Das kreative Gehirn 1. Was ist Kreativitأ¤t? Hans Schachl Das kreative Gehirn 22.11.2018 1 Das kreative

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  • Hans Schachl Das kreative Gehirn 22.11.2018

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    Das kreative Gehirn

    22. November 2018

    1. Was ist Kreativität?

    Häufig wird darunter „nur“ die künstlerische Kreativität verstanden, wobei das Wort

    „nur“ natürlich nicht abwertend gemeint ist! Aber Kreativität muss umfassend

    gesehen werden: Das lateinische „creare“ bedeutet „zeugen“, „gebären“, „schaffen“,

    „erschaffen“.

    Ein schönes Beispiel für die Kombination von Wissenschaft und Kunst: Bilder aus Aufnahmen mit der funktionellen Magnetresonanztomographie wurden von Künstlern auf Blattgold aufgebracht. Bei Beleuchtung entstehen dann solche Bilder von Nervenzellen und Nervenverläufen („Konnektom“).

    Dunn/Edwards, in Gehirn&Geist, 2016, 11

    Definitionen von Kreativität: „Creativity is commonly defined as the ability to produce work that is both novel (original, unique) and useful within a social context“ (Fink; Benedek, 2014, 112). Also Neues, Originelles, Einzigartiges etc. scheint nicht ausreichend zu sein. Die neuen Ideen müssen sich „lohnen“, „useful“ sein. Allerdings gehen die Meinungen, was useful ist, sicher manchmal auseinander, speziell, wenn man an künstlerische Produkte denkt. Robinson (2011) definiert Kreativität als Prozess, der etwas Originelles hervorbringt,

    das Wert besitzt und in dem sich die dem Menschen eigene Phantasie manifestiert

    (Waid, 2018, 9).

    Eine kleine „kreative Zwischenübung“ (aus dem Torrance Test of Creative Thinking, in Rominger, 2018): „Erschaffen“, „kreieren“ Sie aus dieser Ausgangsfigur eine kreative Zeichnung:

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    2. Wo ist der Ursprung von Kreativität?

    „Seit wir in der Evolution den Geist bekommen haben, sind wir unablässig von der Herausforderung gequält, unsere eigene Natur zu erkennen“, formulierte der Nobelpreisträger für Molekularbiologie Jaques Monod es einmal. Manchmal sind wir sicher auch gequält von den existentiellen Fragen des Lebens, aber wenden wir uns doch dem zu, was der Geist uns an Positivem gebracht hat: wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen und so Wunderbares wie die Sprache eines Goethe, die Werke von Michelangelo und Sandro Boticelli, die Musik von Mozart und Beethoven! Die Evolution hat uns ins „Reich der Ideen“ gebracht, wie es Jaques Monod (1975)

    ausdrückte, ins Reich der Ideen mit Sprache, Bewusstsein, Religion, Wissenschaft,

    Philosophie und eben auch und ganz besonders Kreativität, Kunst.

    Kreative Ideen kommen wahrscheinlich nicht durch göttliche Inspiration (Heiliger

    Geist) oder durch den Kuss der Musen zustande, sondern sind Ergebnisse von

    Hirnprozessen.

    3. Das intelligente, kreative Gehirn Damit das Gehirn das Reich der Ideen entwickeln und auch kreativ werden konnte, mussten Quantensprünge in der Hirnentwicklung passieren: Dazu war vieles notwendig: Vergrößerung des Hirnvolumens, vor allem Vergrößerung des Frontalhirns und der Großhirnrinde; Entwicklung der Sprach-Strukturen. Vor allem haben die im Vergleich zu den Tieren längeren Lernphasen und die Veränderbarkeit (Plastizität) der Hirnstrukturen einen großen Beitrag geleistet. Wichtig für die Hirnfunktion ist natürlich das „Innenleben“ in den Nervennetzen:

    Wir haben ca. 86 Milliarden Neuronen und noch einmal so viele Glia-Zellen, bis zu 20.000 Synapsen (Verbindungen) pro Neuron der Großhirnrinde: Das ergibt bei 86 Md x 10.000 (Durchschnittszahl der Synapsen) eine Zahl von 860 000 000 000 000 (860 Billionen) Synapsen im gesamten Hirn, ohne Glia- Zellen mit ihren Synapsen! Die „Intracorticalen Assoziationsfasern“ (Verbindungen zwischen den Nervenzellen in der Großhirnrinde) werden auf 400 Billionen geschätzt! Das ist sicher ein entscheidender Grund für die geistigen Leistungen. Verbunden damit spielen die kurzen Wegstrecken und die Myelinisierung (Umwicklung der Nervenleitungen mit „Isoliermaterial“, damit große Leitungsgeschwindigkeit bis zu 120m/s) ein wichtige Rolle.

    Laux in Gehirn&Geist, 2018, 05, 62)

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    4. Wo ist im Gehirn die Kreativität?

    Manche würden sagen: In der rechten Hirnhälfte!

    Aber: Es gibt nicht ein einziges Hirnareal für Kreativität!

    Entscheidend ist die Zusammenarbeit verschiedener Regionen.

    Eine wichtige Rolle spielt ein spezielles Netzwerk, das sogenannte „Default Mode

    Network“ (DMN), auf Deutsch „Basis- oder Ruhe-Netzwerk“ (Lin et al., 2017):

    Ayan, 2016, 15

    Für Kreativität ist dieses „Ruhe-Netzwerk“ von großer Bedeutung! Der Begriff „Ruhe“

    ist jedoch nicht zutreffend, weil das stabile Aktivitätsmuster in diesem Netzwerk sich

    zwar zeigt, während das Gehirn gerade keine konkreten Aufgaben erfüllt, dafür aber

    ein Korrelat für freie Erinnerungen, Vorstellungen, Pläne, kreative Ideen,

    „Tagträumen“ („Mind wandering“) darstellt.

    Kreativität erfordert eine flexible Konfiguration vieler Hirnregionen, die vorübergehend

    und komplex interagieren. Man nimmt „multiple Netzwerke“ an, bestehend aus dem

    Default Mode Network und semantischen Regionen im Großhirn, aber auch mit

    Verbindungen zum Kleinhirn (Ogawa et al., 2018). Man spricht von einer „dynamisch

    funktionalen“ Verbindung (Li J. et al., 2017) zwischen dem sogenannten

    „exekutiven“, kontrollierenden Denken und dem spontanen Denken (De Pisapia,

    2016): Spontanes Denken („Fließen“ der Gedanken, Emotionen, Bilder, Klänge etc.)

    generiert die neuen Ideen. Exekutive Prozesse (Zieldefinition, Planen, Entscheiden,

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    Kontrolle, Einhalten von Regeln, etc.) sind für die Selektion und Evaluation der

    generierten Ideen zuständig. Beide Bereiche haben Entsprechungen im Gehirn (De

    Pisapia et al., 2016).

    Dass Kreativität das Ergebnis einer funktionellen Zusammenarbeit verschiedener

    Netzwerke im Gehirn ist, zeigt eine ganz neue weltweit vernetzte

    Untersuchungsreihe, an der auch die Grazer Forscher Fink und Benedek beteiligt

    waren, mit fMRI-Ableitungen (Beaty et al., 2018):

    Dabei sind die Aktivitäten so ausgeprägt, dass sogar eine Vorhersage von

    individuellen Unterschieden bezüglich Kreativität möglich ist: Bei sehr kreativen

    Versuchspersonen war die Interaktion dieser Netzwerke sogar im Ruhezustand

    erkennbar (Beaty et al., 2018; http://science.orf.at/stories/2889803/ am 16.1.2018)

    Neuerdings konnten auch Korrelationen zwischen Testergebnissen von

    Kreativitätstests und Genmutationen (für erregende Glutamat- und hemmende

    GABA-Neurotransmitter) gefunden werden. Wenn nun die Daten aus den

    Hirnvernetzungen (connectome) und aus diesen Genveränderungen kombiniert

    werden, können die Werte aus den Kreativitätstests mit einer Genauigkeit von ca.

    80% vorausgesagt werden (Liu et al., 2018).

    5. Ein spezielles Hindernis für Kreativität

    Im Laufe unserer Entwicklung, durch das Lernen bekommen wir immer mehr Wissen,

    auch Gewohnheiten, Automatismen etc. Das ist wichtig, kann uns aber auch

    behindern.

    Oft sind wir durch unsere Vorerfahrungen „heterogen funktional gebunden“:

    Dazu ein klassisches Experiment aus der Problemlöseforschung ("Schachtel- Problem" in Mayer, 1979, 92): Aus dem vorliegenden Material (Reißnägel, Kerzen, Zünder in drei Schachteln) sollen drei Lampen in Augenhöhe an der Wand angebracht werden! Die zweite Gruppe mit den Gegenständen

    außerhalb der Schachteln kam schneller auf

    die Lösung, weil sie die Schachteln nicht als

    Behälter, sondern als Teile der

    Problemlösung sahen.

    Interessant ist, dass die Vorerfahrungen nicht nur behindern können, sondern dass

    sie das nachfolgende Denken im „“Ruhezustand““ positiv beeinflussen (Lin et al.,

    2017). Es wird also an den Vorarbeiten dann in den Phasen der Ruhe

    weitergearbeitet!

    Dies, zusammen mit dem Vorschlag, Kreativität als „careful balance between top-

    down executive control and more free-thinking/mind-wandering processes“ (De

    Pisapia, 2016) zu sehen, hat wichtige Konsequenzen für den Unterricht:

    http://science.orf.at/stories/2889803/

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    Wie ist „careful balance“ realisierbar, um der „funktionellen Dynamik“ des Gehirns

    gerecht zu werden?

    6. Die Bedeutung von Ruhe und Muße

    In diesem Zusammenhang spielt das Phänomen der

    „Inkubation“ vor einem Aha-Erlebnis (Heureka des

    Archimedes) eine Rolle (Ayan, 2016, 12ff.). Die Bedeutung

    von Ruhe und Zeit für das Zustandekommen kreativer Einfälle

    und damit für Problemlösungen wird von vielen

    Wissenschaftlern und Künstlern berichtet (Kekule, Einstein,

    Heisenberg, Poincare, Wagner): Siehe z. B. Heisenberg,

    1975; Sacks, 2017, 18f.).

    Leitner, 1990, 2, 59

    Ein erstes Argument für die Bedeutung der Muße leitet sich aus der Einbindung des

    Limbischen Systems („Gefühlszentrale“) ab: Ruhe, Muße, Entspannung sind mit

    angenehmen Gefühlen verbunden:

    Die Areale des Denkens

    (Frontalhirn, Hippocampus,

    …) wer