Die Sedimentierungsgeschwindigkeit der roten Blutkörperchen bei der Lungentuberkulose

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    26-Sep-2016

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  • Acta Medica Scandinavica. Vol. XCVII, fasc. 1-11, 1938.

    Aus der medizinischen Klinik der Kgl. Universitat-Pavia, Italien. (Vorstand: Prof. A. Ferrata.)

    Die Sedimentierungsgeschwindigkeit der roten Blutkiirperchen bei der Lungentuberkulose.

    Von

    C. FOSSATI. (Bei der Redaktion am 23. Juli 1938 eingegangen.)

    Wie aus der Fiille der vorhandenen Untersuchungen alterer und moderner Forscher hervorgeht, kommt dem Studium der Sedimentierungsgeschwindigkeit der roten Blutkorperchen eine betrachtliche Bedeutung zu. Diese Untersuchungen gingen dahin, sowohl den diese Erscheinung bestimmenden Mechanismus als auch das praktisch-klinische Interesse der Reaktion aufzuzeigen.

    Es ist bekannt, das Biernacki als erster sich dafiir interessiert hat, die Zeit zu bestimmen, welche aufgeschwemmte rote Blutkor- perchen zur Sedimentierung brauchen. Seine auf das Jahr 1894 zuruckgehenden Untersuchungen fanden jedoch keinen Widerhall, so dass erst mit dem Jahre 1917 genauere Forschungen iiber die Sedimentierungsgeschwindigkeit sowie uber ihre praktische An- wendung beginnen.

    In diesem Jahre wies namlich Fahreus nach, dass die Senkungs- geschwindigkeit der roten Blutkorperchen bei der schwangeren Frau grosser sei als bei der Nichtschwangeren.

    Zu Ehren dieser beiden Forscher, welche die neue Unter- suchungsmethode begriindeten, wird sie als Biernacki-Fahreussche Reaktion bezeichnet.

    Vom Jahre 1917 bis heute wurden auf diesem Gebiete unzahlige Arbeiten ausgefiihrt und da ich in der vorliegenden Mitteilung weder die Ansichten samtlicher Verfasser noch die umfangreiche

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    Literatur dieses Gebietes wiedergeben kann, werde ich mich nur auf die Anfiihrung der jungeren, in dieser Richtung ausgefuhrten Forschungen begniigen.

    Die weitgehendste Anwendung fand die Sedimentierungsge- schwindigkeitsreaktion auf dem Gebiete der Tuberkulose. Unter den Infektionskrankheiten zeigt die Tuberkulose bisher noch keine sichere Reaktion, welche als diagnostisches Hilfsmittel ausgewertet werden konnte.

    Die zahlreichen Komplementbindungsreaktionen (Besredka, Wasserman, Klopstock-Neuberg, Boquet-Nhgre u. s . w.), Flockungs- reaktionen (Nagel, Meinicke) und die verschiedenen Reaktionen aspezifischer Art (Vernes, Weltmann, Takata-Ara u. s. w.) haben sich bisnun als fur diagnostische Zwecke nicht geniigend empfind- lich oder spezifisch erwiesen.

    Auch die Sedimentierungsgeschwindigkeitsreaktion wird allge- mein als fur die Tuberkulose nicht spezifisch angeschen; die ver- schiedenen Verfasser jedoch, weIche sich mit ihrer praktischen An- wendung auf dem Gebiete der tuberkulosen Erkrankungen beschlif- tigt haben, schreiben ihr eine betrachtliche Bedeutung als Anzeiger des Krankheitsverlaufes zu.

    Bethoux und GCnin finden bei der Lungentuberkulose konstant eine Vermehrung der Sedimentierungsgeschwindigkeit bei Ver- schlechterung des Krankheitszustandes, wahrend die Besserung mit einer Verminderung der Senkungsgeschwindigkeit einhergeht. Sie schliessen ihre Mitteilung mit den Worten von L. Bertrand, welcher behauptet, dass die Biernacki-Fareussche Reaktion won allen Proben vielleicht mit grosster Sicherheit ein prognostisches Element fur die Lungentuberkulose bieteto. Auch Croce, der die Meinnickesche Reaktion und die Blutkorperchensenkung bei der Tuberkulose vergleichend untersuchte, fand, dass die Sedimentie- rungsgeschwindigkeitsreaktion dem klinischen Verlauf der Krank- heit bedeutend treuer folgte, als die Meineckesche Probe. Reale priifte die Senkungsgeschwindigkeit bei Tuberkulosen eines Gebirgs- sanatoriums und seine Ergebnisse erlaubten ihm den Schluss, dass die Sedimentierungsgeschwindigkeitsreaktion vor allem als Anzeiger der akuten, exsudativen Phasen der Lungentuberkulose dient und daher sehr wertvoll fur die Beurteilung des Erfolges einer begon- nenen Therapie ist.

    Ich unterlasse es hier alle Arbeiten beziiglich dieses Problems,

  • D I E S E D I M E N T I E R U N G S G E S C H W I N D I G K E I T DER ROTEN u. z. w. 151

    Verfasser nach Verfasser, zu besprechen und begnuge mich mit der Schlussfolgerung, dass das Ergebnis der Senkungsgeschwindigkeits- reaktion der roten Blutkorperchen nunmehr zu j enen Befunden gehort, die in der Klinik der Tuberkulose mit derselben Bedeutung wie sie etwa die Temperaturmessung und Korpergewichtsbestim- mung haben, ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkennung des Krank- heitsverlauf es darstellen.

    Auch wenn man bei der Sedimentierungsgeswindigkeitsreaktion den Begriff der Spezifizitat ausschaltet, bleibt noch immer der Wert der Reaktion als Kontrolle fur den Verlauf gewisser Infektions- krankheiten (Tuberkulose, Lues, exanthematische Krankheiten u. s. w.) unberiihrt bestehen und kann sie auch in verschiedenen Fallen (Lungenformen, Ulcera-Krebs u. s. w.) als differential- diagnostisches Hilfsmittel wertvolle Dienste leisten.

    Wenn also auch das Anwendungsbereich der Senkungsgeschwin- digkeitsreaktion so beschrankt wird, behalt sie jedoch noch immer eine betrachtliche Bedeutung bei und daher haben sich zahlreiche Forscher darum bemiiht, die Faktoren zu bestimmen, an welche diese Reaktion gebundet ist.

    Eine der ersten Fragen, die ausgeschaltet werden mussen, ist jene, ob eine bestimmte Sedimentierungsgeschwindigkeit nicht an einzelne spezielle Individuen oder Gruppen gebunden sei. Muzyka und Lille konnten tatsachlich mit Hilfe systematischer Untersuchun- gen feststellen dass die Reaktion keinerlei Beziehungen zu den Blut- gruppen besitze, in Widerspruch zu dem, was ursprunglich Dia- manssein angenommen hatte.

    Wichtig ist ferner das eventuelle Verhaltnis, welches zwischen dem Hamoglobingehalt des Blutes und der Senkungsgeschwindig- keit der roten Blutkorperchen bestehen kann. Lebel und Lettrup konnten feststellen, dass die Senkungsgeschwindigkeit der roten Blutkorperchen vom Hamoglobingehalt unabhangig sei und dass daher die bei der Sedimentierungsprobe gefundenen Werte keine Korrekturen seitens der verschiedenen gefundenen Hamoglobin- konzentrationen zu erfahren haben. Die Verfasser fugen dann noch hinzu, dass auf Grund der Sedimentierungsgeschwindigkeit es nicht moglich sei die im untersuchten Blut vorhandene Hamo- globinmenge zu berechnen.

    Einen allgemeinen kritischen uberblick uber dieses Problem liefern die Arbeiten von Bernou, Edhem, Forestier und Gerbay.

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    Von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend versuchen diese Autoren den Fragenkomplex der Blutkorperchensenkung aufzu- kltiren und die eventuellen Beziehungen, welche sie mit dem Krank- heitszustand der Patienten hat, klarzustellen.

    Unzweifelhaft sind es 2 Elemente die vom Blute beigestellt werden, welche an dem in Frage stehenden Phiinomen teilhaben: die roten Blutkorperchen und das Serum.

    Was die roten Blutkorperchen betrifft ist es nunmehr bekannt, dass bei der Sedimentierungsgeschwindigkeit vor allem ihre Anzahl von Bedeutung ist. In der Ta t lenkt Bernou die Aufmerksamkeit auf diesem Faktor, wenn er hervorhebt, dass die Senkungsgeschwin- digkeit in einem umgekehrten Verhiiltnis zur Blutviskositat steht, die ihrerseits wieder an die Dichte der roten Blutkorperchen gebun- den ist. Er bringt hierauf vergleichende Angaben beziiglich der Senkungsgeschwindigkeit und der Blutviskositat bei:

    Sedimentierungsgeschwindig- Blutviskosit5t keit

    (Westergreen) (Hess)

    Mann: 1-3 mgr pro Stunde Frau: 3-43 )) D D Frau: 3.9-4.9 D

    Mann: 4.3-5.3 mgr

    Die Sedimentierungsgeschwin- digkeit ist grosser im arteriellen Blut, steigt in der Schwanger- schaft, vermindert sich mit zunehmendem Alter, ist erhoht wahrend der Verdauung und beim Neugeborenen sehr gering.

    Die Blutviskositat ist grosser im venosen Blut, vermindert in der Schwangerschaft, steigt mit zunehmendem Alter, wird ge- ringer wahrend der Verdauung und ist beim Neugeborenen sehr gross.

    Bernou ist daher der Meinung, dass die Senkungsgeschwindig- keitsprobe nichts anderes als einen Ausdruck einer dnderung des Allgemeinzustands des Organismus darstellt, ohne jedoch eine grossere Bedeutung als die Erythrozytenzahlung zu haben.

    Entgegen den mathematisch-physikalischen Beobachtungen Bernous, glaubt Edhem, dass die Erscheinung bedeutend weniger einfach sei als man annimmt und ohne der Erythrozytenkonzentra- tion ihre Bedeutung absprechen zu wollen, hebt er besonders den Faktor Serum hervor. Auch bezuglich des Serums ist Edhem der

  • D I E SEDIMENTIERUNGSGESCHWINDIGKEIT D E R ROTEN u. z. w. 153

    Meinung, dass die Versuche Maccabrunis, der gewaschene rote Blut- korperchen in Salzlosungen verschiedener Konzentration brachte, wobei er entsprechende Beschleunigungen und Verlangsamungen der Sedimentierung erhielt, nicht ohneweiters mit dem Prazipita- tionsphanomen vergleichbar waren.

    Er nimmt jedoch an, dass verschiedene Komponenten des Serums eine nicht geringe Bedeutung beim Sedimentierungsphano- men haben, wie zahlreiche Verfasser nachweisen konnten (Kiirtners Lipoide, Protide von Salomon und Waltis u. s. w.). Edhem schliesst hierauf damit, dass die Sedimentierungsreaktion vornehmlich als b i o l o g k h Voqang zu betrachten sei (mn processus avant tout biologique,).

    Derselben Ansicht sind Forestier und Gerbay, welche die Auf- merksamkeit auf die Tatsache lenkten, dass man bei der Erythro- zytenprazipitation, besonders wenn sie beschleunigt wird, keine einfache Fallung der roten Blutkorperchen beobachtet, sondern eine Art Agglutination, eine Tendenz sich in Haufen anzuordnen, die mit der Bakterienagglutination vergleichbar ist.

    Sie entwerten nicht die Bedeutung der chemisch-physikalischen Faktoren und schliessen mit den Worten von Dujarric de la Riviere: ,Le globoules rouges sont susceptibles de jouer dans IimmunitC, un r61e, qui pour nCtFe pas comparable a celui des globoules blancs, nest cependant pas negligeable)). (Die roten Blutkorperchen konnen bei den Immunitatsvorgangen eine Rolle spielen, die, wenn sie auch nicht vergleichbar ist mit jener der weissen Blutkorperchen, doch nicht unterschatzt werden darf.)

    Es zeigt sich also, dass in der Deutung des Sedimentierungs- phanomens die Tendenz die Erscheinung von einem rein physika- lisch-chemischen Standpunkt aufzufassen jener gegeniibersteht, welche in ihr einen biologischen und daher bedeutend komplizier- teren Vorgang sieht. Beim gegenwartigen Stand unserer Kenntnisse fehlen jedoch beiden Theorien angesichts der Kompliziertheit der Erscheinung und der verschiedenen Faktoren, welche an ihr teil- haben, die genugenden oraussetzungen zu einem sicheren Beweis.

    Bei der Ausfiihrung der Reaktion spielen dann noch zwei andere Momente eine wichtige Rolle: die Beobachtungszeit und die Tem- peratur der Umgebung.

    Forestier und Gerbay, die festgestellt haben, dass wahrend Westergreen die Werte der Sedimentierungsgeschwindigkeit nach

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    der ersten, zweiten und vierundzwanzigsten Stunde aufzuzeichnen empfiehlt, die moderneren Autoren, vor allem die Amerikaner, die Beobachtungszeit auf die erste Stunde (Cutler) und auch nur auf die ersten fiinfzehn Minuten (Kilduffe) beschranken, betrachten die ersten Augenblicke der Reaktion als die vielsagendsten.

    In der Tat betonen die beiden Verfasser, dass eine gewisse Bezieh- nung zwischen den nach verscliiedenen Zeitabstanden erhaltenen Werten besteht, und zwar zeigt sich, dass wenn die Senkungsge- schwindigkeit in der ersten Stunde gering ist, sie in der zweiten Stunde der Beobachtung ansteigt und bei den grossen Anfangs- geschwindigkeiten fallen diese bedeutend in der zweiten Stunde, um sich dann fast auf Null zu reduzieren, so als ob sich die gesamte Erscheinung in den ersten Augenblicken abspielen wiirde. Edhem spricht sich im selben Sinne aus, wenn er behauptet, dass der dClan de la premibre heureo (der Schwung der ersten Stunde) die grosste Bedeutung hat und dass es daher ausreichend und besser ist, die in der ersten Beobachtungsstunde aufgezeichneten Werte in Rechnung zu ziehen.

    Zahlreiche Forscher haben ihre Aufmerksamkelt der Bedeutung der Umgebungstemperatur fur das Studium der Senkungsgeschwin- digkeit der roten Blutkorperchen zugewandt. Es geniigt anzu- fiihren, dass es empfehlenswert ist, die Reaktion bei konstanter Temperatur durchzufiihren.

    Einige Verfasser konnten auch feststellen dass die Sedimentie- rungsgeschwindigkeit mit der Steigerung der Hohenlage eine Be- schleunigung erfahrt, auch wenn sie niemals pathologische Werte erreicht.

    Ohne auf die Besprechung der Kritiken iiber die Bedeutung und den Wert der Sedimentierungsgeschwindigkeitsreaktion der roten Blutkorperchen einzugehen und ohne Anspruch zu erheben all das, was fur und wider diese Reaktion gesagt wurde hier zusam- mengefasst zu haben, wollte auch ich, nachdem ich die Probe bei einer betrachtlichen Anzahl von Lungentuberkulosen angestellt hatte einige Schlusse daraus ziehen.

    Gleichzeitig mit der Senkungsgeschwindigkeitsprobe wurde auch die Ziihlung der roten Blutkorperchen durchgefiihrt, um zu priifen, ob die Reaktion tatsachlich in allem den numerischen Verschiebun-

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    gen der Erythrozyten des kreisenden Blutes folge und welche Beziehungen zwischen den Ergebnissen dieser beiden Untersuchun- gen bestunden.

    Die in der vorliegenden Untersuchung angewendete Technik entspricht jener Rivoltellas fur die Prufung der globalen Erythro- zytensenkungsgeschwindigkeit .

    Dem seit ungefahr 10 Stunden nuchternen Patienten werden aus einer Armvene 5 cm3 Blut entnommen die mit 1 cm3 einer 3.8%igen Natriumzitratlosung, welche sich bereits in der Spritze befindet, vermengt werden. Die Mischung wird in hierzu geeig- nete, kalibrierte und fur eine Tragvorrichtung zugehackte Probe- glaschen gegossen. Der Eprouvettentrager zeigt zu beiden Seiten der kalibrierten Probeglaschen die Skaleneinteilung fur das Ablesen der Millimeter und Minuten.

    Nachdem die fur die Probe gewahlte Beobachtungszeit abgelau- fen ist, liest man den in Millimeter ausgedruckten und durch den opaken Meniskus der roten Blutkorperchen gekennzeichneten Fal- lungsgrad ab; die Erythrozyten sind deutlich von der uberstehenden klaren Fliissigkeit geschieden.

    Die Proben wurden bei konstanter Temperatur ausgefuhrt und die Resultate nach 30, bezw. 60 Minuten abgelesen.

    Die Erythrozytenzahlung wurde in der Burkerschen Zahlkam- mer vorgenommen.

    Ich glaube von der Wiedergabe der gesamten Tabelle der bei ungefahr 100 Fallen von Lungentuberkulose ausgefuhrten Versuche absehen zu konnen und illustriere nur 20 Faille; behalte mir jedoch vor von meiner umfangreichen Kasuistik fur die Schlussfolgerungen Gebrauch zu machen.

    In den an Lungentuberkulose erkrankten Individuen hat sich die Reaktion als ein genugend treuer Anzeiger des Krankheits- zustands enviesen. So war tatsachlich die Senkungsgeschwindig- keit in den schweren Formen (Nr 1, 2, 9, 10, 15, 16) erheblich be- schleunigt, wahrend in den weniger schweren Formen, bei welchen die Therapie in einem relativ fruhen Stadium und mit guten Aus- sichten auf Erfolg angestellt werden konnte, die Sedimentierungs- kurve deutlich niedriger geblieben ist. Die Senkungsge...

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