Erziehungskunst Spezial 2015

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Kinder stärken - fördern - begleiten

Text of Erziehungskunst Spezial 2015

  • 07/08 | 2015 Juli/August | 3,50

    Kinderstrkenfrdernbegleiten

    erziehungskunstWaldorfpdagogik heute

    spezial

    EKS_07-08_2015_Layout 1 09.06.15 19:00 Seite 1

  • M. Glckler: Kinder in der Gegenwart.Entwicklung von krperlicher, seelischer und geistiger Gesundheit 4

    J. Greiner: Die wichtigsten Lehrer sind die Schler.ber die Bedeutung des pdagogischen Blicks 9

    R. Reichle: Missverstndnisse.Wodurch unterscheiden sich Waldorfschler als Patienten von anderen Schlern? 13

    M. Bennett: Der erste Mondknoten und die Malerei.Kunstunterricht kann dem Ich auf die Sprnge helfen 18

    B. Burghardt: Singen Spielen Erkennen.Drei Wege des Musikalischen in der Schulzeit 22

    D. Krger: Sprich Dich gesund 26

    E. Leiste: Heileurythmie in der Schule wozu eigentlich? 30

    A. Berlin-Zinkhahn: Bewegung macht den Menschen 32

    Im Luftstrom der Laute. Die Chirophonetik hilft nicht nur bei Sprachproblemen.Im Gesprch mit Dieter Schulz 37

    A. Natterer: Entspannt in den Schultag 40

    Bcher 45

    Die Entwicklung unserer Kinder 47

    erziehungskunst spezial Juli/August | 2015

    2 INHALT

    erziehungskunst spezialWaldorfpdagogik heute

    79. Jahrgang, Heft 07, Juli/August 2015, Auflage 70.500

    Herausgeber: Bund der Freien Waldorfschulen e.V., Wagenburgstr. 6, 70184 Stuttgart, Tel.: 07 11/2 10 42-0

    Redaktion: Dr. Ariane Eichenberg, Mathias Maurer, Lorenzo Ravagli

    Anschrift der Redaktion: Wagenburgstrae 6, D-70184 Stuttgart, Tel.: 07 11/2 10 42-50/-51 | Fax: 07 11/2 10 42-54E-Mail: erziehungskunst@waldorfschule.de, Internet: www.erziehungskunst.deManuskripte und Zusendungen nur an die Redaktion. Die Verantwortung fr den Inhalt der Beitrge tragen die Verfasser.

    Gestaltungskonzept: Maria A. Kafitz

    Herstellung: Verlag Freies Geistesleben, Maria A. Kafitz

    Verlag: Verlag Freies Geistesleben, Postfach 13 11 22, 70069 Stuttgart, Landhausstrae 82, 70190 StuttgartTel.: 07 11/2 85 32-00 | Fax: 07 11/2 85 32-10, Internet: www. geistesleben.com Tit

    elfoto: flausenimkopf / photocase

    Kindergesundheit

    Pdagogik

    Psychiatrie

    Kunst

    Musik

    Sprache

    Heileurythmie

    Frderunterricht

    Chirophonetik

    Chronobiologie

    Erlesen

    Kongress 2015

    Impressum

    EKS_07-08_2015_Layout 1 09.06.15 19:00 Seite 2

  • Heile GnschenJulian kommt gelangweilt ins Wohnzimmer geschlurft. Er scheint auf der Suchenach Aktion, oder sagen wir, er ist in bester Diskussionslaune. Sein Blick fllt aufein Buch mit dem Titel Heilende Erziehung. Was ist denn das? Wieso heilt Erziehen?Son Quatsch! Erziehen heit nerven, nhlen und nix tun drfen! Das macht dochkrank, oder? Ich blicke von meiner Zeitung auf und prfe erstmal die Ernsthaftig-keit seiner Steilvorlage. Ja, es gibt aber viele Kinder, die krank sind. Nicht nur kr-perlich, sondern auch psychisch. Julian kontert: Meinst Du denn, jeder, derrumzappelt, ist krank? Naja, es gibt schon viele Zivilisationsschden: falscheErnhrung, zuviel Medien, zuwenig Bewegung, Stress, oder ab in die Krippe mit dreiMonaten ... Schon mal was von Wohlstandsverwahrlosung gehrt?, frage ich.Julian kommt auf Touren: Erziehung soll da helfen? Schwachsinn! Ich sag nur: Frei-heit fr die Kinder! Wenns so einfach wre. Kindheit ist heute eine stressige An-gelegenheit besonders fr Eltern. Eigentlich bruchten die eine besonders heilendeZuwendung. Heilend klingt doch gut, versuche ich mich in einer Erklrung.Julian hhnt: Meinst Du eia poppeia, softimig? Hr mal zu, antworte ich,Heilen ist ja etwas Schnes, heil machen heit ganz machen. Du erinnerst Dich:Heile, heile Gnschen ... , da ist doch was dran, geholfen hats bei Dir auch. Undwenn Erziehen heilt, dann ist das doch eine gute Sache ... Ei, wie schn, ei, wieromantisch, unterbricht mich Julian, typisch Waldorf! Abgesehen von krassenFllen: Ein bisschen Ansage, ein bisschen Dampf, ein bisschen Kante tte mancherWaldorflusche gut. Ich versuche, ruhig zu bleiben: Wenn Du mit Fieber im Bettliegen wrdest, und ich Dir sagen wrde: Los, steh auf, Du Simulant, geh joggen,mach Deine Hausaufgaben ..., wre das nicht ganz angesagt, oder? Heilsam wrenvielleicht Wadenwickel, und die gibt es auch bei der Erziehung. Wadenwickelvom Lehrer? Verschone mich! Ich gebe nicht auf: Na, ich meine wenn man Untersttzung bekommt, um sich besser konzentrieren zu knnen oder ... Heil -eurythmie, Sprachgestaltung und Hauschka lassen gren, jault Julian auf. Aber,insistiere ich, hattest Du nicht mal wegen Deiner Buchstabendreher in der Drittenein paar Einheiten beim Frderlehrer? Geholfen hats ja. Ist ja gut, ist ja gut,Eurem Heilerwillen scheint keiner zu entkommen. Da lohnt es sich ja richtig, einige Macken und Malaisen zu haben, Julius schaut mich triumphierend an. Als ich nicht gleich reagiere, schiebt er hinterher: Heile, heile Gnschen ...

    Aus der Redaktion grt

    Mathias Maurer

    EDITORIAL 3

    2015 | Juli/August erziehungskunst spezial

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    EKS_07-08_2015_Layout 1 09.06.15 19:00 Seite 3

  • Kinder in der GegenwartEntwicklung von krperlicher, seelischer

    und geistiger Gesundheit

    von Michaela Glckler

    KINDERGESUNDHEIT4

    Kinder leben in der Gegen-wart. Sie freuen sich, wennwir sie sehen, uns fr sie in-teressieren und offen sind fr

    das, was sie erleben undsagen. hnlich ist es mit

    allem, was wir gesund nen-nen, denn Gesundheit istreine Gegenwart sie ent-steht in jedem Augenblick

    neu. Wenn ich heute gesundbin, heit das nicht, dass iches morgen auch sein werde.

    Daher ist es wichtig, zu wissen, wie Gesundheit gefrdert werden kann

    und was sie beeintrchtigt.

    erziehungskunst spezial Juli/August | 2015

    Drei Faktoren bestimmen die Entwicklung der krperlichen, seelischen und geis -tigen Gesundheit: Genetische, naturgegebene Veranlagungen, durch die Reaktionsnormen fest-gelegt sind; zum Beispiel wird im ersten Lebensjahr alle Aufmerksamkeit daraufkonzentriert, den Krper aufzurichten, im zweiten Lebensjahr liegt alle Aufmerk-samkeit auf dem Sprechen. Nicht die erworbenen Fhigkeiten sind vererbt, sondern jeweils nur die Disposition, sie zu erlernen. Daher braucht es altersent-sprechende Lernangebote. Einflsse aus der Umwelt, die ber die Vielfalt der Sinneseindrcke und ihr Miter-leben auf die krperliche Entwicklung des Kindes unmittelbar Einfluss nehmen. Nurdas kann nachgeahmt werden, was das Kind zu sehen bekommt. Fehlen bestimmteEindrcke und Erfahrungen, knnen sich bestimmte Anlagen nicht entfalten. Die Individualitt des Kindes, die sowohl seine krperliche Veranlagung als auchsein Milieu durch ihre ttige Anteilnahme mitbestimmt. Aus der Resilienzforschungwissen wir, wie zutreffend der Hinweis Rudolf Steiners war, das Kind msse liebe-voll angesprochen, durch Interesse und Anteilnahme in den Leib und durch diesenin die Welt hereingerufen werden. Je mehr das Kind erlebt, dass es gewollt undangenommen ist, um so strker folgt es diesem Ruf und bemht sich, fr sichund die Mitwelt da zu sein. So konnten manche Kinder sich zu gesunden lebens-bejahenden Menschen entwickeln, die eine familire genetische Belastung hattenoder aus einem traumatisierenden Milieu stammten, whrend viele andere es nichtschafften und wegen mangelnder Ansprache gewaltbereit, kleinkriminell, alkohol-oder drogenabhngig wurden.Diese drei Faktoren: genetische Veranlagung, Umwelteinflsse und die sich inkar-nierende einmalige Individualitt bestimmen im Laufe der Entwicklung den Grad derkrperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit.Jedes Kind setzt sich individuell mit seiner genetischen Veranlagung und seinemMilieu auseinander. Eltern und Erziehern kommt die Aufgabe zu, wahrzunehmen,

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  • Die drei funktionellen Haupt-systeme (Nerven-Sinnessy-stem, rhythmisches Systemund Stoffwechsel-Glied-maensystem) kommennacheinander zur Ausreifung

    was das Kind jeweils braucht, was es lernen kann und will. Dabei gilt die vonSteiner charakterisierte Grundhaltung, Erziehung als einen vom Kind aktiv pro-vozierten und gesteuerten Lernprozess zu betrachten, den der Erwachsene zwar un-tersttzen, frdern und begleiten kann, jedoch nicht konditionierend beeinflussensollte. Je besser dies verstanden und realisiert werden kann, umso selbstbestimmterund authentischer kann sich das Kind entwickeln und die Meilensteine seinerkrperlichen, seelischen und geistigen Reifung erreichen.

    Matrix der EntwicklungDie drei funktionellen Hauptsysteme Nerven-Sinnessystem, rhythmisches Trans-port- und Verteilungssystem und Stoffwechsel-Gliedmaensystem kommen nichtgleichzeitig, sondern in typischer zeitlicher Abfolge nacheinander zur Ausreifung: Die Ausreifung der Sinnesfunktionen und etwa 90 Prozent der Kapazitten desZentralnervensystems erreichen bereits in den ersten acht, neun Lebensjahren dievolle Funktionstchtigkeit. Entwicklung und Stabilisierung der biologischen Rhythmen einschlielich derAusreifung der Frequenzabstimmung zwischen Atem- und Herzrhythmus sind imAlter von 15-16 Lebensjahren abgeschlossen. Das Wachstum des Skelettsystems zur Erwachsenenform und die Stabilisierung derStoffwechselvorgnge und des Hormonhaushaltes dauern je nach Hautfarbe undgenetischer Veranlagung vom 18. bis 23. Lebensjahr.

    2015 | Juli/August erziehungskunst spezial Foto: Charlotte Fischer

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    EKS_07-08_2015_Layout 1 09.06.15 19:00 Seite 5

  • KINDERGESUNDHEIT6

    erziehungskunst spezial Juli/August | 2015

    Krperliche Gesundheit im ersten JahrsiebtDas Nervensystem und die sensomotorische Koordination das heit, die Ver-knpfung von Sinnesfunktionen mit der muskulren Ttigkeit knnen sich um sogesnder und leistungsfhiger differenzieren, je vielseitiger sie bentzt, gebt undbettigt werden. Das Kleinkind experimentiert mit verschiedensten Bewegungen,lernt sich aufzurichten u