Transsib für Anfänger

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Reisebericht aus Russland. Petersburg bis Sibirien.

Text of Transsib für Anfänger

  • Transsib fr Anfngervon

    Georg Rehberger

    politisch korrekterwahrheitsgetreuer

    ungekrzterReisebericht

    aus Russland

  • Prolog

    Mein erstes mal Russland, mein erstes Mal alleine auerhalb Euro-pas reisen, das erste Visum. Da fangen die Probleme an. Wie gut wir es doch haben: Fr deutsche Staatsbrger besteht keine Visumspflicht, das bin ich gewohnt. Drei Mal zu einem nuschelnden Russen an den Schalter zu kriechen weniger.

    In einer hbschen Mnchner Villa mit deutschem Nummernziehsy-stem (leicht modifiziert zur besseren Verwirrung) residiert der russische Konsul in Sddeutschland. Das lange Warten und Zittern, ob man ja auch die richtigen Dokumente dabei hat, wird verst durch die Scha-denfreude, die Anderen Bittsteller scheitern zu sehen:Ja, httest du mal die 2,4cm Dokumentenrand eingehalten, du Anfnger!

    Es wird nie langweilig in der russischen Botschaft, und die Russen ha-ben einen Sinn fr Kultur, das merkt man gleich. Besonders fr Kafka, der wird hier besonders gerne inszeniert.

    Der alte Mann K. an der Glasscheibe : Das ist das Papier. Die unsichtbare andere Seite nuschelt unverstndlich. K.: Sie mssen sich irren, das ist es. Ich habe es extra mitgebracht! Die unsichtbare Scheibe zischt etwas.Ja, zitternd kramt K. in seinen Taschen. Er schaut ngstlich in die Scheibe, als wollte er den anderen mit Mitleid berzeugen. Er findet ein Papier und schluckt. Er reicht es durch.Die Scheibe sagt: Das ist das Falsche.Verzweifelt drckt K. gegen die Scheibe, doch es hilft nichts. Er muss nchste Woche wieder kommen.

    Im Sommer 2010 reise ich fr 17 Tage nach Russland. Zuerst ein paar Tage St. Petersburg, dann Moskau und mit der Transsibirischen Eisen-bahn dann ber Jekaterinburg nach Irkutsk. In Sibirien besuchen wir den Baikalsee und bleiben drei Tage. Von Irkutsk fliege ich wieder nach Mnchen und bekomme einen waschechten Kulturschock: Nach 2 Wo-chen Russland kann ich hier tatschlich wieder alles verstehen, alles lesen und es gibt Regeln, die Sinn machen.

    Russland ist nichts fr Leute mit schwachen Nerven. Lesen Sie selbst.

  • TAG 1

    Der Mnchner Flughafen empfngt mich mit roter Pornobeleuchtung ber dem Rollband. Das stimuliert mich, ich tausche all mein Geld in Rubel um. Ab ins Flugzeug und mein Leidensweg beginnt:

    Fette Menschen. Vor mir watschelt eine stumpige Frau den Gang entlang. Mein Gebet wird zwar erhrt, aber Gott hat einen anderen Fet-ten als Ersatz besorgt, der mir die 2 Stunden 40 nach St.Petersburg zur Seite sitzt, halb auf meinem Platz. Einfach nicht bewegen, die erste Geduldsprobe meiner Reise beginnt.

    Gelandet und durch kilometertiefe U-Bahn-Schchte rollgetreppt, er-reichen wir das Apartement von Anya in Sovietblock Ost. Gepck ent-laden, Durst: In ganz Russland kann man das Wasser aus der Leitung nicht trinken, dafr gibts Milch die strkt.

    Als Vorletzter stoe ich zur Gruppe, in einer alten Backfabrik nahe der Stadtmitte. Gleich hier lerne ich meinen treusten Begleiter der nchsten zwei Wochen kennen: Quas. Ein Malzgetrnk mit Krutern, leicht suerlich und sehr erfrischend. In der erbarmungslosen Hl-le der nchsten Sonnentage werde ich meinen Freund oft brauchen. Viel Zeit bleibt nicht, da stolpert schon der vermisste Prsident von AEGEE-St.Petersburg durch die Tr, standesgem shitfaced.

    Es ist soweit, Kosaken! Auf gehts zur ersten Party. Vorher werden wir noch reichlich mit Mnzen beschenkt leider nicht aus Gold, aber gut fr die U-Bahn. Nach dem ersten langen Marsch erreichen wir eine Dachterassenparty, mit schner Aussicht auf wahlweise einen Hinter-hof oder die reichlich gepiercte Punkerin aka Barkeeperin. Noch ist das lange Warten und die ungewisse Planung erschreckend fr mich. Das sollte sich bald ndern.

    Nachts werden in St.Petersburg zwei Vorsichtsmanahmen getroffen. Erstens klappt man alle Brcken hoch, so da marodierendes Partyvolk nicht von der Hauptinsel herunterkann. Zweitens lsst man die Sonne einfach auch nachts an so kann man sich nicht im Schatten verstecken und aus lauter Scham, vermeintlich bis zum Mittag gesoffen zu haben, geht man schon um vier nach Hause.

    Ein weiterer Garant fr Sicherheit ist das Taxensystem. Man fhrt nmlich nicht mit richtigen Taxen, sondern winkt sich einfach ein be-

  • liebiges Auto heran. Halt! Das stimmt nicht ganz. Erstens sind es keine beliebigen Autos, sondern Irre, die morgens um 5 planlos durch die Stadt fahren. Und dazu winkt man sie nicht heran, sondern die hbschen Md-chen prsentieren ihre Beine am Straenrand.

    Nachdem also ein Preis ausgemacht ist (fr die Fahrt, fr die Fahrt!), steigt man in den 30 Jahre neuen Lada und los gehts. Leider hatten wir versumt, den Fahrer zu fragen, ob er wirklich darauf bestehe, sei-nen Schranz-Techno-Mix auf 3000 Dezibel zu hren. Er bestand. Aber er zeigte Verstndnis und bat uns an, auszusteigen. Ganz nett, so eine Fahrt in der Loveparade.

    TAG 2

    Der rote Faden der nchsten 15 Tage beginnt mit den ersten Worten des Tages: Get up, we are already late!. Zusptkommen, eine Frage der Perspektive. Nach 3 Stunden Schlaf in Hitze, einem Ksebrot und Milch am Morgen bin ich bereit fr die Summer University. Die Organi-zer grtenteils nicht: Sie hatten das Motto party harder than your par-ticipants zu wrtlich genommen. Eine der Natashas hatte nach Hause getragen werden mssen. Ihre drei Gste konnten leider weder russisch noch wussten sie die Adresse, also hatten sie die rettende Idee: Aus Na-tashas Handy hatten sie den Eintrag herausgesucht, der am ehesten nach Mama aussah und riefen auf gut Glck an. Der Taxifahrer ber-setzte und brachte die Crew glcklich nach Hause. Eine Ausnahmeer-scheinung, wie wir in Moskau feststellen wrden.

    Der Tag beginnt mit Palsten und Kirchen, durchzogen von schner Aussicht auf die vielen Kanle, die blauen Adern von St.Petersburg. Mit einem Schiffchen gehts durch dieselben, unter unzhligen Brcken hin-durch. Einer der vielen Aberglauben in Russland schreibt vor, sich unter jeder Brcke zu kssen auch eine nette Art des ice breakings. Beru-higt vom Schaukeln, gekhlt vom Seewind schiffen wir an der Aurora vorbei, dem Symbol der Oktoberrevolution. Weiter an Gazprom vorbei, dem Symbol der lrevolution. Abends typisch russisch essen in der Su-shibar und dann typisch russisch WM schauen im Pub. In einem sehr, sehr stickigen Pub bei 30C, mit jeder Menge Spaniern und nur einer

  • handvoll Hollndern. Die Spannung und die Luft, beides zum Schnei-den. Bierglser verharren auf dem Weg zum Mund, eine stille, Madame-Tussaud-esque Stimmung.

    Nach dem Siegestanz der Spanier vor dem Pub und wahren Trnen bei den Hollndern gehen wir frher als sonst nach Hause, sogar vor ff-nung der Brcken. Ein echter Leningrader Cowboy fhrt uns diesmal, macht ein paar lustige Bemerkungen auf Deutsch als er mich entlarvt hat. Zum Abschied tippt er an seinen Hut und wnscht uns Schnaps!.

    TAG 3

    Nach lngerem Schlaf (4 Stunden) gehts heute auf nach Peterhof. Das bescheidene Sommeranwesen des Zaren liegt direkt am Golf von Finnland und beherbergt etwa 8 Millionen Springbrunnen. Nach einem zermrbenden Gewaltmarsch durch die seltsam schattenlose Wld-chenwste erfahren wir das Programm fr den Nachmittag: Schaschlik grillen! Sehr gut, denkt sich der Europer. Das wird ein leckeres, ge-mtliches, in-der-Nhe-liegendes Grillfest. Oh, du kulturell knapp bei Kasse stehender Karnevalstourist!

    Als die ersten aus der verstreuten Gruppe verdurstet am Wegrand mumifiziert liegengeblieben sind, trllert der Organizer Cmon guys, its, like, 5 minutes more!. Das like lsst ahnen, dass ein Kontinental-drift bevorsteht. Aber der Reli-Unterricht lehrt: Am Schluss kommt die Akzeptanzphase, und da bin ich jetzt angelangt. Russland, 1:0 fr dich. Und dabei ist es Sommer! Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man hier im Winter irgendwo hinkommt. Zum Glck wrde das niemand versuchen, der noch ganz ... Oh. Bonaparte und Adolf, Ihr zwei habts probiert. Na dann geb ich es ebenfalls auf, und trotte meinem Zug hin-terher durch den Birkenwald.

    Auf dem Weg zum mckenumschwirrten Flachwassersumpf schlep-pen wir uns an einem Fluss mit halbem Wasserstand entlang, in dem es seltsam glitzert. Verrostende Rohre liegen dort unten im Schlick, sie scheinen den Fluss entlangzulaufen. Die Vorschlge, es sei eine Abwas-serleitung, die sich den Weg zum Meer praktischerweise durch direkte Flussverseuchung spart, werden verworfen. Natrlich wirkt es wie eine

  • alte, verrostende Seuchenpumpe; das muss es auch! Wer wrde gerade hier den Sowjetischen Teilchenbeschleuniger vermuten, der seinerzeit auf einer Lnge von 40 km hier durch diesen Fluss angelegt wurde? Bequemerweise genau so, dass man an seinem Ende Schaschlik grillen kann. Da sag noch einer, die Russen verstnden nichts von Freizeitpla-nung.

    Abends bleibt nach dem Martertag noch eine halbe Stunde, sich um-zuziehen. Dann schnell an der Ecke einen Pfannkuchen (typisch rus-sisch, sagt Sergey) und ab zur European Night. Wer noch nie auf einer solchen Veranstaltung war, dem sei geraten: Unbedingt hingehen, aber um Gottes Willen vorher Lebertran trinken. Lebertraining soll auch hel-fen. Die anwesenden glorreichen Nationen und Griechenland stellen sich jeweils mit reprsentativen Schnpsen vor. Dann werden die Schnpse gesoffen. In einem Rekordtempo, nach einer halben Stunde ist nichts mehr da, und nach weiteren dreiig Minuten ist die Luft so voller Alko-hol, dass die Europische Luftsauberkeitsbehrde einen Tobsuchtsanfall bekommen wrde, um danach kotzend ber dem Lenindenkmal zu hn-gen. Leider findet unsere European Night in einem Keller statt. Leider ist es drauen abends immer noch 35C und leider leider hat der Keller weder Fenster noch eine Klimaanlage.

    Das Ergebnis ist der Alptraum der Mnchner Mietervereinigung ge-gen Lrm e.V.: Vierzig stark alkoholisierte junge Leute, mit Flaggen und Partyhten ausgestattet, die, grlend und schwankend, selig eine