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Harald Szeemanns Wunderkammer Die Faszination der Archive Umberto Eco – Candida Höfer – Julian Schütt – Hiroshi Sugimoto – Roman Kurzmeyer – Hildegard Keller – Ludwig Hasler – Exklusiv: Hans Danuser Das Kulturmagazin – Du 795 – April 2009 20 CHF / 12

Marks of Honour Photobooks Photography

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  • Harald Szeem

    anns Wunderkam

    mer

    Harald Szeemanns WunderkammerDie Faszination der Archive

    Umberto Eco Candida Hfer Julian Schtt Hiroshi Sugimoto Roman Kurzmeyer Hildegard Keller Ludwig Hasler Exklusiv: Hans Danuser

    Das Kulturmagazin Du 795 April 2009

    20 CHF / 12

    Das K

    ultu

    rmagazin

    Nr. 795 A

    pril 2009

  • 4I.Essay Umberto Eco

    12 Die Kunst des Bcherliebens

    Nachlsse Julian Schtt

    28 Dass im Tode die Wahrheit ein Reich besitzt Jedes Jahr geben Schriftsteller die Einwilligung, dass aus ih-ren persnlichsten Papieren nchterne Archivalien werden damit sie berleben. Bei Niklaus Meienberg kam es anders.

    Wunderkammern Andrea Gnam

    32 Mustermessen des UniversumsSeit der Sptrenaissance gibt es in Europa Sammlungen, in denen unterschiedlichs te Objekte nebeneinander gezeigt werden. Zur Geschichte der Kunst- und Wunderkammern.

    Philosophie Peter Keicher

    38 Denken in Archiven: Spoerri, Duchamp und WittgensteinLudwig Wittgensteins Zettelberge wurden erst im Nachlassentdeckt wie auch die Tatsache, dass sein streng logisches Denken grosse hnlichkeiten mit den Werken Marcel Duchamps hatte.

    Fotografi e Hiroshi Sugimoto

    40 Die gesegneten ZeitlichenIn Madame Tussauds Wachsfi gurenkabinett standen die ers ten Besucher vor Abbildern, die sie so noch nie gesehen hatten. Der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto setzt diese Erfahrung neu ins Bild.

    Szeemann-Archiv Brigitte Ulmer

    48 In der Fabbrica

    Szeemann-Archiv Gesprch mit Gianna Ruepp

    56 Die Fabbrica ist ein SpielDie Fabbrica war der Arbeitsort von Gianna Ruepp, Harald Szeemanns letzter Assistentin. Sie spricht ber das System Szeemann, seine akribische Art des Sammelns und wie er auch schnell Sachen wegwerfen konnte.

    Szeemann-Archiv Roman Kurzmeyer

    60 Verzauberung auf Zeit Als Kurator wurde Harald Szeemann zum Star der interna-tionalen Kunstszene. Heute ist seine Agentur fr geistige Gastarbeit ein riesiges Archiv, das spannende Einblicke in seine Arbeitsmethode vermittelt.

    Fotobuch Markus Weckesser

    68 Archiv zwischen Buchdeckeln Erst seit Kurzem ist das Fotobuch als gleichwertiges Medium der Kunst etabliert. Ein Gesprch mit Markus Schaden, Nina Poppe und Verena Loewenhaupt ber Marks of Honour, die grosse Hommage ans Fotobuch.

    Literatur Hildegard Keller

    74 Flammen des FlussesGold, Geld und Wasser haben eines gemeinsam: den Aggre-gatzustand des Liquiden, das Fliessen. Dieses Wissen um Liquiditt ist im Archiv der Literaturgeschichte tief verbor-gen: besonders nachhaltig im Hort der Nibelungen.

    Inhalt

    Essay Umberto Eco: Die Kunst des BcherliebensIn seinem neuen Essay-Band outet sich Eco als leidenschaftlicher Bcher-

    liebhaber und lsst sich ebenso ber echte und falsche Sammler von Bchern aus wie ber reale Bcherwrmer. ber seiner tiefen Liebeserklrung ans Buch schwebt jedoch stndig die Sorge, dass zusammen mit der Buchkultur schon bald eine ganze Kultur auf dem Spiel stehen knnte.

    12 Szeemann-Archiv Brigitte Ulmer: In der FabbricaHarald Szeemann (19332005) war einer der bedeutendsten Ausstel-lungsmacher des 20. Jahrhunderts. Sein Archiv im Tessiner Ort Maggia ist eine wuchernde Wunderkammer des Wissens, die eigenen Gesetzen folgt. Zumindest bis heute. Denn die Zukunft dieser fnfzig Jahre festgehaltener Kunst- und Aus-stellungsgeschichte ist ungewiss.

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    I. Thema

  • II.Kunst Stefan Kaiser

    80 Entscheidungsfi ndung: Ein Projekt von Hans Danuser

    Essay Stefan Zweifel

    82 Abzhlreime an der MuseumswandEssay zur Wiederentdeckung des sinnlichen Sprachkrpers in der Literatur am Leitfaden des Abzhlreims. Eine auto-erotische Annherung.

    Theorie Gerd Folkers

    90 Allwissenheit befreit nicht vom EntscheidenEntscheidungen sind nur in einem offenen System mglich. Aber weil ein Entscheid immer auch das System verndert, gibt es keine Referenz fr dessen Richtigkeit.

    Kunst Hans Danuser im Gesprch mit Andrew D. Barbour

    100 Interessant ist, dass der Mensch den Zufall ausschliessen mchte

    Wie wird eine Entscheidung am besten getroffen? Weshalb sind Abzhlverse von Kindern oft zielfhrender als lange Analysen? Wie beeinfl usst Schnheit unsere Entscheide? Ein Gesprch ber die Kunst der Entscheidungsfi ndung.

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    Du 795 April 2009

    III.

    110 Buchtipp

    112 Raffi nierter leben mit Ludwig Hasler

    113 Samuel Kellers Ausstellungstipps

    114 David Signers Safari

    115 Postkarte aus Madrid

    116 Filmtipp

    117 Designtipps

    118 Migros Kulturprozent: Josephine Meckseper

    122 Drei Fragen von Rdiger Safranski

    3 Editorial

    6 Impressum und Bildnachweis

    66 Back Issues und Abonnement-Karte

    Literatur, Ausstellung Golo Mann, Maria Lassnig2009 wre der Historiker und Schriftsteller Golo Mann hundert Jahre

    alt geworden. Sein Weggefhrte Rudi Bliggenstorfer berichtet von einem prgenden Aspekt in Manns Leben, der oft ausgeblendet wird. Zum 90. Geburtstag von Maria Lassnig zeigt das MUMOK bedeutende Arbeiten der letzten zehn Jahre: die kompro-misslose Offenlegung des eigenen Krpers und der eigenen Befi ndlichkeit.

    Kunst Hans Danuser: Entscheidungsfi ndungHans Danuser gehrt zu den Wegbereitern der zeitgenssischen Foto-

    grafi e in der Schweiz und arbeitete immer wieder auch mit Sprache und Zeichen. Fr sein jngstes Projekt sammelte er Abzhlverse von Kindern aus aller Welt und stellt sie in Beziehung zur Entscheidungsfi ndung. Exklusiv fr Du entwickelte der Knstler neue grafi sche Umsetzungen und Bedeutungskontexte.

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    III. Slection II. Horizonte

  • I. Fotobuch Markus Weckesser Archiv zwischen Buchdeckeln

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    Im Projekt Marks of Honour kreierten dreizehn zeitgenssische Fotografen Hommagen an die Fotobcher ihrer bedeutendsten Vorbilder:Harvey Benge William Eggleston; Chris Coekin Duncker Tuunanen; Peter Granser Robert Frank; Pieter Hugo Roland Barthes; Tiina Itkonen Pentti

    Sammallahti, Onaka Koji Daido Moriyama; Jens Liebchen Anthony Hernandez; Michael Light Ansel Adams; Mark Power Stephen Shore; Matthew Sleeth Lars Tunbjrk; Alec Soth Andrea Modica; Jules Spinatsch Block 2008; Raimond Wouda Paul Shambroom

  • Du 795 April 2009

    Seit ein paar Jahren ist der Markt fr Fotobcher enorm in Bewegung geraten. Es gibt bereits Titel, die so viel kosten wie ein Abzug. Was hat diesen Boom ausgelst?M.S.: Es hat einen Paradigmenwechsel gegeben, den sogenannten Parr-Effekt: Martin Parr verffentlichte mit Gerry Badger 2004 und 2006 die Bcher The Photobook: A History I + II. Danach war nichts mehr so, wie es war. Die Sammler haben die beiden Bcher als eine Art Leitkatalog benutzt und systematisch alle darin ge-nannten Titel gekauft. Dank dieser Vorleistung hat das Fotobuch nach langer Zeit seinen Stellenwert als knstlerisches Ausdrucks-mittel in der Fotografi e behaupten knnen.

    Inwieweit? Nicht erst seit Harry Graf Kessler ist das Buch als Kunstform anerkannt M.S.: Aber nicht in der Fotografi e. Die Anerkennung als eigenstn-diges Medium ist relativ neu.

    Will nicht jedes Kunstbuch ein kleines Kunstwerk sein?V.L.: Ich glaube nicht. Ein Katalog ist ein Katalog, und oft leider sehr langweilig. Auch junge Fotografen, die ihr erstes Fotobuch sel-ber herstellen, merken oft erst hinterher, wie wichtig es ist, ein gutes Layout und eine passende Typografi e zu haben.

    Einige Fotobcher sind schnell zu Spekulationsobjekten geworden. Welche Grnde gibt es, Fotobcher zu sammeln?M.S.: Fotobcher zu sammeln und zu archivieren, das heisst letzt-lich, auch Fotografi e zu verstehen. Da sich aber nicht jeder eine Privatbibliothek aufbauen kann, wird das die Aufgabe der Biblio-theken sein, sowohl der ffentlichen wie auch jenen, die Museen angeschlossen sind mehr natrlich Letztere. Der Autor und Kunstredaktor Ulf Erdmann Ziegler schrieb einmal: Wer sagt, dass der Fundus eines Museums zwangslufi g auf fotografi schen

    Archiv zwischen Buchdeckeln

    Nie waren Fotobcher so begehrt wie heute. Sie sind massiv preisgnstiger als Originalabzge und verschaffen der Arbeit eines Fotografen ungleich mehr Aufmerksamkeit als eine Ausstellung. Doch erst seit wenigen Jahren hat sich das Fotobuch als ein gleichwertiges Medium der Kunst etabliert. Markus Schaden, einer der bekanntesten Fotobuch-Experten Deutschlands, und die Kuratorinnen Nina Poppe und Verena Loewenhaupt erklren diesen Trend.

    Gesprch mit Markus Schaden (M.S.), Nina Poppe (N.P.), Verena Loewenhaupt (V.L.)Text Markus Weckesser Bilder PoppeLoewenhaupt

    Prints basieren muss? Genauso gut knnte man bei den Bchern beginnen. Mit einem Fundus von vielleicht hundert Bchern wre gewhrleis tet, dass die Geschichte der modernen fotografi schen Werke fr die Museumsleute, fr Spezialisten, Berater und Kura-toren in vorzglichen Beispielen anzuschauen ist.

    Ist diese Verschiebung Teil des Paradigmenwechsels im Sammeln?M.S.: Die Ausgangslage fr Archive und Sammlungen ist heute eine andere. Heute lautet die Frage: Wo befi ndet sich das Gedcht-nis der Fotografi e? Nicht nur was, sondern wie ist Fotografi e zu betrachten? Hnge ich mir fr 30 000 Euro einen C-Print hin, oder kaufe ich fr die gleiche Summe die weltweit besten Fotobcher des letzten Jahres?

    Der Original-Print galt bislang als Mass aller Dinge. Obwohl er technisch reproduzierbar ist, besitzt er eine andere sthetische Qualitt, die der Abbildung im Buch abgeht. Hat der Abzug an der Wand ausgedient?M.S.: Ich bin sogar so khn zu behaupten, dass das Medium Buch die wesentlich originrere Ausdrucksform der Fotografi e ist. Und zwar aus mehreren Grnden. Im Gegensatz zum Fotoabzug ist ein Fotobuch handlicher, demokratisch im Preis, unempfi ndlicher und mobil zu handhaben. Ausserdem garantiert es die grsste Form knstlerischer Freiheit, weil es in permanenter Form zu betrachten ist. In Ausstellungen werden Bilder je nach Kurator neu gehngt. Im Buch ndert sich nichts an der einmal vom Knstler bestimmten Anordnung.

    Die grossformatigen Fotografi en der jngeren Zeit haben eine ganz andere Qualitt als die kleinen Abbildungen in Bchern. Hat ein Fotobuch fr Sie den gleichen Wert wie ein Abzug?V.L.: Nein, das nicht. Aber alle Abzge, die ich von Fotografen

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  • I. Fotobuch Markus Weckesser Archiv zwischen Buchdeckeln

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    besitze, sind aus Fotobchern. So ergnzt das eine das andere, be-ziehungsweise der Abzug wertet das Buch noch auf.N.P.: Es gibt Bcher, die als Gesamtkunstwerk einen grsseren Wert haben als ein einzelner Abzug. Andere Arbeiten kommen als Print an der Wand viel besser rber. Manche Knstler versu-chen ihre Arbeiten unbedingt in Buchform zu prsentieren und scheitern. Ein Bild, das erst als riesiger Abzug zur Geltung kommt, kann in einem Fotobuch versagen. Es ist wichtig, individuell die richtige Form zu fi nden.

    Spiegelt sich diese Neubewertung in der Ausstellungspraxis?M.S.: Bis vor Kurzem wurden Bcher in Ausstellungen immer sekundr behandelt, jetzt auf einmal primr. In der aktuellen Aus-stellung von Paul Graham im Museum Folkwang (bis 5. 4. 2009) sind zum Beispiel smtliche Fotobcher des Knstlers sowohl ausgestellt als auch im Katalog abgedruckt. Nach drei Monaten ist eine Ausstel-lung zu Ende, aber das Buch bleibt und manifestiert die Arbeit.

    Wie bewerten Sie als Vertreterin einer jngeren Generation diese Entwicklung?N.P.: Fr uns sind Fotobcher die wichtigste Inspirationsquelle.

    Unsere Kenntnis der Fotografi e basiert hauptschlich auf ihnen, kaum auf Ausstellungen. Die Bilder aus Alec Soths Serie Sleeping by the Mississippi (2004; siehe Du Nr. 792) htten wir wohl nie ken-nengelernt, wenn sie nicht als Buch Verbreitung gefunden htten. Zur Ausstellung zu reisen, ist fr viele zu aufwendig. Ohne das Buch htte Soth wohl nie so schnell eine so wichtige Position in der zeitgenssischen Fotografi e erlangen knnen.M.S.: Das war eigentlich schon immer so. Was hat die Japaner be-einfl usst? Die Bcher von Bauhaus-Knstlern. Aber die sind ja nicht stndig hergereist und haben sich Ausstellungen des Malers, Designers und Fotografen Lszl Moholy-Nagy (18951946) ange-schaut. Die Guide-Ausstellung von William Eggleston im Museum of Modern Art, New York (1976), haben damals nur ein paar Tau-send besucht. Aber das Buch haben sich Generationen angeschaut. Aus meiner Sicht hat die Verbreitung von Fotobchern einen ent-scheidenden Anteil an der Wirkungsgeschichte der Fotografi e.

    Dann mssten diese Titel zur Grundausstattung jeder Kunst-bibliothek zhlen. Tatsache ist, dass es erhebliche Defi zite gibt. M.S.: 2005 haben wir bei der Kunstbibliothek in Berlin angefragt, ob sie eine Gesamtedition unseres Projekts Marks of Honour (MoH)

  • Du 795 April 2009

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    kaufen mchte. Man zeigte berhaupt kein Interesse. Die sind zwar gut aufgestellt, das Problem ist aber, dass ihr Sammeln im Grund-satz eher konservativ orientiert ist. Es ist wesentlich einfacher, lngst arrivierte Fotografi e zu sammeln. Den Kauf von August Sanders Antlitz der Zeit (1929) braucht niemand zu rechtfertigen. Solche B-cher sind kanonisiert. Spannend wird es fr mich, und das macht sicher das Visionre aus, zu fragen: Was sollte man heute kaufen?

    Das Getty Research Institute mchte eine MoH-Gesamtedition erwerben. Gibt es in den USA eine andere Sammlungstradition?M.S.: Seit seiner Grndung Mitte der 1980er-Jahre war das Haus immer sehr gut ausgestattet; man sammelte von Anfang an neue Bcher. Vergleichbare Sammlungen gibt es nur im Fotomuseum Winterthur und der Maison Europenne de la Photographie in Pa-ris. Deren Bibliothek hat inzwischen so viele Besucher wie die Aus-stellungen. Da werden nicht nur Masterpieces, sondern es wird sehr frisch und breit gesammelt.

    Die Ankaufsetats schrumpfen, die Museen sind auf Frderer und Sponsoren angewiesen. Zuerst explodierten die Preise fr Original-Prints, jetzt fr Fotobcher. Wie wirkt sich der Trend auf die

    Sammlungen aus?M.S.: Die Entwicklung ist fatal fr diejenigen Sammlungen, die jetzt nachkaufen mssen. Heute ist so ein Schatz wie die Bibliothek im Getty Research Institute unbezahlbar.

    In welchem Rahmen liegen die Preise fr neue Fotobcher?M.S.: Im Schnitt zwischen 40 und 120 Euro. Wobei das Sammeln in der Zukunft schwieriger wird, weil die Aufl agenhhe der wirklich spannenden Sachen sehr klein ist. Wenn bis in die 1980er-Jahre 500 Titel mit einer Aufl age von 5000 Stck produziert wurden, sind es heute 5000 Titel mit einer Aufl age von 500 Stck.

    Wie fi nanzieren sich die Bcher?M.S.: Die Technik hat enorme Fortschritte gemacht, so knnen schon relativ geringe Stckzahlen in sehr guter Druckqualitt zu einem annehmbaren Preis hergestellt werden. Die Knstler brauchen nicht mehr verzweifelt nach einem Verleger zu suchen. ber ein Subskrip-tionsmodell fi nanzieren sie die Kosten und produzieren ihre Bcher selber. Jeder macht alles, vom Editieren bis zum Gestalten. Heute herrscht viel Durcheinander. Irgendwer msste die Ausbildung ber-nehmen, in der das Know-how der Fotobuchproduktion gebndelt

    Michael Lights Scherenintervention in Ansel Adams Yosemite and the Range of Light (1979)

  • I. Fotobuch Markus Weckesser Archiv zwischen Buchdeckeln

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    Von oben nach unten:Onaka Kojis Holzbox mit fnf Prints und einem Kontaktbogen als Hommage an Daido Moriyamas Tales of Tohno (1976)

    Jens Liebchens Lepo-rello als Hommage an Anthony Hernandez' Sons of Adam (1997)

    Mark Powers Hom-mage bestehend aus vier Prints an Stephen Shores Uncommon Places (1982)

  • Du 795 April 2009

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    wird. Ich warte, dass Seminare angeboten werden, die Fotobuchhi-storie behandeln. Cindy Gates, Professorin an der Fachhochschule Dortmund, ist eine der wenigen, die sich an Bcher halten. In Hol-land, einem Land mit Vorreiterrolle, wird das Studium hufi g mit einem Fotobuch abgeschlossen.

    Welche Erfahrungen haben Sie beide diesbezglich im Laufe Ihres Fotografi estudiums in Holland gemacht?V.L.: Im theoretischen Teil des Studiums standen Fotobcher sehr zentral. Mein Diplom war zwar kein Fotobuch, aber im Laufe des Studiums habe ich mich intensiv damit beschftigt.N.P.: Wir bekamen die Aufgabe, eine Dokumentation in Buchform zu prsentieren; das war eine gute bung. Mein Kommilitone Rob Hornstra konnte fr sein erstes Buch vorab hundert Kufer gewin-nen, die er namentlich im Buch erwhnte, und somit einen Teil der Kosten decken. Viele Studenten haben sich daran ein Beispiel ge-nommen. Normalerweise muss man nach dem Studium mhselig Klinken putzen, aber wenn man es schafft, ein gutes Fotobuch auf den Markt zu bringen, kann sich schnell alles wenden. Die Galeristen suchen heute oft junge Fotografen anhand von Bchern aus.

    Welche Kriterien sind angesichts dieser Vielzahl an Verffent-lichungen fr Sie als Kuratorinnen entscheidend?N.P.: Ein Fotobuch muss als Gesamtobjekt stimmig sein und vom Cover bis zur letzten Seite eine Einheit bilden. Es gibt viele Bcher mit beeindruckenden Bildern, guten Geschichten, aber wenn es im Standardformat auf Standardpapier gedruckt ist, kann es schnell langweilen. Natrlich gibt es auch Bcher, die nicht unbedingt von ihrer Machart berzeugen, aber von ihrem Inhalt her so wichtig sind, dass man sie haben muss.V.L.: Ein Fotobuch muss eine eigene Handschrift besitzen. Die Ar-beit und Liebe, die vom Knstler reingesteckt wurde, sollte zum Ausdruck kommen.

    Detailverliebtheit ist ein Kennzeichen von Marks of Honour V.L.: Das Projekt wurde 2005 vom Galeristen Willem van Zoeten-daal und von Markus Schaden initiiert. 41 Knstler wurden ein-geladen, ein Fotobuch, das fr ihre eigene berufl iche Entwicklung von Bedeutung war, knstlerisch zu kommentieren. Die Arbeiten wurden dann im Amsterdamer Fotomuseum ausgestellt. Nina und ich assistierten und nahmen zugleich als Knstlerinnen teil.N.P.: MoH 2008 kuratierten und organisierten wir dann eigenstn-dig. Fr die neue Ausgabe konzentrierten wir uns auf dreizehn Knstler, damit jede Arbeit zu ihrem Recht kommt und die ent-sprechende Aufmerksamkeit erhlt.

    Was war fr die Auswahl wichtig?N.P.: Wir haben nur Knstler gebeten, die mit eigenen Publikati-onen in der Buchwelt vertreten sind alles Fotobuch-Nerds.V.L.: Einige kennen sich auch untereinander, was wichtig ist, damit mglichst viel Austausch stattfi ndet.

    Wie vermitteln sich die Bezge dem Besucher der Ausstellung?N.P.: Die Exponate sind mit Linien verbunden, um zu zeigen, wie es zur jeweiligen Hommage gekommen ist und wie alles zusam-menhngt. Das Publikum soll alles sehen knnen, mglichst nah dran sein, ohne etwas zu berhren. Die einzelnen Stcke liegen in Vitrinen oder werden auf Plasmabildschirmen gezeigt, auf de-nen sie von den Besuchern virtuell durchgeblttert werden knnen. Noch erhltliche Bcher liegen zur Ansicht aus.V.L.: Die Prsentation fhrt die Editionen fort. Chris Coekins Tramperbilder htten nicht in einen teuren Rahmen gepasst, das wre wie ein Stilbruch. Die pinnen wir einfach an die Wand.N.P.: Spannend ist es, wenn die Arbeit zum Objekt wird. Dann ist der Anreiz grsser, ber den Zusammenhang nachzudenken.

    Wieso beinhaltet eine Hommage in MoH berhaupt noch Bilder wre es nicht konsequenter, nur Fotobcher zu zeigen?N.P.: Jedes Fotobuch hat seinen Ursprung in den Bildern; das ist der erste Schritt. Dass man durch ein Fotobuch inspiriert wurde, heisst noch lange nicht, dass die Arbeit auch ein Buch sein muss.

    Welcher Beitrag steht exemplarisch fr das Konzept?V.L.: Michael Light hat als Einziger direkt in ein Buch eingegrif-fen. Entlang von Landschaftslinien und Wolkenumrissen hat er gezielt Lcher ins Buch Yosemite and the Range of Light (1979) von Ansel Adams geschnitten. In jedes der drei Exemplare an der glei-chen Stelle. Er ist in der Gegend aufgewachsen, wo Adams seine berhmten Bilder vom Nationalpark machte, aber er wollte nie sein Vorbild kopieren. Wenn er jetzt das Originalbuch bearbeitet, ist das als Hommage zu verstehen. Jede Seite bekommt so eine neue Be-deutung. Man kann durch Seiten hindurchschauen. Manchen Sei-ten hat Light auch eigene Aufnahmen gegenbergestellt.N.P.: Light beschreibt seine Beziehung zu Adams als Hassliebe. Sein erster Impuls war, das Buch mit einer Schrotfl inte zu durch-schiessen. Seine Fotografi en verschmelzen mit den Bildern von Adams. Das macht den Klassiker auch fr eine Generation junger Fotografen wieder interessant. Ich selbst fand seine Arbeiten eher langweilig. An der Bearbeitung kann ich mich kaum sattsehen.

    in der Ausstellung. Von der Edition gibt es ja nur drei Exemplare.N.P.: Stimmt. berhaupt mchten Besucher gerne etwas mit nach Hause nehmen. Daher arbeiten wir an einem Katalog; der hat Be-stand und fi ndet Verbreitung.V.L.: Fotobuchliebhaber sind eben Sammler.