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Empirische Forschungsmethoden aktuell - uni- · PDF fileEmpirische Forschungsmethoden in der Sprachwissenschaft Sommersemester 2007 EINSTIEG Planung: 1. Einstieg 2. Allgemeines 3

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  • Empirische Forschungsmethoden in der Sprachwissenschaft Sommersemester 2007 EINSTIEG Planung:

    1. Einstieg 2. Allgemeines 3. berblick Methoden I 4. berblick Methoden II 5. berblick Methoden III 6. berblick Methoden IV 7. Forschungsprojekte in der Linguistik 8. Gemeinsames Entwickeln eines Forschungsdesign - Gruppenarbeit 9. Kritische Begutachtung unseres Forschungsdesigns und Methodenauswahl 10. Entwickeln eines Fragebogens/Beobachtungsleitfadens/DCTs usw. 11. Gruppen-/Partner-/Einzelarbeit: Konzeption eines eigenen empirischen

    Forschungsdesigns 12. Fortsetzung: empirisches Forschungsdesign 13. Posterprsentation Forschungsdesign (in Anlehnung an

    Posterprsentationen bei Tagungen) 14. (Statistische) Auswertung

    Einstieg: Was ist Forschung?

    Sicht der Studierenden:

    Der gesunde Menschenverstand ist vage und unzuverlssig, die

    soziale Welt knnen wir nur durch sorgfltige Forschung kennen

    lernen. (Emile Durkheim)

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    Definition aus Wikipedia: Als Forschung wird die systematische, oft auch zufllige Suche nach neuen Erkenntnissen bezeichnet und in der Regel in wissenschaftlichen Disziplinen betrieben. Die Forschung trgt zur Erweiterung menschlichen Wissens bei und sttzt sich dabei auf Altbekanntes oder versucht, bisherige Systeme, Regeln, Theorien zu widerlegen, um ein neues Verstndnis von den Phnomenen und unserer Umwelt zu erlangen. Forschung wird im Allgemeinen unterschieden in Grundlagenforschung (reine Forschung) und Angewandte Forschung (Zweckforschung) Wikipedia I. Grundstzliche Fragen: Warum soll berhaupt etwas beobachtet werden? Ermglicht Aussagen ber die Wirklichkeit, die man bestrebt ist zu erforschen (Nachvollziehbarkeit, Reproduzierbarkeit, Verbesserung der Gegebenheiten, Vermeidung von gemachten Fehlern, Spekulation ber zuknftige Ereignisse, Bestreben Neues zu erfassen)

    Was soll erfahren bzw. beobachtet werden? Wie sollte etwas beobachtet werden?

    Ca. 15 Minuten Was knnte man denn im Bereich der Linguistik erforschen? Setzen Sie sich in kleinen Gruppen zusammen. berlegen Sie, welche Seminare Sie im Bereich der Linguistik besucht haben und berlegen Sie dann, was man denn konkret untersuchen knnte. Sammlung der von Ihnen vorgeschlagenen Forschungsfragen: Diese lassen wir zunchst einmal so stehen, um sie spter genauer zu klassifizieren.

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    II. Was kann man erforschen? Beschreibung: Was ist der Fall? -> Deskriptive Aussagen z.B. in Tonga beherrschen 70% der Menschen die englische Sprache oder in Deutschland benutzen noch x% der Menschen trotz mit dem Genitiv Erklrung: Warum ist etwas der Fall? -> Nomologische Aussagen z.B. bei frhem Kontakt mit einer Fremdsprache ist die Aussprache sehr viel besser oder Menschen, die bilingual aufwachsen, lernen eine dritte Sprache leichter Weitere Tatbestnde -> oft Beschreibung + Erklrung z.B. Eine Aufforderung gegenber dem Dekan der Uni wird anders formuliert als gegenber der eigenen Mutter -> Wie + Warum? Sprachbeschreibungen/Grammatiken von den ca. 6000 Sprachen nur ca. 600 Grammatiken vorhanden -> Feldforschung mit dem Ziel eine Grammatik zu erstellen. Kognitionsforschung: Sprache und Wahrnehmung beeinflussen sich -> Beispiel: Raumwahrnehmung Spracherwerb: Sprachlehrforschung, z.B. Phonemsystemerwerb, Syntaxerwerb L1 vs. L2 Auswahl des Untersuchungsgegenstandes hngt vom Erkenntnisinteresse ab, das insbesondere zwischen den einzelnen Disziplinen variieren kann

    Operationalisierungsproblem: Abstrakte Untersuchungsgegenstnde mssen messbar gemacht werden (Operationalisieren werden wir in den Folgewochen ben!) III. Beispiele fr konkrete Forschungsfragen: Warum sterben Sprachen aus? Wie wird Plural in Sprachen dargestellt, die keine Pluralmarkierung haben? Haben numerusindifferente Sprachen immer ein Numeralklassifikatorensystem? Sprachen die nicht ber Modalverben verfgen, haben andere Mittel zur Markierung von Hflichkeit Welchen Einfluss hat soziale Distanz auf den Sprechakt der Begrung? bergeneralisierungen sprechen fr das Vorhandensein des von Chomsky postulierten LAD IV. Typen von Untersuchungszielen (nicht immer klar voneinander zu trennen!) (a) Explorative Untersuchungen Was passiert, wenn eine erneute Schriftreform unsinnige Regeln vorschreibt? (b) Deskriptive Untersuchungen Wie sehen die Mittel zur Markierung von Hflichkeit im Chinesischen aus?

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    (c) Prfung von Hypothesen und Theorien Je grer die soziale Distanz, desto wahrscheinlicher wird eine morphologisch lngere Begrungsform gewhlt (2 Variablen: soziale Distanz Lnge der Begrung) (d) Evaluationsstudien Erhht der frhe Kontakt mit fremden Phonemsystemen die Aussprachekompetenz? Um nun Sachaussagen treffen zu knnen, also um unsere Fragen beantworten zu knnen, mssen wir (a) Daten sammeln und (b) die Daten interpretieren Problem: Die Beobachtung der Wirklichkeit wird oft verzerrt:

    - Selektionsproblematik: was genau wollen wir als Grundlage nehmen? Was erforschen?

    - Stichprobenproblematik: Wen beobachten wir? Wie viele Menschen mssen wir beobachten? (Kohorte: gleiches Alter z.B.)

    - Wahrnehmungsselektion: Mit einem Ziel vor Augen interpretieren wir manche Dinge gerne so, wie wir sie gerne htten (Vorurteile und Erwartungen = hypothesengesteuerte Wahrnehmung)

    Diese Verzerrungen sollen nun vermieden bzw. eher minimiert werden, indem man sich festgelegter Methoden bedient, die wir in den kommenden Wochen kennen- und anwenden lernen wollen. Auch die Interpretation der Daten ist oft verzerrt, so dass auch fr die Datenauswertung genaue Methoden vorhanden sind. Diese werden wir lediglich theoretisch, nicht praktisch behandeln (sinnvoll: SPSS-Kurse). Ein paar (Standard)Beispiele fr Fehlinterpretationen (nicht aus dem Bereich der Linguistik) SPIEGEL: 50% der verunglckten Skifahrer in Chur in der Schweiz sind Deutsche -> Rckschluss: Die Deutschen sind schlechte Skifahrer -> wenn 90% der Skifahrer Deutsche sind und nur 10% Schweizer, aber auch 50% Schweizer verunglckt sind, dann wren die Deutschen sehr viel bessere Skifahrer als die Schweizer -> ein wichtiges Kriterium blieb also unbercksichtigt hnlich: ADAC: Bei hohen Geschwindigkeiten ereignen sich weniger Unflle als bei niedrigen -> keine Tempolimits einfhren -> auf den ersten Blick richtig -> aber nicht prozentual bercksichtigt, dass wesentlich mehr Menschen mit Tempo 140 fahren als mit 200 und daher hier mehr Unflle passieren mssen. Emil Durkheim: Verheiratete Mnner begehen hufiger Selbstmord als ledige -> Hypothese: Frauen machen Mnner fertig (Scheinkorrelation) -> Vergessene Variable: Alter

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    Betrachten wir nun noch einmal Ihre Forschungsfragen und versuchen sie nher zu klassifizieren.

    Klassifizieren Sie Ihre eigenen Forschungsfragen Exkurs: Radikaler Empirismus Im herkmmlichen Sinn gibt es eine strikte Trennung zwischen Empirikern und Theoretikern. Auch im Bereich der Linguistik gibt es Forscher, die reine Empiristen sind, d.h. sie gehen davon aus, dass man NIE mit einer vorgefassten Hypothese forschen sollte. Man sammelt Daten ohne Hypothese/Vermutung und erst bei der Datenauswertung formuliert man dann Zusammenhnge/ Kor-relationen.

    Der Empiriker argumentiert, dass man nur

    gengend Einzelbeobachtungen

    zusammentragen muss, um das komplexe

    Beziehungsgefge zwischen diesen isolierten

    Informationen erkennen zu knnen. Der

    Empiriker lehnt die Vorwegnahme dieser

    Beziehungen ab und steht so im Gegensatz zum

    Theoretiker, der von einem Bezugssystem

    ausgeht und sich in seinen Forschungen von den

    daraus abgeleiteten Implikationen fhren lsst

    (Argument der konomie!)

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    Der Empiriker verfhrt induktiv, d.h., er bewegt sich von den Fakten zur

    Formulierung von Gesetzesaussagen, die die Fakten beschreiben.

    Der Theoretiker verfhrt deduktiv, d.h., er geht von einem allgemeinen

    Grundsatz oder einer "dumpfen Ahnung" aus und sucht nach Evidenz, die den

    Grundsatz bekrftigen soll.

    Der Theoretiker gibt dabei jedoch auch vor, empirisch zu arbeiten. Seine Form

    der Empirie wird jedoch von der reinen Empiristen entweder ganz abgelehnt

    oder aber zumindest bezweifelt. Wir nehmen hier zunchst die in den Sozial- und

    Wirtschaftswissenschaften bliche theoretische Position ein.

    Literatur Diekmann, Andreas (2004): Empirische Sozialforschung. 11. Auflage. Reinbek: Rowohlt. Kromery, Helmut (2000): Empirische Sozialforschung. 9. Auflage. Verlag Leske + Budrich, Opladen. Schnell, Rainer; Hill, Paul und Esser, Elke (1999): Methoden der empirischen Sozialforschung. 6. Auflage. Mnchen: Oldenbourg.

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    Empirische Forschungsmethoden in der Sprachwissenschaft II Sommersemester 2007 Allgemeines Der lange Weg der empirischen Forschung:

    Wissenschaftstheorie Die Elemente des Forschungsprozesses sind

    Variablen Hypothesen Theorien und Erklrung

    Ausblick: Wissenschaftstheoretische Probleme und Alternativpositionen Popper (1973): Wissenschaft ist ein evolutionrer Prozess, der aus drei Komponenten besteht: Problem Theorie Empirie [neue Probleme] Meist gehen in der empirischen Forschung (vgl. Methodenstreit) Theorien der Empirie voraus. Die Empirie wird dann dazu verwendet, die Theorien zu berprfen.

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    Annherung an den Begriff der Theorie Woraus bestehen Theorien?

    -> Variablen als kleinste Einheit Wie ist eine Theorie aufgebaut?

    -> Hypothesen als Grundstruktur Wozu brauche ich Theorien?

    -> Suche nach Kausalitt und Erklrung Was sind Variablen? Sie erinnern sich an die 1. Sitzung!?

    Man unterscheidet:

    Variable Ausprgungen einer Variable (Merkmalsausprgung) Me