heilp¤dagogik aktuell, herbst 2012, Nummer 7

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Thema: Von der Schule in den Beruf, Das Hochschulmagazin der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik

Text of heilp¤dagogik aktuell, herbst 2012, Nummer 7

  • Nicht fr die Schule, fr das Leben lernen wir. Dieses Seneca zugeschriebene Zitat hat fr Lernende mit Behinderungen oder Auf-flligkeiten eine besondere Bedeutung. Es verweist nmlich ber die hufig von Nten und Misserfolgen geprgte Schulzeit hinaus; auf ein Leben danach, das neue Herausfor-derungen, aber auch viele Chancen und Kor-rekturmglichkeiten bietet. Dazu braucht es allerdings eine passende Vorbereitung.

    An der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik Zrich beschftigen wir uns sowohl in der Aus- und Weiterbildung als auch in der Forschung mit dieser Frage. Seit zehn Jahren befasst sich ein eigener For-schungsschwerpunkt mit dem bergang von der Schule in den Beruf. ber 20 Projekte haben wir bisher durchgefhrt: zum ber-tritt von der Sekundarstufe I in die Sek II, zu neuen Bildungsgefssen wie der Attestaus-bildung (EBA) oder der Praktischen Ausbil-dung (PrA), zu Untersttzungsformen vor, whrend und nach einer beruflichen Ausbil-dung, aber auch zur lngerfristigen berufli-chen Entwicklung. Welche Antworten gibt nun die Forschung?

    Wir haben eine ganze Reihe von Er-folgsfaktoren identifizieren knnen. Zum einen braucht es eine adquate Berufswahl-vorbereitung, welche die besonderen Be-

    drfnisse von Jugendlichen in integrierten Regelklassen, Sonderklassen und Sonder-schulen bercksichtigt. Einige der heute ein-gesetzten Lehrmittel und didaktischen For-men sind zu anspruchsvoll und komplex. Es braucht mehr praktische, konkrete Erfah-rungsmglichkeiten, hands on wie die Amerikaner sagen.

    ffnung der Schule

    Die Schule ist hufig zu weit weg von der Arbeitswelt und der wirtschaftlichen Reali-tt. Hier msste sich die Schule ffnen: Das Schweizer Jugendprojekt LIFT aus Bern bei-spielsweise ermglicht Jugendlichen bereits ab der 7. Klasse, jede Woche an einem Nach-mittag in einem Betrieb zu arbeiten und praktische Erfahrungen zu sammeln. Gleich-zeitig lernen die Betriebe Jugendliche, die vielleicht kaum eine Chance auf eine Lehr-stelle htten, probeweise kennen. Oder Schulen richten sogenannte Schler firmen ein, in denen Jugendliche einen Schulkiosk oder einen Catering-Service betreiben. Schlerfirmen sind im Ausland an verschie-denen Orten seit lngerem bekannt und haben sich bewhrt in der Schweiz gibt es erst wenige.

    Zum anderen braucht es adquate Aus-bildungs- und Lehrstellen fr Jugendliche mit Schwchen und Behinderungen. Hier war die Situation in den letzten Jahren pre-

    Prof. Dr. Kurt Hfeli kr wegen gestiegener Ausbildungsanfor-derungen, einem knappen Lehrstellenange-bot in manchen Branchen und dem Spardruck bei der IV. Die Situation knnte sich aber rasch verndern. Bereits heute su-chen manche Betriebe hnderingend beruf-lichen Nachwuchs. Viele Betriebe wren bereit, Jugendliche mit schulischen Defiziten einzustellen, aber nur mit entsprechender Untersttzung. Die notwendigen Coaching-Angebote wie individuelle Begleitung, Men-toring, Supported Education oder unter-sttzte Beschftigung sind bekannt und evaluiert. Diese Untersttzung ist nicht gra-tis, aber es ist eine gut angelegte Investition in die Zukunft unserer Jugendlichen.

    In dieser Ausgabe von heilpdagogik aktuell zeigen wir Ihnen eine breite Palette von interessanten Angeboten fr Heranwach-sende auf. Engagierte Schulische Heilpdago-ginnen im Kanton St. Gallen und erfahrene Fachpersonen einer Berufsschule im Kanton Aargau begleiten Jugendliche auf dem Weg zum passenden Beruf. Fr den Kanton Z-rich erlutert Andr Woodtli, der Leiter des Amtes fr Jugend und Berufsberatung des Kantons Zrich, seine Konzepte. Wir wn-schen Ihnen eine spannende Lektre.

    Prof. Dr. Kurt Hfeli ist Leiter Forschung und Entwicklung an der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik in Zrich.

    Jonathan (18) ist einer der 53 Lehrlinge, die derzeit die Berufsschule AVUSA der Stiftung Lebenshilfe in Aarau besuchen. Mehr ber die Siftung auf den Seiten 4 und 5. Thomas Burla (Foto)

    Frhe praktische Erfahrungen und ein gutes Netzwerk helfen in der Phase der Berufsorientierung, wie Forschungsprojekte der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik Zrich aufzeigen.

    Erfolgreich in den Beruf

    Magazin der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik

    Interkantonale Hochschulefr Heilpdagogik

    Ausgabe 7 Herbst/Winter 2012

    heilpdagogik aktuell

    Thema: Von der Schule

    in den Beruf

    DienstleistungenPraxis und Theorie verbinden 2Von Christine Loriol

    MasterarbeitDie passende Lehrstelle finden 3Von Lars Mohr

    ReportageUnterstufe, Mittelstufe, Oberstufe und dann? 4Von Christine Loriol

    Lehre und ForschungMit geringen Qualifikationen in den Arbeitsmarkt 6Von Ursula Bnninger

    Berufsorientierung 6Von Claudia Hofmann

    InterviewAndr Woodtli zum bergang in den Beruf im Kanton Zrich 7Von Sabine Httche

    AktuellesWeiterbildung und Agenda 8

  • Schulen brauchen manchmal Untersttzung in der berprfung und Weiterentwicklung ihres sonderpdagogischen Angebotes sowie im Umgang mit vernderten Rahmenbedin-gungen. Die Interkantonale Hochschule fr Heilpdagogik Zrich stellt ihre Fachkompe-tenzen zur Verfgung. Ein Gesprch mit den Beratern Dr. Steff Aellig und Dr. Belinda Mettauer Szaday.

    Warum brauchen Regelschulen Beratung? Aellig: Beispielsweise stellt eine vernderte gesetzliche Grundlage eine Schule vor neue Herausforderungen, so die neue Form der Integrierten Sonderschulung. Oder es zeigt sich eine vernderte Zusammensetzung der Schlerschaft, die sich auf das bestehen-de sonderpdagogische Angebot auswirkt.

    Wie arbeiten Sie?Aellig: Jeder Kanton hat ein eigenes Schulge-setz und entsprechende Verordnungen. Des-halb arbeiten wir auf den entsprechenden Kanton ausgerichtet und beraten immer in Abhngigkeit seiner gesetzlichen Grundla-gen. Diese bestimmen die Mass nahmen, die im sonderpdagogischen Bereich zugelassen sind. Sie bestimmen die Ressourcen, die zur Verfgung stehen und die gewnschte oder geforderte Durchfhrungsform. Jede Bera-tung ist anders massgeschneidert auf die Fragestellungen und Rahmenbedingungen der jeweiligen Schule.

    Warum kann die HfH untersttzen? Mettauer Szaday: Wir haben viele Kantone bereits bei der Realisierung ihrer sonderp-dagogischen Konzepte beraten. Die Gemein-den erhalten von den Kantonen Vorgaben fr die Umsetzung. Ihnen fehlen aber oft sowohl Personalressourcen als auch das spe-

    zifische Know-how. Hier lassen sich die Ge-meinden beraten. Unsere Arbeit ist eine Mi-schung aus Beratung, Entwicklung und berprfung. So entsteht eine Wechselbezie-hung zwischen Theorie und Praxis. Wichtige Fragestellungen kommen meist aus der Pra-xis, und wir nehmen diese auf. Unsere Arbeit ist immer Entwicklungs-Untersttzung. Aellig: Ein Beispiel: An einer Schule gibt es immer mehr sonderpdagogische Massnah-men und die Kosten steigen. Die Gemeinde verlangt von der Schule, etwas dagegen zu unternehmen. Vordergrndig ist das ein Spa-rauftrag. Mit der HfH wird daraus auch ein pdagogischer Auftrag. Die HfH untersttzt also Schulen darin, die mit dem Sparauftrag verbundene pdagogische Dimension zu er-kennen und in die Lsungssuche einzubezie-hen. Wir mssen fr eine vernderte Situa-tion hier: immer mehr Kinder mit Schwierigkeiten in einer Schule eine L-sung finden. Wir erstellen eine Analyse, be-obachten zuerst die Entwicklung. Mettauer Szaday: Wir fragen dann: Wann hat dieses Wachstum begonnen? Ab wann wur-den immer mehr Kinder sonderpdagogi-schen Massnahmen zugefhrt, immer mehr

    Mittel auch fr Integrierte Sonderschulung ausgegeben? Wie sehen die Zuweisungspro-zesse aus? Was besagen die Gutachten der Schulpsychologie? Auf der Grundlage dieser Analyse identifizieren wir den Handlungs-spielraum einer Schule und prfen, wo und wie sie Prozesse besser steuern kann.

    Und wie heisst Ihr Ziel?Aellig: In diesem Beispiel sitzen wir mit den beteiligten Akteuren zusammen und fragen: Welches ist die beste Idee, um eine Steuerung zu erreichen, die das System tragen kann? Es geht nicht darum, Gelder egal wie einzuspa-ren. Sondern wir suchen im Rahmen der gesetzlichen, finanziellen und pdagogischen Voraussetzungen die bestmgliche Lsung.Mettauer Szaday: Es hat auch eine gewisse Verlagerung stattgefunden. Eine zeitlang ha-ben wir Kantone und Schulen vor allem bei der Entwicklung von Konzepten beraten. Jetzt geht es mehr darum, die Umsetzung von Konzepten zu begleiten. Sonderpdagogik ist ein Spezialgebiet. Und die Schulen haben hier immer wieder Bedarf an Untersttzung.

    Sind die Herausforderungen fr die Schulen im sonderpdagogischen Bereich gestiegen?Mettauer Szaday: Ja. Aellig: Allgemein sind die gesellschaftlichen Bedingungen herausfordernd. Die Schule ist ja nur ein Spiegel der Gesellschaft. Die Fami-lienstrukturen sind vielfltiger und an-spruchsvoller geworden. Migration ist eine enorme Herausforderung. Die Globalisie-rung auch. Mettauer Szaday: Gleichzeitig sind auch die Ansprche innerhalb der Schule gestiegen. Es gilt der Anspruch, mglichst alle Kinder integrieren zu wollen, das ist anspruchsvoll. Es gibt mehr Schnittstellen, mehr Herausfor-derungen an die Zusammenarbeit.

    Dienstleistungen der HfH sind auch an Regelschulen gefragt. Zwei Fachpersonen geben Einblick in ihre Arbeit.

    Praxis und Theorie verbinden

    Prof. Dr. Urs Strasser

    ist Rektor der Interkantonalen Hochschule fr Heilpdagogik

    Dienstleistungen

    Die HfH bietet Beratung fr kantonale und kommunale Behr-den, Schul gemeinden und Sonder-schulinstitutionen, Fachgruppen und Einzel personen. Kompetente Fachpersonen untersttzen und begleiten die Entwicklung von sonderpdagogischen Konzepten und deren Umsetzung in der Praxis. Das Gesamt-Angebot ist zu finden unter www.hfh.ch/dienstleistungen.

    2 Dienstleistungen heilpdagogik aktuell Herbst/Winter 2012

    Christine Loriol (Interview)

    Dr. Steff Aellig, Psychologe und Schulberater.

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    Dr. Belinda Mettauer Szaday, Sonderpdagogin, Eva