weiterfhrende Literatur siehe in dem Forschungsaufrissvon Uwe Backes, Totalitres Denken Konzeptgeschichte, Merkmale und herr-schaftspraktische Wirkungen. In: Religion Staat Gesellschaft, 4 (2003) 1, S. 4156; vgl. auch Barbara Zehnpfennig, Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, Mn-chen 2000, sowie Lothar Fritze, Verfhrung und Anpassung. Zur Logik der Weltan-schauungsdiktatur, Berlin 2004.

  • II. Die Systemideologien und ihr Vergleich

    Der Versuch, das Denken und Handeln von Kommunisten und Nationalsozialis-ten auch wenngleich nicht nur aus den jeweiligen Ideologien2 heraus zu ver-stehen, stt auf eine Schwierigkeit, die dieses Unterfangen als fragwrdig odergar abwegig erscheinen lsst. Beide Ideologien ich bezeichne sie, weil sie inden jeweiligen Herrschaftssystemen verbindlich waren, auch als Systemideolo-gien sind in ihren inhaltlichen Aussagen, seien sie geschichtsphilosophischer,gesellschaftstheoretischer oder ethischer Art, kontrovers; sie sind in ihrer mate-rialen Substanz so unterschiedlich, wie sie unterschiedlicher kaum sein knn-ten; ja sie verkrpern geradezu weltanschauliche Antipoden und doch sollensie, funktional betrachtet, dasselbe oder zumindest hnliches leisten! Beide sol-len groe Menschenmassen begeistern und Intellektuelle berreden, und siesollen das geistige Rstzeug bieten, ein eingreifendes Handeln, das auch Opferzurcklsst, moralisch zu rechtfertigen.

    1. Die Vergleichsobjekte und ihre Besonderheiten

    Wenn nun zwei inhaltlich sehr verschiedene Systemideologien in diesen Hinsich-ten tatschlich vergleichbare Leistungen erbringen, dann liegt die Vermutungnahe, dass beide Ideologien bereinstimmende Strukturmerkmale aufweisen, diesowohl mit der charakteristischen Verfhrungskraft als auch den Rechtferti-gungspotentialen beider Ideologien in Zusammenhang stehen. Diese Vermu-tung soll im Folgenden geprft werden.

    Zu diesem Zweck werde ich zentrale Bestandteile der kommunistischen undder nationalsozialistischen Weltanschauung einer vergleichenden Betrachtungunterziehen. Dazu ist es erforderlich, zunchst die Vergleichsgegenstnde hierdie Weltanschauungen bzw. Ideologien zu rekonstruieren. Bereits diese Auf-gabe ist mit erheblichen Identifikationsschwierigkeiten verbunden. Denn zu re-konstruieren sind nicht schlechthin die einschlgigen Theorien oder Theorien-bestandteile, sondern genau diejenigen, die im Denken und Handeln derAkteure geistig wirksam waren. Diesen Unterschied zu bedenken ist wichtig,weil zum einen der theoretische Sozialismus/Kommunismus eine lange undvielfltige Tradition hat und zum anderen auch die Theorieanstze, die wir zurIdeologie des Nationalsozialismus rechnen, auerordentlich heterogen sind.Worauf soll sich also ein Vergleich von kommunistischer und nationalsozialisti-scher Weltanschauung vor allem sttzen?

    Fritze, Kommunistische und nationalsozialistische Weltanschauung 103

    2 Die Termini Ideologie und Weltanschauung werden im Folgenden als austausch-bar behandelt. Dies deckt sich zwar nicht mit einem weit verbreiteten Gebrauch dieserTermini, ist aber fr den Zweck der Untersuchung unschdlich.

  • Zum einen empfielt sich eine Konzentration auf die marxistischen Grn-dungsvter des theoretischen Kommunismus, Karl Marx und Friedrich Engels.3

    Sie haben mit ihrem Werk die zentralen ideologischen Grundlagen der kommu-nistischen Weltbewegung geschaffen und einen entscheidenden geistigen Ein-fluss auf die Aktivisten des weltweit ersten und bedeutendsten Versuches derpraktischen Umsetzung ihrer Lehre im bolschewistischen Russland ausgebt.Allerdings haben sie an der Ausarbeitung der sowjetkommunistischen Varianteder kommunistischen Ideologie, dem so genannten Marxismus-Leninismus,selbst keinen Anteil. Insoweit gerade die Spezifik dieser Ideologie im Unter-schied zu den Lehren von Marx und Engels bzw. ber diese hinausgehend frdas Denken und Handeln im Machtbereich des Bolschewismus ausschlagge-bend geworden ist, mssen auch die Auffassungen dieser Ideologen hier istvor allem Lenin zu nennen Beachtung finden.

    Zum anderen drfte fr die nationalsozialistische Ideologie, insoweit sie wir-kungsmchtig geworden ist, vor allem das Denken Adolf Hitlers mageblich ge-wesen sein.4 Hitler hat als Fhrer des NS-Staates nicht nur die entscheidendenpolitischen Weichenstellungen vorgenommen, sondern auch die ideologischenRechtfertigungen dafr geliefert und die langfristigen Zielvorstellungen desDritten Reiches definiert. Daher ist ein Vergleich seiner Weltanschauung mitder Weltanschauung des Kommunismus, und also auch den Ideen von Marxund Engels, unausweichlich. Andere Nationalsozialisten werden nur mit weni-gen uerungen Bercksichtigung finden.5 Zu bedenken ist freilich, dass dieWeltanschauung Hitlers, die er im Wesentlichen bereits in Mein Kampf ausgear-beitet und spter nie grundstzlich korrigiert hat, zwar durchaus kohrent ist,jedoch im Vergleich zu jener der beiden marxistischen Klassiker ein unver-gleichbar niedrigeres Niveau des gedanklichen Gehalts und der theoretischenDurchdringung aufweist.

    Des Weiteren ist ein Vergleich der Marx/Engelsschen un