Van Eyck German

  • View
    700

  • Download
    7

Embed Size (px)

Text of Van Eyck German

  • 1. Zu Jan van Eycks Diptychon der Sammlung Thyssen-Bornemisza Author(s): Rudolf Preimesberger Source: Zeitschrift fr Kunstgeschichte, 54 Bd., H. 4 (1991), pp. 459-489 Published by: Deutscher Kunstverlag GmbH Munchen Berlin Stable URL: http://www.jstor.org/stable/1482569 Accessed: 25/01/2010 12:58Your use of the JSTOR archive indicates your acceptance of JSTOR's Terms and Conditions of Use, available at http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp. JSTOR's Terms and Conditions of Use provides, in part, that unless you have obtained prior permission, you may not download an entire issue of a journal or multiple copies of articles, and you may use content in the JSTOR archive only for your personal, non-commercial use.Please contact the publisher regarding any further use of this work. Publisher contact information may be obtained at http://www.jstor.org/action/showPublisher?publisherCode=dkgmb.Each copy of any part of a JSTOR transmission must contain the same copyright notice that appears on the screen or printed page of such transmission.JSTOR is a not-for-profit service that helps scholars, researchers, and students discover, use, and build upon a wide range of content in a trusted digital archive. We use information technology and tools to increase productivity and facilitate new forms of scholarship. For more information about JSTOR, please contact support@jstor.org. Deutscher Kunstverlag GmbH Munchen Berlin is collaborating with JSTOR to digitize, preserve and extend access to Zeitschrift fr Kunstgeschichte. http://www.jstor.org

2. RudolfPreimesbergerZu Jan van Eycks Diptychon der SammlungThyssen-Bornemisza* I. Jan van Eyck, Verkiindigung, Castagnola,Thyssen-Bornemisza Sammlung Die Kernfrage einer gattungsgeschichtlich orien- Verwendung wir nur Vermutungen anstellen k6n- tierten Interpretation angesichts der >Verkiindi-nen, die Verkiindigung an Maria in Gestalt zweier gung< der Sammlung Thyssen-Bornemisza' fingierter Statuetten dargestellt?Warum die Uber- (Abb. i) lautet: Warum hat Jan van Eyck im Inne- tragung des Themas in das sprode Medium unge- ren seines spaten2Diptychons, iiberdessen Entste-fafiter Skulptur?Warum die Vergrofierungder as- hung, ersten Besitzer und ersten Ort3 wir absolutthetischen Distanz, die Darstellung einer Darstel- nichts wissen und fiber dessen Zweck und erste lung anstelle der Darstellung allein? M. J. Friedlander,Ein bisher unbekanntesWerk von by Van Eyck, BurlingtonMagazinLXV (1934),3f;ders., Jan van Eyck, PrivatdruckI934; ders., A New PaintingMalerei,XIV, Berlinund LeidenDie altniederlandische459 3. I. dafiir geboten. Der Anbringungsort monochro- Daf die hier sichtbar werdende Selbstbeschrin-mer Malerei ist dort die Aufienseite. Demgegen- kung der Malerei bis hin zum fingierten Farbver-iiber halt aberdas Diptychon die asthetischeOber- zicht als letztlich liturgisch begriindet interpretiert raschung fingierten farblosen Steins im Inneren werden kann, ist bekannt4. Das Fest Mariae Ver- bereit. Ob es in dieser Hinsicht singular oder der kiindigung - exakt neun Monate vor dem Weih-zufallig iiberlieferte Rest einer sonst verlorenen nachtsfest, namlich am 25. Marz, - fallt in die sonst Gruppe monochromer Diptychen der n6rdlichen festfreie Fastenzeit. Deshalb, so die These, derMalerei der ersten Halfte des I5.Jahrhundertsist, Farbverzicht, wenn die Verkiindigung im liturgi-ist nicht zu entscheiden. Ein einziges alteresExem- schen Zusammenhang, d. h. an den Aufgenseiten plar ist aus dem 14I3-16 verfafiten Inventar des eines Fliigelaltars erscheint. Van Eyck selbst hatteHerzogs Jean de Berry erschlieflbar:?faiz de noir im Dresdener Triptychon von 14375 ein Beispielet de blancdegreesde realit&Schacher Gesi- Beaune'5(Abb. 4) interpretieren.Denn zum einen nasParagone?instellt, in Wettstreit und vergleichende Beziehung Italien seit 1400 mit zunehmender Deutlichkeit li-mit der anderen Gattung treten, mufgte sie zum terarisch iiberliefert ist20, im Norden zwar nichtBewugftseinihrer theoretisch langst vorformulier- schriftlich, jedoch anschaulich-begrifflos in den ten Vorziige, Mittel und Grenzen und zur Beto- gemalten Skulpturen der Altaraufenseiten mani-nung ihres groferen Wertes gelangen22. fest. Daf van Eycks Diptychon als ein spates undDie Frage nach diesem >stummen Paragone? der komplexes Produkt in diesen Prozef der Entste- niederlandischen Malerei2z, so stumm und be- der hung einer ihren Eigenwert und ihre Mittel pole- grifflos nicht gewesen sein kann, sondern im Ge-misch betonenden und zugleich theoretisch reflek- genteil die Anfange eines wie immer gearteten tierenden Malerei im Norden geh6rt, ist die These. Kunstgesprachsauf seiten der Produzierenden wie Schwer vorstellbar, daf Malerei, die Skulptur so der Rezipierenden, auch wenn es fiir uns versun-tauschend malen kann, dai diese nicht allein natiir- ken ist, voraussetzt, ist meines Wissens noch nicht liche Schatten wirft, sondern sich sogar naturge- auf breiterer Grundlage untersucht. Ein erstertreu spiegelt, nicht ihr Verhaltnis zur Skulptur be- Uberblick scheint aber trotz des Mangels literari-riihrt und nicht theoretisch reflektiert sein soil. scher Zeugnisse die Hypothese einer im zweitenSchwer vorstellbar, daf der erste Besitzer des Dip- Jahrhundertviertelspielenden dialektischen Bezie- tychons nur religi6sen Gebrauch von diesem hung zwischen malerischer Praxis und friihermachte, daf er seinem asthetisch wie intellektuell Theoriebildung in den Formen und begrifflichenbrillanten Anspruchsniveau v6llig stumm und be- Mustern des >>Paragonerilievo? Normwie 4; als 27 desZurAmbivalenz gemalten Steinrahmens Panofsky,schon in CenninisBemerkung: perche,ci6 man- ....wie Anm. 9, i8i. cando,non sarebbe lavoriocon nessunorilievo,e tuo 28Vgl.denUberblick D. Summers,bei Michelangelo andverrebbe semprice, conpoco maestero < Cen- cosa e...the Languageof Art, Princeton I98I, 4Iff.nini-Brunello,wie Anm. 31, II. 29 E. H. Gombrich,The Heritageof Apelles, London I976,5, i6.466 10. ben Linie und Verkiirzung vor allem Licht undnisse rationem ... traditurSchwarz... Si unum ostenderis hominem, populus apparet".C. Lindberg,Theoriesof Vision from Al-Kindi to Kep- Seneca,Quaest. nat. I, 5, 5 zit. nach Plinius, wie Anm.ler, Chicago 1976). 35, I73, Anm. 129; Lindberg, wie Anm. 58, i62.472 16. Weise gestaltet, indem man innen mehrfach Erho- gen und Helme scheinennicht alleinden Wider- hungen gleich wie Spiegel hervortreibt, so dafi,scheinderFackelnund Laternen,sondernin win- wenn nur eine einzige Person hineinblickt, einziger Verzerrungauch die Figurenihrer Umge- ganzes Volk von ebensovielen Bildern erscheint.quin etiam pocula ita figurantur expulsis intusbeneinander einfacherund mehrfacherKonvex- crebis ceu speculis, ut vel uno intuente totidemspiegelung war zu beobachten:neben dem einfa- populus imaginum fiatRittern? des Genter Altars63, an deren Am deutlichstenist der Bezug auf den Topos spiegelnden Riistungen die einfache und die multi-vom ?populusimaginumMadonna Kanonikusvan des seinem einfach gew6lbten Brustpanzer die Land-derPaeleGefan- gel ausgedacht, wie die im Tempel von Smyrna gennahme Christi? aus dem Turin-Mailander geweihten.Dies geschiehtdurchdie Formgebung Stundenbuch6sein Urteil zulaigt,waren auch hier des Materials. kommt sehr viel daraufan, ob Es die blanken Helme, Riistungen und Waffen der(die Spiegel)hohl sind und becherartig oder wie Nachtszene der Anlagizur Darstellung vielfaltiger beim trakischenSchildin der Mitte eingedriickt Spiegelungen. oder erhaben,quer oder schief,nach hinten oderBezeichnenderweise war es ein fast frontal ausge-nachvornegeneigt,da die Beschaffenheit auf- der richteter gebuckelter Helm ganz nahe der Bild-nehmendenFormdie ankommendenSchattenbil- mitte, in dem das Hauptereignis, der Judaskui,der verzerrt, dennjedesBild ist nichtsanderesals aus unmittelbarerNahe zweifach oder gardreifach der durchdie Helligkeitdes auffangenden Mate- gespiegelt erschien, und auch die ibrigen Ristun- rialsverteilteSchattenMultiplikation der species< in der mehrfachen spatestens seit den grofien ?Perspektivisten? des Spiegelung ist an zwei Tatsachen zu erinnern.Zum 13.Jahrhunderts, seit Roger Bacon, John Pecham einen an die fiihrende Rolle der wissenschaftlichenund Witelo, die ihrerseits alle von der antiken und Optik im spatmittelalterlichenDenken. Sie ist be-arabischenTradition abhangen7o,nicht an der Pe- griindet in ihrer Bedeutung fir die spatmittelalter- ripherie, sondern an zentraler Stelle im Denksy- liche Erkenntnistheorie. Denn unter Ausschlufstem, in einer Schliisselstellung zwischen Natur- der anderen Sinne und in reiner Konzentrationphilosophie und Epistemologie, befindet, so daf auf den Gesichtssinn hat das spatmittelalterlicheman schon von einer, vom modernen Wissen- Denken von der Optik ?,erkenntnistheoretischen schaftssystem vollig abweichenden, spezifisch 69 K.H. Tachau,VisionandCertitude theAgeof Ock- inschichtedes MittelaltersXXII), Leiden usw. 1988,XVI,ham.Optics,Epistemology the Foundation Se-andof3ff.mantics 1250-1345 (Studien und Texte zur Geistesge- 7? Lindberg,wie Anm. 58, i95ff.475 19. hundert auf der Grundlage Pechams, Witelos, ge-legentlich auch Alhazens selbst gelehrt worden74,so daif neben der aristotelischen und der theologi-schen die Sehtheorie des Alhazen zu einem festenBestandteil des Bildungssystems werden konnte.Auf nur wenigen einfachen Grundgesetzen derantiken, von den Arabern den Perspektivisten des13. Jahrhunderts tradierten Katoptrik, die schonDante in der Divina Commedia paraphrasierthatte, hat Brunelleschi um 1420in seinem beriihm-ten Spiegelexperiment vor dem Baptisterium vonFlorenz seine ?perspectiva artificialis< gegriin-det75.Dagi auch die Eyckschen Spiegelungen und8. John Pecham, Perspectiva communis,dafi auch das Diptychon der Sammlung Thyssen-Propositiones 27 und 28Bornemiza ohne Grundkenntnisse der mittelalter- spatmittelalterlichen Feldtheorie gesprochen hat, lichen Katoptrik nicht denkbar sind, lie