Ulrich Oevermann-Manifest Der Objektiv Hermeneutischen Sozialforschung

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Text of Ulrich Oevermann-Manifest Der Objektiv Hermeneutischen Sozialforschung

  • Ulrich Oevermann Mrz 2002

    Klinische Soziologie auf der Basis der Methodologie der objektiven Hermeneutik Manifest der objektiv hermeneutischen Sozialforschung1.

    A. DIE METHODOLOGIE DER OBJEKTIVEN HERMENEUTIK ALS PARADIGMA.

    Die Methodologie der objektiven Hermeneutik stellt in meinem Forschungsschwerpunkt seit langem erprobte Methoden und Techniken der Sozial- und Kulturforschung bereit, die sich vor allem dazu eignen, auf wenig erforschten Gebieten und bei neuen, noch wenig bekann-ten Entwicklungen und Phnomenen, die typischen, charakteristischen Strukturen dieser Erscheinungen zu entschlsseln und die hinter den Erscheinungen operierenden Gesetzm-igkeiten ans Licht zu bringen. Es handelt sich um eine Methodologie, die bewut und stra-tegisch darauf aus ist, die Ebene der bloen Deskriptivitt, die im 19. Jahrhundert metho-disch die Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt bestimmt hat, zu verlas-sen und zu berwinden zugunsten einer erschlieenden und aufschlieenden Gegenstands-analyse.

    I. SCHLSSELBEGRIFFE UND -THESEN DER OBJEKTIVEN HERMENEUTIK.

    - Latente Sinnstrukturen und objektive Bedeutungsstrukturen statt subjektiver Dispositionen.

    Zentraler Gegenstand der Methodologie der objektiven Hermeneutik sind die latenten Sinn-strukturen und objektiven Bedeutungsstrukturen von Ausdrucksgestalten, in denen sich uns als Erfahrungswissenschaftlern von der sinnstrukturierten Welt die psychischen, sozialen und kulturellen Erscheinungen einzig prsentieren, und in denen wir als Lebenspraxis uns selbst verkrpern sowie die uns gegenberliegende Erfahrungswelt reprsentieren. Konstitutions-theoretisch steht hinter dieser Bestimmung die Prmisse, da die kategorial von den stocha-stischen Welten verschiedenen Bedeutungswelten uns als verstehbare dadurch gegeben sind, da die Bedeutung von Ausdrcken grundstzlich sprachlich durch generative Algorithmen erzeugt werden. Damit soll gesagt sein, da die sprachlich erzeugten objektiven Bedeutungen den subjektiven Intentionen konstitutionslogisch vorausliegen und nicht umgekehrt der je subjektiv gemeinte bzw. intendierte Sinn die objektive Bedeutung von Ausdrcken erzeugt. Allerdings ist damit keineswegs behauptet, da nicht die je subjektiven Intentionen als ue-rungen des Lebens ihrerseits als auf anderes nicht reduzierbare eigenlogische Wirklichkeiten

    Quelle: Homepage des Instituts fr hermeneutische Sozial- und Kulturforschung e.V. (IHSK), www.ihsk.de

    1 Es handelt sich um die grndliche berarbeitung und Ergnzung eines Textes, der ursprnglich im Mrz 1996 unter dem Titel Konzep-tualisierung von Anwendungsmglichkeiten und praktischen Arbeitsfeldern der objektiven Hermeneutik (Manifest der objektiv-hermeneutischen Sozialforschung) verfat wurde und als download im Internet verfgbar war und noch ist unter der Adresse http://www.objektivehermeneutik.de.

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    dessen zu gelten haben, was man konstitutionstheoretisch in unseren Wissenschaften am przisesten mit dem Grundbegriff von Lebenspraxis umschreibt, und insofern der Generie-rung von Ausdrcken und Ausdrucksgestalten ihrerseits dynamisch vorausgehen. Es soll nur in Rechnung gestellt sein, da methodologisch ein berprfbarer und erschliebarer

    Zugriff auf diese eigenlogische Wirklichkeit von Intentionen bzw. intentionalen Gehalten, generell: der innerpsychischen Wirklichkeit von Empfindungen, Affekten, Vorstellungen, Kognitionen und Volitionen, nur vermittelt ber Ausdrucksgestalten mglich ist, in denen sie sich verkrpern, ebenso wie in der Unmittelbarkeit der Vollzge der Praxis selbst sowohl die dialogische Vermittlung wie die selbstreflexive Vergegenwrtigung solcher innerpsychi-scher Wirklichkeiten auf jene Verkrperung in Ausdrucksgestalten notwendig angewiesen ist. Intentionale Gehalte, generell: innerpsychische Wirklichkeit zum Gegenstand wissenschaft-lich-methodisierter Erkenntnis zu machen, setzt deren methodisch greifbare Verkrperung in Ausdrucksgestalten voraus. Einen unmittelbaren Zugriff auf sie haben wir nicht einmal in der Introspektion, ganz abgesehen davon, da die Introspektion methodisch gesehen eine hchst problematische Quelle von Protokollen innerpsychischer Wirklichkeit ist. - Latente Sinnstrukturen und objektive Bedeutungsstrukturen sind also jene abstrakten, d.h. selbst sinnlich nicht wahrnehmbaren Konfigurationen und Zusammenhnge, die wir alle mehr oder weniger gut und genau "verstehen" und lesen, wenn wir uns verstndigen, Texte le-sen, Bilder und Handlungsablufe sehen, Ton- und Klangsequenzen hren und alle denkba-ren Begleitumstnde menschlicher Praxis wahrnehmen, die in ihrem objektiven Sinn durch bedeutungsgenerierende Regeln erzeugt werden und unabhngig von unserer je subjektiven Interpretation objektiv gelten. Die objektive Hermeneutik ist ein Verfahren, diese objektiv geltenden Sinnstrukturen intersubjektiv berprfbar je konkret an der lesbaren Aus-drucksgestalt zu entziffern, die ausdrucksmaterial als Protokoll ihrerseits hr-, fhl-, riech-, schmeck- oder sichtbar ist.

    Es ist also ein Verfahren, das sich auf die "verstehbaren" Gegenstandsbereiche der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften nicht dadurch richtet, da es, wie alle sonstigen Metho-den dieser Wissenschaften, primr deren subjektiven Niederschlag oder subjektive Reprsen-tanz im Bewutsein der Handelnden nachvollzieht oder zu erschlieen versucht. Das wre grundstzlich mit Unsicherheiten behaftet und ein Verfahren, das selbst noch der zu untersu-chenden Praxis des Verstehens angehrt. Viel mehr macht die objektive Hermeneutik ernst mit den Konsequenzen der grundlegenden Erkenntnis, da jede subjektive Disposition, d.h. jedes psychische Motiv, jede Erwartung, jede Meinung, Haltung, Wertorientierung, jede Vor-stellung, Hoffnung, Fantasie und jeder Wunsch methodisch berprfbar nie direkt greifbar sind, sondern immer nur vermittels einer Ausdrucksgestalt oder einer Spur, in der sie sich verkrpern oder die sie hinterlassen haben. Zutreffend entschlsseln lt sich daher eine solche Disposition erst, wenn man zuvor die objektive Bedeutung jener Ausdrucksgestalt entziffert hat. Erst dann kann man zur begrndeten Erschlieung der Struktur der subjekti-ven Disposition selbst bergehen. Die brigen Methoden der Forschung leiden darunter, da sie entweder diesen Schritt der Vermittlung ber die objektiven Bedeutungs- und Sinn-strukturen einer Ausdrucksgestalt berschlagen und auslassen oder von vornherein die Ebe-nen von Sinn- und Bedeutungshaftigkeit menschlichen Handelns ganz ausblenden und sich reduktionistisch auf die Beobachtbarkeit ueren Verhaltens beschrnken.

    - Zwei verschiedene Empirie-Begriffe: Die Lesbarkeit von Sinnstrukturen und die Wahr-nehmbarkeit von stochastischen Welten.

    Eine angemessene Methodologie der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften mu mit der alten Anschauung brechen, derzufolge die Gegenstnde der Erfahrungswissenschaften

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    an die sinnliche Wahrnehmbarkeit gebunden und insofern konkret seien. Sinn- und Bedeu-tungsstrukturen sind grundstzlich abstrakt. Sie lassen sich als solche sinnlich nicht wahr-nehmen, aber sie sind dennoch empirisch und als empirische erfahrungswissenschaftlich analysierbar. Sinnlich wahrnehmen lt sich an den Sinngebilden bzw. den Ausdrucksgestal-

    ten immer nur der ausdrucksmateriale Trger, in dem sie faktisch protokolliert sind also die Weie des Papiers eines bedruckten Textes und die Farbe und Form der typographischen Zeichen; der auf einem Oszillographen abbildbare Klang der mndlichen Rede, die plasti-sche Textur eines gestalteten Gegenstandes, usf., aber was da wahrgenommen wird, ist nicht selbst die Bedeutung oder der Sinn der Ausdrucksgestalt, sondern nur deren materiales Sub-strat. Weil Bedeutung und Sinn selbst nicht wahrnehmbar sind, sie aber gleichzeitig genau das konstituieren, was die Lebenspraxis des Menschen, sein Handeln und dessen Objektiva-tionen als Erfahrungsgegenstand kategorial ausmacht und von der Naturdinglichkeit menschlicher Erscheinungen systematisch unterscheidet, mssen wir mit dem auf David Hume zurckgehenden Begriff von Empirie brechen, fr den empirisch nur das ist, was durch die Wahrnehmungssinne in den erkennenden Geist gelangt (Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu), und alles, was dieses Kriterium nicht erfllt, metaphysisch, und damit auerhalb der Reichweite der Erfahrungswissenschaften liegt. Deshalb berschreitet die objektive Hermeneutik die mit dem Hume`schen Empiriebegriff gekoppelte implizite dogmatische Ontologisierung von Realitt und erfahrbarer Welt und folgt einem methodolo-gischen Realismus, indem sie als empirisch alles das ansieht, was sich durch Methoden der Geltungsberprfung in der Gegenstndlichkeit erfahrbarer Welt nachweisen lt. Das trifft auf die objektiven Sinn- und Bedeutungsstrukturen von Ausdrucksgestalten fraglos zu.

    - Ausdrucksgestalt, Text und Protokoll statt Medaten.

    Das Gesamt an Daten, in denen sich die erfahrbare Welt der Sozial-, Geistes- und Kultur-wissenschaften prsentiert und streng methodisch - im Unterschied zu: praktisch - zugng-lich wird, in denen also die sinnstrukturierte menschliche Praxis in allen ihren Ausprgungen erforschbar wird, fllt in die Kategorie der Ausdrucksgestalt.

    Unter dem Gesichtspunkt der Strukturierung von Sinn und Bedeutung, also dessen, was sie symbolisieren, werden Ausdrucksgestalten als Texte behandelt. Fr Texte gilt entsprechend, da sie wie die Bedeutungs- und Sinnstrukturen, deren Zusammenhang sie herstellen als solche der sinnlichen Wahrnehmung verschlossen sind und nur gelesen werden knnen. Unter diesen methodologisch erweiterten Textbegriff fallen selbstverstndlich nicht nur die schriftsprachlichen Texte der Literaturwissenschaften, sondern alle Ausdrucksgestalten men-schlicher Praxis bis hin zu Landschaften, Erinnerungen und Dingen der materialen Alltags-kultur.