"heilp¤dagogik aktuell", Fr¼hjahr 2013, Nr. 8

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Thema: Lernen im Spital Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik

Text of "heilp¤dagogik aktuell", Fr¼hjahr 2013, Nr. 8

  • Drei historische Wurzeln belegen die Vielfalt der gegenwrtigen Spitalpdagogik. Die ersten Anstze zeigten sich in Orbe (VD) im Jahr 1780.

    Vom Orthopdischen Institut zur Schu-le in der Rehabilitationsklinik: Mit Stolz dr-fen wir auf den Schweizer Arzt Jean-Andr Venel (17401791) verweisen, der als erster Begrnder eines Hospitals fr Orthopdie gilt. Im Spital waren zwei Lehrer fr den Un-terricht zustndig. Die langen Liegezeiten sollten fr Bildung genutzt werden und von den Leiden ablenken. Venel gilt damit als Pionier eines auch die (Heil-)pdagogik um-fassenden ganzheitlichen Rehabilitationskon-zeptes. Dieses Konzept erkennen wir aktuell im Rehabilitationszentrum fr Kinder und Jugendliche in Affoltern am Albis wieder.

    Von der Beobachtungsstation zur Klinik-schule: Bereits 1917 wurde durch Pro Juven-tute eine Beobachtungsstation in der Nhe der psychiatrischen Klinik Burghlzli Zrich erffnet als Antwort auf die zunehmende Zahl hilfsbedrftiger Kinder und Jugendlicher whrend der Zeit des ersten Weltkrie-ges ( Jugendfrsorge). Gleichzeitig wies die Klinik darauf hin, dass es unangemessen sei, psychisch beeintrchtigte Kinder und Ju-gendliche zusammen mit Erwachsenen zu

    behandeln. So wurde 1921 die Kantonale Kinderbeobachtungsstation Stephansburg in Zrich erffnet. Leiter war der mit dem damaligen Heilpdagogischen Seminar Z-rich durch Lehre eng verbundene Kinder-psychiater Jakob Lutz (19031998). Unterdes-sen gibt es im Kanton Zrich mehrere Kli-nikschulen fr Kinder und Jugendliche, die eine schwere psychische bzw. psychosoma-tische Krisensituation erleben.

    Von der Erzieherischen Unterhaltung zur Spitalschule: 1874 nahm in Zrich das Kinderspital (Eleonorenstiftung) seinen Be-trieb auf. Von Beginn an veranlasste das Damen komitee, dass die Kinder wenigs-tens einmal pro Woche erzieherische Unter-haltung erhielten. Handarbeiten, Singen und Geschichten sollten den Kindern in entbehrungsreichen Zeiten Abwechslung bringen. Ab 1889 erteilten Lehrpersonen den Kindern auch Unterricht. Erziehungsrat Heinrich Nf (18301888) persnlich fand sich dazu im Spital ein. 1959 wird die erste Lehrstelle geschaffen, weitere folgten. 1978 wird eine Schulleitung bestellt. Dies kann als Geburtsstunde der eigentlichen Spitalschule des Kinderspitals Zrich verstanden werden.

    Schultypen und Aufgaben

    Fr alle drei Schultypen, die als Sonderschu-len anerkannt sind, gilt: Spitalschulen decken

    Prof. Dr. Susanne Schriber sehr wichtige Aufgaben ab. Erstens die Siche-rung des Anschlusses im Schulstoff whrend der Hospitalisierungszeiten, zweitens die Untersttzung bei der Re-Integration in die HerkunftsSchulsysteme bzw. die Vermitt-lung neuer Schullsungen, drittens die Auf-klrungs- und Beratungsarbeit in den Schu-len und Familien und schliesslich viertens die Untersttzung im usseren und inneren Umgang mit dem Krank-Sein und dem Er-leben der Spitalzeit.

    Das sind anspruchsvolle Aufgaben, de-ren professionelle Einlsung wir Kindern mit schweren krperlichen und psychischen Krankheiten schuldig sind. Es braucht dafr qualifizierte, auch heilpdagogisch ausgebil-dete Lehrpersonen. Ausbildungen fr Heil-pdagogik sind dazu aufgerufen, Spitalschu-len in Lehre und Forschung wahrzunehmen.

    Die vorliegende Ausgabe heilpdagogik aktuell verdeutlicht: Kinder im Spital sind im Ausnahmezustand; Schule im Spital je-doch ist Regelfall und dabei auch Gegenstand der Heilpdagogik.

    Prof. Dr. Susanne Schriber leitet an der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik den Bereich Pdagogik bei Krper- und Mehrfachbehinderungen im Masterstudien-gang Sonderpdagogik, Vertiefungsrichtung Schulische Heilpdagogik.

    Unterricht im Kinderspital Zrich: Die Schulische Heilpdagogin und Spitallehrerin Christine Walser lernt mit einer Schlerin. Thomas Burla (Foto)

    Der Weg vom ersten Lernangebot in einem orthopdischen Institut zur heutigen Spitalschule. Die moderne Spitalpdagogik hat umfassende Aufgaben zu bewltigen, denn jedes Kind hat Anspruch auf Unterricht.

    Spitalschule Schule im Ausnahmezustand?

    Magazin der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik

    Interkantonale Hochschulefr Heilpdagogik

    Ausgabe 8 Frhjahr 2013

    heilpdagogik aktuell

    Thema: Lernen im Spital

    Lehre

    An den Schnittstellen

    von Medizin und Logopdie 2

    Von Sabine Httche

    Chronisch kranke Kinder 3

    Von Christine Walser

    Reportage

    Im Spital ist die Schule

    ein Drfen, kein Mssen 4

    Von Christine Loriol

    Masterarbeit

    Beim Coping half

    vor allem die Familie 6

    Von Lars Mohr

    Im Interview

    Regierungsrtin

    Heidi Hanselmann (SG) 7

    Von Sabine Httche

    Aktuelles

    Weiterbildung und Agenda 8

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  • Logopdische Fachpersonen arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sie fhren diagnostische, prventive, frdernde und therapeutische Massnahmen bezglich der Sprachlichkeit, der Stimme und der Schluckfunktion durch. Je nach Problemstel-lung sind unterschiedliche Settings, wie z. B. Einzeltherapie, integrative Formen oder Gruppentherapie erforderlich. Kooperation, Beratung, Dokumentation, Evaluation und Gutachten spielen eine wichtige Rolle im Ttigkeitsbereich. Ziel jeder logopdischen Therapie ist eine ganzheitliche Frderung der Persnlichkeitsentwicklung.

    Die Logopdie zhlt in der Schweiz zum Bildungssystem, arbeitet aber eng mit Pro-fessionen des Gesundheitswesens zusam-men. Neben Pdagogik, Psychologie, Sprach-wissenschaften, Rechtskunde und Wissen-schaftsmethodologie ist daher Medizin ein sehr wichtiger Ausbildungsbereich im Studi-um an der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik.

    Prvention als wichtiges Ttigkeitsfeld

    Die Logopdie befindet sich im Umbruch. Die HfH-Dozenten Jrgen Steiner und Wolfgang G. Braun beschreiben die Prven-tion als eines der interessantesten neuen Aufgabenfelder: Als Massnahme untersttzt die Logopdie zeitlich befristet Menschen in ihrer sprachlich-stimmlichen Entwicklung, bearbeitet Risiken und Probleme und sensi-bilisiert sowie aktiviert Ressourcen und Schutzfaktoren. (W. Braun und J. Steiner, 2012, Prvention und Gesundheitsfrderung in der Sprachentwicklung, Mnchen: Rein-hardt-Verlag, S. 17).

    Angehende Logopdinnen lernen an der HfH in verschiedenen Modulen die Risiken der Gesamt- und der Sprachentwicklung

    kennen. Im Modul Medizin erwerben sie grundlegende Kenntnisse zur Funktion und zum Zusammenspiel von Organen und Or-gansystemen sowie ein Grundverstndnis fr Pathologie und medizinische Fachausdrcke. Aspekte der Sprachlichkeit werden in den Gesamtkontext Gesundheit, dem Zusam-menspiel von individuellen und kontext-bedingten Risiko- und Schutzfaktoren, ge-stellt. Die Ausbildung an der HfH ist dabei eng mit medizinischen Institutionen wie z. B. dem Kinderspital und dem Universittsspital Zrich vernetzt. Dozierende der HfH struk-turieren Praktika gemeinsam mit rzten und Kolleginnen in der Logopdie.

    PD Dr. med. Oskar Jenni, Leiter der Ent-wicklungspdiatrie des Kinderspitals Zrich, engagiert sich auch als Lehrbeauftragter an der HfH. Im Modul Prvention vermittelt er mit Kollegen aus anderen Professionen prventiv-logopdische Massnahmen bei

    Risiken in der frhen Kindheit und der ge-samten Lebensspanne. Noch spezialisierter wird Prvention im Modul Logopdie im Frhbereich bearbeitet. Frhfrderung ist ein wichtiges Anliegen der Sonderpdago-gikkonzepte der Kantone. Die HfH setzt diesen wichtigen Auftrag in der Ausbildung und Forschung um.

    Verhltnis Pdiatrie und Logopdie

    PD Dr. med. Oskar Jenni betont die grosse Bedeutung der Zusammenarbeit von Logo-pden und Kinderrztinnen. Risiken, Verz-gerungen oder Strungen im Spracherwerb beobachtet der Kinderarzt in regulren Vor-sorgeuntersuchungen. Gegebenenfalls wird er den Rat der Logopdin einholen, die eine differenzierte Abklrung und Elternberatung vornimmt. Gemeinsam entscheiden dann Arzt und Logopdin, ob eine Therapie indi-ziert ist. Der richtige Zeitpunkt ist dabei we-sentlich: Frhe Erfassung und frhe Mass-nahmen verhindern Fehlentwicklungen.

    Frh Chancen nutzen Logopdie bei Kindern im Vorschulbereich ist auch der Titel einer wichtigen Tagung im September 2013 in Zrich. Die Veranstaltung wird von der HfH in Kooperation mit dem Kinder-spital Zrich geplant und durchgefhrt. Hilda Geissmann, Mitorganisatorin und Lei-terin der Abteilung Logopdie-Pdaudiologie am Kinderspital Zrich, ist der Meinung, dass Kinder gerade in einem frhen Alter vor Schulbeginn von einer guten Zusammen-arbeit zwischen Entwicklungspdiatern, Kin-derrztinnen, Erziehern, Logopdinnen und Eltern profitieren und sich so ungnstige Entwicklungen verhindern lassen: Es ist ein wichtiges Ziel der Tagung, neben neuen Er-kenntnissen zu Diagnostik und Therapie auch die Kooperation und den Austausch zwischen Professionen des Bildungs- und des Gesundheitssystems zu frdern.

    Interdisziplinre Zusammenarbeit ist in den pdagogisch-therapeutischen Berufen wichtig. Die HfH pflegt einen engen Austausch mit Medizinern.

    An den Schnittstellen von Medizin und Logopdie

    Prof. Dr. Urs Strasser

    ist Rektor der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik

    Logopdie und Prvention

    An der Tagung am 20. September 2013 positioniert sich die Logopdie als kompetente Anbieterin und Partnerin in der Frhfrderung. Informationen sind ab Ende Mrz unter hfh.ch/tagungen zu finden. Empfehlenswert bei Fragen zur Prvention ist auch die Website: www.logopaedieundpraevention-hfh.ch. Das genannte Buch mit DVD aus dem Reinhardt-Verlag enthlt Checklisten, Links und Literaturemp-fehlungen. Vor kurzem ist die DVD Logopdie in der Klasse in der HfH-Reihe erschienen, sie ist ber www.hfh.ch/shop erhltlich.

    2 Lehre heilpdagogik aktuell Frhjahr 2013

    Sabine Httche

    Whrend der Logopdie-Therapie. Thomas Burla (Foto)

    Zunahme der Sonderschler um 60 bis