heilp¤dagogik aktuell: Sonderheft ICT

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Das Magazin der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik befasst sich in seiner neusten Ausgabe mit dem Gewinn an Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen, durch die Möglichkeiten und Verbesserungen der neuen Technologien. Präsentiert werden in der Praxis erprobte Tools.

Text of heilp¤dagogik aktuell: Sonderheft ICT

  • Bis zu den 60-er Jahren war die Heilpdago-gik geprgt von einer statischen Behinde-rungstypologie und von der berzeugung, dass es nicht bildungsfhige Kinder gebe. Dann zeigten Rolf Lyssy in Ursula oder das unwerte Leben und Francois Truffaut mit Lenfant sauvage, dass Lebensumstnde und Behinderungen zu schweren Beein-trchtigungen der Entwicklung fhren kn-nen, die betroffenen Menschen aber nie bildungsunfhig sind! So wurden nach und nach Sonderschulen mit Internaten, Tages-schulen sowie Kleinklassen geschaffen, um diese Kinder und Jugendlichen zu frdern.

    Auf dem sozialpolitischen Parkett kam anschliessend viel in Bewegung: 1994 unter-zeichnete der Bund die Erklrung von Sala-manca und schuf 2002 in der Schweiz ein Behindertengleichstellungsgesetz, das die Kantone beauftragt, die Integration behin-derter Kinder und Jugendlicher in die Regel-schule zu frdern und dafr zu sorgen, dass wahrnehmungs- oder artikulationsbehinder-te Kinder und Jugendliche eine auf die Be-hinderung abgestimmte Kommunikations-technik erlernen knnen.

    Ende 2013 hat nun der Stnderat auch der UN-Behindertenrechtskonvention zuge-stimmt, welche Menschen mit Behinderun-gen den Anspruch auf Selbstbestimmung, Diskriminierungsfreiheit und gleichberech-tigte gesellschaftliche Teilhabe gewhrleistet. Die Ratifizierung durch den Bundesrat wird demnchst erfolgen.

    Auch in Theorie und Praxis der Heil- und Sonderpdagogik hat ein Paradigmenwech-sel stattgefunden: Behinderung gilt nicht mehr als statisches Merkmal, sondern als Resultat eines Prozesses von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren, das immer auch vom Kontext abhngt. Anstelle von starren Typisierungen wird heute eine prozessorientierte Frderdiagnostik und Frderplanung praktiziert.

    Dynamik statt Merkmal

    Die alltgliche Frderpraxis wird verbunden mit regelmssigen Standortbestimmungen, an denen das Kind und seine Bezugsperso-nen dialogisch beteiligt sind. Auch die Regel-pdagogik geht davon aus, dass sich Kinder mit/und ohne besonderen Frderbedarf im-mer durch Verschiedenheit bezglich Merk-malen wie Alter, Geschlecht, Entwicklung, soziale Herkunft, Begabungen, Strken und Schwchen auszeichnen und darum Indivi-dualisierung, aber auch Gemeinschaftsbil-dung wichtige Elemente sind, die gleicher-massen bercksichtigt werden mssen.

    Gute Heil- und Sonderpdagogik sorgt heute fr eine frderliche Gestaltung der Lernumgebung sowie fr eine gute Didaktik und reflektiert immer wieder ihre Wirkung. Sie versteht sich nicht als Konkurrenz zu anderen Berufsgruppen, sondern sucht den Dialog auf Augenhhe und kooperiert mit dem Umfeld der Schler und Schlerinnen wie mit ihnen selber. Sie sorgt fr soviel In-tegration wie mglich, fr soviel spezielle Frderung wie notwendig und fr Lebens-

    qualitt und Partizipation an den gesell-schaftlichen Lebens bereichen. Diese Ziele werden untersttzt durch neue Technologi-en der untersttzten Kommunikation: Com-puter mit Sprachausgabe und -erkennung oder Steuerung per Lidschlag oder Touch-screen untersttzen Betroffene, die frher ohne Sprache oder Sprechmglichkeiten waren. Sie gelangen heute mit technischen Hilfen zum Ausdruck ihrer Bedrfnisse, zu einem besseren Verstehen ihres Alltags, zu mehr Lebensqualitt und damit auch zu mehr Partizipation.

    Die neuen gesetzlichen Grundlagen, die neuen Denkweisen sowie die neuen Tech-nologien werden das Leben vieler Menschen nachhaltig positiv verndern.

    In dieser Nummer von heilpdagogik aktuell bieten wir Ihnen Meinungen und Berichte zu Facetten der aktuellen Heilp-dagogik. In der Reportage geht es um eine Schule fr hrbehinderte Menschen und Gebrdensprachdolmetschen via Video-com. Ein Beitrag zur International Classi-fication of Functioning, Disability and Health (ICF), ein Interview mit dem Basler Beauftragten fr Menschen mit Behinde-rungen und die Vorstellung einer Master-arbeit ber schwerbehinderte Kinder und ihre Bildungsmglichkeiten mittels moder-nen Tablet-PCs runden diese Ausgabe mit dem Schwerpunkt auf Innovationen ab.

    Prof. Dr. Urs Strasser ist Rektor der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik Zrich.

    Prof. Dr. Urs Strasser

    Elektronische Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe geben Betroffenen mehr Partizipationsmglichkeiten. Schule am Thekbusch, Helmut Pika (Foto)

    Paradigmenwechsel: Neue Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen bringen Menschen mit Behinderungen mehr Lebensqualitt und mehr Mglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation.

    Mehr Ausdruck und Teilhabe

    Magazin der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik

    Ausgabe 11 Frhjahr 2014

    heilpdagogik aktuell

    Thema: Innovationen

    DienstleistungenAutismus: Zukunftsweisende Elternbildung 2Von lic. phil. Remi Frei

    LehreDie ICF in der Heilpdagogik 3Von Prof. Dr. Josef Steppacher

    ReportageHrbehindert und voll dabei 4

    Mit gehrlosen Menschen telefonieren 5Von Christine Loriol

    MasterarbeitSensomotorik und iPad? 6Von Dr. Lars Mohr

    KonzepteInterview mit Martin Haug, Kanton Basel-Stadt 7Von Sabine Httche

    AktuellesWeiterbildung und Agenda 8

  • Menschen mit Autismus-Spektrum-Strun-gen (ASS) stellen besonders hohe Anforde-rungen an angemessene Untersttzung und Frderung, die sich nicht auf einzelne Me-thoden reduzieren lassen. Es braucht zum einen ein kombiniertes und individuell abge-stimmtes Angebot von verschiedenen Kon-zepten und zum anderen mssen diese so frh wie mglich zum Einsatz kommen. Heu-te werden viele brauchbare Weiterbildungen zur Frderung und Begleitung von Menschen mit ASS angeboten, welche einzelne Metho-den vermitteln. Zielgerichtet Synergien her-zustellen und dieses Potential zu nutzen, bleibt jedoch Sache der Kursteilnehmer. Die in den Lehrbchern geforderte Methoden-kombination wird bisher nicht angeboten. Hier setzt eine im deutschsprachigen Raum erstmals konzipierte autismusspezifische El-ternbildung an.

    Das Modell nennt sich TAU Autis-musspezifische Elternbildung und sttzt sich im Wesentlichen auf das Zusammenf-gen von drei Konzepten, welche jedes fr sich bereits erfolgreich in der Untersttzung und Frderung von Menschen mit ASS prak-tiziert werden: TEACCH-Ansatz, Affolter-Modell und Untersttzte Kommunikation (UK). Ziel fr Eltern und Angehrige von Kindern mit ASS ist es, Grundlagen zum Verstehen der Autismus-Spektrum-Strung und Wissen zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-St-rung zu schaffen, zu vertiefen und fr den Alltag nutzbar zu machen. Zu diesem Zweck entwickelte die Arbeitsgemeinschaft fr Pro-bleme bei Wahrnehmungsstrungen (APW) ein spezifisches Curriculum und fhrte von Januar bis September 2011 im Rahmen eines Pilotprojektes eine erste Kursreihe durch, an der 13 Familien aus dem deutschsprachigen Raum teilnahmen. Eine zweite Durchfh-rung mit 12 Familien fand im Jahre 2013 statt.

    Der Kurs erstreckte sich bei beiden Durch-fhrungen ber vier Wochenenden (Grund-lagenseminar, TEACCH, Affolter und UK) jeweils fr alle Eltern, je eine Praxiswoche fr sechs bzw. sieben Familien und einen Abschlusstag. Im Zentrum standen u. a. fol-gende Themen: Welche Hilfestellungen er-leichtern den Familienalltag? Welche Mg-lichkeiten gibt es, den Alltag zu strukturieren? Wie kann ich mit meinem Kind besser bzw. berhaupt kommunizieren? Whrend der Praxiswochen und auf Wunsch whrend der Kurswochenenden wurde die Betreuung der Kinder mit ASS und ihrer Geschwister durch Studierende der Universitt Fribourg gewhrleistet.

    Wirksamkeit besttigt

    Beide Kursdurchfhrungen wurden durch die HfH evaluiert. Der Auftrag zur Evalua-tion bestand darin, zu berprfen, (a) inwie-fern sich die psychosoziale Befindlichkeit innerhalb des familiren Systems der Kurs-teilnehmenden vor und nach der Durchfh-rung der Kursreihe verndert hat, (b) inwie-fern sich diese Vernderungen auf die ver-

    mittelten Kursinhalte zurckfhren lassen. Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Vermittlung einer Methodenkom-bination lsst bei einem breiten Autismus-Spektrum mehr Gestaltungsspielraum, so dass die meisten Teilnehmenden die vermit-telten Inhalte jeweils in ihr Handlungsreper-toire aufnehmen konnten. Intensive Begleitung ermglicht die Vermittlung und Nutzung von individuell angemessenen Handlungsstrategien. Der Einstieg in die Kommunikation wurde grundstzlich und gezielt ermglicht. Durch fachlich fundierte Vermittlung von autismusspezifischem Handlungswissen und angemessene Untersttzung bei der Umsetzung sind die Familien in der Lage, mit den typischen Schwierigkeiten umge-hen zu knnen.

    Im Hinblick auf weitere Durchfhrungen von autismusspezifischen Elternbildungen lsst sich festhalten, dass diese zu einer nach-weislichen Entlastung fr Familien eines Kindes mit ASS fhren und ihnen einen angemessenen Umgang mit spezifischen Si-tuationen und Herausforderungen im Alltag ermglichen. Die beschriebene Elternbil-dung wird 2015 zum dritten Mal angeboten.

    Integrative Konzepte rumen der Zu-sammenarbeit generell einen hohen Stellen-wert ein, d. h. die Fhigkeit zum kooperativen Arbeiten gewinnt auch fr pdagogisch-therapeutische Fachpersonen zunehmend an Bedeutung. Die HfH bereitet ihre Studieren-den auf diese neuen Anforderungen best-mglich vor.

    Lic. phil. Remi Frei ist Dozent im Master studiengang Sonderpdagogik mit Ver tiefungsrichtung Schulische Heilpdagogik. Sein Fachgebiet umfasst die Pdagogik fr Menschen mit geistiger Behinderung sowie den Autismus.

    Eine methodisch kombinierte Elternbildung erfllt die hohen Anforderungen an eine angemessene Frderung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Strungen.

    Autismus: ZukunftsweisendeElternbildung

    Auswertung des Projektes

    Der Evaluationsbericht von Remi Frei ist auf der Website der Arbeitsgemeinschaft fr Probleme bei Wahrnehmungsstrungen (APW) zu finden: www.tau-apw.ch. Die Evaluation war ein Projekt des Bereiches Dienstleistungen der HfH. Das Team bietet praxis-nahe Fachberatung, Coa